Patientenzahl stieg in Corona-Krise an – vor allem Mädchen betroffen / Berliner Psychoanalytiker kritisiert damalige „massive Angstkampagnen“ / Kindheitsforscher: „Dauerbeschallung zur Kriegstüchtigkeit“

Immer mehr jugendliche Mädchen leiden unter Ängsten, vor allem unter sozialen Phobien und Panikstörungen. Dies ist dem Kinder- und Jugendreport 2025 der Hamburger Krankenkasse DAK zu entnehmen. Dem Report zufolge erhielten 18 von 1.000 jugendlichen Mädchen 2024 die Diagnose „Panikstörungen“, bei 21 von 1.000 wurde eine Sozialphobie diagnostiziert. Im Vergleich zu 2019 entspricht dies einem Anstieg um 138 Prozent bei sozialen Phobien und 90 Prozent bei Panikstörungen.Dass immer mehr weibliche Jugendliche mit Angststörungen, Depressionen und Essstörungen kämpfen, bestätigte Stephan Bender, Direktor der Kölner Kinder- und Jugendpsychiatrie, kürzlich in einem WDR-Beitrag. Demnach wurden 2024 in Nordrhein-Westfalen rund 15.600 Mädchen wegen einer Angststörung behandelt. Dies bedeutete einen Anstieg von rund 60 Prozent seit 2019. Mit der Corona-Krise wuchsen die Zahlen sprunghaft. „Besorgniserregend“ ist laut Bender, dass die hohen Patientenzahlen, die „während der Pandemie entstanden“, nicht mehr sinken. Als vermutliche Gründe nennt er Social Media, den Ukraine-Krieg, die Klimaproblematik, den Fachkräftemangel in Schulen und den Mangel an Therapieplätzen.

Der Berliner Psychoanalytiker Klaus-Jürgen Bruder sieht eine Hauptursache in der „Corona-Pandemie-Inszenierung“. Die habe Jugendliche „unvorbereitet mit massiven Angstkampagnen überrascht und belastet”, erklärt er auf Anfrage von Multipolar. Die in der Jugend so wichtige Kommunikation mit Gleichaltrigen sei großenteils unterbunden worden. Der Berliner Professor schätzt, dass die Dunkelziffer bei Angststörungen von Jugendlichen weit über den offiziellen Statistiken liegt, da die Problematik sehr schambesetzt sei.

Dass immer mehr junge Menschen an Panikstörungen und sozialen Phobien leiden, bestätigt auf Anfrage von Multipolar der Erfurter Kinder- und Jugendpsychiater Martin Feichtinger. Er verglich in seiner Praxis die Quartale zwischen 2017 und 2019 mit jenen von 2023 bis 2025. In dieser Zeit ermittelte er einen Anstieg von 50 Prozent bei Agoraphobie mit Panikstörung, sozialen Phobien und Panikstörung. Er vermutet instabile Familienstrukturen, die Atomisierung der Gesellschaft, aber auch „angstinduzierende Berichterstattung“ als Ursachen.

Wie der Münchner Psychotraumatologe Franz Ruppert auf Anfrage von Multipolar erklärt, sind die Anforderungen gerade an jugendliche Mädchen sehr hoch. „Unter dem Einfluss sozialer Medien werden die Erwartungen an Aussehen sowie schulischen und beruflichen Erfolg immer höher”, sagt er. Permanent werde verglichen: „Wer ist schöner, besser, erfolgreicher?” Dies fördere die Angst, nicht zu genügen und nicht dazuzugehören. Ruppert fordert, psychische Störungen unter jungen Menschen genau zu registrieren und das Angebot an Therapie und Beratung gerade für Jugendliche zu erweitern.

Es sei erstaunlich, dass die gemessenen Werte kaum eine Rolle in den öffentlichen Diskursen spielen, erklärt auf Anfrage von Multipolar der Stendaler Kindheitsforscher Michael Klundt. Er kritisiert mit Blick auf die hohe Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Angststörungen „die Dauerbeschallung zur Kriegstüchtigkeit und die psychologische Propaganda zur permanenten Feindbild- und Angstproduktion“. Während der Corona-Krise seien junge Menschen missachtet worden: „Nun schickt die Gesellschaft die Jugendlichen in die Schützengräben.“ Beides stellten „strukturelle Kindes- und Jugendwohlgefährdungen“ dar.

Die gleichbleibend hohe Zahl an Angststörungen bei jungen Menschen ist kein deutsches Phänomen. Darauf verweist auf Anfrage von Multipolar die Wiener Psychotherapeutin Nadia Danneberg. „In meiner Praxis erlebe ich seit Beginn der Corona-Pandemie eine deutliche Zunahme von Angststörungen, Panikattacken, Depressionen, sozialen Phobien und massiven Schlafstörungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen”, sagt sie. Noch heute berichteten ihr viele junge Menschen, dass sie während der Lockdowns soziale Ängste und soziale Unsicherheiten entwickelt und gleichzeitig soziale Fertigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen verloren hätten. Nicht selten hätten sich die Jugendlichen bis zu zehn Stunden am Tag in Online-Netzwerken beschäftigt. Besonders häufig leiden auch nach Nadia Dannebergs Beobachtungen Mädchen und junge Frauen unter starker Selbstunsicherheit, Selbstwertproblemen, Sozialphobie und Isolation.

Für sie seien aber ganz besonders die Zahlen zur Selbstmordgefährdung alarmierend. Nadia Danneberg verweist auf einen ORF-Beitrag vom September 2023, nach dem sich die Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen verdreifacht hat. „Auch wenn die Lockdowns vorbei sind, wirken Isolation, Zukunftsängste, Leistungsdruck und soziale Verunsicherung nachhaltig”, sagt die Psychotherapeutin. Das erlebe sie in ihrer eigenen Praxis. Dringend nötig wäre in Österreich wie auch in Deutschland eine frühzeitige therapeutische Begleitung von jungen Menschen mit sozialen Ängsten und wiederkehrenden Panikattacken, um langanhaltende Beeinträchtigungen und Krisen zu verhindern.

Wie das Deutsche Ärzteblatt kürzlich berichtete, leiden weltweit vier von zehn 18- bis 34-Jährige unter psychischen Problemen. In den frühen 2000er Jahren waren sie demnach noch die Altersgruppe mit dem höchsten psychischen Wohlbefinden gewesen. Dies ist dem Report „Global Mind Health in 2025“ zu entnehmen. Im Vergleich zu Erwachsenen über 55 Jahre leiden 18- bis 34-Jährige demnach heute viermal häufiger unter klinisch signifikanten psychischen Problemen, die ihre Fähigkeit, in ihrem täglichen Leben produktiv zu funktionieren, erheblich beeinträchtigen.

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