Es ist ein beispielloses Ausmaß an Gewalt: Seit Ende Dezember sind im Iran nach offiziellen Angaben über 2.000 Menschen bei den aktuellen Protesten getötet worden. Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Amnesty International hat Videoaufnahmen verifiziert und Augenzeug*innen zugehört, die von der Brutalität berichten. Die Beweise zeigen, dass Sicherheitskräfte gezielt und in einem bisher nicht bekannten Ausmaß töten.  

Erschreckende Bilanz der Gewalt 

Die Nachrichten aus dem Iran sind alarmierend. Seit Ende Dezember sind bei der Niederschlagung von Protesten selbst nach offiziellen Angaben bereits 2000 Menschen gestorben. Es handelt sich um ein Massaker in einem bisher unbekannten Ausmaß.

Sicherheitskräfte schießen gezielt auf unbewaffnete Demonstrierende. Sie zielen dabei oft auf den Kopf oder den Oberkörper. Die Gewalt ist koordiniert: Angehörige der iranischen Polizei, Revolutionsgarden und Beamt*innen in Zivil jagen und töten friedliche Demonstrierende und sogar unbeteiligte Passant*innen.

Agnès Callamard, die internationale Generalsekretärin von Amnesty International, sagt:

„Diese Spirale aus Blutvergießen und Straflosigkeit muss ein Ende haben. Selbst gemessen an der düsteren Bilanz der iranischen Behörden bei der Niederschlagung früherer Protestwellen sind die Schwere und das Ausmaß der aktuellen Tötungen und Repressionen beispiellos“.

Sicherheitskräfte und friedliche Protestierende in der iranischen Stadt Maschhad am 3. Januar 2026
(© Privat)

Video-Material zeigt grausame Szenen 

Amnesty International hat Dutzende Videos und Fotos ausgewertet. Die Bilder zeugen von der Brutalität der iranischen Sicherheitskräfte:

  • Schüsse auf Flüchtende: Videos beweisen, dass Sicherheitskräfte fliehende Menschen verfolgen und erschießen, obwohl von diesen eindeutig keine Gefahr ausgeht.
  • Überfüllte Leichenhallen: Die Krankenhäuser und Friedhöfe sind überlastet. In Teheran wurden Leichen in Lagerhäusern und Containern gestapelt, weil es keinen Platz mehr gab.
  • Verzweifelte Familien: Angehörige müssen unzählige Leichensäcken durchsuchen, um ihre vermissten Kinder oder Partner*innen zu finden.

Videoanalysen und Augenzeug*innenberichte identifizieren klar, wer für die tödliche Gewalt verantwortlich ist: Beteiligt sind die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) inklusive ihrer Basij-Milizen, die iranische Polizei (FARAJA) sowie Sicherheitsbeamt*innen in Zivil.

Die verifizierten Aufnahmen dokumentieren schwere und oft tödliche Verletzungen, darunter Schusswunden am Kopf. Sie zeigen Menschen, die regungslos auf der Straße liegen oder unter anhaltendem Beschuss weggetragen werden.

Auch aus Krankenhäusern gibt es Bilder von Menschen, die stark bluten oder leblos auf dem Boden liegen. In mehreren Videos bestätigen die filmenden Personen ausdrücklich, dass Menschen getötet wurden.

Ein*e Journalist*in aus Teheran sendete uns einen verzweifelten Appell: 

„Sagen Sie der Welt, dass im Iran unaussprechliche Verbrechen begangen werden … Sagen Sie der Welt, dass [die Behörden] das Land in einen Friedhof verwandeln werden, wenn nichts unternommen wird.“

Berichte aus den Provinzen: Zivilbevölkerung unter Beschuss 

Die Gewalt findet im ganzen Land statt. Augenzeug*innen berichten von kriegsähnlichen Zuständen:

  • Provinz Teheran: Sicherheitskräfte schossen von Dächern und Polizeistationen auf Menschen. Videos zeigen über 200 Leichensäcke in einer einzigen provisorischen Leichenhalle.
  • Mashhad: Ärzt*innen berichten, dass sie 150 Leichen in einer Nacht sahen. Die Verletzungen stammen oft von direkten Schüssen.
  • Kermanshah: Die Stadt gleicht laut Menschen vor Ort einem Kriegsgebiet, in dem Polizist*innen wahllos auf Menschen schießen.

Demonstration in Abdanan in der iranischen Provinz Ilam gegen die Regierung (6. Januar 2026)
(© Privat)

„Sie schossen, um zu töten“: Berichte von Überlebenden und Ärzt*innen 

Verletzte*r Demonstrant*in aus Kermanshah: 

„Kermanshah fühlt sich an wie ein Kriegsgebiet. Es ist ein Feld voller Kugeln. Polizisten kamen aus den umliegenden Gassen und begannen zu schießen. Wir rannten alle weg, aber man hört immer noch Schüsse. Ich wurde von 20 Metallkugeln getroffen und suchte Zuflucht in einem nahen gelegenen Haus.“

Medizinische*r Mitarbeiter*in aus Maschhad:

„In der Nacht vom 9. Januar wurden die Leichen von 150 jungen Demonstrierenden in ein Krankenhaus gebracht und dann zum Behesht-Reza-Friedhof in der Nähe von Maschhad transportiert. Eine junge, verletzte Frau starb im Krankenhaus, und die Sicherheitskräfte wollten verkünden, dass sie von Randalierenden getötet worden sei, was die Familie jedoch ablehnte. [Die Behörden] begruben die Menschen schnell auf dem Friedhof, noch bevor sie identifiziert worden waren, und benachrichtigten ihre Familien erst danach.“

Medizinische*r Mitarbeiter*in aus der Notaufnahme in Maschhad:  

„Ich arbeite in der Notaufnahme … Alle, die sie hereingebracht haben, hatten schreckliche Verletzungen durch direkte Schüsse erlitten. Einige hatten den Kopf und das Gesicht voller Schrotkugeln. Es war klar, dass sie [die Sicherheitskräfte] mit der Absicht zu töten geschossen haben. Diese herzlosen Menschen kennen keine Gnade.“

Medizinische*r Mitarbeiter*in in Fardis (Provinz Alborz):  

„Allein in der Nacht vom [8. Januar] wurden 87 Leichen in das Soleimani-Krankenhaus gebracht … Im Parsian-Krankenhaus gab es 423 Verletzte. Es war überfüllt und es gab viele Verletzte.“

Augenzeug*in aus dem Stadtteil Narmak (Teheran):  

„Im Stadtteil Narmak haben sie [die Sicherheitskräfte] mindestens fünf oder sechs Menschen vor unseren Augen erschossen. Sie verwenden keine Metallkugeln mehr, sondern schießen mit scharfer Munition.“

Demonstrant*in aus der Stadt Nassimshahr:  

„Sie [die Sicherheitskräfte] schossen unerbittlich auf die Menschen, als diese flohen. Sie töteten … Menschen am [8. Januar]. Auch am [9. Januar] schossen sie auf alle und töteten … Menschen. Sagen Sie es der ganzen Welt. An jeder Ecke standen Basij-Agenten, die wie Teenager aussahen und mit Kalaschnikow-Gewehren bewaffnet waren.“

Ein Augenzeuge aus dem Gebiet Vakilabad (Maschhad):  

„Sie setzten Tränengas und Blendgranaten ein und schossen direkt [auf Demonstrant*innen]. Sie feuerten sogar Tränengas in die Häuser der Menschen. Im Gebiet Vakilabad schossen sie mit scharfer Munition auf Menschen, mehrere wurden verletzt. Die Menschen haben das Gefühl, dass sie nichts mehr zu verlieren haben.“

Ein Augenzeuge aus der Stadt Gilan-e Gharb:  

„Die Lage ist extrem ernst. Tun Sie etwas; sie [die Sicherheitskräfte] erschießen Menschen mit scharfer Munition … Sie haben ein Blutbad unter der Bevölkerung angerichtet. Tun Sie um Ihres Gewissens willen alles, was Sie können. Alarmieren Sie Menschenrechtsorganisationen.“

Protest in der iranischen Stadt Hamedan am 1. Januar 2026
(© IMAGO / Middle East Images)

So hat Amnesty International Beweise gesammelt 

Die iranische Regierung versucht, die Verbrechen durch eine Internetblockade zu vertuschen. Trotzdem ist es Amnesty International gelungen, die grausamen Geschehnisse zu rekonstruieren:

  • Analyse von Videos und Fotos: Amnesty-Expert*innen haben Dutzende Video- und Foto-Aufnahmen aus zehn verschiedenen iranischen Städten und verschiedenen Provinzen untersucht.
  • Medizinische Prüfung: Ein*e unabhängige*r Patholog*in wurde hinzugezogen. Er begutachtete Fotos und Videos, die tödliche oder schwere Verletzungen zeigen, um die Todesursachen zu klären.
  • Gespräche mit Zeug*innen: Amnesty sprach mit informierten Quellen direkt im Iran, darunter medizinisches Personal und Demonstrant*innen. Auch mit 16 Personen außerhalb des Landes, wie Angehörigen von Opfern und geflohenen Augenzeug*innen, wurden Interviews geführt.
  • Auswertung von Nachrichten: Journalist*innen und Aktivist*innen leiteten Screenshots von Text- und Sprachnachrichten von 38 betroffenen Personen an Amnesty weiter.

Was jetzt passieren muss

Amnesty International fordert die Vereinten Nationen auf, sofort zu handeln. 

Es braucht dringend:

  1. Internationale Ermittlungen: Der Menschenrechtsrat und der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen müssen sofort tagen.
  2. Strafverfolgung: Die Täter*innen müssen vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden. Hierzu muss der UN-Sicherheitsrat die Situation im Iran an den Internationalen Strafgerichtshof überweisen.
  3. Ende der Gewalt: Die iranische Regierung muss gezwungen werden, den Einsatz von tödlichen Waffen gegen Demonstrierende sofort zu stoppen.

Länder wie Deutschland sollten zudem eigene Ermittlungen starten, um die Täter*innen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Straflosigkeit muss enden, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Dazu kann auch Deutschland unter dem Weltrechtsprinzip Ermittlungen gegen die Verantwortlichen im Iran einleiten. Außerdem muss die Bundesregierung sofort einen landesweiten Abschiebestopp für den Iran erlassen, und Iraner*innen großzügig die humanitäre Aufnahme in Deutschland gewähren.

 

Der Originalartikel kann hier besucht werden