Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Aus der Besetzung des Dannenröder Forsts ging eine kollektiv verwaltete, tauschlogikfreie Herberge hervor. Sie ist Nest und Knotenpunkt vielfältiger aktivistischer Bewegungen.
erzählt von Laura Arendt, aufgeschrieben von Anja Marwege
Wer seid ihr und wie viele?
10 dauerhaft dort Lebende und rund so Vereinsmitglieder
Seit wann gibt es euch?
2021
Wie seid ihr verfasst?
Vereinigung (e.V.)
Wo seid ihr zu finden?
Dannenrod, Mittelhessen
Das »Gäst*innenhaus Jakob« ist aus der Besetzung des Dannenröder Forsts hervorgegangen. 2019 und 2020 haben wir die geplante Trasse für den Ausbau der Autobahn A49 besetzt. Dabei haben wir uns nicht nur der kapitalistischen Verwertungslogik entgegengestellt und Bäume durch unsere eigenen Körper geschützt, sondern auch solidarische, tauschlogikfreie, gemeinschaffende Lebensweisen erprobt. Die Einheimischen zeigten sich damals dankbar für unseren Widerstand. Teils schon seit vielen Generationen dort ansässige Menschen unterstützten uns, etwa indem sie uns Nahrungsmittel und Kleidung brachten oder Übernachtungen anboten. Sie wussten, dass wir durch unseren Widerstand auch ihre Beziehung zum Wald schützen. Das Gasthaus wurde uns schon während der Besetzung zur Verfügung gestellt, anfangs als Duschort, später auch als Coworking-Space, Rückzugsort und Küfa (Küche für alle), um die Menschen im Camp mit Essen zu versorgen. Daraus sind teilweise bis heute aktive Verbindungen gewachsen, und nach der Besetzung entschieden sich die Menschen, denen das Gasthaus gehörte, es an uns zu verkaufen. Sie wurden selbst Mitglied in unserem eigens gegründeten Verein und verwalten das Haus seitdem mit uns gemeinsam.
Es ist uns besonders wichtig – so wie damals bei der Besetzung -, einen offenen Raum mit niedrigschwelligem Zugang zu schaffen, in dem nach besten Möglichkeiten versucht wird, die Bedürfnisse aller am Ort Befindlichen zu berücksichtigen, ohne diese zu hierarchisieren, und dabei hinsichtlich der Strukturen so beweglich und wendig wie möglich zu bleiben. Dies soll vielen Menschen ermöglichen, unabhängig von Privilegien und Sozialisation diesen Ort zu nutzen und mitzugestalten.
Ich lebe seit der Besetzung dort und habe Projekt und Verein mitgegründet. Da ich persönlich Erfahrungen mit Klassismus gemacht und teilweise auf der Straße und im Heim groß geworden bin, ist es mir ein großes Anliegen, mich gemeinsam mit Menschen zu organisieren, die gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Gemeinsam können wir so einen sicheren Raum schaffen, in dem wir Erfahrungen von Unterdrückung reflektieren und aufarbeiten können, um dann von dort aus wieder in die Gesellschaft hineinwirken zu können.
Durch die hohe Fluktuation an Menschen wird das Haus immer wieder durch vielfältige Ideen und Visionen belebt. Dadurch, dass die dort Lebenden oft an widerständigen Orten und Aktionen beteiligt sind, tauchen im alltäglichen Zusammensein sowohl Herausforderungen als auch gelingende Lösungen und utopische Perspektiven auf. Ein beständiger Kern von Menschen, der das Haus bewohnt und hütet, wird fortwährend durch Menschen ergänzt, die den Ort als feste Anlaufstelle für Aktivismus, Rückzug, Vernetzung oder tauschlogikfreie Bildungsarbeit nutzen. In den vergangenen Jahren haben wir so ein immer größer werdendes Netz zwischen vielen Orten des Gemeinschaffens und widerständigen Bewegungen gewebt. Das trägt die Menschen und auch das Haus.
Es nimmt viel Zeit in Anspruch, immer wieder neu Strukturen und Vereinbarungen für das temporäre Zusammenleben von Menschen zu finden, die oft aus schwierigen emotionalen Situationen – wie einer Besetzung oder Räumung – hier Rückzug suchen. Immer wieder wird die Diskrepanz schmerzlich spürbar – zwischen dem hier geschaffenen Möglichkeitsraum einerseits und der kapitalistischen Gesellschaft sowie dem Zustand der Welt in Zeiten der Klimakrise andererseits. Auch Konflikte zwischen dauerhaft und zeitweise hier Lebenden bleiben nicht aus.
Derzeit lastet viel Verantwortung, etwa für die Verwaltung der Finanzen und der Vereinsstruktur, auf zu wenigen Schultern. So entstehen Hierarchie, Abhängigkeit und Überforderung. Aufgrund des hohen Durchlaufs lässt sich Verantwortung aber nicht einfach delegieren. Dadurch fallen Aufgaben immer wieder hinten runter. Wir gehen mit dieser Situation um, indem wir nach innen wie nach außen ehrlich kommunizieren und versuchen, diese als Prozess anzunehmen, ohne dabei über Widersprüche und all die vielen Stellen, an denen dieser Ort noch nicht unserem Ideal entspricht, zu resignieren.
Immer wieder hilft uns dabei anzuerkennen, dass Transformation nicht nur ein äußerlicher Prozess ist, der anhand von Projekten sichtbar wird, sondern auch ein innerer, der schon beim Gestalten unserer sozialen Beziehungen und beim Umgang mit unserer Mitwelt anfängt. Auch scheinbar kleine Handlungen, wie den Alltag tauschlogikfrei miteinander zu teilen und verinnerlichte Muster gemeinsam zu reflektieren, können revolutionäre Kraft entfalten.
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










