Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Der »Heilkräutergarten Hevrin Xelef« in Berlin-Neukölln schafft einen feministischen Raum, wo geflüchtete Menschen trauern und heilen können.

erzählt von Anuscheh Amir-Khalili und Steph K’Mour Wintz, aufgeschrieben von Grit Fröhlich

Wer seid ihr und wie viele?

Den Garten betreut eine Gruppe von Gartenleuten des Vereins »Flamingo – Netzwerk für geflüchtete Frauen* und Kinder« und der kurdische Frauenrat »Dest Dan e.V.«. Er ist Treffpunkt für einzelne Frauen, Queers und Kinder sowie verschiedene feministische Gruppen.

Seit wann gibt es euch?

Oktober 2019

Wie seid ihr verfasst?

Gemeinnütziger Verein

Wo seid ihr zu finden?

Am Jacobi-Friedhof an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln

@flamingo_netzwerk

flamingo-berlin.org/heilkrautergarten-hevrin-xelef

Auf den ersten Blick ist es einfach ein Garten, gelegen auf einem sonnigen Fleckchen im hintersten Winkel eines stillgelegten Friedhofs in Nachbarschaft zu den Prinzessinnengärten in Berlin-Neukölln. Doch er hat viele tiefere Schichten: Es ist ein Ort der Solidarität, des Empowerments für geflüchtete Frauen und für die gemeinschaftliche Verarbeitung von Gewalt, Trauma und Tod. Wir sind quereingestiegen in die Gemeinschaftsgartenbewegung. Unsere Motivation war nicht zuerst das Gärtnern, sondern einen Zugang zu Heilung und einen Treffpunkt für unser Netzwerk von Frauen mit Migrationsbiografie zu schaffen. Wir kümmerten uns einige Jahre lang um ein selbstorganisiertes Wohnprojekt für alleinstehende schwangere Geflüchtete. Dabei waren wir vor allem mit den Herausforderungen bürokratischer Abläufe beschäftigt. In Gesprächen mit Geflüchteten wurde klar: In beengten Büroräumen ist Heilung schwer möglich, dazu ist ein anderer Rahmen nötig. Wir sind eng befreundet mit der kurdischen Frauenfreiheitsbewegung und stehen im direkten Austausch mit dem Frauendorf Jinwar im selbstverwalteten nord- und ostsyrischen Autonomiegebiet Rojava (siehe Oya 61 und 70). In dessen Mitte liegt ein Heilkräutergarten. So einen wollten wir auch anlegen und haben die Prinzessinnengärten gefragt, ob wir einen Teil ihrer Fläche auf dem ehemaligen Jacobi-Friedhof dazu nutzen dürfen.

In beengten Büroräumen ist Heilung schwer möglich, dazu ist ein anderer Rahmen nötig.

Die ursprüngliche Idee war, einen Raum zu schaffen, wo Frauen mit Fluchtbiografien hingehen und gärtnern können. Der Ort sollte ihnen das Gefühl geben: Hier kann ich sein, in Verbindung mit der nichtmenschlichen Welt; hier tue ich etwas, was ich richtig gut kann. Es gibt Menschen, die viel Wissen über Heilpflanzen und übers Gärtnern mitbringen und der Heilkräutergarten kann ein Ort sein, dieses Wissen zu teilen und wertzuschätzen. Wir haben aber festgestellt, dass das kein Selbstläufer ist. Gerade Menschen, die Diskriminierung erfahren haben, nehmen sich selbst oft nicht viel Raum. Vieles ist nötig, um solch einen Ort als sicheren Raum zu halten. Dazu gehören gastgebende Menschen. Damit dauerhaft eine Ansprechperson da sein kann brauchen wir bezahlte Stellen und eine strukturelle Förderung. Bisher gibt es die nicht. Jeden Mittwochnachmittag halten zwei Ehrenamtliche den Garten für spontane Besucherinnen offen. Wir schauen, welche Arbeiten anstehen und worauf die vorbeikommenden Lust haben. Unsere Workshops sind gut besucht. Sie werden von Frauen angeboten, die selbst eine Migrationsbiografie haben, so wird die Einladung eher angenommen. Mit der Ernte aus dem Garten haben wir in den Workshops Salben, Teemischungen und Tinkturen hergestellt. Daraus entstand die solidarische Heilkräuterapotheke HEKAYAT. Mit den Heilkräutern versorgen wir auch Geflüchtete in Unterkünften hierzulande und über weitere Vereine auch anderswo, zum Beispiel in den Lagern in Griechenland. Wir haben nachgefragt, was die Frauen dort am meisten brauchen: Sie haben stressbedingte Magenschmerzen, Muskelverspannungen, Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Dafür haben wir mit den Rezepten der Frauen unseres Vereins »Flamingo« Heilmittel hergestellt.

bei der Kräuterpflege
der Gedenkbaum für Jina Amini
Tinkturen für die Heilkräuterapotheke herstellen

Fotos von Anuscheh Amir-Khalili

Unser Verein bietet außerhalb des Gartens auch rechtliche und medizinische Beratung für geflüchtete Frauen. Die ersetzt zwar keinen Arztbesuch, aber wir sprechen über Beschwerden und haben pflanzliche Medizin – aus unserem Garten oder gespendete -, die wir kostenlos ausgeben. Außerdem schauen wir, welche Ressourcen und welches Wissen die Person selbst mitbringt – etwas, das in einer standardisierten medizinischen Versorgung oft untergeht und dazu führt, dass Menschen sich nicht gesehen und nicht befähigt fühlen, selbst aktiv zu werden. Wichtig ist uns die liebevolle Geste, unsere Ernte zu teilen und alternative Naturmedizin zugänglich zu machen. Der Garten selbst ist auch eng mit der Münchner »anstiftung« verbunden, die den Aufbau des Gartens maßgeblich finanziell unterstützt hat. Wir wollen das solidarische Netzwerk über den Garten hinaus weiterdenken. So sind uns andere Gärten, die ihre Kräuterernte über HEKAYAT teilen möchten, willkommen.

Die Vision vom Heilkräutergarten in Neukölln wächst organisch. Wir fragen: Wo wird was gebraucht? Wie realistisch ist das? Und wir probieren vieles einfach aus. Für Geflüchtete gibt es zum Beispiel kaum geschützte Räume, um gemeinsam zu trauern. Als wir den Garten im Herbst 2019 gründeten, war gerade die kurdische Politikerin Hevrin Xelef (1984-2019) ermordet worden, die für Frauenrechte gekämpft hatte. Wir beschlossen, den Ort nach ihr zu benennen. Ihre Mutter war damals per Videokonferenz bei der Einweihung dabei. Es bedeutet ihr viel, dass ein lebendiger Garten den Namen ihrer toten Tochter trägt. Eine unserer Visionen ist es mittlerweile, im Garten einen begehbaren Gedenkort für feministischen Widerstand aufzubauen. Als 2022 Jina Amini – eine im Iran lebende Kurdin – ermordet wurde, haben wir zu ihrem Gedenken eine schwarze Maulbeere gepflanzt. Der Baum hat eine tiefe Bedeutung, denn aus seinem Holz werden Flöten gebaut, die im Iran und in Kurdistan bei Beerdigungen gespielt werden. Die ezidische Frauengruppe »Women for Justice« hat im Frühjahr 2025 einen Zwetschgenbaum gepflanzt, in Gedenken an den Genozid an den Ezidinnen im Irak 2014, wo der »Islamische Staat« damals systematisch Menschen ermordet und unzählige Bäume zerstört hat. Der Zwetschgenbaum der Ezidinnen steht nun für neue Hoffnung, aller Gewalt zum Trotz, und für das Teilen von Früchten. Wir haben im Garten noch einige weitere Bäume in Erinnerung an andere Femizide an anderen Orten der Welt gepflanzt.

Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/