Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Ein altes Haus in Brandenburg wird zum »House in Exile«, einem selbstbestimmten Rückzugs- und Aktionsort für geflüchtete Frauen – getragen von Solidarität, Mut und Widerstand gegen Diskriminierung.

erzählt von Doris Dede, aufgeschrieben von Luisa Kleine

Wer seid ihr und wie viele?

Der Kern des Hausprojekts besteht aus etwa 15 aktiven Frauen*, unterstützt von einem breiten solidarischen Netzwerk.

Seit wann gibt es euch?

»Women in Exile« gibt es seit 2002. Unser Hausprojekt in Brandenburg startete 2022 mit dem Kauf und der Renovierung des Gebäudes.

Wie seid ihr verfasst?

»Women in Exile« ist ein gemeinnütziger Verein.

Wo seid ihr zu finden?

In einem kleinen Dorf in Ostbrandenburg

women-in-exile.net/house-project/

Stöbern im Oya-Archiv?

Bethi Ngari, »Auf Tour für Gerechtigkeit«, in: Oya 63/2021, S. 54.

In einem kleinen Dorf in Brandenburg bauen wir gemeinsam als geflüchtete und migrantisierte Frauen einen Ort zum Ankommen, zum Heilen und zur Selbstermächtigung auf. Für uns ist es so wesentlich, ein eigenes Haus zu hüten: Hier können wir Gemüse anbauen, Hühner halten, unsere Meetings abhalten sowie unsere Workshops und Veranstaltungen organisieren und vorbereiten. Dieser Ort gibt uns Mut und Hoffnung und ist eine Basis, um gemeinsam Widerstand zu leisten und weitere Strukturen aufzubauen, die Frauen dabei helfen, hier anzukommen.

Gegründet wurde »Women in Exile« vor über 25 Jahren. Seitdem setzen wir – mehrheitlich geflüchtete Frauen – uns für die Abschaffung von Flüchtlingslagern, für Bewegungsfreiheit, für würdige Lebensbedingungen und gegen rassistische und sexistische Diskriminierung ein. Wir organisieren Workshops und Kampagnen, schaffen sichere Räume für Austausch, Heilung und Empowerment. Für viele von uns bedeutet das Engagement einen doppelten Kraftakt: Wir kämpfen nicht nur gegen ein repressives Asylsystem, sondern auch gegen alltägliche rassistische und sexistische Gewalt – im öffentlichen Raum, an Universitäten, in Behörden, in der Nachbarschaft.

Als eine schwarze Frau erfahre ich tagtäglich Diskriminierung – sowohl wegen meiner Hautfarbe als auch wegen meines Geschlechts. 2014 kam ich aus Kenia nach Berlin und traf ein Jahr später auf »Women in Exile«. Das veränderte mein Leben. Es fühlte sich so heilsam an, einander unsere Geschichten zu erzählen, gemeinsam zu weinen, zu lachen – und aktiv zu werden. Die Begegnung mit anderen geflüchteten Frauen wurde zur Quelle von Stärke und Hoffnung. Besonders beeindruckte mich, wie wir uns auf Augenhöhe organisierten und dass es keine Hierarchien gab. Dieses gemeinsame Wirken, das ganz selbstorganisiert passierte, machte so viel Handeln und Verbindung zwischen uns möglich! Ich bewunderte den Mut der anderen, die oft auf ihrer Flucht als Frau viel durchmachen mussten und die sich trotz unsicherem Aufenthaltsstatus gegen Gewalt und Ausgrenzung zur Wehr setzen. Denn jedes öffentliche Wort, jede politische Handlung kann für viele zur Gefahr werden.

Und dennoch: Wir schweigen nicht. Wir organisieren Kampagnen, machen strukturelle Diskriminierung sichtbar und konfrontieren das System dort, wo es wehtut – direkt in den Lagern, in denen Frauen und Kinder oft unter schlimmsten Bedingungen leben müssen. Mit lauter Stimme fordern wir:

»Kein Lager für Frauen* und Kinder – Abschaffung aller Lager!«

Weil wir keinen eigenen Ort hatten, trafen wir uns in den vergangenen Jahren in anderen Projekthäusern und waren sehr dankbar für die große Gastfreundschaft. Trotzdem wuchs in uns der Wunsch nach einem eigenen Ort. Dann kam plötzlich eine Möglichkeit: Eine Unterstützerin bot uns ein Haus in Brandenburg an.

Als wir das Haus zum ersten Mal sahen, war die Euphorie groß – aber ebenso groß war der Berg an Arbeit. Das Haus war alt, renovierungsbedürftig, voller Herausforderungen. Einige Frauen waren skeptisch: Wie sollten wir das schaffen – mit wenig Geld, kaum Erfahrung im Bauwesen und unter den schwierigen Bedingungen, die viele geflüchtete Frauen in Deutschland erleben? Doch eine kleine Gruppe von etwa zehn Frauen begann, das Projekt in die Welt zu bringen. Und wir blieben nicht allein: Menschen aus der Umgebung und dem Netzwerk kamen, halfen mit Maschinen, spendeten Materialien und packten mit an. Was wie ein unmöglicher Kraftakt aussah, wurde zu einem lebendigen Prozess der Solidarität. Noch immer berührt es mich, daran zu denken, wie großartig die Hilfe war, die wir bekamen.

Aus einem baufälligen Haus wird so Stück für Stück ein lebendiger Ort, der weit mehr werden kann als nur ein Wohnraum. Es ist ein selbstverwalteter Raum von und für geflüchtete Frauen, wir wollen, dass hier Seminare und Workshops stattfinden, politische Strategien entwickelt werden – aber auch Hühner gehalten und Gemüse angebaut wird.

Und vor allem: Das Haus wird Wohnraum für Frauen bieten, die aufgrund rassistischer Strukturen kaum Zugang zum regulären Wohnungsmarkt haben. Für viele ist es der erste Ort in Deutschland, an dem sie wirklich zur Ruhe kommen, an dem sie mitgestalten, sich sicher fühlen und selbst bestimmen können, wer ein- und ausgeht.

Das Haus von »Women in Exile« ist gelebter Widerstand gegen ein System, das geflüchtete Frauen unsichtbar machen will. Es steht für Hoffnung in einer Gesellschaft, die oft durch Abschottung und Ausgrenzung geprägt ist. Es zeigt, was möglich ist, wenn Solidarität nicht nur ein Wort bleibt, sondern zur Tat wird. Trotz des Rechtsrucks auf dem Land werden wir dort sichtbar, öffnen unsere Türen für Veranstaltungen und zeigen: Trotz der gesellschaftlichen Entwicklungen können wir gemeinsam solidarische Räume schaffen, in denen rassistische Strukturen aufgebrochen und Solidarität gelebt werden kann. Um diesen Raum weiterhin zu halten, sind wir auf Spenden angewiesen und freuen uns weiterhin über tatkräftige Unterstützung beim Bauen – nächste Termine und Spendenmöglichkeiten sind auf unserer Webseite zu finden.

Wir haben gelernt, dass Solidarität Grenzen überwindet – und dass wir gemeinsam viel schaffen können, auch wenn es zuerst unmöglich scheint. Selbstorganisierung gibt uns Kraft und Unabhängigkeit.

 

Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/