Ochy Curiel ist bekannt als unüberhörbare Stimme des antirassistischen und dekolonialen Feminismus in Lateinamerika und der Karibik. Die Universitätsdozentin und Autorin zahlreicher Bücher und Artikel hatte sich Ende Januar nach Argentinien aufgemacht, um am Festival Antirracista y Antifascista teilzunehmen. Neben kulturellem Austausch und Begegnung war die kollektive Aktion als Werkzeug politischen Widerstands gegen Rassismus und Faschismus ein wichtiges Thema des Festivals, das am 31. Januar 2026 in Buenos Aires stattfand. Im Gespräch mit Federico Pita[1] von der Initiative Negrx ging es um strukturellen Rassismus und das Fortbestehen von Rassismus als konstitutive Achse des kolonial/modernen Projekts. Die globale Konjunktur des anti-Schwarzen Rassismus, der hegemoniale Feminismus und die Beschränkung seiner Programmatik auf den Begriff des Geschlechts waren ebenso Themen des Gesprächs wie die Frage, was politische Autonomie bedeutet und warum es notwendig ist, autonome politische Praktiken aufrechtzuerhalten. Curiel und Pita sprachen über die Herausforderung, angesichts des Vormarschs der Rechten und der Eskalation kolonialer Gewalt Befreiung als Praxis zu denken. Während des Interviews betonte Curiel immer wieder, wie wichtig es ist, Theorie und Aktivismus zusammenzubringen, um Horizonte der Befreiung zu entwerfen, die den vielfältigen Formen der Gewalt, die unsere Gesellschaften durchkreuzen, ganzheitlich widerstehen.

Zu verschiedenen Zeitpunkten hast du den Standpunkt vertreten, Rassismus sei ein Kernstück des kolonial/modernen Projekts und keine Abweichung im System. Der aktuelle Kontext ist von Kriegen, Wirtschaftskrisen und dem Vormarsch autoritärer Kräfte in verschiedenen Weltregionen geprägt. Wie aktualisiert sich heute anti-Schwarzer Rassismus im globalen Maßstab?

Diese Argumentation kommt ja nicht von mir, viele Intellektuelle und Aktivist*innen haben das schon vor mir gesagt. Ich übernehme diese Position, weil ich sie tatsächlich für zentral halte. Das koloniale/moderne Projekt basierte grundlegend auf der Vorstellung von „raza“, das heißt, auf einer Fiktion, die indigene Gemeinschaften entmenschlichte, versklavte und diskursiv in die Nähe von Tieren rückte. Später betraf diese Fiktion auch Afrikaner*innen, die unter Bedingungen der Versklavung hierhergebracht wurden. Auf Grundlage dieser Vorstellung wurden Gruppen von Menschen und auch geographische Regionen klassifiziert und nach den Vorgaben von strukturellem Rassismus und Euro/Nord-Zentrismus hierarchisiert. Dies setzt sich bis heute fort. Bei Anibal Quijano findet sich die Bezeichnung Kolonialität, das heißt, die Ausweitung des Vergangenen bis zum heutigen Tag, offensichtlich mit Kontinuitäten und Brüchen. Und Rassismus ist immer noch dessen Hauptachse. Ein Beispiel dafür ist der Extraktivismus: Große transnationale Unternehmen rauben gemeinsam mit dem Kapital der weißen und weiß/mestizischen)[2] nationalen Eliten das Land der Schwarzen, indigenen und der bäuerlichen Bevölkerung. Auch sie sind von Rassifizierung betroffen; sie sind die hauptsächlichen Opfer des rassistischen Kapitalismus. Wir können das auch an Massenabschiebungen sehen, die gerade in den Vereinigten Staaten an vielen rassifizierten Personen durchgeführt werden, oder daran, was in Haiti rund um die Abschiebungen haitianischer und Schwarzer Personen aus der Dominikanischen Republik geschieht, alles von starker Repression begleitet. Was materielle soziale Ungleichheit angeht, so ist die große Mehrheit der Personen afrikanischer Herkunft in den Ländern der Region am stärksten von Verarmung betroffen, viele von extremer Armut. Hinzu kommt der Imperialismus des Weißseins, der sich heute wieder aktualisiert. Anti-Schwarzer Rassismus begann mit Versklavung, ging aber weiter mit Lynchmorden, massenhafter Einsperrung in Gefängnissen, Kriminalisierung, Plünderung, Landraub und Xenophobie, zusätzlich zu der Tatsache, dass Schwarze Körper immer noch Objekte kapitalistischer Akkumulation sind.

In Lateinamerika sehen wir eine Zunahme rechtsextremer Regierungen und Bewegungen, die extremen Neoliberalismus, religiöse Fundamentalismen und ausschließende Nationalismen miteinander verbinden. Welche Verbindungen siehst du zwischen diesen politischen Projekten und dem Wiedererstarken offen rassistischer und antifeministischer und Anti-Menschenrechts-Diskurse?[3]

Diese Phänomene beobachten wir nicht nur in Lateinamerika und der Karibik, sondern weltweit. Das Projekt der extremen Rechten stützt sich genau auf diese Pfeiler. An erster Stelle auf extremen Neoliberalismus, wie du es nennst. Dieser basiert auf der Zentralität des Marktes, der Privatisierung grundlegender Daseinsvorsorge, Deregulierung, minimalen Eingriffen des Staats, Extraktivismus sowie auf Individualismus, den all dies mit sich bringt. Er wird immer von den wirtschaftlichen und politischen Eliten vorangetrieben. Elitistische, weiße oder an Weißsein orientierte[4] nationale Projekte, die auf der Idee der kulturellen, rassistischen und ethnischen Vorherrschaft aufbauen, geben immer noch den weißen katholischen Mann mit ökonomischem, sozialem und politischem Kapital als Paradigma vor, wobei es nicht überflüssig ist, darauf hinzuweisen, dass dies schon immer das Paradigma der Moderne war. Nichtweiße Menschen sind die Hauptbetroffenen. Sie sind es, die am meisten in materieller Hinsicht unter diesem Projekt leiden, sie sind es, die aus religiöser Intoleranz, wegen der Macht der jüdisch-christlichen (sic!, d. Ü.), protestantischen Kirchen etc. angegriffen werden. Die religiösen Fundamentalismen gründen auf einer Reinheit der Lehre, die Heterosexualität und damit die Vorstellung cis-männlicher Überlegenheit fördert. Alles, was nach sozialen und individuellen Mindestrechten klingt, wird unterdrückt, und sei es mit diskursiven Mitteln, wobei die sozialen Netzwerke aufgrund des fehlenden staatlichen Eingreifens hier fundamental sind, oder durch offene Repression.

Angesichts der Feminismen, die weiterhin ausschließlich das Geschlecht und den Dialog mit dem Staat ins Zentrum stellen: Warum bestehst du darauf, dass Antirassismus eine kollektive politische Praxis sein muss, und nicht nur eine Identität oder ein Diskurs? Welche Risiken siehst du in der Institutionalisierung dieser Kämpfe?

Wir müssen verstehen, dass der Feminismus Teil der Moderne ist. Seine Geschichte ist in Europa entstanden, dann hat er sich in die Vereinigten Staaten ausgebreitet und ist später in Lateinamerika und der Karibik angekommen. Sein hauptsächlicher Kampf dreht sich bis heute um Frauen, auf der Basis ihres biologischen und sozialen Geschlechts. Vor einiger Zeit sind Strömungen innerhalb des Feminismus aufgetaucht, die Rassismus und Klassismus im Feminismus angeprangert haben, wie unter anderem der Schwarze Feminismus oder der [klassenbewusste] feminismo popular. Die zentrale Forderung besonders des Schwarzen Feminismus ist, dass alle Unterdrückungsformen bekämpft werden müssen, sei es rassistische oder an Geschlecht, Klasse oder Sexualität anknüpfende Unterdrückung. Dennoch scheint es, gerade wegen des Rassismus innerhalb der feministischen Bewegung, dass diese Beiträge zwar zur Kenntnis genommen werden, doch ihre transformative Wirkung auf Theorien und politische Aktionen noch nicht ausreicht. Das heißt, der hegemoniale Feminismus, der, worauf ich bestehe, weiß und blanco-mestizo ist, baut seinen Kampf weiterhin auf Geschlecht auf und engagiert sich nicht in anderen Kämpfen, wie denen gegen Rassismus, die Wirkungen neoliberaler Politiken, Extraktivismus, etc.

Es ist kein Zufall, dass die grundlegenden Themen dieser Feminismen die sexuellen und reproduktiven Rechte und die Gewalt gegen Frauen sind, wodurch die Erfahrungen vieler Frauen homogenisiert werden. Und offensichtlich halten die NGOs, die Staaten, die internationale Zusammenarbeit daran fest. Das ist Teil des Neokolonialismus. Was ist das fundamentale Risiko? Dass ein Projekt realer Transformation, das dringend notwendige Bündnisse zwischen sozialen Kollektiven und Bewegungen ermöglicht, die unterschiedliche Formen der Unterdrückung von autonomen und selbstorganisierten politischen Ausgangspunkten aus bekämpfen, bereits im Entstehen auflöst. Ein Feminismus, der weiterhin nur auf Geschlecht basiert, ist rassistisch, klassistisch, heterosexistisch und demzufolge kolonial.

Zum Festival Antirracista y Antifascista in Buenos Aires, das auf Kultur und Feiern als Formen politischen Widerstands setzt. Aus deiner Erfahrung als Aktivistin und Künstlerin: Welche Rolle können heute Kunst, Genuss und kollektive Aktion im Aufbau von Alternativen gegen Rassismus und Faschismus spielen?

Das ist einer unserer größten Trümpfe gegen dieses System des Todes. Wenn Kunst aus einem transformativen politischen Bewusstsein heraus geschaffen wird, hat sie viel Potenzial, Bewusstwerdungsprozesse und dadurch auch politische Aktionen anzustoßen, denn künstlerische Ausdrucksformen berühren die Sensibilität, die Herzen der Menschen. Und natürlich sollten wir mittels dieser Ausdruckformen auf Missstände hinweisen, aber zugleich sollten wir das Leben feiern, andere mögliche Welten zeigen und lachen. Für Schwarze Gemeinschaften ist das seit anzestralen Zeiten zentral.  Wenn sie uns das Lachen weggenommen hätten, die Musik, die Kreativität, dann hätten sie uns schon vernichtet. Und hier sind wir immer noch, genießen jeden Moment, bauen Gemeinschaften auf, schaffen Gesang, Poesie, bildende Kunst und so vieles mehr. Wie die afroamerikanische Schriftstellerin Alice Walker sagte: „Das Geheimnis des Glücks ist Widerstand“, so sage ich auch umgekehrt: „Das Geheimnis des Widerstands ist Glück.“

Aus einer dekolonialen Perspektive: Welche Elemente hältst du für unerlässlich, um heute ein Projekt der antirassistischen und antifaschistischen Befreiung in Lateinamerika und der Karibik zu entwerfen, jenseits von Staat und institutioneller Programmatik?

Autonomie als Ethik und dauerhafte politische Praxis. Dies bedeutet, sich weder von der Logik des Staats abhängig zu machen noch von denen der internationalen Zusammenarbeit oder der Universitäten. Es ist notwendig, weiterhin Gemeinsamkeit und Gemeinschaftlichkeit aufzubauen, mit multiplen Subjekten, die das Bedürfnis und den Wunsch haben, Welten zum Leben zu schaffen. Es müssen dringend Bündnisse geschlossen werden, die nicht auf identitätspolitischen Projekten basieren, sondern eben auf Projekten des Weltenmachens. In diesen werden viele menschliche und nichtmenschliche Wesen zusammenkommen: Schwarze Menschen, indigene Menschen, Frauen, trans Menschen, Kinder, Gebirge, Flüsse, Hunde, Katzen, die letztlich alle voneinander lernen werden. Wie die Lehrmeisterin María Lugones sagte, wir müssen uns von vielen Welten durchqueren lassen.

[1] Federico Pita ist afroargentischer antirassistischer Aktivist und Politologe an der Universidad de Buenos Aires und spezialisiert auf Afrodeszendenz, „raza“ (rassifizierende Identitätskonstruktionen) und Rassismus. Er ist Gründer der NGO Diáspora Africana de la Argentina (DIAFAR, https://diafar.org/). Pita positioniert sich selbst als Negro de conciencia, also als Schwarzer mit Schwarzem Bewusstsein.

[2] „Blanco-mestizo/-a“ bezieht sich auf Teile der Bevölkerung, die kontextbezogen als dem Weißsein nahe beschrieben werden oder teilweise weiße Privilegien genießen. „Mestizo/-a“ bezeichnete in der kolonialen Gesellschaftsordnung Menschen von wörtlich „gemischter“, autochtoner und europäischer Herkunft. In unabhängigen Staaten Lateinamerikas wurde seit dem frühen 20. Jh. das Konzept der „Mestizaje“ genutzt, um die autochtone Bevölkerung in Staatsprojekte einzubinden, aber auch zu assimilieren. Anm. d. Ü.

[3] Mit antiderechos oder engl. Anti-Rights sind Gruppen, Bewegungen und Diskurse gemeint, die sich gegen Menschenrechte oder individuelle und kollektive Rechte historisch und aktuell unterdrückter Gruppen aussprechen, z.B. Abtreibungsrechte oder Rechte von LGBTIQA*. Anm. d. Ü.

[4]Blanqueados/-as“ bezieht sich auf blanqueamiento, eine soziale, diskursive und reproduktive Ideologie und Praxis des „Weißwerdens“, vereinzelt auch als „Verweißung“ übersetzt. Anm. d. Ü.

Übersetzung: Constanze Schwärzer

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