Unser Gespräch mit Lama Michel Rinpoche fand im Albagnano Healing Meditation Centre oberhalb von Verbania am Lago Maggiore statt. Das vollständige Interview wird in 4 Teilen auf Pressenza veröffentlicht. Den ersten Teil dieses Interviews findest du hier.

Pressenza: Um die buddhistische Botschaft vollständig zu verstehen, ist es wichtig, an ein Leben nach dem Tod zu glauben, an die Reinkarnation – ein schwieriger Begriff für uns, die wir im Westen leben. Aber wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, was geschieht dann nach dem Tod? Und andererseits: Gibt es ein Leben vor der Geburt?

Lama Michel Rinpoche: Wir können das von verschiedenen Perspektiven aus betrachten. Ich gehe von einer oberflächlicheren Ebene aus und komme dann zu einer etwas tieferen Sichtweise. Niemand von uns ist aus dem Nichts geboren, niemand von uns kommt als weißes Blatt zur Welt. Wir haben die DNA-Prägung, die unsere Eltern uns mitgeben, und – ohne darauf näher einzugehen – verschiedene Traumata und auch psychologische Aspekte, die uns genetisch vererbt werden. Es gibt verschiedene Studien über Ängste, die vererbt werden. Bei der Geburt trage ich also die Erfahrung und das Erleben meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw. in mir. Ich werde mit einem Körper geboren, der von meinen Eltern geformt wurde.

Außerdem werde ich konditioniert von dem kulturellen, sozialen, pädagogischen Umfeld, in dem ich aufwachse. Ich werde also beeinflusst und bin heute nicht das Ergebnis von etwas, das im Nichts begonnen hat, sondern das Ergebnis von vielen Dingen, die lange vor meiner Geburt gewesen sind. Es gibt also eine Vergangenheit, die meine Gegenwart auf persönlicher, individueller Ebene bestimmt. In allgemeineren Worten gesagt, gab es viele Leben vor meinem, die viele wesentliche Aspekte meines Lebens bestimmt haben.

So bestimmt auch die Art, wie ich mein Leben lebe, das Leben von denen, die nach mir kommen. Im Moment der Geburt erben wir nicht nur die äußere Welt von unseren Vorfahren, sondern auch ihre Sichtweise der Welt.

Ich gebe ein Beispiel: Als wir diesen Tempel gebaut haben, mussten wir entscheiden, wo die Toiletten hinkommen sollten. Es gab einen architektonischen Entwurf. Ich habeW den ganzen Entwurf durchgesehen und ihn geändert, denn ich wollte nicht, dass die Toiletten über den Gebetsräumen wären. Ich habe sie also alle in einer Ecke des Gebäudes einbauen lassen. Das funktionierte gut, aber es gab ein kleines Problem: Es war konkret kein Platz für jeweils zwei Vorräume, getrennt für Männer und Frauen. Also sagte ich mir: Wo ist das Problem, wenn ein Mann und eine Frau sich beim Händewaschen treffen? Ich habe sehr darauf geachtet, dass die Wände in jedem WC zum Boden und zur Decke vollständig abschließen und jedes sein eigenes Belüftungssystem hat, so dass man nichts hört, keine Gerüche durchdringen, also der Komfort gewahrt ist. Aber ich habe einen einzigen Vorraum gemacht.

Für das Gesundheitsamt (ASL) und die Kommune war das nicht zulässig. Das ASL hat dann gesagt: „Ihr seid nicht in der üblichen Kategorie, denn ihr seid eine Kultstätte, daher könnt ihr das machen, wie ihr wollt.“ Ich dachte mir, gut, und das war es dann. Ich hatte auch überlegt: Im schlimmsten Fall machen wir ein WC für die Männer auf einer Etage, auf der anderen Etage das für die Frauen, und lösen das so.

Eines schönen Tages erhalte ich eine Nachricht von Google Maps, wo der Tempel als Betrieb angezeigt wird. Es ging darum, die „Informationen zu Ihrem Betrieb zu aktualisieren“. Ich tat das dann, und eine der Fragen war: „Haben Sie in Ihrem Betrieb ‚gender neutral bathrooms‘?“ Geschlechtsneutrale Toiletten. Ich antwortete: „Ja, wir sind modern.“ Ok? Diese Geschichte hat mich zum Nachdenken gebracht, nicht weil mir die Toiletten, ihr Aufbau usw. so wichtig seien, sondern weil etwas, das bis vor Kurzem als schlecht galt, in einem bestimmten Moment als gute Sache angesehen wird. Warum? Weil viele Menschen ihre persönliche Sichtweise geändert haben und so zu einem Wandel der kollektiven Kultur geführt haben.

Die italienische Kultur umfasst die Art, wie die Italiener und Italienerinnen essen, sprechen, ihre Beziehungen zu Institutionen, zur Familie führen, unendlich viele Dinge. Aber die italienische Kultur existiert nicht unabhängig von der Art zu sprechen, zu essen usw., von jedem Italiener und jeder Italienerin. Wenn ich meine Art zu essen ändere, verändere ich die allgemeine Kultur.

Was will ich damit sagen? Wenn ich mein Leben auf eine bestimmte Art lebe, mit einer bestimmten Sicht auf die Welt, mit bestimmten Gewohnheiten und so weiter, konditioniere ich das Leben von denen, die nach mir kommen. Gibt es also ein Leben vor der Geburt? Gibt es Leben nach dem Tod, das mit mir verbunden ist? Ja, unbedingt. Vom Umweltstandpunkt: Wenn ich die Umwelt verschmutze, müssen die, die nach mir leben, die Folgen davon erleiden. So wie ich, als ich geboren wurde, die Luft geatmet habe, die von denen vor mir verschmutzt wurde. Also von einem ganz oberflächlichen Gesichtspunkt aus gibt es ein Leben vorher und ein Leben danach.

Von links: Anna Polo, Giorgio Schultze, Barbara De Luca, Lama Michel Rinpoche, Thomas Schmid.

Die Frage ist allerdings mehr auf das Ich konzentriert. War ich vorher da und werde ich danach da sein? Das ist die Frage, nicht wahr? Alle spirituellen Traditionen glauben an eine Kontinuität nach dem Tod. Und hier kommen wir zu der Frage: Was ist der Tod? In meiner Sichtweise tritt der Tod ein, wenn dieser Körper nicht mehr in der Lage ist, dem Leben so standzuhalten, wie wir es kennen. Irgendwann wird ein Teil von uns, der Energiekörper oder Aura genannt wird (wir können ihn verschieden benennen), diesen Körper verlassen und irgendwann einen anderen nehmen.

Wie ist es in der christlichen Sicht, von der ich nicht allzu viel sprechen kann, weil mein Wissen sehr begrenzt ist – wenn jemand stirbt, endet alles? Nein. Der Mensch kann ins Paradies, in die Vorhölle oder in die Hölle kommen. Dies sind die drei Möglichkeiten, soweit ich das verstanden habe, nicht wahr? In der buddhistischen Sicht ist dies das Gleiche wie die Reinkarnation. Denn es ist nicht gesagt, dass jemand in einem physischen Körper wiedergeboren wird, aber es gibt die Kontinuität der eigenen Existenz.

Im Buddhismus glauben wir, dass, wenn jemand stirbt, eine Kontinuität besteht. Und auch hier: Was ist es, das weitergeht? Was weitergeht, ist der tiefste Aspekt aus den Prägungen und Prädispositionen, die wir in uns tragen und in diesem Leben entwickeln. Wenn wir also von der Reinkarnation von einem Menschen sprechen, sagen wir: „Das ist dieser Mensch“. Denn der Mensch besteht aus dem physischen Körper und Geist, wozu der Teil der Kultur, die vielen Gewohnheiten, viele Aspekte gehören, die enden, wenn jemand stirbt. Zwischen einem Leben und einem anderen sind also zwei verschiedene Menschen, aber es gibt ein Kontinuum, das sie vereint.

So ähnlich ist es doch, wenn wir fragen: Bist du heute der gleiche Mensch wie vor 20 Jahren? Ist der Körper der Gleiche? Nein. Ist deine geistige Verfassung gleich? Nein. Sind deine Gewohnheiten gleich? Nein. Also bist du nicht die gleiche Person, du bist das Kontinuum dieser Person. Bestimmte Aspekte sind gleich, andere haben sich verändert, aber es besteht ein Kontinuum. Wenn man stirbt und wiedergeboren wird, ist da ein Teil von uns, der Energiekörper oder Aura, der in sich die Prägungen trägt und in gewisser Hinsicht der DNA sehr ähnlich ist – er ist eine probabilistische, mögliche, keine deterministische, also unausweichliche Realität. Das bedeutet, dass wir mit Prägungen und Anlagen geboren werden, und ob wir sie dann entwickeln oder nicht, hängt von den Interaktionen ab, die wir im Leben erleben.

Gibt es ein Leben davor? Ja, unbedingt. Keine zwei Menschen werden gleich geboren. Nehmen wir nur verschiedene Kinder, die in der gleichen Familie, im gleichen Kontext zur Welt kommen, und wir sehen, dass auch genetisch identische Zwillinge unterschiedliche Charaktere, verschiedene Anlagen haben.

Einmal hat mich ein Journalist gefragt: „Glaubst du an die Reinkarnation?“ Ich antwortete: „Ja.“ Dann hat er versucht, eine schlauere Frage zu stellen, und mich gefragt: „Und wenn es sie nicht gäbe?“ Ich habe geantwortet: „Noch besser.“ Wenn ich die Welt um mich herum anschaue, habe ich keine Angst zu sterben; ich glaube, ein ziemlich kohärentes Leben zu führen, ich habe keine Angst vor dem, was danach kommt, aber wenn ich die Welt um mich anschaue: Wenn mit dem Tod alles enden würde, wäre es besser für alle. Aber ich glaube nicht daran.

Das Interessante ist: Wenn wir mit der Weltsicht leben, nach der etwas davor existiert und danach eine Kontinuität besteht, legen wir die Priorität auf das, was weitergeht. Und das, was weitergeht, übersteigt den Körper, übersteigt die Macht, übersteigt das Geld, übersteigt den Reichtum, übersteigt das Image. Was ist das, was von Leben zu Leben weitergeht? Unsere tiefsten Anlagen, unsere Emotionen, unsere Gewohnheiten. Wer will ich also sein nach dem Tod? Ich will ein fröhlicher, zufriedener, liebevoller Mensch sein, als muss ich Freude, Zufriedenheit, Liebe pflegen. Das bringt uns dazu, dem mehr Wert einzuräumen, was tatsächlich das Wichtigste im Leben ist. Und es bringt uns auch zu einem Gefühl der längerfristigen Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, was extrem wichtig ist.

Es ist mir mehrfach passiert, dass skeptische Menschen zu mir kamen und mich baten: „Lama, kannst du für diesen Menschen beten, der gestorben ist?“ Ich habe sie gefragt: „Wofür möchtest du, dass ich bete, für den Körper oder wofür?“ Ein Gefühl der Kontinuität ist für uns ganz natürlich. Aber für mich ist das Wichtigste, nicht die Debatte darüber zu öffnen, ob es die Reinkarnation gibt oder nicht, oder die Wiedergeburt beweisen zu wollen. Das Wichtigste ist, dass die Gegenwart die Frucht der Vergangenheit ist, und dass die Gegenwart die Wurzel der Zukunft ist, also können wir die Vergangenheit nicht ignorieren und in der Sicht auf die Zukunft die Gegenwart nicht vernachlässigen, auf persönlicher wie auf kollektiver Ebene. Das ist das Wichtigste.

Das Heute ist die Vergangenheit des Morgens.

Buchempfehlung: Dove vai così di fretta? von Lama Michel Rinpoche

Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Seimer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!


Lama Michel Tulku Rinpoche, geboren 1981 in São Paulo in Brasilien, ist ein buddhistischer Lehrer und spiritueller Führer mehrerer buddhistischer Zentren weltweit.