Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

In der Stille, die den Vierseithof der »Allmende Holzhausen« heute umgibt, liegt ein Zauber – und die Frage: Wie entsteht Verbindlichkeit, um eine Allmende langfristig gemeinsam zu hüten?

von Ann-Marie Weber, aufgeschrieben von Anja Marwege

Wer seid ihr und wie viele?

Gestartet mit sechs Familien und breitem Kreis an Mitwirkenden sind wir seit vier Jahren eine Erwachsene, drei Kinder und gelegentliche Gäste.

Seit wann gibt es euch?

2016

Wie seid ihr verfasst?

Von 2016 bis 2021 als Verein, seitdem als privat gehaltene Allmende

Wo seid ihr zu finden?

Holzhausen im Marburg-Gießener Lahntal

allmende-holzhausen.de

Stöbern im Oya-Archiv?

Ann-Marie Weber, »Commoning in der Allmende Holzhausen« in: Oya 59/2020, S. 69.

Als Kind war ich ständig auf Baustellen. Später machte ich die Ausbildung zur Bauzeichnerin. Ich arbeite nicht in diesem Berufsfeld, träume aber davon, einmal in einem runden Strohballenhaus hinten auf der Wiese zu leben. Doch das wird der Denkmalschutz hier in Holzhausen nicht zulassen, denn er bewahrt: die Ecken. Alles, was gebaut wird, muss einer Scheune ähneln. Und die sind eckig, nicht rund. Mit Blick auf die multiplen Krisen, die wir auf uns zukommen sahen – nicht nur die ökologische, sondern auch den faschistischen Backlash -, kauften wir, damals noch als Paar, einen Vierseitenhof in einem 34-Seelen-Dorf, der vielleicht einmal gut zu verteidigen sein würde. Um uns bildete sich ein Ackerkollektiv aus sechs Familien, die gemeinsam das Land bestellten und ein Verein, mit dem wir Bildungsveranstaltungen machten, nach dem Motto »Einmachen für den Klimaschutz«. Wenn ich in der Küche in die Ecken gucke, denke ich: Da bleibt nicht nur der Staub hängen, sondern auch die Energie. Draußen runde ich meine Wege und auch die Felder ab.

Dann verunmöglichte die Pandemie öffentliche Veranstaltungen, Fördermittel liefen aus. Daran hängten sich persönliche Krisen. Das Scheitern begann. Mittlerweile lebe ich mit meinen drei Kindern allein auf dem Hof. Seit vier Jahren bin ich alleinerziehend und gehe lohnarbeiten, damit ich mir den Hof leisten kann. Woran halte ich hier noch fest? Der Ort sieht so aus, als würde eine Person allein versuchen, ihn zu pflegen – was nicht möglich ist. Ich mache es trotzdem. Ich halte an der Idee fest und glaube, dass Orte wie dieser gebraucht werden.

Mein Acker liegt um den Friedhof herum. Das ist gar nicht gut. Er ist eine Bühne. Einen Monokulturacker in so etwas Wildes, Diverses zu verwandeln ist ein Angriff auf die Sehgewohnheiten. Die, die da unter der Erde liegen, können vielleicht eher verstehen, was ich tue. Aber die, die gießen kommen, die finden es nicht gut. Nun haben sie sich selbst eine Hecke gepflanzt und ich muss keinen Pietätsstreifen mehr pflanzen, um die Menschen zu entlasten.

Wie trägt sich dieser Hof? Immer wieder nutzen Menschen die »Kolle«, eine kollektive Gästewohnung und die Wiese beherbergt gelegentlich Menschen mit ihren Bauwägen. Mein Cousin ist immer mal da. Dann bekomme ich eine Ahnung davon, wie ein matrilokaler Lebensort sein könnte, der nicht von einer romantischen Liebesbeziehung ausgeht, sondern von engen Beziehungen, auf die ich mich verlassen kann und die gemeinsam Verantwortung tragen.

Ich besitze einen großen Hof und Land drumherum. Jahrelang war das Grund genug, um freizügig damit umzugehen. Als Ausgleich für das Privileg, etwas zu besitzen, fühlte ich die Verpflichtung, geben zu müssen. Dabei bin ich über meine Grenzen gegangen. Es reicht nicht, einen tollen Energiefluss zu haben und im völligen Vertrauen zu sein in einer Welt, die in Euros gezählt wird. Wir sagten immer, ihr seid alle eingeladen, wenn wir danach den Boden besser hinterlassen als vorher. Das reicht aber in Zeiten wie diesen, wo alle sich ohnehin schon am Ende fühlen, nicht aus. In einer Fahrradwerkstatt, wo alle auf ihre Bedürfnisse achten und mal drei Tage nichts tun, funktioniert Commoning anders, als in einem Ackerkollektiv, wo es um Lebewesen geht und wo viele auf ihre Bedürfnisse achten, während eine die Pflanzen gießt, damit sie nicht sterben, und dabei über ihre Grenzen geht. Ich bin am Ende dieses Scheiterns angekommen.

Der Hof ist Privateigentum. Lässt sich Allmende eigentlich auf privatem Boden leben? Es gibt Leute, die kein Geld haben, den Hof aber nach dem Prinzip des Mietshäusersyndikats übernehmen würden. Ich kann mir aber keine Miete für mich und meine drei Kinder in einem Syndikatsprojekt leisten. Das ist zu teuer. Ich müsste für die Miete lohnarbeiten gehen.

Unter Menschen fühle ich mich oft viel einsamer, als wenn ich allein auf dem Acker stehe. Sobald ich draußen bin, ist da diese unio mystica, ich bin eins. Wenn ich hingegen am Schreibtisch sitze und denke: »Oh, der Acker sieht aus, und hier ist alles dreckig, speckig und ungepflegt!«, dann wird das Gefühl »Ich bin gescheitert« genährt. Wenn ich aber sehe, was dieser Ort mit Menschen macht, dann besteht kein Zweifel, dass ich weitermache. Die Leute kommen runter. Das ist eine ganz eigene Art von Frieden. Das strahlt mein Ort aus. Diesen Raum kann ich halten. Der Schlüssel ist Ambiguitätstoleranz. Widersprüchlichkeit aushalten lernen, das ist eine Kernkompetenz in meiner Bildungsarbeit. zeitweise leisteten straffällige Jugendliche bei uns Sozialstunden. üblicherweise setzten ihre Begleiter sie, nachdem sie anderswo Hecken geschnitten oder Mauern abgerissen hatten, an unterschiedlichen Stellen der Stadt aus, weil sie sonst nach dem Arbeitseinsatz aufeinander losgegangen wären. »Wenn wir bei euch waren, brauchten wir das nicht«, sagten sie später zu mir.

Ich habe gelernt, dass ein Zauber zutage tritt, wenn ich den Schmerz ehre und anerkenne

Nun mache ich eine Ausbildung bei Ursula und David Seghezzi. Bei den Ritualen höre ich einen Ruf. Ich kenne ihn, seit ich klein bin. Das ist meine Aufgabe. Anfang des Jahres hatte ich ein Ritualerlebnis, bei dem ich erkannte: Ich mache den Hof hier nicht für mich. Es geht nicht um mein persönliches Scheitern, nicht um meine Selbstverwirklichung. Bei dem, was ich tue, geht es um etwas Kollektives. Das Scheitern hat für mich politische Konzepte in den Hintergrund, und die Verbundenheit als Grundlage von allem zu Tage treten lassen. Ich kann über Pflegnutzen, kann über Commoning, über Weisen des Angebundenseins sprechen – im Schmerz, im Hoffen, im Tun. Alles gleichzeitig. Aus der tiefenökologischen Arbeit von Joanna Macy (1929-2025) habe ich gelernt, dass ein Zauber zutage tritt, wenn ich den Schmerz ehre und anerkenne: Es wird nicht alles gut sein. Nirgendwo ist alles immer gut.


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