Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Einst träumte die »Akademie für angewandtes gutes Leben« von lebendigem, selbstermächtigtem, praxisbezogenem Lernen und davon, dieses mit der Gemeinschaft Sonnenwald zu verwirklichen.

erzählt von Marie Emma Haas, aufgeschrieben von Luisa Kleine

 

Wer wart ihr und wie viele?

12 Personen in der Kerngruppe, später dann Teil einer Gemeinschaft von 50 Erwachsenen und 20 Kindern

Wann gab es euch?

Die Ursprungsidee entstand 2014, die Verortung im März 2019, die Akademie-Gruppe löste sich 2021 auf. Die Gemeinschaft Sonnenwald lebt und gedeiht weiter.

Wie wart ihr verfasst?

Verein

Wo seid ihr zu finden?

Schernbach in der Gemeinde Seewald im Nordschwarzwald

sonnenwald.org

Ein Ort, an dem ich lernen kann, wie zukunftsfähiges Leben gelingen und gutes Leben für alle möglich werden kann: Das versprach der Flyer der »Akademie für angewandtes gutes Leben«, der mir um 2016 in die Hände fiel.

Lösungsansätze für die Herausforderungen unserer Zeit in der Praxis sollten dort erprobt werden. Das traf sich mit meinem Weltschmerz über Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit. Als ich Kontakt aufnehmen wollte, stellte ich fest, dass es diesen Ort noch gar nicht gab! Die Akademie war eine Gruppe aus ungefähr zwanzig Leuten überwiegend in den Zwanzigern, die davon träumten, diesen Ort zu schaffen. Die lose Gruppe strahlte Vision, Präsenz und Tatendrang aus – alle brachten ganz eigene Puzzlestücke, Fähigkeiten und Interessen mit. Sie trafen sich alle zwei bis drei Monate an inspirierenden Orten, um die Vision angewandten guten Lebens weiterzuentwickeln und hatten unter anderem bei einer längeren Fahrradreise Erfahrungen und Wissen zusammengetragen.

Als ich 2017 zur Gruppe stieß, ging es darum, die Vision auf den Boden zu bringen, eine Kerngruppe zu bilden, einen Ort zu suchen, das Zusammenleben im kleineren Rahmen auszuprobieren, ein Bildungskonzept zu entwickeln … Damals bekamen wir spannende Angebote – zum Beispiel ein altes Rittergut zu kaufen – und Unterstützung von vielen Seiten.

In dieser Zeit lernte ich Soziokratie als Methode der Selbstorganisation kennen und beschäftigte mich mit regenerativer Landwirtschaft und Agroforst. Wir erprobten gemeinsame Ökonomie und solidarisches Wirtschaften. Ich lernte viel darüber, wie Bieterunden, kollektive Führung und freie(re) Bildung angebunden an das Weltgeschehen gelingen können. Diese Jahre waren die lebendigsten meines bisherigen Lebens, voller Inspiration, Freundschaft, Lernen, Selbstermächtigung und Hoffnung. Neben der Planung im Außen probierten wir weiterhin alle Gemeinschaftsbildungs- und Selbsterfahrungsmethoden aus, die uns begegneten – ich lernte mich selbst so gut kennen, wie nie zuvor und erlebte die Kraft der Gemeinschaft, die ermöglicht, Potenziale zu sehen, eigene wie die der anderen.

Auf der Suche nach einem Ort bot uns die Gemeinschaft Sonnenwald an, uns ihnen anzuschließen. Die eher älteren Menschen aus der Gemeinschaft hatten bereits eine Genossenschaft gegründet und eine ehemalige Behinderteneinrichtung in der Gemeinde Seewald im Nordschwarzwald gekauft, samt der Aussicht auf Übernahme eines landwirtschaftlichen Betriebs von 70 Hektar Acker- und Weideland. Ein verlockendes, großzügiges Angebot, das die Gruppe – nach langem Abwägen und dem Abschied einiger – annahm.

2019 zogen wir ein, und Alt wie Jung stürzte sich auf die Umsetzung unsers Vorhabens. Wir Akademistas brachten viele unserer Visionen und Ideen ganz praktisch ein, etwa bei Planung und Aufbau eines permakulturell inspirierten Marketgardens und verschiedener Agroforstsysteme. So konnten dank zahlreicher Unterstützung bei Mitmachtagen rund 30000 Bäume und Sträucher gepflanzt werden. Wir starteten die zehnmonatige Orientierungszeit »Wandelreise« und organisierten den Seminarbetrieb mit. Eine offene Werkstatt entstand. Die Gemeinschaft zeigte viel Offenheit für soziokratische Entscheidungsfindung, Gemeinschaftsbildung, solidarische Bieterunden zur Finanzierung von Landwirtschaft und Miete. Der Ort zog viele Gäste an.

Dann erlebten wir, wie unsere Vision hart auf dem Boden der Tatsachen aufschlug. Neben viel Herzlichkeit gab es zwischen den Generationen auch große Spannungen, die teilweise nicht zu lösen waren. Wir mussten uns nicht nur um bestehende Gelände und Gebäude kümmern, sondern auch unsere großen Visionen in die Welt bringen. Wie viel durch unser Wirken ins Leben kam, war enorm! Gleichzeitig erschöpfte uns der unerschöpfliche Berg an Aufgaben, wo wir doch eigentlich eine regenerative Kultur leben wollten.

Die Akademiegemeinschaft konnte die Qualität des Miteinanders im Alltag nicht halten. Wir vereinzelten uns in der Vielfalt der verschiedenen Projekte. Nach anderthalb Jahren lösten wir uns als Akademiegemeinschaft unter vielen Tränen offiziell auf: Fast alle von uns blieben erst einmal am Ort wohnen – in der Hoffnung, etwas Neues würde entstehen. Wir wollten Raum finden, um mit fünfzig Menschen eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Der Versuch, beide Gemeinschaften unter einem Dach zu verbinden, scheiterte. Obwohl eine neue gemeinsame Vision entstand, zogen immer mehr Menschen aus unserer Akademiegruppe weg – auch ich verabschiedete mich im Dezember 2023.

Als die, die ich damals war, fühlte ich mich oft überfordert – von der Fülle an Menschen und kräftezehrender sozialer Dynamik. Ich war traurig über den Abschied von liebgewonnenen Menschen, mit denen ich mich gemeinsam auf den Ort eingelassen hatte, und frustriert darüber, wie viel wir uns mit uns selbst beschäftigt hatten, obwohl ich doch eigentlich – angesichts der großen gesellschaftlichen Herausforderungen – in einem Kollektiv handlungsfähig sein wollte. Ich brannte aus.

Die »Akademie für angewandtes gutes Leben« ist nie so Wirklichkeit geworden, wie wir sie uns erträumt hatten – mittlerweile leben nur noch zwei Menschen aus der einstigen Kerngruppe in der Gemeinschaft Sonnenwald. Früher schämte ich mich manchmal für meine Visionskraft, dafür, dass ich mir eine andere Welt vorstellen, dass ich sie fühlen kann – wo der Spagat zwischen dem, was ist, und dem, wo es hingehen könnte, doch so groß ist. Heute erlaube ich mir, dazu zu stehen. Ohne unsere Vision wären wir als Gruppe nie zusammengekommen, hätten viele Menschen in unserem Umfeld nicht inspirieren können und auch die Projekte zu Agroforst und Bildung gäbe es wohl in der Gemeinschaft heute nicht in dieser Form. Unser gemeinsames Leben und Lieben wirkt weiter – an anderen Orten, in anderen Projekten, mit anderen Menschen. Es ist nicht verloren.


Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/