Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Das Bauhandwerker*innen-Treffen (BH*T) bietet seit über 40 Jahren jährlichen Austausch für Frauen und Queers im Bauhauptgewerbe.
erzählt von Tjorven frd. fr. Zimmere*und Andrea Strehle, aufgeschrieben von Andrea Vetter
Wer seid ihr und wie viele?
Auf dem letzten Jahrestreffen waren wir 120 Menschen.
Seit wann gibt es euch?
Seit 1982
Wie seid ihr verfasst?
Wir sind eine freie Gruppe.
Wo seid ihr zu finden?
wechselnd im ganzen deutschsprachigen Raum
Unsere Vision ist es, das Arbeiten auf dem Bau einfach zu einer guten Arbeit zu machen. Die Arbeit selbst ist ohnehin schwer genug, manchmal bewegt man am Tag zwei Tonnen durch die Gegend.
Die Baustellen des Bauhanderwerker*-innen-Treffen (BH*T) setzen ein Beispiel, und lassen uns Fragen stellen: Wie will ich arbeiten? Wie kann eine gute Baustelle aussehen?
Das Bauhauptgewerbe ist ein typischer Männerberuf. Auf den meisten Baustellen herrscht ein rauer Ton, es gibt einen problematischen Umgang mit Sexismus und Rassismus. Alle, die ins Bauhauptgewerbe kommen als Frauen, Lesben, inter, nicht binäre, trans oder queere Menschen, kommen dabei an die eigenen Grenzen. Der Austausch untereinander ist deshalb sehr wichtig und gibt uns Energie.
Das Bauhanderwerker*innen-Treffen findet seit 1982 jährlich im Februar statt. Ins Leben gerufen wurde es damals von reisenden Gesellinnen, die sich solchen Austausch wünschten. Auf dem letzten Treffen waren wir 120 Menschen, und es werden immer mehr. Wir kommunizieren unterm Jahr über einen E-Mail-Verteiler. Meistens bildet sich bei den Treffen eine Gruppe heraus, zwischen fünf und zehn Menschen, die den Ort für das nächste Treffen sucht und es vorbereitet.
Mindestens einmal im Jahr findet außerdem eine gemeinsame Baustelle mit 15 bis 30 Menschen statt, meist in Projekten, die wir unterstützen wollen. Wir überlegen uns gut, wie wir diese Baustellen gestalten. Wir wollen uns dabei wohl fühlen, dann können auch wir besser arbeiten. Wir wollen nicht nur eine Baustelle durchballern. Wir achten auf unsere Körper, es gibt Gymnastik und Rückenschule. Wir organisieren das Kochen und Putzen gemeinsam, und kümmern uns umeinander. Bereichernd ist auf diesen Baustellen auch, in anderen Gewerken zu arbeiten, manche beschäftigen sich hier das erste Mal mit Metall oder Elektrik – es ist im Prinzip eine Weiterbildung. Beim letzten Treffen gab es zudem Workshops zur Selbstverteidigung.
Es wird mitgedacht, dass viele von uns einen Menstruationszyklus haben, und sich deswegen auch mal rausziehen müssen. Viele sind es gewohnt, einfach trotzdem weiter zu funktionieren, wenn sie vor allem mit Männern gearbeitet haben.
Jede bringt sich auf den Treffen mit ihren Eigenheiten und ihrem Wissen ein – auch zu Steuern und rechtlichen Fragen, dem ganzen Bürokratische, das man nie gelernt hat im Reisegewerbe, und auf einmal sind zehn Leute da, die sagen: Ich kann dir helfen! Manchmal bilden sich auch in einzelnen Städten Bauhandwerker*innen-Stammtische, oder ein Azubihilfe-Netzwerk. Vieles passiert aus der Notwendigkeit heraus. Sobald du mit fünf, sechs Leuten am Tisch sitzt und anfängst zu reden, sagen alle: »Ja, kenne ich, mach dies und das«. Ohne diesen Halt und diese Unterstützung hätten einige ihre Ausbildung abgebrochen. Die Betriebe sind nicht für die Bedürfnisse unterschiedlicher Geschlechter sensibilisiert: Wenn zwei Frauen oder Queers unter 30 cis Männern arbeiten, dann gehen sie einfach unter. Bei unseren Baustellen kommen auch Ungelernte dazu, die vielleicht erst eine Ausbildung anfangen wollen. Wir haben hier viele Tipps, welche Betriebe gut sind und auch schon Frauen und Queers ausgebildet haben.

Bei den BH*T-Projektbaustellen werden vorab Awareness-Grundsätze vereinbart
Bei den Treffen geht es auch viel um Kopfarbeit – den inneren Kritiker rauszukriegen. Wir lernen viel voneinander, auch dadurch, dass die Treffen so altersgemischt sind. Auf dem Treffen dieses Jahr im Februar waren Menschen von 16 bis 76 Jahren. Das war so krass! Bis 1994 gab es in der BRD für Frauen im Bauhauptgewerbe ein Berufsverbot. Frauen aus unserem Netzwerk haben aktiv daran mitgewirkt, dass dieses Verbot aufgehoben wurde – sie haben sogar im Bundestag gesprochen. Das Gesetz war noch aus der Nazizeit. Bis heute dürfen Frauen nicht im Bergbau arbeiten. In der DDR war das anders, da gab es Frauen auf dem Bau. Dafür durfte dort niemand auf die Walz gehen.
Innerhalb des BH*T gab es auch Grabenkämpfe, etwa als Diskussionen über Gendern und die Einbeziehung von trans Frauen aufkamen. Manche sind deshalb weggeblieben, dann aber auch wieder gekommen. Etliche junge, weiblich sozialisierte Menschen auf den Treffen identifizieren sich heute nicht mehr als Frau. Das sind gesellschaftliche Themen, die betreffen uns natürlich auch. Wir diskutieren immer wieder, wie wir weitermachen wollen. Es gibt heute andere Bedürfnisse als früher, aber die Grundprobleme sind immer noch dieselben: Wir ackern uns mit 40 Stunden pro Woche zu Tode, und nach wenigen Jahren sind meine Bandscheiben kaputt. Sich auf den Bau zu verlassen, ist schwer – es ist gut, mehrere berufliche Standbeine zu haben.
Natürlich passiert es auch, dass wir uns zu viel vornehmen, und eine Projektbaustelle nicht fertig wird. Aber meist passiert eher noch mehr, als wir geplant hatten. Wie auf der letzten Projektbaustelle im »Haus des Wandels« im Mai 2025: Stretching, gemeinsames Essen, Skaten, Haare färben … die vielen Möglichkeiten übertrafen sogar unsere Erwartungen!
Aus den Treffen gehen wir gestärkt wieder in den Alltag. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, dass ich es schon gut mache, wird größer. Auf den BH*T-Baustellen kannst du dir etwas aneignen, aber es gibt keinen Leistungsdruck, dass du es perfekt machen musst. Das ist einfach ein bisschen netter. Jede hat ihre eigene Herangehensweise, und immer führen tausend Wege nach Rom. So wachsen im Lauf der Zeit Gelassenheit und Zutrauen: »Mein Weg ist auch richtig, hat auch Bestand.«
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










