Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Die »Neue Wache Heinersdorf« erinnert an diejenigen, die für die Lebendigkeit eintraten und dafür sterben mussten.

erzählt von Mu.D (Muerbe u. Droege), aufgeschrieben von Andrea Vetter

Wer seid ihr und wie viele?

Geschaffen wurde die »Neue Wache Heinersdorf« in Zusammenarbeit verschiedener internationalistischer feministischer Gruppen von etwa einem Dutzend Menschen. Gepflegt wird sie von den im Haus des Wandels« wohnenden Menschen.

Seit wann gibt es euch?

Seit Juni 2025

Wie seid ihr verfasst?

Freie Gruppe

Wo seid ihr zu finden?

Im Garten vom »Haus des Wandels« in Heinersdorf Ostbrandenburg)

Es gab mehrere Bewegungen hin zur »Neuen Wache Heinersdorf« (NWH): Zum einen haben wir uns im »Haus des Wandels« einen Ort des Gedenkens gewünscht, und in unserem Garten gibt es diesen Schuppen, den wir vor Jahren zu renovieren angefangen hatten, und der einfach nicht fertig werden wollte, wohl weil er noch seiner Bestimmung harrte … Zum anderen gab es aus mehreren mit uns befreundeten internationalistischen feministischen Gruppen Impulse zu einer Kunst des Gedenkens. Wir haben uns dann kollektiv dem Aufruf der »Künstlerinnen und Künstler für den Frieden« angeschlossen, durch Kunstaktionen gegen Krieg und für Frieden am 14. Juni 2025 bundesweit der Friedensaktivistin Bertha von Suttner (1843-1914) zu gedenken: An diesem Tag wurde schließlich auch die NWH eröffnet. Die Eröffnungszeremonie war sehr bewegend: Wir haben gemeinsam gegessen, gesungen, geflochten, gelesen, gedruckt und uns erinnert. Die Künstlerin Bibi Müller hat uns zur Einweihung viele ihrer bunten selbstgehäkelten Friedenskissen geschenkt, eine Nachbarin ein Gedicht mitgebracht.

Dass die NWH ein feministischer, antipatriarchaler Ort ist, zeigt sich auch in der Form des Gedenkens. Zunächst ist sie keine Kapelle aus Beton oder mit Jahrhunderten überdauernden Statuen, die an einen monotheistischen Gott erinnern, sondern ein gemauerter Schuppen. Vor allem wird jedoch die Ausgestaltung des Gedenkorts ständig kollektiv weiterentwickelt: gehäkelte Kissen, Bilder, geflochtene Zöpfe aus Stoffresten, Tonschälchen, Votivtafeln, die an ganz verschiedene Menschen erinnern …Viele dieser Dinge werden auch nicht ewig halten. Die Gedenkform ist nicht vorgegeben, ist nicht rigoros, auf keiner Ebene – der Raum hält viele verschiedene Formen aus und kann erweitert werden.

In der NWH lässt sich erfühlen, was Lebendigsein heißt, und sie lädt dazu ein, an jene zu denken, die das nicht mehr mit uns tun können: Verschollene, Gefangene, Verstorbene, Vertriebene. Die, die ihr Leben freiwillig gaben, und die, die sich in den Fängen eines zutiefst gewaltvollen Systems verhedderten und nicht mehr zurückkamen. In der NWH sind sie präsent, weil wir wissen, dass sie waren. In der NWH kommen wir zusammen, strecken uns aus nach einer feministischen Folklore, nach einer matriarchalen Mystik, nach etwas, das uns erlaubt, hier zu sein, hier lebendig zu sein, hier mit denen, die fehlen, zu sein.

Dass Menschen schon immer massenhaft getötet, schon immer Werkzeuge zum Erlegen, Verletzen, Ermorden geschaffen hätten, ist die Ideologie des Patriarchats. Diese Ideologie ist notwendig, um Fragen nicht weiter erörtern und sich Fragen gar nicht erst stellen zu müssen. Homo homines lupus est, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf, und alles was 300000 Jahre Homo sapiens hervorgebracht hätten, wären bloß immer noch raffiniertere Waffen und neue Gründe für Kriege. Aber: Das ist nicht wahr. Unsere Evolution ist auch geprägt von friedlichem Miteinander, von Kooperation, Altruismus, Vertrauen und Verbundenheit. Wie unsere Geschichte erzählt wird, ist auch eine Frage der Geisteshaltung, der Interpretation der Funde: Wir können voraussetzen, dass die hunderten kleinen, einst messerscharfen Klingen, die in den Pyrenäen gefunden wurden, Waffen waren, oder wir können – was mittlerweile gut belegt ist – ihre Funktion als Pflanzenschneider, als Faserhersteller, als Mehlmacher erkennen: Die Doppelaxt wird so zum Schmetterling – und 5ooo Jahre Krieg sind vorbei!

Die Biologin und Autorin Robin Wall Kimmerer sagt, die Dankbarkeit sei eine unserer zentralsten evolutionären Gaben. Wir sind hier und dankbar dafür. Wir feiern gemeinsam das Lebensbejahende und -erhaltende und gedenken jener, die das nicht mehr mit uns tun können. Wir haben überlebt. Die Entscheidungen unserer Ahninnen haben dafür gesorgt, dass wir jetzt, hier Entscheidungen treffen und jetzt, hier Wissen schaffen können, das uns und anderen hilft, weiter zu überleben. Der Trauer einen öffentlichen Ort zu widmen, und sie so aus dem Privaten herauszuholen, war eine bewusste Entscheidung.

Zuvor gab es immer wieder kleinere Altäre im Haus, wenn Menschen, die uns nahe waren, gestorben sind; manchmal haben wir irgendwo im Garten im Gedenken Blumen gepflanzt. Wir wollten, dass nicht jedes Mal, wenn das passiert, ein neuer Ort geschaffen werden muss, sondern ein richtig schöner, von uns gemeinsam gepflegter Ort dauerhaft dem Gedenken gewidmet ist. Und weil es uns auch darum geht, das Leben zu feiern, ist es ein Ort im Garten geworden. Es ist ein ungeheizter Raum, zwar regengeschützt, aber ansonsten ist es, wie in den Wald zu gehen.

Im Sommer haben wir das Massaker an den Jesidinnen betrauert, im November wurde die NHW mitgenutzt, um den »Trans Day of Remembrance« zu begehen. Das sind Momente, die auch unsere Gäste mitbekommen. Alle sind eingeladen, weitere Namen in diese Zöpfe zu hängen. So findet kollektives Lernen statt, das zunächst einmal ungelenkt, ungesteuert ist. Die NHW bietet uns auch einen Raum, in dem wir mit der ansteigenden Gewalt und den brutalen Systemen um uns herum einen anderen Umgang finden können: nicht in Schockstarre zu verfallen, sondern aktiv die Anliegen derer, die uns den Weg bereitet haben oder unsere Mitstreitenden waren, weiterzuführen – anzuerkennen, dass wir auf ihren Schultern und sie noch immer an unserer Seite stehen. Wir können die Stimmen derjenigen sein, die umgebracht wurden. Dabei wollen wir nicht gewaltvolle Kämpfe glorifizieren, sondern sie in aller Klarheit überwinden: Das weiche Wasser bricht den Stein.


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