Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Der Verein »La Foresta« verzeichnet in Open-Source-Karten vergessene Allmendeflächen im Lagarinatal am Gardasee und fragt: Wie kann dieses Land heute aus feministischer und ökologischer Perspektive gemeinschaftlich gehütet werden?
erzählt von Bianca Elzenbaumer und Flora Mammana, aufgeschrieben von Anja Marwege
Wer seid ihr und wie viele?
15 bis 20 Leute unterschiedlichen Alters
Seit wann gibt es euch?
2017
Wie seid ihr verfasst?
Gemeinnütziger Verein
Wo seid ihr zu finden?
Lagarinatal, Region Trentino-Südtirol kurzlinks.de/LaForesta, laforesta.net
Das Lagarinatal in der norditalienischen Provinz Trentino, wo der Verein »La Foresta« in einem noch aktiven und zum Begegnungsort umgestalteten Bahnhof ansässig ist, zählt zu den Gegenden Italiens mit dem höchsten Pestizideinsatz. Die Talsohle ist von monokulturellen Apfelplantagen und Weinbergen geprägt. Lange war uns beiden nicht bewusst, dass hier zumindest in Teilen eine Tradition kollektiven Landbesitzes überlebt hat.
Bianca erzählt
Ich bin zwei Stunden entfernt in den Bergen aufgewachsen und kehrte 2016 nach Erfahrungen mit den Occupy-Protesten in England zurück ins Lagarinatal. Inspiriert von urbanen Commoning-Ideen, wie dem »Recht auf Stadt«, wollten wir uns auch hier im ländlich geprägten Lagarinatal Räume aneignen. So entstand »La Foresta« als Verein und gemeinschaftlicher Treffpunkt für Leute aus den umliegenden Dörfern. Einige von uns erzählten, wie sie als Kinder mit den Großeltern in den Wald gegangen sind, um Holz zu machen. Da fragten wir uns: Was ist eigentlich heute mit diesem Land?
Lange waren wir dem Mythos aufgesessen, dass Allmenden entlegene Almen oben in den Bergen seien. Dann aber lernten wir Agitu kennen, eine aus Äthiopien stammende Ziegenhirtin und Soziologin, die hier im Tal ihre Tiere auf Allmendeweiden direkt am Dorf grasen ließ. Das weckte unsere Neugier: Gab es noch mehr solcher Flächen im Tal? Offizielle Stellen bestritten ihre Existenz, doch ein Förster gab uns Hinweise: Tatsächlich befindet sich in der Nähe von Städten und Dörfern viel Allmendeland, wenn auch teils vergessen oder zergliedert. Die beni collettivi, die weder in privatem noch öffentlichem Eigentum, sondern in gemeinem Besitz sind, wurden oft stillschweigend privatisiert, etwa um Monokulturen anzulegen. Dabei gibt das Gesetz vor, dass der Erlös solchen Lands der Pflege anderer Commons zufließt und es nur in Ausnahmefällen privatisiert werden darf.
Flora erzählt
Ich zog hierher, ohne Grund zu besitzen, hatte aber den Wunsch, zu gärtnern. Es war fast unmöglich, Zugang zu Land zu erhalten. Also begann ich damit, das Gemeinschaftsland zu kartieren, in Tabellen zu erfassen und gemeinsam mit Fachleuten in eine Open-Source-Karte einzupflegen. Daraus ergab sich: Etwa die Hälfte der Region sollten heute noch Gemeinschaftsland sein! Viele Menschen wissen aber gar nicht, dass ihnen Nutzungsrechte an diesem Land zustehen, oder scheitern an juristischen Hürden.
Dort, wo es noch bekannt ist, wird das gemeine Land jedoch meist von den Familienvätern verwaltet, Frauen und Zugezogene bleiben außen vor. Oft stießen wir bei unserer Datenerhebung auf Misstrauen. In den Vereinen, die die gemeinschaftlichen Weiden und Wälder traditionell verwalten, pochen die Mitglieder, meist alte Männer, darauf, die althergebrachten Nutzungsformen beizubehalten, nach dem Motto: Entweder wir schlagen Holz, oder wir machen gar nichts damit. Das führt dazu, dass Jüngere kein Interesse daran haben, mit dem Land zu arbeiten.
Allmenden erkunden und neu fassen
Mit der Karte wollten wir nicht nur dokumentieren, sondern Verbindung zum Land schaffen, an Erinnerungen anknüpfen, andere Lebensweisen wachrufen. Oft wird nämlich vergessen, dass die Nutzung von Allmenden immer Ergebnis von Aushandlungsprozessen war. Im Gegensatz zu anderen italienischen Provinzen kommt im Trentino laut hiesigem Gesetz allen die Aufgabe zu, mitzubestimmen und miteinander auszuhandeln, wie dieses Land genutzt werden soll. Das schließt auch neue Nutzungsformen nicht aus: Umweltpädagogik, Waldkindergärten, Projekte zu Biodiversitätserhalt oder Klimaschutz. Das Land darf von denen, die es pflegen, gestaltet werden.
Mit »La Foresta« besuchen wir diese Landstücke nach und nach und zu verschiedenen Jahreszeiten, ohne genau zu wissen, was daraus folgt. Wir fragen: Was ist dort lebendig? Für wen? Manche liegen neben Industriegebieten oder sind heute Mülldeponien, andere wurden gerade privatisiert oder unerlaubt als Motocross-Gelände genutzt. Doch auch dort spüren wir: Das Land ruft. vielleicht ist Heilung zwischen dem Land und den Menschen möglich.
Es geht darum, sich in das Land zu verlieben.
Die verschiedenen teilnehmenden Gruppen bringen dabei ihre jeweiligen Leidenschaften und Aktivitäten mit: die eine sammelt Müll entlang der Flussauen und entnimmt Wasserproben, die andere macht Körperperformances, während die nächste die Landschaft geschmacklich durch Pop-up-Mahlzeiten erkundet. Es geht um Konvivialität, darum, sich in das Land zu verlieben!Der Wald, der Regen, die Salamander, sie alle geben uns das Gefühl, Teil eines lebendigen Ganzen zu sein.
Inzwischen sind wir nicht mehr allein. Als Gruppe von 15 bis 20 Leuten teilen wir ökofeministische Ideen und Praktiken und experimentieren damit. Das ermöglicht Aktivität, Vielfalt und Wendigkeit. Manchmal kommen Leute aus der Stadt und fragen: Wäre es nicht gescheiter, angesichts der patriarchalen Traditionen von hier wegzuziehen? Dann sagen wir: Diese Commons bergen auch Chancen gelingender Verbindung zwischen den Menschen und der Landschaft. Die alten Allmendepraktiken geben uns Hoffnung, dass das Land auf gemeinschaftliche Weise verwaltet und gehütet werden kann.
Das betrifft auch die vielen Menschen, die kein Privateigentum an Land haben oder erben werden. Die Commonsforscherin Silvia Federici schreibt, dass Frauen erst in den letzten 200 Jahren aus der Allmende-Verwaltung ausgeschlossen wurden. Heute scheint das »normal«. Das wollen wir ändern: Wir wollen, dass Frauen und queere Menschen, Junge und Zugezogene Zugang zu gemeinem Land bekommen und über dessen Verwaltung mitentscheiden können. So entstehen Gemeinschaft, Sicherheit und Perspektiven.
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










