Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas legen niedergebrannte Dörfer, hingerichtete Körper und Massenvertreibungen eine Krise offen, die sich nicht allein durch religiösen Fanatismus oder lokale Kriminalität erklären lässt. In einem Land, das reich an Erdöl und strategisch bedeutsam für den globalen Energiemarkt ist, koexistiert extreme Gewalt mit geopolitischen Interessen, externer Militarisierung und einem Wirtschaftsmodell, das den Staat seiner Mittel beraubt hat, die eigene Bevölkerung zu schützen.
In den Bundesstaaten Benue, Plateau, Borno und Zamfara wiederholen sich Aussagen von Zeug:innen mit nur geringfügigen Abweichungen: Bewaffnete Männer kommen nachts, schießen aus nächster Nähe, setzen Häuser aus Lehm und Wellblech in Brand, töten diejenigen, die zu fliehen versuchen, und entführen Jugendliche. Überlebende berichten vom Geruch brennenden Holzes, vermischt mit dem von verbranntem Fleisch. Kinder, die sich unter Betten verstecken, hören, wie ihre Eltern getötet werden. Frauen rennen mit Babys in den Busch, während Leichen in dreckigen Höfen aufgereiht liegen bleiben.
Es handelt sich dabei nicht um vereinzelte Vorfälle. Es sind wiederkehrende Massaker. Und sie ereignen sich in einem Land, das genug Öl fördert, um eine Schlüsselrolle auf dem globalen Energiemarkt zu spielen.
Ein Staat reich an Ressourcen, arm an Schutz
Nigeria gehört zu den größten Rohölproduzenten Afrikas. Vom Nigerdelta bis zu den Exportkorridoren des Golfs von Guinea bildet Öl das Rückgrat der Wirtschaft. Doch die Einnahmen aus dem Öl schufen keinen schützenden Staat. Sie haben eine abhängige Ökonomie, eine nach Privilegien trachtende Elite und zutiefst ungleiche Gebiete hervorgebracht.
Während im Süden Rohöl für die internationalen Märkte gefördert wird, mangelt es den ländlichen Gemeinden im Norden an grundlegender Infrastruktur, angemessener Gesundheitsversorgung und wirksamer Sicherheit. Der Reichtum an Energie hat nicht zu landesweitem Zusammenhalt geführt.
Das Ergebnis ist ein Staat mit strategischen Einnahmen, aber begrenzten Fähigkeiten, die alltägliche Sicherheit zu gewährleisten.
Die Massaker: mehr als Terrorismus
Boko Haram und ihre Splittergruppe ISWAP führen seit Jahren einen brutalen Aufstandskampf im Nordosten des Landes. Selbstmordanschläge, Massenentführungen, Angriffe auf Dörfer. Doch die aktuell stattfindende Gewalt lässt sich nicht auf ideologischen Dschihadismus reduzieren.
Bewaffnete Banden, lokale Milizen, Konflikte zwischen Bauern und Viehhirten sowie kriminelle Netzwerke, die Entführungen begehen, um Lösegeld zu erpressen, agieren in einem Mosaik sich überlagernder Gewalt. Die Opfer gehören keiner einzelnen Religion an. Muslime sterben. Christen sterben. Unpolitische Bauern sterben. Kinder sterben.
In vielen Dörfern verbleiben die Angreifer stundenlang. Sicherheitskräfte treffen nicht ein. Wenn sie kommen, kommen sie spät – um die Toten zu zählen.
Die Frage ist nicht nur, wer da schießt. Sie lautet auch, warum der Staat keinen Schutz bietet.
Öl, Extraktivismus und strukturelle Vernachlässigung
Nigerias Wirtschaftsmodell ist an Rohöl gebunden. Die Abhängigkeit von Primärexporten machte das Land anfällig für internationale Preisschwankungen. Jahrzehntelange Strukturanpassungsprogramme, gefördert von internationalen Finanzinstitutionen, reduzierten die öffentlichen Ausgaben und schränkten soziale Investitionen ein.
Märkte wurden liberalisiert, Subventionen gekürzt, strategische Sektoren privatisiert. Auf dem Papier war Effizienz das Ziel. In der Praxis blieben viele Regionen mit reduzierten Dienstleistungen und einer verminderten Präsenz des Staates zurück.
Kritisch betrachtet entstand so ein fiskalisch eingeschränkter Staat mit geringeren Instrumenten, um in Bildung, Jugendbeschäftigung und ländliche Entwicklung investieren zu können. In Regionen, die bereits von explosiver Arbeitslosigkeit und Marginalisierung geprägt waren, führte der Mangel an Perspektiven zu einer Zunahme von Rekrutierungen für bewaffnete Gruppen.
Dies ist keine abstrakte Theorie. Es ist eine sichtbare Kausalkette: weniger Sozialstaat, mehr Raum für bewaffnete Akteure.
Externe Militarisierung und nützlicher Krieg
Nachdem Boko Haram in die globale „Krieg gegen den Terror“-Erzählung integriert worden war, wurde Nigeria zu einem strategischen Partner der westlichen Mächte. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich stellten Ausbildung, Geheimdienstinformationen und Ausrüstung zur Verfügung.
In offiziellen Verlautbarungen ist von Sicherheitskooperation die Rede. Aber das Muster ist bekannt: Der militärischen Dimension wird Vorrang vor dem sozialen Wiederaufbau eingeräumt.
Bewaffnen, ausbilden, Operationen koordinieren – ohne die zerstörten Schulen wieder aufzubauen. Ohne Agrarstrukturen zu reformieren. Ohne Beschäftigungsmöglichkeiten für die Jugend zu garantieren.
Gewalt wird zu einer nützlichen Bühne, um militärische Präsenz, strategische Abkommen und die Stärkung von Energieallianzen zu rechtfertigen.
Das ist keine Sicherheit. Es ist die Konsolidierung eines bewaffneten Blocks, der für die geopolitischen Interessen funktionale Stabilität garantiert – auch wenn für die Bauern eine alltägliche Stabilität nie eintritt.
Die Instabilität der Sahelzone als Versuchslabor
Nigeria ist kein isolierter Fall. Der teilweise Zusammenbruch benachbarter Sahelstaaten, die französischen Interventionen in Mali, der Wettbewerb zwischen Mächten um regionalen Einfluss und die Zirkulation von Waffen nach dem Krieg in Libyen schufen instabile grenzüberschreitende Korridore.
Die regionale Militarisierung hat die Gewalt nicht beseitigt. Sie hat sie verlagert, fragmentiert und verfeinert.
In vielen Dörfern sind Waffen leichter zu beschaffen als Trinkwasser.
Menschliche Kosten: Statistiken sind eine Beleidigung
Von Tausenden Toten zu sprechen, reduziert das Grauen auf Zahlen. Gewalt wird aber in konkreten Szenen erlebt: Mütter, die verstümmelte Körper identifizieren; Gemeinschaften, die Dutzende in improvisierten Gräbern bestatten; Kinder, die nach der Beobachtung von Hinrichtungen verstummen.
Mehr als zwei Millionen Menschen wurden in verschiedenen Phasen des Konflikts innerhalb des Landes vertrieben. Überfüllte Lager, Krankheiten, Unterernährung, provisorische Schulen.
Das Öl fließt weiter. Tanker laden Rohöl. Die internationalen Märkte werden stabil versorgt.
In den Dörfern fließt Blut.
Interne und externe Verantwortung
Kritisch zu sein bedeutet nicht, die nigerianischen Eliten freizusprechen. Systemische Korruption, die Vereinnahmung des Staates durch lokale Interessen und Missmanagement der Öleinnahmen sind entscheidende Faktoren.
Doch ebenso wenig lässt sich ignorieren, dass das extraktive Modell historisch von internationalen Konzernen und asymmetrischen Abkommen geprägt wurde. Dass die Militarisierung von außen vorangetrieben wurde. Dass globale strategische Prioritäten selten die Würde von Bauern in Benue oder Borno ins Zentrum stellten.
Die Gewalt wurde nicht in einem ausländischen Labor entwickelt. Aber das Ökosystem, das sie ermöglicht, wurde durch globale Entscheidungen genährt.
Ein Land, das nützlich ist, solange es blutet.
Nigeria ist nützlich als Energielieferant. Nützlich als Partner im Anti-Terror-Kampf. Nützlich als geopolitischer Akteur in Westafrika.
Die unbequeme Frage lautet, ob die Stabilität, die für die Weltmächte von Interesse ist, die Stabilität der Ölströme ist – oder die Stabilität des Alltagslebens seiner Bevölkerung.
Wenn ein ressourcenreicher Staat wiederkehrende Massaker und Massenvertreibungen hervorbringt, ist das Problem nicht nur intern. Es ist strukturell.
Fazit
Die Massaker in Nigeria sind weder ein Stammesunfall noch ein einfacher Religionskrieg. Sie sind das tödliche Zusammentreffen von struktureller Ungleichheit, einem ausbeuterischen Wirtschaftsmodell, geschwächten staatlichen Kapazitäten und internationaler Militarisierung.
Die menschlichen Kosten sind kein Kollateralschaden. Sie stehen im Mittelpunkt.
Wenn die globale Reaktion weiterhin bewaffneten Allianzen und Energiesicherheit Vorrang vor sozialem Wiederaufbau und territorialer Gerechtigkeit einräumt, wird die Gewalt weiter um sich greifen.
Und während das Rohöl durch den Golf von Guinea abfließt, wird die Welt weiterhin die Energie verbrauchen, die in einem Land produziert wird, in dem ganze Dörfer über Nacht verschwinden können, ohne dass sich dadurch der Preis pro Barrel ändert.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!









