Es gibt Bücher, die leise erscheinen – aber mit der Wucht einer Erkenntnis, die man nicht mehr loswird. Paul Sailer‑Wlasits‘ Demagogie gehört zu diesen Werken.
Ein Buch, das ein uraltes Phänomen nicht nur beschreibt, sondern ausleuchtet: Der Wiener Philosoph und Politologe Sailer‑Wlasits nimmt ein Wort, das in Talkshows, Leitartikeln und politischen Debatten längst zur abgenutzten Vokabel geworden ist, und gibt ihm seine analytische Schärfe zurück. Er zeigt, dass Demagogie kein rhetorischer Fehltritt, keine moralische Verirrung und schon gar kein modisches Schlagwort ist, sondern ein Machtprinzip. Ein Prinzip, das sich durch die Jahrtausende zieht, das sich wandelt, tarnt, modernisiert – und doch in seiner Essenz unverändert bleibt.
Ein Archäologe der Sprache
Der Autor führt seine Leser durch die Geschichte wie ein kundiger Archäologe der politischen Sprache. Er legt Schichten frei, die man für verschüttet hielt: die athenischen Volksführer, die römischen Tribune, die charismatischen Prediger des Mittelalters, die Agitatoren der Französischen Revolution. Und schliesslich jene „globalen Sprachtäter der Gegenwart“, die mit digitaler Reichweite und algorithmischer Präzision die alten Muster neu aufladen.
Was bei anderen Publizisten oft in kulturpessimistischer Pose endet, gewinnt hier eine historische Tiefenschärfe, die gerade deshalb beunruhigt, weil sie so nüchtern ist. Sailer‑Wlasits zeigt, wie sich Demagogie von der Agora bis zur Timeline entwickelt hat – und wie sie dabei immer wieder dieselben psychologischen Mechanismen aktiviert: Angst, Ressentiment, Erlösungssehnsucht. Die Kontinuität ist frappierend. Die Formen ändern sich, die Wirkung bleibt.
Sprache als Waffe – und als System
Das Wichtige an diesem Buch ist jedoch etwas anderes: Der Autor zeigt, dass Demagogie kein zufälliges rhetorisches Stilmittel ist, sondern eine anthropologische Konstante. Ein „relationales Machtinstrument“, das sich stets dort einnistet, wo Sprache, Politik und psychologisches Verlangen aufeinandertreffen. Seine Formulierungen sind präzise wie Skalpellschnitte: Demagogie als „verbaler Brandbeschleuniger“, als „höchste negative Entwicklungsstufe der Sprache“, als „performativer Akt der Täuschung“.
Man spürt, wie sehr die Gegenwart in diesen Sätzen mitschwingt. Denn der Verfasser beschreibt nicht nur historische Figuren, sondern liefert eine Grammatik der Manipulation, die sich in den politischen Diskursen unserer Zeit täglich beobachten lässt. Er zeigt, wie Demagogen nicht überzeugen, sondern überreden wollen; wie sie Konflikte nicht lösen, sondern zuspitzen; wie sie die Massen nicht verstehen, sondern instrumentalisieren. Und wie sie dabei eine Form von „Massenempathie“ entwickeln – eine Synchronisierung mit der Menge, die weniger auf Verständnis als auf Berechnung beruht.
Die technologische Zäsur
Dass der Autor die technologische Dimension nicht als modisches Add‑on behandelt, sondern als epochalen Bruch, macht das Buch zu einem Werk von bedrückender Aktualität. Die Ununterscheidbarkeit von wahr und falsch, welche durch KI‑gestützte Kommunikation, Deepfakes und algorithmische Verstärkung möglich wird, erscheint bei ihm nicht als dystopische Fantasie, sondern als logische Fortsetzung einer jahrtausendealten Entwicklung.
Das „Prinzip Demagogie“ – erstmals vollständig freigelegt
Hier liegt die eigentliche Leistung dieses Buches: Sailer‑Wlasits hat das „Prinzip Demagogie“ als historisches, sprachliches und psychologisches Gesamtphänomen freigelegt. Nicht als moralische Kategorie, nicht als politisches Schlagwort, sondern als präzise analysierte Machttechnik.
Er zeigt, wie Demagogie funktioniert, warum sie funktioniert und weshalb sie gerade in Krisenzeiten so verführerisch ist. Er erklärt, warum Gesellschaften immer wieder anfällig für sie sind – und warum moderne Demokratien trotz ihrer institutionellen Stärke sprachlich überlastet sind: „Während Populisten den Diskurs überdehnen und stören, brechen Demagogen dessen Regeln und Prämissen“, schreibt der Autor ohne Pathos und ohne moralische Überhöhung.
Gerade diese Nüchternheit macht die Lektüre so eindringlich. Denn sie zeigt, dass die Verteidigung der Demokratie nicht nur eine institutionelle Aufgabe ist, sondern auch eine sprachliche. Eine Frage der Wachsamkeit gegenüber jenen, die mit Worten nicht überzeugen, sondern verführen wollen. Am Ende bleibt ein Eindruck, der selten ist in der politisch‑theoretischen Literatur: Man ist alarmiert.
Fazit
Demagogie ist ein Buch, das man nicht nur lesen, sondern ernst nehmen sollte. Ein Werk, das die Gegenwart erklärt, indem es die Vergangenheit seziert und ein altes Thema so beleuchtet, als sähe man es zum ersten Mal. Wer verstehen will, warum Demokratien heute so verletzlich und gefährdet sind – und warum Sprache dabei eine entscheidende Rolle spielt –, wird an diesem Buch kaum vorbeikommen.
Bernd F. Ullrich
Paul Sailer-Wlasits: Demagogie. Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen
Königshausen u. Neumann, Würzburg 2025.
224 Seiten. ca. 24.00 SFr.
ISBN: 978-3-8260-8777-6.









