31.01.2026
Es gibt Tage, an denen der Tod in Gaza still voranzuschreiten scheint, ein Leben heute, morgen ein anderes, so als wäre Horror in kleinen Dosen verabreicht worden, um ja das Gewissen der Welt nicht zu sehr zu stören. Und es gibt andere Tage, so wie heute, an denen Gewalt mit der Wucht eines Tsunamis hereinbricht, alles auf seinem Weg wegfegt und uns brutal daran erinnert, dass der Völkermord nicht nur weitergeht, sondern nie aufgehört hat.
In den letzten Stunden wurde der Gazastreifen erneut stark bombardiert. Die Luftangriffe waren auf Gebiete gerichtet, in denen vertriebene Zivilisten konzentriert waren: in Flüchtlingszelten, die nach der Zerstörung ganzer Wohnviertel notdürftig errichtet wurden, sowie in Gebäuden, die von Familien bewohnt wurden, die sonst nirgendwo hin konnten. Dies waren weder militärische Einrichtungen noch Kampfzonen. Es waren Orte minimalen Überlebens, getroffen, obwohl sie voller Zivilisten waren.
Die Explosionen trafen improvisierte Lager für Vertriebene und bereits beschädigte Wohngebäude, wobei Dutzende Menschen, darunter Kinder und Frauen, ums Leben kamen. Ganze Familien wurden unter den Trümmern begraben oder verbrannten in Zelten, die niemals dafür gedacht waren, einem Bombardement standzuhalten. Die Szenen wiederholen sich: Schreie, verstümmelte Leichen, überforderte oder außer Betrieb gesetzte Krankenhäuser, Ärzte, die entscheiden müssen, wen sie zu retten versuchen sollen.
Von „isolierten Eskalationen“ oder „sporadischen Ausbrüchen“ zu sprechen, ist eine Verzerrung. Was in Gaza geschieht, ist keine Reihe voneinander losgelöster Episoden, sondern ein kontinuierlicher Prozess der Zerstörung einer Zivilbevölkerung. Manchmal nimmt die Gewalt an Intensität zwar ab, doch sie hört nie auf. Ein anderes Mal, wie heute, verstärkt sie sich brutal, wie eine Welle, die erneut zuschlägt, bevor der Körper sich vom vorherigen Aufprall erholt hat.
Die verfügbaren offiziellen Zahlen müssen mit einer Genauigkeit gelesen werden wie sie selten in Schlagzeilen zu sehen ist. Mehr als siebzigtausend Palästinenser sind als tot registriert, allerdings nur diejenigen, deren Leichen geborgen, identifiziert und von den Gesundheitsbehörden gezählt wurden. Aber diese Zahl spiegelt nicht das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe wider. Unter den Trümmern von Gaza bleiben rund sechshunderttausend Menschen vermisst, begraben unter ganzen zu Staub zerfallenen Vierteln, ohne Möglichkeit der Bergung, ohne Registrierung und ohne namentlich in irgendeiner Statistik erfasst zu werden.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Es handelt sich nicht um eine geringfügige Korrektur, sondern der Unterschied zwischen einer sichtbaren Tragödie und einer Massenvernichtung, die im Gange ist. Gaza ist heute ein Gebiet, in dem der Tod nicht immer eine Leiche zurück lässt und in dem erzwungenes Verschwinden in städtischem Ausmaß stattfindet.
Der Völkermord kommt nicht nur durch Bombenanschläge zum Ausdruck. Er manifestiert sich auch in der systematischen Blockade von Lebensmitteln, Trinkwasser, Strom und Medikamenten, in der vorsätzlichen Zerstörung von Krankenhäusern, Schulen und sanitären Systemen, in der Auferlegung von Lebensbedingungen, die ein menschliches Überleben unmöglich machen. Das Völkerrecht ist klar: das vorsätzliche Auferlegen von Lebensbedingungen, die zum Ziel haben, eine Menschengruppe ganz oder in Teilen physisch zu zerstören, stellt Völkermord dar. Das ist keine politische Meinung. Dies ist eine rechtliche Definition.
Der Wechsel zwischen Tagen „kontrollierter“ Gewalt und Tagen offenen Massakers ist kein Zeichen von Zurückhaltung, sondern einer Zermürbungsstrategie. Der Schmerz kommt manchmal in Tröpfchen, langsam erodierend, und ein anderes Mal bricht er herunter mit überwältigender Wucht, wie ein Tsunami, der ganze Viertel in wenigen Minuten hinwegfegt. In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe: eine Zivilbevölkerung, gefangen, ohne wirklichen Unterschlupf, ohne wirksamen Schutz, ohne Perspektive.
Unterdessen spricht ein Teil der internationalen Gemeinschaft weiterhin von Friedensprozessen, zukünftigen Verhandlungen und diplomatischen Gleichgewichten. Jedes dieser Worte klingt obszön, wenn es im gleichen Zug damit geäußert wird, dass Zelte für die Vertriebenen und Gebäude, die von Familien bewohnt werden, die bereits alles verloren haben, bombardiert wurden. Es kann keinen Friedensprozess geben, solange die Vernichtung andauert. Es gibt keinen wirklichen Waffenstillstand, wenn sich die Toten weiter aufhäufen, sei es sichtbar oder begraben unter Tonnen von Beton.
Dieser Völkermord geschieht vor den Augen der Welt. Es ist weder ein Geheimnis noch ein isolierter Exzess noch eine unvermeidliche Tragödie. Es handelt sich um ein langanhaltendes Verbrechen, dokumentiert und lange Zeit aufrechterhalten. Der Unterschied zwischen Tagen relativer Stille und Tagen offenen Massakers ändert nichts an seiner Art. Es ändert sich nur die Intensität, in der der Schmerz hörbar wird.
Heute wird Gaza erneut wie ein unaufhaltsamer Tsunami getroffen. Morgen wird der Horror vielleicht wieder rationiert. Aber solange diese Todesmaschinerie nicht an ihrer Wurzel gestoppt wird, wird jeder Tag Teil desselben Verbrechens sein. Und jedes Schweigen, jede Relativierung, jeder Euphemismus wird weiterhin eine Form historischer Mittäterschaft sein.
Claudia Aranda
ist eine chilenische Journalistin mit Spezialisierung auf Semiotik und politische Analyse. Als internationale Analystin konzentriert sie sich auf die prospektive Analyse sozialer Prozesse. Mit Sitz in Montreal, Québec, berichtet sie für Pressenza über Nachrichten und erforscht zeitgenössische philosophische Debatten im Kontext aktueller Ereignisse. Ihre Arbeit legt Wert auf Menschenrechte, Geopolitik, bewaffnete Konflikte, Umwelt und technologische Entwicklung. Sie ist Humanistin und Aktivistin für soziale Gerechtigkeitsanliegen.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!









