Ich erzähle dir mal von einer Bekannten. Ich nenne sie Kate und verändere ein paar Details. Als Kind der Sechzigerjahre startete sie voller Ideale ins Erwachsenenleben. Sie heiratete in jungen Jahren einen Künstler, einen schönen Mann, kreativ, inspiriert, frei. Er würde das Geld verdienen, und sie würde auf dem Land magische Kinder großziehen, um zu einer aufgeklärten Gesellschaft beizutragen.

Es gelang ihnen nie, genug Geld zu sparen, um diesen Hof zu kaufen. Ihr Mann begann als Tischler zu arbeiten. Er schuf wunderschöne Stücke, aber seine Dämonen überwältigten ihn, und er brauchte immer mehr Marihuana und Alkohol, um sie zu vertreiben. Ihre Tage und Jahre vergingen damit, fünf Kinder großzuziehen, aber das Geld war immer knapp.

Noch bevor das letzte Kind aus dem Haus war, kamen die Enkelkinder. Sie lassen sich nur an beiden Händen abzählen. Kates Kinder wurden keine Minnesänger, Dichter oder Erfinder des Wassermannzeitalters, sondern gingen in die Rasenpflege und ins Tankstellengeschäft, wurden Lkw-Fahrer und Fachleute für medizinische Abrechnungen. Sie haben alle Arbeit. Da auch zwei Jobs gerade so reichten, um eine Familie zu ernähren, mussten beide Elternteile arbeiten gehen. Oma kümmerte sich um die Kinder. Jetzt sind die Enkelkinder älter. Kinderbetreuung ist nicht mehr nötig. Was gebraucht wird, ist Geld, und davon hat Kate wenig. Sie liebt es, Pflanzen zu züchten. Vielleicht könnte sie Blumen an einem Straßenstand verkaufen, dachte sie, und ihren Kindern ein bisschen Geld geben. Sie probierte das einen Sommer lang und verdiente null Dollar. Jetzt fühlt sie sich nutzlos.

Und sie erinnert sich an ihre Jugendzeit, an ihre Hoffnungen und Ideale, an das glorreiche Leben, das vor ihr lag. Wie hat es soweit kommen können? Sie wollte nie reich oder berühmt sein. Sie wollte nur dazu beitragen, dass die Menschheit in ein glorreiches neues Zeitalter eintritt. Sie hätte nie gedacht, dass ihr Mann drogen- und alkoholabhängig sein würde. Sie hätte nie gedacht, dass ihr engelsgleicher, kreativer Sohn einmal Chemikalien auf Rasenflächen sprühen würde.

Kates Gefühl, dass das Leben sie betrogen hat, ist in der modernen Gesellschaft weit verbreitet. Warum sonst wäre „New Age” zu einem abwertenden Begriff geworden? Weil seine Versprechen nie eingelöst wurden. Heute fällt es schwer, sich daran zu erinnern (da die meisten von uns noch nicht geboren waren), dass es beim New Age ursprünglich nicht um Kristalle und Engelkarten ging. Das New Age sollte eine umfassende soziale, politische und spirituelle Revolution sein. Die Friedensbewegung, die Bürgerrechtsbewegung, die Frauenbewegung, die globale Entkolonialisierung, die Zurück-zum-Land-Bewegung und die Umweltbewegung nährten den Idealismus der 1960er Jahre, der untrennbar mit dem psychedelischen Erwachen und dem Einzug östlicher spiritueller Ideen und Praktiken in den Westen verbunden war. Was wir heute als „New Age“ kennen, ist das verlassene Kind der gescheiterten Verbindung zwischen Politik und Spiritualität der 1960er Jahre.

Die sozialen Bewegungen der 1960er Jahre konnten einige bedeutende Erfolge verbuchen, aber sie haben sicherlich nicht das Versprechen einer vollständigen Transformation der Welt eingelöst. In mancher Hinsicht geht es der Menschheit heute besser als 1960, in anderer Hinsicht aber viel schlechter. Welcher Hippie hätte im „Summer of Love“ 1967 gedacht, dass die Welt des unvorstellbar futuristischen Jahres 2025 von einem sich immer stärker beschleunigenden ökologischen Zusammenbruch, von Völkermord vor aller Augen, von Hass schürenden Politikern, von zerbrochenen Gemeinschaften, erdrückender Einsamkeit, grassierender Sucht und chronischen Krankheiten geprägt sein würde?

Kein Wunder, dass wir den blauäugigen Idealismus der 1960er Jahre ablehnen, uns sogar ein wenig dafür schämen, so wie ein reifer Mann sich vielleicht für seine eigenen Jugendträume schämt. Aber ist dieser Mann dann wirklich reif? Oder ist er einfach nur gescheitert?

Sind die großen Erwartungen junger Menschen etwas, das man geringschätzen und verwerfen sollte, eine jugendliche Torheit, eine kindische Fantasie, die man loswerden muss, um sich den öden Pflichten des „wirklichen Lebens“ widmen zu können – einem Job. Einer Hypothek. Den Rechnungen. Den Montagen. Den Schulden. Dem Kampf, über die Runden zu kommen. Eine kurze Atempause namens Wochenende, Alkohol oder Drogen. Shoppen. Der Super Bowl. Leere, vorgetäuschte Feiertage. Der Weihnachtsmann. So tun, als würde man sich für Dinge interessieren, die einem insgeheim egal sind. Eine Normalität, von der man sich nie ganz überzeugen kann, oder eine Hölle, aus der man nur noch raus will.

Da warst du, randvoll mit großen Erwartungen und der Energie, sie zu erfüllen, die Augen voller Hoffnung am Beginn der großartigen Reise des Lebens, nur um am Ende hier zu landen? Es betäubt den Schmerz ein wenig, so zu tun, als wäre die Vision von Anfang an falsch gewesen. Wenn es nichts anderes gibt als dieses „wirkliche Leben“, ist es so einfacher, sich damit abzufinden.

Auch auf kultureller Ebene lindert es vielleicht den Schmerz, die Visionen der 1960er Jahre, des New Age, der Great Society und überhaupt alle anderen Visionen der Menschheit von einem Goldenen Zeitalter, dem Krita Yuga, dem Taiping, dem Frashokereti, dem Maitreya-Zeitalter abzutun als bestenfalls angenehme Fantasien und schlimmstenfalls als betäubende Ablenkung von umsetzbaren Lösungen für die reale Welt.

Geben wir uns stattdessen mit kleinen, schrittweisen Veränderungen zufrieden, die zwar die Welt-zerstörende Maschine nur verlangsamen, aber zumindest machbar sind.

Ist das Realismus? Oder ist es Defätismus?

Sollen wir unseren Jugendlichen raten, ihre idealistischen Träume aufzugeben und sich dem zu fügen, was die ältere Generation als realistisch definiert? Oder haben wir den Mut, uns damit auseinanderzusetzen, dass die jungen Leute mit ihrem Idealismus vielleicht sogar recht haben, dass sie nach einer echten Chance streben, dass unsere herablassende Ablehnung vielleicht auf unbewältigte Trauer über unsere eigenen Enttäuschungen, Niederlagen und verlorenen Ideale zurückzuführen ist; und dass wir Angst haben, dass uns diese Ideale genommen werden könnten, wenn wir wieder an sie glauben würden?

Wagen wir zu glauben, dass die verworfenen Utopien der 60er Jahre und davor aus einer echten Zukunft kommen? Wagen wir es, unseren Blick noch einmal zu heben? Wir werden diese Vision vielleicht nicht in unserem Leben verwirklichen können, aber wir können den Puls der Liebe/des Lebens durch das, was wir den Kindern und der Welt geben, in diese Richtung lenken. Mit dieser Absicht könnten wir feststellen, dass sich das Paradies, das uns lockt, bereits in uns befindet.

Ich würde Kate sagen: „Du hast dich nicht geirrt! Es war keine Täuschung. Du bist nicht verrückt, weil du diese Trauer über das Leben empfindest, das du nie hattest. Wenn du darüber weinst, bist du gesund. Du bist ganz. Und wenn du noch in der Lage bist, darüber zu weinen, dann bist du noch nicht besiegt.“

Sie hat sich nie geschlagen gegeben. Wie hätte sie sonst die Geduld aufbringen können, sich all die Jahre lang um all diese Babys zu kümmern, ohne Dank, ohne Lob?

Das ist es, was ich Kate und anderen wie ihr sagen möchte, vielleicht sogar mir selbst, aber vor allem den Frauen, die ihre Liebe ihren Babys und Enkelkindern schenken, ohne dass ihre großartige Leistung für das Leben gefeiert, gelobt oder anerkannt wird. In jeder vernünftigen Gesellschaft würden sie einen höheren Status als alle anderen genießen, denn sie senden den Impuls der Liebe in die Zukunft. Hältst du diese Momente der Baby- und Kleinkindbetreuung, diese endlosen mühsamen Stunden für vergebens? Glaubst du, dass die Liebe nicht bei diesen Kindern ankommt? Sie wachsen vielleicht auf, ohne sich bewusst daran zu erinnern, wie geduldig und liebevoll sie gehalten, getröstet, mit ihnen gespielt und sie beschützt wurden, aber all das bleibt in ihnen und prägt sie. Nicht jedes Kind hat das Glück, das verkörperte Wissen des „Archetyps der Großmutter“ zu erhalten, aber jene, die es empfangen, sind besser gerüstet, um freundlich und geduldig mit der Welt umzugehen.

Jemand muss diese Arbeit tun, um die Welt aus dem Zustand zu holen, in den sie geraten ist. Jemand muss auch die glamourösen Aufgaben übernehmen, die „Führung“, die „Wirkung“, das Organisieren, das Friedensstiften, das Inspirieren, die großen sichtbaren Dinge, die Lob einbringen. Verdientes Lob. Die Anführungszeichen sind nicht ironisch gemeint. Sie sollen nur darauf hinweisen, dass unsere Vorstellungen von Führung und Wirkung nicht ganz passen. Jemand muss diese Dinge tun, aber jemand muss auch die bescheidenere Arbeit machen, die weder Geld noch Lob einbringt und manchmal nicht einmal Dankbarkeit. Das sind die Menschen, die ich am meisten bewundere. Sie sind es, die den Grundstein für eine Zeit legen, in der das Neue Zeitalter tatsächlich Fuß fassen kann. Das Versprechen der Sechzigerjahre, das Versprechen jedes goldenen Moments, der sich von der Utopie auf die Geschichte übertrug, kann nur eingelöst werden, indem wir alle unvollendeten Handlungsstränge zu Ende bringen, welche die Menschheit in den Rollen von Verfolger und Opfer; Retter und Zuschauer; wir und sie; von Verbündetem und Feind; von Held und Bösewicht gefangen halten. Solange wir diese Rollen weiterführen, werden wir Gesellschaftssysteme schaffen, die sie verkörpern.

So wie jede liebevolle Geste in den Enkelkindern, um die sich Kate gekümmert hat, weiterlebt, ist es auch mit jeder anderen liebevollen Geste, egal ob sie einem Kind, einem Sterbenden oder irgendjemandem dazwischen gilt. Sie bleibt in der Welt. Sie bleibt in Gottes Zeugnis. Sie sagt: „Das ist, was ein Mensch ist. Das ist, was ein Mensch tut.“ Sie bringt die Zukunft in Einklang mit der Wahrheit der menschlichen Natur, die sie schafft.

Die deutsche Fassung Charles Eisensteins Beitrages wurde übersetzt von Bobby Langer und Ingrid Suprayan und auf Charles Eisenstein auf Deutsch veröffentlicht. Die englische Originalfassung dieses Blogbeitrages ist hier zu finden.

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