Nachdem die USA, die EU, Großbritannien, Japan und andere Länder dutzende neue Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine-Invasion erlassen und anderem rund 300 Milliarden US-Dollar an russischen Devisenreserven eingefroren hatten, hat Moskau beschlossen, die eigene Nationalwährung bei der Abwicklung der Gasexporte in die “unfreundlichen Staaten“ zu verwenden. Zwar gelten die westlichen Sanktionen gegen die russische Zentralbank als das Hauptargument für die Gasrubel-Strategie des Kremls, allerdings reiht sich diese Entscheidung auch in eine Kette anderer Ereignisse ein, die mit der sogenannten De-Dollarisierung zusammenhängen.

Von Alexander Männer

Im Zusammenhang mit den wegen des Ukraine-Krieges verhängten Wirtschaftsbeschränkungen des Westens gegenüber Russland hatte der russische Präsident Wladimir Putin verordnet, dass die sogenannten unfreundlichen Staaten – es sind 48 an der Zahl, darunter die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Japan und alle EU-Länder, die Sanktionen gegen Moskau erlassen haben – die russischen Gaslieferungen ab dem April 2022 in Rubel bezahlen müssen.

Experten sind der Meinung, dass die russische Führung mit dem “Gasrubel“ in erster Linie die kürzlichen Sanktionen zu umgehen versucht, die Russland im Grunde auch bei dem Gashandel treffen. Denn aufgrund des Einfrierens der Vermögenswerte der russischen Zentralbank können unter anderem russische Energieexporteure über ihre US-Dollar- bzw. Euro-Verkaufserlöse, die auf ihren Konten bei westlichen Korrespondenzbanken gutgeschrieben sind, derzeit nicht verfügen.

Allerdings ist in dieser Angelegenheit ein weiterer entscheidender Aspekt anzuführen, der bislang wenig Beachtung findet. Und zwrar die von Moskau proklamierte Abkehr vom Dollar bei seinen Energiegeschäften, das mit der seit Jahren von Russland, China, Indien und anderen Staaten angestoßenen globalen “De-Dollarisierung“ einhergeht. Damit wollen sie die Macht der US-Währung innerhalb des weltweiten Finanzsystems signifikant schwächen und die eigenen Währungen im Gegenzug aufwerten.

Fortschreiten der De-Dollarisierung im Gas- und Ölhandel

Derzeit gilt das Gasgeschäft als ein Eckpfeiler der weltweiten Dollar-Dominanz der internationalen Wirtschafts- und Finanzarchitektur, mit der wiederum bekanntlich eine gewaltige (geo-)politische Macht für die USA einhergeht.

So werden etwa 80 Prozent aller Banktransaktionen bei dem Kauf und Verkauf von Erdgas in Dollar durchgeführt. Und selbst wenn die Geschäfte, wie im Fall der EU-Länder, in Euro abgewickelt werden, so wird das Gas an der Börse trotzdem in Dollar gehandelt.

Mit seiner Entscheidung hat Putin den Prozess der De-Dollarisierung der russischen Wirtschaft intensiviert, bei der ein Übergang zum Rubel den Handel mit Erdgas in Dollar langfristig mindern und den Einfluss amerikanischen Währung schwächen soll.

So könnten die nationalen Zentralbanken in naher Zukunft etwa damit beginnen, ihre Reserven im Hinblick auf andere Währungen zu diversifizieren. Mittelfristig bleibt der Dollar aber weiterhin gefragt, wie Experten meinen.

Ungeachtet dessen werden mit der US-Währung in letzter Zeit immer mehr Probleme und Risiken verbunden, so dass selbst die Transaktionen, die nicht von Sanktionen betroffen sind, in anderen Währungen durchgeführt werden. Dabei ist vor allem China zu nennen, das bei dem Handel mit seinen Partnern zum großen Teil die eigene Währung – den Yuan bevorzugt.

Diesbezüglich sind die Verhandlungen zwischen China und Saudi-Arabien hervorzuheben, bei denen es darum geht, dass die beiden Länder künftig den Yuan bei ihren Erdölgeschäften verwenden könnten. Die Gespräche zwischen Riad und Peking haben sich beschleunigt, da die saudische Unzufriedenheit mit Washington wächst. Ein entsprechender Vertragsabschluss würde die Dominanz des Dollars auf dem globalen Erdölmarkt beeinträchtigen.

Auch Indien vollzieht zunehmend eine Abkehr vom Dollar. Medienberichten zufolge hat Delhi im vergangenen März einen großen Vertrag über russische Öllieferungen abgeschlossen, bei dem in Rupien bezahlt werden soll. Zudem verhandeln beide Länder derzeit darüber, ihren bilateralen Handel künftig in ihren nationalen Währungen abzuwickeln.

Dollar als globale Leitwährung im Niedergang?

Diese und andere Ereignisse haben die Spekulationen um den US-Dollar und dessen angeblichen Niedergang als Welt-Leitwährung weiter angefeuert. Angesichts der Rekord-Inflation in den USA, der steigenden Staatsverschuldung oder dem immensen US-Haushaltsdefizit 2022 häufen sich die Stimmen, die dem Dollar und der amerikanischen Wirtschaft ein Desaster voraussagen.

Inwiefern die Prophezeiungen realistisch sind, ist fraglich. Unbegründet sind die Spekulationen um eine neue künftige Leitwährung jedoch nicht.

So hatte beispielsweise der Euro den Dollar schon im Oktober 2020 erstmals seit sieben Jahren als die für internationale Zahlungen bevorzugte Währung verdrängt. Laut dem SPIEGEL wurden damals mehr als 37,8 Prozent der Zahlungen in Euro getätigt, der Dollar-Zahlungsverkehr betrug 37,5 Prozent.

Hingegen war 2021 wieder das Jahr des Dollars, der bei dem internationalen Zahlungsverkehr knapp vier Prozent vor dem Euro lag. Dennoch hatte die Investmentbank Goldman Sachs Anfang dieses Jahres bei ihren Prognosen in Betracht gezogen, dass der Euro den Dollar bald als relevanteste internationale Währung ablösen könnte.

Der Faktor Geopolitik und insbesondere die Eskalation im Ukraine-Konflikt haben inzwischen jedoch enorme negative Auswirkungen auf den Euroraum und damit auf den Euro, dem der Dollar deswegen als sichere Anlage favorisiert werden könnte.

Wichtig ist auch zu betonen, dass die US-Währung mit etwa 55 Prozent nach wie vor die größte Position innerhalb der Fremdwährungsreserven der Zentralbanken weltweit darstellt. Fast 90 Prozent aller Devisengeschäfte werden in Dollar abgewickelt und etwa die Hälfte aller internationalen Kredite und Schuldverschreibungen lauten auf die US-Währung.

Daher deuten viele Ereignisse, obwohl sehr aussagekräftig, nicht auf eine abrupte Abkehr oder ein „Ende der Dollar-Ära“ hin. Die Entwicklungen in Europa sowie die Spannungen um Taiwan werden zeigen, ob der Beginn eines langen Prozesses der De-Dollarisierung umgekehrt werden kann oder nicht.

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