Nach Ende des Kalten Kriegs und des Wettlaufs von USA und Russland im All wurde die Internationale Raumstation ISS zu einem Symbol der Völkerverständigung. Heute vor 20 Jahren ging die erste Crew an Bord.

Anderthalb Stunden braucht sie, um in rund 400 Kilometern Höhe einmal die Erde zu umrunden: Die Internationale Raumstation ISS, derzeit die einzige bemannte Raumstation im Orbit unseres Planeten und das bislang größte menschengemachte Objekt im All.

Am Projekt ISS sind 16 miteinander kooperierende Staaten und fünf Raumfahrtagenturen beteiligt, die 1998 im All mit dem Aufbau der Station begannen. Am 2. November 2000 ging mit dem US-amerikanischen Astronauten William Shepherd und den russischen Kosmonauten Juri Gisdenko und Sergei Krikaljow die erste Besatzung an Bord. Seitdem wird die Raumstation dauerhaft von internationalen Raumfahrer-Teams bewohnt, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse in Experimenten gewinnen, die nur in der Schwerelosigkeit erfolgen können. Aktuell befindet sich die Expeditions-Crew Nr. 64 an Bord.

Begonnen hatte die Geschichte der Raumstationen im Orbit des Planeten Erde drei Jahrzehnte zuvor. Ebenso wie die Anfänge der Raumfahrt insgesamt ist auch sie zunächst zutiefst geprägt vom Kalten Krieg. Aufgrund militärischer Motive und wahrscheinlich auch aus Gründen des Prestiges kämpfen die USA und die Sowjetunion seit den 1950er Jahren um die Vormachtstellung im All. Nachdem es der Sowjetunion 1961 gelungen ist, mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins All – und lebendig wieder zurück auf die Erde – zu befördern, setzen die USA alles daran, wenigstens den Wettlauf um den ersten Menschen auf dem Mond zu gewinnen, was ihnen bekanntlich 1969 gelingt. Ein Rückschlag für die Sowjets, die daraufhin unbedingt die Ersten sein wollen, die im Orbit der Erde eine bewohnbare Raumstation errichten.

Unter Hochdruck entsteht so als erste Raumstation der Welt die „Saljut 1“, die 1971 in den Orbit geschossen wird. Doch die Geschichte dieser ersten Raumstation ist keine glückliche. Der Versuch, mit einem Sojus-Raumschiff die erste Mannschaft an Bord zu bringen, scheitert. Zwischen der Sojus und der Raumstation kann keine druckdichte Verbindung hergestellt werden, so dass die Mannschaft unverrichteter Dinge wieder zur Erde zurückkehren muss. Erst eine weitere Sojus-Mission ist erfolgreich und befördert die drei Kosmonauten Georgi Dobrowolski, Wiktor Pazajew und Wladislaw Wolkow im Juni 1971 als erste Menschen an Bord einer Raumstation. Rund drei Wochen bewohnen sie die Station und machen Experimente. Doch aufgrund eines Lecks in ihrer Sojus-Kapsel endet die Rückkehr zur Erde für die drei tödlich. Ohne von weiteren Menschen betreten worden zu sein, wird die erste Raumstation der Menschheit einige Monate nach dem Unglück über dem Pazifik in der Erdatmosphäre zum Verglühen gebracht.

1973 antworten die USA mit der ersten amerikanischen Raumstation, dem „Skylab“, das sich bis 1979 im All befindet und die bislang einzige rein amerikanische Raumstation der Geschichte ist. Umtriebiger zeigen sich in diesem Kapitel der Raumfahrt die Russen. Insgesamt sieben Raumstationen der Saljut-Reihe befördern sie ins All und 1986 schließlich die „Mir“. Als sich Anfang der 1990er Jahre das weltpolitische Klima ändert, koppeln erstmals auch US-Shuttles an der russischen Raumstation im Orbit an. Ein entscheidender Schritt zur Internationalisierung der Raumfahrt, wie sie durch die Internationale Raumstation ISS Ende der 1990er Jahre schließlich verwirklicht wird. Was umso bemerkenswerter ist, als die ersten Pläne für diese Station noch aus den 1980er Jahren stammen – aus den USA, die mitten im Kalten Krieg unter Ronald Reagan einen militärischem Außenposten im All errichten wollen.

Wie lange das Symbol der Völkerverständigung noch im Orbit kreisen wird, ist fraglich. Mühsam haben sich die Betreiberstaaten in den vergangenen Jahren zu einer weiteren Finanzierung des kostspieligen Projekts bis mindestens 2024 durchgerungen. Auch, weil die günstige Strömung der Weltgeschichte, der die ISS ihr Entstehen verdankt, längst einem Klima des neuen Nationalismus gewichen ist, das auch auf den Weltraum übergreift. Als jüngst mit dem bemannten „SpaceX-Crew-Dragon“ erstmals ein kommerzielles Unternehmen erfolgreich Menschen an Bord der ISS brachte, wurde diese Leistung eines US-amerikanischen Unternehmens in den USA als nationaler Sieg inszeniert. Nur, weil es erstmals seit Ende des Space-Shuttle-Programms 2011 nun wieder möglich ist, Astronauten von amerikanischem Boden aus zur ISS zu befördern, statt wie seit 2011 lediglich von Russland aus in Sojus-Raumschiffen.

Doch Konkurrenten in der Raumfahrt sind nicht mehr nur die ehemaligen Hauptparteien des Kalten Kriegs, USA und Russland. Auch andere Nationen streben in den Orbit, zum Mond und zum Mars. Nach den Versuchs-Raumstationen Tiangong 1 und 2 will China bis 2022 eine dauerhafte Raumstation im Erdorbit platzieren. Indien plant Ähnliches für 2030.

Für die weiteren Schritte des Menschen ins All und seinen ersten Besuch auf unserem roten Nachbarplaneten wurden während der vergangenen 20 Jahre auf der ISS wichtige Erkenntnisse gewonnen. Über technische Herausforderungen eines dauerhaften Aufenthalts im Weltraum ebenso wie über seine körperlichen Folgen für Raumfahrer. Zu befürchten ist gegenwärtig jedoch, dass der wichtigste Erkenntnisgewinn des ISS-Projekts verloren gehen könnte: Dass Raumfahrt ein Unternehmen der Menschheit ist, kein Spielplatz für nationalistischen Größenwahn.

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