Satelliten zum Wohle der Menschheit – wirklich?

17.05.2020 - Claudie Baudoin

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch verfügbar.

Satelliten zum Wohle der Menschheit – wirklich?

Gestern Abend, als wir uns um das erste Lagerfeuer der Saison versammelt hatten, ließ uns dieser Anblick den Atem anhalten:

Unsere Wahrnehmung war noch deutlicher, als auf diesen Bildern zu sehen ist. Wir konnten zwei „Zuglinien“ von Lichtpunkten beobachten – perfekt ausgerichtet, im gleichen Abstand zueinander, in rasantem Tempo, in einer nicht auszumachenden Entfernung. Unsere Freunde hatten zwei Tage zuvor bereits das Gleiche beobachtet und sich ausgiebig über die Herkunft dieser „nicht identifizierten Objekte“ kundig gemacht. Wir haben aus dem Radio erfahren, um was es sich handelte! Außerdem beteiligen wir uns nicht an den waghalsigen Spekulationen. Jedoch hinterlässt die direkte (und erstemalige) Wahrnehmung dieses Phänomens, das nichts Natürliches an sich hat, ein eigenartiges Gefühl, das zwischen „Faszination“ („Das ist unglaublich!“) und „Beunruhigung“ („Das ist wirklich gruselig!“) schwankt.

Das Weltraumunternehmen von Elon Musk hat gestern Abend erfolgreich eine achte Gruppe von Objekten ins All gebracht, die zu den mehr als 600 in der „Konstellation“ Starlink gehören.

Der Weltraumzug könnte letztlich an die 12 000 Satelliten umfassen, von denen jeder 260 kg wiegt. Starlink wird von Elon Musk als eine Aktion gänzlich zum Wohle der Menschheit präsentiert. Zum Wohle der ganzen Menschheit? Das Projekt besteht darin, in der Erdumlaufbahn mehrere Tausend kleiner Telekommunikationssatelliten zum Einsatz zu bringen, um überall auf dem Planeten Zugang zu Breitband-Internet erhalten zu können … und um den gesamten Planeten schneller und lückenloser überwachen zu können?

Der Start am 17. Februar wurde in der französischen Presse als der 6. und letzte Start angekündigt. [1]  Der Lockdown hat jedoch das Ganze beschleunigt.

Das Projekt wird freilich von einigen Wissenschaftlern scharf kritisiert

  • wegen der Zunahme des Risikos von Kollisionen im All (darum hat der Lockdown auch etwas Gutes!)
  • wegen des Weltraummülls (aber wer macht sich schon Gedanken wegen der schon jetzt extremen Verschmutzung außerhalb unseres Planeten?)
  • wegen der Lichtverschmutzung, die die Satelliten mit sich bringen und die Astronomen bei ihren Beobachtungen beeinträchtigt.

In einem kürzlich veröffentlichten Artikel haben wir festgestellt, dass eine neue Ära möglich ist, wenn wir uns in wachsendem Maße an Ereignisse, Entscheidungen oder Richtungen unserer Epoche anpassen. Und natürlich sollte der wissenschaftliche und technische Fortschritt bei dieser Anpassung selbstverständlich an vorderster Stelle stehen. Aber doch wohl so, dass der Fortschritt der Menschheit dient und wir unserer Verantwortung für die Erde, auf der wir leben, voll gerecht werden.[2]

Worum es sich jedoch hier handelt, ist ein ausschließlich gewinnorientiertes Projekt einer privaten amerikanischen Gesellschaft – Space X, die von der US-Regierung die Genehmigung erhalten hat, seine etwa 12.000 Satelliten in der viel geringeren Höhe von 500 km ins All zu bringen (wohingegen die mittlere Erdumlaufbahn eine Höhe von 2000 bis 36000 km hat), um von nun an eine viel schnellere Verbindung, schätzungsweise von weniger als einer Sekunde zu ermöglichen. Diese Satelliten werden sich zu den 2063 bereits vorhandenen hinzugesellen, und ich überlasse Ihnen die Vorstellung von der exponentiellen Kurve angesichts der Menge der Starts. [3]

Die verhängnisvollen Konsequenzen dieser Projekte von rein privaten Gesellschaften sind zu Recht beunruhigend.  SpaceX ist dabei nicht die einzige, die in diese Richtung geht: OneWeb, LeoSat, Kuiper und Telesat hegen ähnliche Pläne. Wir stellen fest, dass der Lockdown des gesamten Planeten diesen Gesellschaften in keinster Weise geschadet hat – ganz im Gegenteil!

Diese Vorhaben bedrohen die Menschheit einmal mehr, und zwar auf kurze Sicht hinsichtlich der Frage, wofür die Satelliten tatsächlich genutzt werden, sowie mittel- und langfristig durch die Gefährdung des Flugverkehrs, durch neue Einschränkungen der Beobachtungsmöglichkeiten für die Astronomen und durch bleibenden Weltraummüll. Sie schlagen eine Richtung für die Zivilisation ein, die nichts Evolutionäres hat, selbst wenn es Elon Musk gefällt, sich als Menschenfreund des Jahrhunderts zu präsentieren.

In der Tat verspricht dieses Projekt der Menschheit einen noch nie dagewesenen Komfort bei den Internetverbindungen. Nun gut! Auf Kosten des Anblicks unseres Sternenhimmels, Quelle so vieler Inspirationen auf Grund seiner immensen Schönheit? Die Leuchtkraft dieser Satelliten entspricht der des Polarsterns. Wegen der Nähe der neuen Satelliten werden wir am Himmel schon bald die Sterne nicht mehr von ihnen unterscheiden können.

„Solange es Sterne gibt am Himmelszelt, ist dies ein Glück für das schutzlose Leben der Bettler dieser Welt“ heißt es in einem französischen Chanson. Man könnte fast fürchten, dass es „wir, die armen Schlucker“ sind, die künftig auf dieses „Geschenk des Himmels“ verzichten müssen.

Es sei denn, dass die Zivilisation in einer nicht allzu fernen Zeit eine neue Richtung einschlägt, hin zu einer Universellen Menschlichen Nation, die gemeinsam und gleichzeitig fordert, dass Himmel und Erde Zonen sind, die es vor der Gier des Menschen zu verteidigen gilt (ZAD[4]),  um sie der wahren Wissenschaft anzuvertrauen, damit sie die Lebensbedingungen der Menschen und ihre Gesundheit verbessert und es ermöglicht, das Leid zu überwinden. Himmel und Erde werden den wahrhaftigen Wissenschaftlern überantwortet, aber auch den Dichtern und Künstlern als Sammler und Bewahrer der Wunder und Mysterien der endlosen Welten. Diese sind unzerstörbar. Und man kann weder den Raum, noch die Zeit, noch die Unendlichkeit menschlicher Möglichkeiten „einschließen“.

Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!


[1] http://www.leparisien.fr/high-tech/que-sont-ces-points-lumineux-visibles-dans-le-ciel-20-04-2020-8302824.php
[2] https://www.pressenza.com/fr/2020/04/adaptation-croissante-pour-le-monde-dapres/?fbclid=IwAR2V0LbWt7Z-76ZHBXd11fUFqmghWdaF_wdMlUunj_0dsfDbvjOMK96qg_k
[3] https://www.futura-sciences.com/sciences/questions-reponses/satellite-satellites-tournent-autour-terre-7065/
[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Zone_à_défendre

Kategorien: Europa, International, Meinungen, Menschenrechte
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