Eiskalte Geopolitik (III)

22.08.2019 - Berlin - GERMAN-FOREIGN-POLICY.com

Eiskalte Geopolitik (III)
(Bild von David Mark auf Pixabay | CC0)

Ungeachtet aller plakativ vorgetragenen Bekenntnisse zum Klima- und Umweltschutz strebt Deutschland nach Zugriff auf die in der Arktis vermuteten Rohstoffvorkommen. Entsprechend stellen sich die neuen „Arktisleitlinien“ der Bundesregierung dar. Diese gehen davon aus, die rasant voranschreitende Eisschmelze an den Polkappen habe bereits zu einem „geopolitischen Wettlauf“ um die Ausbeutung der dadurch zugänglich werdenden „natürlichen Ressourcen“ geführt.

Gleichzeitig forcieren Think-Tanks der deutschen Streitkräfte vehement die Militarisierung der arktischen Gebiete und begründen dies mit den Interessen Deutschlands als „maritimer Wirtschaftsmacht“. Gefordert werden unter anderem der Aufbau einer „arktischen Brigade“ der Bundeswehr, die Beschaffung von Eisbrechern und die Ausrüstung der sogenannten EU-Battlegroups für die Kriegführung unter Bedingungen extremer Kälte. Erst unlängst haben Gebirgsjäger des deutschen Militärs erneut den „Winterkampf“ jenseits des Polarkreises trainiert. Die teilnehmenden Soldaten wurden dabei von ihren Ausbildern bewusst in lebensgefährliche Situationen gebracht.

Ökonomische Interessen

Bei ihrem Besuch in Island Anfang dieser Woche präsentierte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Weltöffentlichkeit als engagierte Umweltschützerin. Anlässlich eines Treffens nordeuropäischer Regierungschefs forderte Merkel, mit der Natur „pfleglich“ umzugehen und ihr mit „Demut“ zu begegnen.[1] Ähnlich hatte sich der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) Mitte des Monats während einer Visite in den arktischen Gebieten Kanadas geäußert. Maas betonte die dringende Notwendigkeit, dem in der Polarregion am deutlichsten spürbaren Klimawandel durch einschneidende umweltpolitische Maßnahmen zu begegnen: „Dafür sind wir alle in der Verantwortung. Sonst werden die Generationen, die nach uns kommen, von der Welt nicht mehr das haben, was ihnen zusteht.“[2] Dessen ungeachtet hat die Bundesregierung wiederholt das ökonomische Interesse Deutschlands an der Arktis als „groß“ bezeichnet. Durch das rasant voranschreitende Abschmelzen der Polkappen seien nicht nur die darunter lagernden Rohstoffe „leichter zu erschließen“, heißt es; auch die sogenannte Nordostpassage vor der Küste Sibiriens verspreche „eines Tages eisfrei zu sein“: „Deutsche Reedereien besitzen die viertgrößte Handels- und die größte Containerschiffsflotte der Welt; neue Seewege wären ein erheblicher Einflussfaktor für den Außenhandel Deutschlands.“[3] Entsprechend doppelbödig fallen die gestern vom Auswärtigen Amt veröffentlichten novellierten „Leitlinien deutscher Arktispolitik“ aus.[4]

Arktische Ressourcen

Diese Doppelbödigkeit zeigt sich nicht zuletzt an den Arbeiten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Im Rahmen ihres 2013 begonnenen und bis Ende 2020 terminierten Projekts PANORAMA („Potenzialanalyse des Europäischen Nordmeeres und angrenzender Randmeere der Arktis“) erforscht die staatliche Einrichtung die unter dem Polareis vermuteten Erdöl- und Erdgasvorkommen. Die „Förderung und Nutzung arktischer Ressourcen“ lägen „im deutschen Interesse“, da „Rohstofflieferungen aus Anrainer-Staaten der Arktis“ wie Russland und Norwegen „für die Energieversorgung Deutschlands“ von „großer Bedeutung“ seien, heißt es zur Begründung.[5] Dabei geht die BGR offenbar davon aus, dass die Ausbeutung der besagten Ressourcen zu gravierenden Umweltschäden führen wird. Der Projektbeschreibung zufolge untersuchen die beteiligten Wissenschaftler denn auch spezielle Mikroorganismen, die in der Lage sind, in Erdöl und Erdgas in großer Menge vorhandene Kohlenwasserstoffe zu zersetzen. Ziel sei es, die „natürlichen Grundlagen und Prozesse“ für die Reduktion bei der Rohstoffförderung entstehender „Kontaminationen“ besser bewerten zu können, erklärt die BGR.[6]

Der Wettlauf der Mächte

Wie die BGR bekennen sich Think-Tanks der deutschen Streitkräfte zur „Ökonomisierung der Arktis“. Die durch den Klimawandel ermöglichte „Nutzung maritimer Ressourcen sowie deren Abbau am Meeresboden“ tangierten ebenso die Interessen der „Wirtschaftsmacht“ Deutschland wie die Inanspruchnahme bislang nicht befahrbarer Seewege, schreibt etwa ein Mitarbeiter einer an der Münchner Bundeswehr-Universität angesiedelten Forschungsgruppe. Mit dem Auswärtigen Amt teilt er die Ansicht, es habe bereits ein „geopolitischer Wettlauf“ um den Zugriff auf die polaren Regionen eingesetzt, bei dem insbesondere Russland und China als Hauptkonkurrenten des Westens in Erscheinung träten. So sei im Fall der Nordostpassage zu befürchten, dass „russische Kontrolle als politisches Werkzeug eingesetzt“ werde, heißt es. China wiederum gilt dem Verfasser der Studie nach eigenem Bekunden als „raumfremde Macht“, die ihre „vornehmlich wirtschaftlichen Interessen in der Arktis zivil und notfalls auch militärisch weiter unterstreichen könnte“.[7]

Eisbrecher für die Bundeswehr

Um für die von ihm geschilderten „Zukunftsszenarien“ bestmöglich gewappnet zu sein, empfiehlt der Autor, die Bundeswehr auf den „Einsatz in der Arktis“ vorzubereiten: „Diese Maßnahmen betreffen vor allem die Verlege- und Versorgungsfähigkeit von Verbänden im arktischen Raum, den Aufbau einer arktischen Brigade und maritimer Einsatzgruppen in enger Zusammenarbeit mit Dänemark und Norwegen.“ Zudem fordert der Wissenschaftler die „Beschaffung eines oder mehrere(r) EU-Eisbrecher zu Eskortier- und Forschungszwecken“ sowie die Ausrüstung von zwei bis drei „EU-Battlegroups“ für die Kriegführung unter den in der Polregion herrschenden extremen klimatischen Verhältnissen. Auch seien die Planungs- und Befehlsstrukturen von EU und NATO gemäß den Erfordernissen des neuen Interessengebiets zu erweitern, heißt es abschließend: „Letztlich sollten Überlegungen eines European Arctic Command … oder eines NATO Arctic Command … angestellt werden, um im Konfliktfall die europäischen und transatlantischen Interessen im Norden wahren zu können.“[8]

„Winterkampf“

Die Bundeswehr hat unterdessen bereits zum wiederholten Mal ein Manöver jenseits des Polarkreises absolviert. Erst Anfang dieses Jahres trainierten Soldaten der im bayerischen Bad Reichenhall stationierten Gebirgsjägerbrigade 23 in Nordnorwegen den „Winterkampf“ unter extremen klimatischen Bedingungen.[9] Das Szenario der Übung „Eiskristall 2019“ sah eine „Luftlandung“ aus Richtung Osten in den „Verfügungsraum“ eindringender „feindlicher Kräfte“ vor; die Aufgabenstellung lautete: „Angriff und schwachen Feind vernichten“. Wie einem in der deutschen Militärpresse veröffentlichten Manöverbericht zu entnehmen ist, erfüllten die Gebirgsjäger diesen Auftrag zur vollen Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten – „im scharfen Schuss“.[10]

Soldaten der Gebirgsjägerbrigade 23 trainieren unter extremen Witterungsbedingungen bei der Übung Eiskristall im Gebiet Bardufoss-Skjold/Norwegen, am 02.02.2018. ©Bundeswehr/Mario Bähr

Überleben im Schnee

Integraler Bestandteil der Übung „Eiskristall 2019“ war laut Bundeswehr das „Überleben in Schnee und Kälte“.[11] So mussten die beteiligten Soldaten etwa bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt im Freien nächtigen. Trainiert wurde zudem das Verhalten bei einem Einbruch in das Eis eines zugefrorenen Gewässers. Den deutschen Streitkräften zufolge mussten sich die Gebirgsjäger zu diesem Zweck am Rand eines in die Eisdecke geschlagenen Lochs aufstellen und in voller Montur ins Wasser springen. Dass die Übungsteilnehmer dabei sterben oder bleibende gesundheitliche Schäden davontragen können, war offenbar von vornherein einkalkuliert. „Für den Körper ist es eine maximale Belastung. Schon allein der Unterschied von 37 Grad Körpertemperatur und null Grad Wassertemperatur“, erklärte die das Training überwachende Oberstabsärztin Ingrid Jähnert und fügte hinzu: „Es besteht eine erhöhte Gefahr einer Herz-Rhythmus-Störung oder eines Herzstillstandes.“[12] Berlin nimmt damit schon bei seinen Vorbereitungen auf einen – möglicherweise großen – Krieg in der Arktis Tote in Kauf.

Weitere Informationen zur deutschen Arktis-Politik finden Sie hier: Eiskalte Geopolitik (I), Eiskalte Geopolitik (II) und Kampf um die Arktis.

[1] Merkel sieht in Deutschland Nachholbedarf bei Gleichberechtigung. tagesspiegel.de 20.08.2019.
[2] Steine, wo früher Eis war. tagesschau.de 16.08.2019.
[3] Strategische Vorausschau: Der Arktisdialog. bmvg.de 29.06.2018.
[4] Auswärtiges Amt (Hg.): Leitlinien deutscher Arktispolitik. Verantwortung übernehmen, Vertrauen schaffen, Zukunft gestalten. Berlin, August 2019.
[5] Rohstoffpolitische Situation in der Arktis. bgr.bund.de.
[6] Nutzung fossiler mariner Rohstoffe in der Arktis – Chancen und Risiken. bgr.bund.de.
[7], [8] Konstantinos Tsetsos: Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arktis. Metis-Studie Nr. 2, März 2018.
[9] Schwerpunkt: Eiskristall 2019 – Winterkampf extrem. bundeswehr.de 15.02.2019.
[10] Eiskristall „Ausbildung im besonderen Fähigkeitsprofil der Gebirgsjägertruppe unter arktischen Bedingungen“. esut.de 14.06.2019.
[11] Übung Eiskristall 2019: Überleben in Schnee und Kälte. bundeswehr.de 11.02.2019.
[12] Übung Eiskristall 2019: Eingebrochen im Eis – was tun? bundeswehr.de 13.02.2019.

Kategorien: Europa, Ökologie und Umwelt, Politik
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