Mit allen Mitteln versuchen die Profiteure der Klimakatastrophe die positiven Impulse Greta Thunbergs zu diskreditieren.

Über Jahrzehnte hieß es, „die Jugend“ sei passiv, nur technikverliebt und politisch uninteressiert. So nörgelten vor allem die Älteren. Und wenn sich mal eine junge, ein mutige und kreative Bewegung bildet, die die Verhältnisse aufmischt? Dann nörgeln Ältere ebenfalls an ihr herum. Greta Thunberg, die erst 16-jährige schwedische Umwelt-Aktivistin, hat schon jetzt Großes bewirkt — nicht nur gemessen an ihrem Alter. Natürlich können die Beharrungskräfte, die unsere Umwelt an den Rand des Abgrunds getrieben und die Interessen künftiger Generationen nach dem Motto „Nach uns die Sintflut“ mit Füßen getreten haben, das nicht auf sich sitzen lassen. Schon laufen boshafte Kampagnen mit dem Ziel, Greta lächerlich zu machen, sie als unprofessionell und als Marionette diverser PR-Interessen abzukanzeln. Verhindern wir, dass auch dieser wertvolle Impuls wieder kaputt gemacht wird! Reihen wir uns ein — auch als nicht mehr ganz so Junge — in eine große Protestbewegung für das Überleben unseres Planeten!

Aus der Halle drangen Schreie, der Boden bebte unter dem Getrampel der Eindringlinge. Baro nahm den Überfall der jugendlichen Horde wie im Traum war. Ein junger Mann, nein, ein Kind steckte seinen Kopf durch die Tür des Salons und befahl ihn heraus. Er stellte sich zu den anderen Heiminsassen auf den Gang. Es war eine gespenstische Situation: dort die grimmig dreinblickenden Jugendlichen, hier die festlich herausgeputzte, vor Angst schlotternde Abendgesellschaft der Alten.

Schließlich löste sich eine junge Frau aus den Reihen der Jugendlichen. Provozierend langsam schritt sie die Front der Alten ab, inspizierte sie so abschätzig, wie ein Arzt die Kandidaten bei der Musterung. „Lächerlich“, sagte sie schließlich und gab das Zeichen zum Abmarsch. Lächerlich. Mehr nicht. Baro hätte sich kein vernichtenderes Urteil über seine Generation vorstellen können.

Dies sind Sätze aus meinem Roman „GO! — Die Ökodiktatur“, der bereits vor 26 Jahren erschienen ist. In dem besagten Kapitel stürmen Jugendliche eine „Altensiedlung“, in der Politiker, Wirtschaftsführer, Journalisten, Werber und andere Vertreter der ehemaligen Eliten konzentriert sind, für die es in der Gesellschaft keine Verwendung mehr gibt.

Ich erinnerte mich an diese Passage, nachdem ich am 1. März in Hamburg auf einer Fridays-for-Future-Demo Zeuge wurde, wie die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg vor mehr als dreitausend Schülern den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft die Leviten las. Sie versprach, dass man den Schulstreik so lange aufrechterhalten werde, bis ernsthaft erkennbar wird, dass der Klimaschutz ganz oben auf der politischen Agenda steht.

Da dies vermutlich nicht oder nicht rechtzeitig genug geschehen wird, werden eben jene als „die größten Schurken der Geschichte“ — Originalton Greta Thunberg — in Erinnerung bleiben, die es in verantwortlicher Position haben geschehen lassen. Sie haben zugelassen, dass die kommenden Generationen nichts anderes zu tun haben werden, als das schreckliche Erbe auszulöffeln, das wir, die Tätergeneration, ihnen hinterlassen.

„Lächerlich. Baro hätte sich kein vernichtenderes Urteil über seine Generation vorstellen können“.

Dass die Bewertung der jungen Revoluzzerin aus meinem Roman den Nagel auf den Kopf trifft, zeigt sich überdeutlich an den Reaktionen auf die von Greta Thunberg losgetretene Klimaschutzbewegung, die vor allem durch ihre radikalen Forderungen besticht.

In zuvor nie da gewesener Offenheit schleuderte die junge Schwedin den versammelten Staatschefs auf der 24. (!) Weltklimakonferenz folgenden Satz entgegen: „Sie alle hier haben ja nicht einmal den Mut, die Tatsachen zu benennen. Selbst diese Last laden Sie uns Kindern auf!“

Diese Art von Klartext ist man in den abgehobenen Kreisen unserer politischen Entscheidungsträger nicht gewohnt. Schon gar nicht von Kindern, deren Demos man ja schlecht mit Wasserwerfern, Gummigeschossen und Tränengas auflösen kann. Deren Zulauf man zähneknirschend, aber lächelnd zur Kenntnis nehmen muss.

Wie etwa EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, der bei einem Treffen mit Greta Thunberg in Brüssel die neue Schülerbewegung ausdrücklich lobte:

„Ich begrüße sehr, was junge Menschen zur Zeit in Europa bewirken, ich habe die letzten Jahre oft bedauert, dass junge Menschen sich eigentlich nicht ins Zeug werfen, wenn es darum geht, wichtige Dinge von der Stelle zu bewegen.“

Wie verlogen kann man sein? Was zum Teufel hat seine Kaste, deren Aufgabe es wäre, wichtige Dinge wie den Klimaschutz von der Stelle zu bewegen, denn bisher geleistet? Erinnert sich jemand an das Foto, auf dem er sich hinabbeugt und der kleinen Greta die Hand küsst? Brrrr. Gänsehaut, die auch nach dem Betrachten des Bildes noch eine Weile anhält.

Wie unvorbereitet das jugendliche Erwachen die im eigenen Saft schmorenden „Volksvertreter“ getroffen hat und wie stümperhaft damit umgegangen wird, lässt sich auch an den Personen Merkel und Lindner festmachen. Unsere Kanzlerin fühlte sich zunächst völlig überfahren. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz sprach sie von „hybrider Kriegsführung“, mit der vor allem Russland gezielt Propaganda und Desinformation verbreite. Wörtlich sagte sie:

„Dass plötzlich alle deutschen Kinder nach Jahren ohne jeden äußeren Einfluss auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen.“

Schon kurz nach ihrer Rede stellte Regierungssprecher Seibert auf Nachfrage jedoch klar, Merkel finde das Engagement der Schüler „ausdrücklich gut“, es habe sich bloß um ein „Beispiel für die Mobilisierung durch Kampagnen im Netz“ gehandelt. Der Rauten-Salto rückwärts war wieder perfekt gelungen. Greta Thunberg konterte Merkels Worte vom äußerlichen Einfluss übrigens erstaunlich souverän: Sie erkenne in der Aussage der Kanzlerin ein problematisches, immer wiederkehrendes Muster, in dem es um alles Mögliche geht, aber eben nicht um den Klimawandel.

Und jetzt zu Christian Lindner, einer der herausragenden Witzfiguren, mit der unsere Parteienlandschaft aufzuwarten weiß. Vor ein paar Monaten überraschte der FDP-Vorsitzende mit der Aussage, dass man beim Bäcker nie wissen könne, ob der vor einem in der Reihe stehende Ausländer ein Akademiker oder ein Terrorist sei. Jetzt mischte er sich auf seine unnachahmliche Art in die Fridays-for-Future-Debatte ein. Der Welt am Sonntag sagte er:

„Ich bin für Realitätssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis“.

Bitte?! Profis? Profit trifft es wohl eher. Um diesen auch in Zukunft nicht zu gefährden, jedenfalls nicht für seine Klasse, mobilisiert er erneut den Stammtisch als Brecheisen gegen das „kindliche Aufbegehren“:

„Statt zu demonstrieren und Stunden zu verpassen, sollten die Schüler lieber in den Unterricht gehen und sich über physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenhänge informieren!“

Klar, Schule schwänzen geht in Deutschland genauso wenig, wie unbefugt den Rasen zu betreten. Auf dieses Argument setzt Lindner, das wird schon funktionieren. Daneben muss jedes übergeordnete Ziel verblassen.

Und schon wächst die Fraktion derer sprunghaft an, die den Eltern von Schulschwänzern eine heftige Geldstrafe aufbrummen wollen. Neben der „Strafgeld-Keule“ werden in der öffentlichen Debatte natürlich noch andere Kaliber aufgefahren, um die junge Protestbewegung zu diskreditieren und zu spalten.

Der schwedische Wirtschaftsjournalist Andreas Henriksson, dessen Spezialgebiet die PR-Branche ist, äußerte sich dazu auf seiner Facebookseite: Bei Greta Thunberg handele es sich lediglich um eine Marionette, die erfunden wurde, um das neue Buch von Gretas Mutter, der Opernsängerin Malena Ernman, zu promoten. Seitdem machen Kimawandelleugner weltweit mobil. Die Diffamierungskampagne gegen die „selbsternannte Jeanne D‘Arc der Ökologie“ läuft auf vollen Touren. Das eigentliche Anliegen der demonstrierenden Schüler droht aus dem Blickwinkel einer breiten Öffentlichkeit zu geraten und im üblichen Ränkespiel verschiedenster Interessen zermalmt zu werden, bis wieder alles in ranziger Butter ist.

Und genau dies, liebe Freunde, gilt es zu verhindern!

Es gilt zu verhindern, dass ein überlebenswichtiger Impuls, der zudem aus der Jugend kommt, nicht daran gehindert wird, in unser aller Bewusstsein zu dringen, damit unsere Kinder und Enkelkinder überhaupt noch eine Zukunft haben. So weit ist es gekommen.

Was mich an der Klimadiskussion, wie sie nach Greta Thunberg geführt wird, stört, ist die Tatsache, dass zu viele Leute sich zu schnell Absolution erteilen wollen. Es ist viel die Rede von der „Klimaindustrie“ und davon, dass man doch der Spur des Geldes folgen solle, um die „Klimahysterie“ zu verstehen. Das mit dem CO2 sei eine gigantische Lüge et cetera.

Vergesst die CO2-Debatte. Der Wissenschaftsstreit ist so alt wie die Wissenschaft selbst, die außerdem noch korrumpierbar ist, wie so ziemlich alles und jeder auf dieser Welt. Es müsste eigentlich bekannt sein, dass zum Beispiel einer der größten Global Player, Koch Industries, wissenschaftliche Studien mit der Vorgabe in Auftrag gegeben hat, den Klimawandel vehement zu leugnen. Die Spur des Geldes führt eben mal da hin, mal dort hin.

Das sagt aber doch nichts darüber aus, in welch verheerendem Maße unsere Spezies auf diesem Planeten wütet.

Und wer angesichts der katastrophalen Verhältnisse, die wir bereits hergestellt haben — und die ja nicht besser, sondern immer schlimmer werden, — so tut, als sei unser gigantisches Vernichtungswerk, auch an uns selber übrigens, noch in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, wer nicht in seinem tiefsten Herzen betroffen ist von dem erbarmungslosen Krieg, den die Menschheit gegen ihre Mitwesen auf diesem Planeten, ja gegen die gesamte Erde führt, kann mir nur herzlich leid tun. Er lebt nicht mehr, er ist erkaltet …

PS: Gestern schrieb mir übrigens ein Freund aus Sachsen. Er ist Lehrer und arbeitet angesichts der Freitagsdemos auch mit meinem Roman „GO! — Die Ökodiktatur“ im Unterricht. „Aber so richtig kann ich aus den Freitagsaktionen keine Hoffnung schöpfen“, bemerkt er abschließend, „denn ich glaube nicht, dass die lieben Kinder nach der Demo auch zum notwendigen Handeln inklusive des zwingenden Verzichtes vieler lieb gewordener Gewohnheiten bereit sind …“

Diese Befürchtung, zu der ich leider auch tendiere, sollte uns aber nicht daran hindern, unseren kritischen und engagierten Kindern mit aller Kraft zur Seite zu stehen. Und wenn wir ihnen nur erklären, mit welchen Tricks man sie auszubremsen versucht.

Dieser Beitrag erschien erstmalig bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse unter CC BY 4.0.


Dirk C. Fleck, Jahrgang 1943, studierte an der Deutschen Journalistenschule in München, volontierte beim Spandauer Volksblatt in Berlin, kreierte dort mit dem „Magazin“ die erste Wochenendbeilage einer deutschen Tageszeitung, war Lokalchef der Hamburger Morgenpost, sowie Redakteur bei Tempo, Merian und Die Woche. Er arbeitete als regelmäßiger Kolumnist für Die Welt und die Berliner Morgenpost und war für den Stern, den Spiegel und Geo als Autor tätig. Sei dem Jahr 2000 widmet sich Fleck ausschließlich seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Für seine Romane „GO! — Die Ökodiktatur “ und „Das Tahiti Projekt“ erhielt er den renommierten Deutschen Science Fiction Preis. Flecks Hauptthema ist der drohende ökologische Kollaps und die Neuordnung der globalen Zivilgesellschaft.