Ein Wendepunkt in der Geschichte der Arbeit

04.08.2016 - Pressenza London

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar.

Ein Wendepunkt in der Geschichte der Arbeit
Ein Schwarm Mini-Roboter

Die neue Welle der Automatisierung kündigt Veränderungen in der Gesellschaft an. Aber wie können wir sicherstellen, dass niemand dabei auf der Strecke bleibt?

Miklos Kis 3.August 2016 für open Democracy

Die so genannte Sharing Economy und die neueste Welle der Automatisierung scheinen die alten Regeln neu zu schreiben.

Einige tiefgehende Transformationen finden momentan gleichzeitig in der Welt der Arbeit statt. Aspekte der so genannten Sharing Economy und der neuen Welle der Automatisierung scheinen die alten Regeln neu zu schreiben. Die langfristigen Konsequenzen dieses Wendepunktes hängen von den Gesetzgebungen ab, die von den verschiedenen Regierungen beschlossen werden.

Es ist eine heiß diskutierte Frage, ob die Technologie innerhalb der nächsten paar Jahrzehnte mehr Jobs zerstören oder erschaffen wird. In den Nachrichten lesen wir über autonom fahrende Autos, die drohen eine ganze Reihe von Berufen verschwinden zu lassen: Lastwagenfahrer, Busfahrer, Taxifahrer – sogar Uber-Fahrer. Wir lesen von automatisierten Supermärkten oder Hotels. Forschungsergebnissen von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne zufolge bestehen 47% des gesamten US Arbeitsmarktes aus Berufen, die innerhalb der nächsten oder übernächsten Dekade automatisierbar werden könnten.

Optimisten verweisen auf die Geschichte: Automatisierung hat kurzfristig die Jobs verringert, aber auch die Preise der Produkte gesenkt, Löhne angehoben und Möglichkeiten für neue Produkte und Jobs eröffnet. Dies war der Fall als die Automatisierung der Landwirtschaft die Entwicklung der modernen Industrie ermöglichte. Genauso hat die Automatisierung der Industrie zum Dienstleistungsgewerbe in den entwickelten Ländern beigetragen und die Bedeutung des Dienstleistungssektors ist immernoch am Wachsen. Warum also sollten wir im Lichte der historischen Erfahrung über die Automatisierung des Dienstleistungssektors besorgt sein?

Um die Wahrheit zu sagen, es mag einige Gründe geben.

Das Anwachsen der Ungleichheit scheint nicht aufzuhalten zu sein

Zuerst einmal scheint das Anwachsen der Ungleichheit nicht zu stoppen zu sein. Oxfam zufolge haben die reichsten 1% ihren Anteil am globalen Vermögen von 44% im Jahr 2009 zu 48% im Jahr 2014 ansteigen sehen. Dies ist verbunden mit einem Abwärtstrend im Anteil der Arbeit am Bruttoinlandsprodukt fast überall auf der Welt seit den Achtzigern, welcher zum Auseinanderdriften der Einkommensungleichheit beigetragen hat. Dieser Niedergang hat den Konsum geschwächt und ein Defizit in der Nachfrage produziert, gefolgt von steigender Arbeitslosigkeit, wie im aktuellen Bericht der ILO (International Labour Organisation) nachzulesen.

Wenn Einkommen umverteilt wird von Arbeit zu Kapital, wie Nouriel Roubini sagt, fliesst es von denjenigen, die eine höhere Neigung zum Ausgeben haben (Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen) zu denjenigen die eine höhere Neigung zum Sparen haben.

Ein Optimist würde vorschlagen, dass Technologie eine neue Industrie mit brandneuen Produkten mit Millionen von Jobs schafft. Das klingt toll. Aber wer wird die Produkte kaufen, wenn die Nachfrage ungenügend ist?

Desweiteren gibt es einen riesigen Unterschied zwischen ansteigender Produktivität und dem insgesamten Ersatz von menschlicher Arbeitskraft. Historische Erfahrungen sind mehr als nur Produktivität. Mechanisierung bedeutete bessere Werkzeuge für die menschliche Arbeit, aber die kommende künstliche Intelligenz auf menschlichem Niveau könnte zu einem kompletten Ersatz führen, ein radikaler Wendepunkt in der Arbeit und in der menschlichen Geschichte.

Der erste Schock der Gesellschaft wird der autonome Transport sein. Viele Kommentatoren sind besorgt über Uber und Lyft, weil sie relativ gute Taxifahrerjobs ersetzen, welche Teil des regulierten Arbeitsmarktes sind. Künstliche Intelligenz wird auch Uber-Fahrer-Jobs ersetzen und dabei einen tieferen und langfristigen Effekt auf den Arbeitsmarkt haben als dieser Teil der Sharing Economy.

“Wir müssen unseren Garten kultivieren.” Diese Weisheit ist nicht überholt.

Wie können wir uns auf diese Änderungen vorbereiten? Viele Theoretiker so wie Robert Reich schlagen ein universelles Grundeinkommen vor. Das scheint eine logische Lösung zu sein, aber es ist nicht genug, Geld an jeden zu verteilen für etwas Essen und ein bißchen Unterhaltung. Menschen brauchen das Gefühl von Achtung und Wichtigkeit. Arbeit ist zu integriert in unserem Leben und würde ein zerstörerisches Vakuum hinterlassen. Sie bietet ein Gefühl von Zugehörigkeit, Status, Identität und noch vieles mehr.

„Wir müssen unseren Garten kultivieren,“ schlußfolgert Voltaire in Candide. Diese Weisheit ist nicht überholt. Menschen wollen Werte schaffen und daher ist die Arbeit wichtig. Das Ergebnis der Arbeit wird normalerweise gemessen durch Geld – ausser in speziellen Fällen, so wie Wikipedia. Die meisten Menschen sind daran gewohnt, dass Arbeit Produkte hervorbringt und dass für diese Produkte jemand etwas bezahlt. Wenn niemand für ein Produkt zahlen möchte, dann ist es nicht als wirkliches Produkt anerkannt, noch ist seine Anfertigung als Arbeit anerkannt, aber eine Amateurtätigkeit und ehrenamtliche Arbeit wird nur selten als die beste Lösung für das Problem der Abwesenheit von Arbeit gesehen.

Aber wenn die Menschheit frei wäre von der Fron der Arbeit, wie könnte sie dann diese neu gefundene Freiheit nutzen? Niemand möchte eine Gesellschaft, in der nur eine Minderheit ein nützliches, aktives Leben führt, denn, wie Hans-Peter Martin und Harald Schumann in Die Globalisierungsfalle schrieben, „nur 20% der Bevölkerung werden in naher Zukunft ausreichen, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten.“

Martin und Schumann zitieren Experten einer Konferenz im Jahr 1995 im Fairmont Hotel in San Francisco, die auf Initiative von Michail Gorbachow mit 500 führenden Politikern, Wirtschaftsführern und Akademikern stattfand. Obwohl dieses Treffen vor mehr als 20 Jahren stattfand sind seine Auswirkungen bis heute spürbar – über Martins und Schumanns Buch überlieferte sie uns zwei Ausdrücke: „20-to-80-society“ und „Tittytainment“.

„20-to-80-society“ besagt, dass aktive 20 Prozent der Bevölkerung an Leben, Einkommen und Konsum teilnehmen werden. Der Begriff „Tittytainment“ wurde geschaffen von Zbigniew Brzezinski, dem Berater für nationale Sicherheit von Jimmy Carter, der meinte, dass die frustrierte Weltbevölkerung bei Laune gehalten werden könnte mit einer Mischung aus Essen zum Überleben und verdummender Unterhaltung.

Aber beide Visionen und Vorschläge sind moralisch unakeptabel, weil sie inkompatibel mit dem Konzept der menschlichen Würde sind. „Tittytainment“ – in dem Sinne, dass viele Menschen ihre Freizeit passiv mit dem Konsum von Produkten der Massenkultur verbringen – haben wir schon seit vielen Jahrzehnten. Wie bei dem Konsum von Alkohol liegt das Problem vor allem im Übergebrauch und der Sucht nach TV Shows und Computerspielen. Aber natürlich wird die erweiterte Realität es uns erlauben, immer betäubendere und süchtig machendere Spiele zu kreieren.

Vielleicht werden wir viele Menschen sehen, die vor der Freiheit fliehen, um Erich Fromm’s Ausdruck zu verwenden. Sie werden freiwillig wählen, neue Abhängigkeiten und Süchte einzugehen, was dem big business neue Möglichkeiten eröffnen wird. „Jeder spekuliert darauf, ein neues Bedürfnis in jemand anders hervorzurufen, um ihn zu frischem Opfer zu drängen, um ihn in eine neue Abhängigkeit zu bringen und ihn zu einer neuen Art Vergnügen und damit ökonomischen Ruins zu verführen,“ schrieb Marx über die Marktwirtschaft.

Der andere Vorschlag der Fairmont Konferenz betraf ein weites Feld von ehrenamtlicher Gemeinschaftsarbeit, Nachbarschaftshilfe, sportliche Aktivitäten und andere Arten von Zusammenkünften. „Diese Aktivitäten könnten durch eine moderate Vergütung aufgewertet werden, welche das Selbstwertgefühl von Millionen von Menschen unterstützten würde,“ bemerkte ein Experte. Aber ist das weniger besorgniserregend?

Wir sind an einer Wegscheide. Ein Weg führt zu einer Dystopie, in welcher die Mehrheit in einer modernen Form des antiken Rom ihre menschliche Würde verliert. Der andere Weg wäre besser. Dazu ist weniger Ungleichheit notwendig und viel mehr Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Bildung. Das könnte uns zu einer modernen Version des antiken Athens führen, wo Menschen kreativ sind und sich aus eigenem Vergnügen mit Wissenschaft und Kunst beschäftigen, nur dass die Sklaven durch Androiden ersetzt wurden. Aber dies klingt natürlich nach einer Utopie.

Über den Autoren

Miklos Kis ist ein Ungarischer Journalist. Finde ihn auf twitter: @mikloskis.

Übersetzung aus dem Englischen Johanna Heuveling

Kategorien: Europa, Wirtschaft
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