Irgendwann auf der Reise, irgendwo zwischen Erschöpfung und stiller Besinnung, begann ich mir eine einfache Frage zu stellen. Warum ist es für Tiere leichter, Afrika zu durchqueren, als für die Afrikaner selbst?

Von Kimberley Khasiala

Die meisten meiner Freunde hatten mich gewarnt. „ Nimm einfach einen Flug nach Lusaka. Das ist schneller, sicherer, stressfreier.“ Und sie hatten in vielerlei Hinsicht recht. Aber ich entschied mich trotzdem für die Straße. Nicht weil es bequem war, sondern weil ich Afrika so erleben wollte, wie es wirklich ist. Nicht von oben über den Wolken, sondern vom Boden aus, wo die echten Geschichten spielen.

Zusammen mit dem Humanisten-Team brachen wir an einem Freitag um 17:00 Uhr in Arusha in Tansania auf. Als wir in Lusaka in Sambia ankamen, war es Sonntag um 3:00 Uhr morgens. Über 60 Stunden unterwegs. Viel länger als die geplanten 40 Stunden. Eine Reise die  nicht nur quer durch Länder führte, sondern auch an die Grenzen von Geduld, Belastbarkeit und Perspektiven.

Die erste Etappe führte uns in einem Kapricon-Reisebus nach Mbeya. Der Bus füllte sich unterwegs bis auf den letzten Platz. Irgendwann stiegen Massai-Fahrgäste ein, die in ihre leuchtenden traditionellen Trachten gekleidet waren. Ihr Auftreten war auffällig, aber dennoch vertraut. Ihre Art, sich zu kleiden und zu sprechen, spiegelte unmittelbar die ihrer kenianischen Landsleute wider – eine stille Erinnerung daran, dass die Kultur in Afrika sich oft über die auf Landkarten eingezeichneten Grenzen hinwegsetzt.

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Was mich am meisten beeindruckte, war ihre Widerstandsfähigkeit. Da keine Sitzplätze mehr frei waren, gab man ihnen Eimer zum Sitzen für eine Reise, die ungefähr 19 Stunden dauern sollte. Keine Beschwerden. Kein Widerstand. Nur stille Duldung.

Später am Abend, während eines Zwischenstopps, stieg ich aus, um Wasser zu kaufen. Als ich vorbei ging, rief einer von ihnen freundlich: „ Karibu tule, dada.“ Komm, iss, Schwester. Sie teilten ihr gebratenes Ziegenfleisch mit mir.  In diesem Augenblick fühlte ich etwas, das tiefer ging als den Hunger zu stillen. Ich spürte ein Gefühl der Zugehörigkeit. Fremde, und doch keine Fremden.

Dann kamen die Grenzen.

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In Tunduma Nakonde offenbarte sich uns die Realität des Reisens innerhalb Afrikas. Verspätungen. Durcheinander. Falschinformationen. Ein Angebot, das in Mbeya günstig erschien, löste sich langsam auf. Der Bus, für den wir bezahlt hatten, war nicht der Bus, in den wir einstiegen. Die Abfahrtzeit änderte sich ständig. Irgendwo dazwischen stellten wir fest, dass uns zu viel berechnet wurde.

Der Grenzübertritt selbst war ein anderes Erlebnis. Fragen prasselten auf uns nieder. Es herrschte Misstrauen, es gab Verzögerungen und unnötiges Hin und Her. Irgendwann wurden wir sogar gebeten, unseren Besuch durch unseren Gastgeber zu bestätigen. Später erfuhren wir, dass reibungslosere Grenzübertritte oft  mit der inoffiziellen Erwartung einhergehen, dass Geld in die Pässe gesteckt wird. Ob das nun stimmte oder nicht, ließ es uns mit der Frage zurück, warum das Fortbewegen innerhalb unseres eigenen Kontinents sich so schwierig anfühlt.

Schließlich überquerten wir die Grenze zu Fuß. Es hatte geregnet und der Weg war schlammig und unwegsam. Wir zerrten unsere Koffer durch das Chaos und gingen mit Bedacht den vorbeirauschenden Motorrädern aus dem Weg. Auf gewisse Weise fühlte sich das symbolisch an. Vorwärtskommen, aber nicht ohne Anstrengung.

Auf der sambischen Seite setzte sich die Reise mit neuen Herausforderungen fort. Der Bus, in den wir stiegen, war alt und  mit Waren überladen. Fisch, Holzkohle und verschiedene Frachtgüter verstopften den Mittelgang und hinterließen einen strengen Geruch, der stundenlang an uns hing. An einer Haltestelle wurde uns für das Essen der doppelte Preis berechnet, nur weil wir Ausländer waren. An einer anderen warteten wir länger als erwartet ohne klare Ansage.

Trotzdem haben wir weitergemacht.

Als wir endlich in Lusaka ankamen, wurden wir von der Müdigkeit überwältigt. Da wir keinen Internetzugang hatten, um ein Taxi zu bestellen, vertrauten wir auf einen gut gekleideten Fahrer, der uns eine reibungslose Fahrt versprach. Sein Auto erzählte jedoch eine andere Geschichte. Es sah älter aus als unsere Reise selbst. Der Motor klang wie wenn er aus dem letzten Loch pfiff und der Kofferraum war voller Ölbehälter, als brauche das Auto ständige Beschwichtigung, um weiterzufahren.

Während der Fahrt unterhielt er uns mit Geschichten, fast so, als wolle er uns vom Zustand des Wagens ablenken. Irgendwann bog  er in ein Wohnviertel  ab und behauptete, er müsse mehr Öl nachfüllen. Wir tauschten Blicke aus, hatten aber keine andere Wahl. Später verlangte er mehr Geld. Als wir uns weigerten, hielt er den Wagen an und sagte uns, er könnte nicht weiterfahren.

Es war 2 Uhr morgens.

Wir wurden mitten auf der Straße mit unseren Koffern zurückgelassen. Müde, frustriert, aber noch immer auf den Beinen. Wir machten uns auf den Weg, unsicher darüber, wie weit wir noch gehen müssen. Glücklicherweise hat unser Gastgeber uns unterwegs aufgelesen und brachte uns in Sicherheit.

Das war unsere Begrüßung in Sambia.

Doch jenseits von Erschöpfung und Frustration gab es etwas Tieferes, das in mir nachgewirkt hat.

Bei dieser Reise ging es um mehr als nur das Reisen. Es ging darum, die Realität zu verstehen, mit der viele Afrikaner konfrontiert sind, wenn sie ihren eigenen Kontinent durchqueren. Die Verspätungen, die Ausbeuterei, die Ungewissheit. Systeme, die die Mobilität schwieriger machen als es sein sollte.

Und doch gab es inmitten von all dem Momente der Menschlichkeit. Die Massai, die ihr Essen teilten. Gespräche mit Fremden. Lachen in unangenehmen Situationen. Kleine Erinnerungen daran, dass, selbst wenn Systeme versagen, Menschen dies oft nicht tun.

Es erinnerte mich an die große Wanderung in Ostafrika, bei der Gnus ungehindert von der Serengeti zur Masai Mara ziehen. Keine Pässe. Keine Fragen. Keine Schranken. Einfach nur ein von der Natur geführtes Fortbewegen.

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Wieso ist das so problematisch für uns?

Ein grenzenloses Afrika bedeutet keine Regelungslosigkeit. Es geht um das Vorhandensein von  Gerechtigkeit, Effizienz und Würde. Es geht darum, Systeme zu schaffen, die es den Afrikanern erlauben, sich frei zu bewegen, zu vernetzen und sich ohne unnötige Härten zu entwickeln.

Denn wenn die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, werden auch die Möglichkeiten begrenzt. Und wenn die Möglichkeiten begrenzt sind, verlangsamt sich der Fortschritt.

Diese Reise vermittelte mir, dass Widerstandskraft in gewöhnlichen Menschen steckt. Sie zeigte mir, dass man selbst an  unerwarteten Orten noch auf Freundlichkeit stoßen kann. Und sie hat mich daran erinnert, dass Veränderung nicht nur notwendig, sondern möglich ist.

Wenn du dich jemals für die Straße anstatt für die Lüfte entscheidest, sei  darauf vorbereitet. Sie wird dich auf die Probe stellen. Aber sie wird dich auch belehren.

Und vielleicht wirst auch du dich irgendwann während der Reise fragen:

Was wäre, wenn Afrika nicht durch seine Grenzen geteilt, sondern durch sein Volk vereint wäre?

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!


Kimberley Khasiala is a journalist, writer, and digital marketer with a strong background in advocacy and communications. She has experience in content creation, social media strategy, and digital campaigns that drive engagement and amplify impact. Her work focuses on African travel, culture, and social issues, using storytelling to inspire dialogue and advocate for a more connected and borderless Africa.