Wenn US-Präsident Donald Trump von der Wehrhaftigkeit des iranischen Regimes, insbesondere hinsichtlich der globalen Auswirkungen einer Sperrung der Straße von Hormus überrascht wurde, ist dies Ausdruck einer unterkomplexen und naiven Sichtweise miteinander zusammenhängender Prozesse.
Von Klaus Moegling
Epistemische Gewalt als Bedrohung
Mit der Erzeugung und Durchsetzung von Wissen und darin enthaltenen Einstellungen sowie Haltungen wurden nicht nur in der Vergangenheit Gewalttaten legitimiert und Herrschaftsstrukturen geschaffen, die der Realisierung von ökonomischen und politischen Interessen machtvoller gesellschaftlicher Gruppen dienten. Gesellschaftliche Deutungshoheit wurde in historischer Hinsicht mit einer Verbindung aus Waffengewalt und religiösen Glaubenslehren durchgesetzt und war die Grundlage der Kolonialisierung, chauvinistischer Herrschaft des Patriarchats sowie von Kriegen und Genoziden.
Die österreichische Politikwissenschaftlerin Claudia Brunner weist an vielen historischen Beispielen nach, wie Wissens- und Glaubenssysteme den mit Waffengewalt angegriffenen Kulturen aufgezwungen wurden. Die weitgehende Vernichtung der Existenz und der Kulturen indigener Völker in Nordamerika und deren Einstufung als ‚Wilde‘, die Vernichtung anderer Sichtweisen der Welt über die von der katholischen Kirche durchgeführten ‚Hexenverbrennungen‘ sowie die Durchsetzung der Rassentheorie zur Versklavung von Millionen afrikanischer Menschen sind Beispiele dieser epistemischen Gewalt. Sie führte zu Massenmorden, Naturzerstörung und kultureller Vernichtung und Zerstörung von Identitäten.
Wenn US-Präsident Trump kritisiert wird, die ‚iranische Zivilisation vernichten‘ zu wollen und seine Absicht zitiert wird, den ‚Iran in die Steinzeit zurück zu bomben, wo er hingehört‘, dann finden wir hier eine aktuelle Form epistemischer Gewalt angesprochen, die in einer Kontinuität derartiger historischer Gewaltausübung steht.
Eine Analyse vergangener und aktueller politischer Strukturen und Prozesse sollte Zusammenhänge sehen und verschiedene Blickwinkel einnehmen, bevor eine Urteilsbildung erfolgt. Dies bedeutet im hier verwendeten Verständnis, eine derartige Analyse und Urteilsbildung sollte ganzheitlich sein.
Ganzheitliche Gesellschaftsanalyse
Die Kategorie der ‚Ganzheitlichkeit‘ wurde aufgrund dessen begrifflichen Missbrauchs durch totalitäre Herrschaftsregime längere Zeit in den Sozialwissenschaften mit Vorbehalten betrachtet. Dennoch bietet ein politikwissenschaftlich durchdachtes Verständnis von Ganzheitlichkeit eine enorme Erkenntnischance und die Kategorie der Ganzheitlichkeit verdient eine Revitalisierung in der sozialwissenschaftlichen Diskussion.
Zunächst geht es darum, die Verbindungen verschiedener gesellschaftlicher Prozesse und Fakten zueinander offenzulegen. Gibt es übergeordnete Gesichtspunkte, die eine Verbindung einzelner Vorgänge herstellen und sie in einen Zusammenhang erscheinen lassen? Die Kompetenzen des Spezialisten für Details sind also mit den Fähigkeiten des Generalisten für Zusammenhänge zu verbinden. Des Weiteren sind gesellschaftliche Perspektiven mehrdimensional aus verschiedenen Blickrichtungen zu analysieren und zu beurteilen, um eine umfassendere Abwägung im Rahmen der Meinungsbildung zu ermöglichen. Wer also den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine – irreführend bezeichnet als ‚militärische Spezialoperation‘ – mit den Sicherheitsinteressen Russlands angesichts einer nach Osten expandierenden NATO als vollständig legitimiert ansieht, missachtet massiv das existenzielle Interesse der ukrainischen Bevölkerung, das staatliche Interesse an der Selbsterhaltung sowie die völkerrechtlichen Grundsätze der UN-Charta, welche einen Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat verbieten. Wer allerdings ebenfalls russische Sicherheitsinteressen außen vorlässt und von Russland gezogene ‚rote Linien‘ missachtet, wird wohl keinen diplomatischen Ausweg aus dem Krieg in der Ukraine finden.
Unterkomplexe Sichtweisen sind gefährlich
Oftmals voneinander getrennte Bereiche, wie Körper, Geist, Psyche und Gesellschaft, wie Umwelt, Wirtschaft und Gesundheit oder Identität, Religion und Krieg können nicht nur getrennt und hochspezialisiert, sondern sollten auch als miteinander zusammenhängende Bereiche in einem holistischen Sinne verstanden werden. Das Ganze ist auch hier mehr als die Summe seiner Teile. Teilbereiche wirken systemisch zusammen und können eine dynamische und weltumspannende Wirkung zeigen. So zeigt uns die Verbreitung des Coronavirus, wie der gesellschaftliche Umgang mit einem Virus zu Ansteckungsängsten in den Menschen, zu einem veränderten zwischenmenschlichen Verhalten, zu wirtschaftlichen Krisen, wie dem Umsatzeinbruch von Unternehmen und Massenentlassungen, sowie politischen Krisen führen kann. Genauso kann die Corona-Krise zeigen, dass ein neoliberales Wirtschaftsregime, im Zuge dessen die Privatisierung und Kommerzialisierung des Gesundheitswesens vorgenommen wird, nicht geeignet ist, eine Pandemie erfolgreich zu bekämpfen. Der schreckliche Preis sind Unmengen von Schwererkrankten und Toten.
Nicht zu verstehen, wie alles zusammenhängt, kann daher höchst gefährlich sein. Auch die Wirkungen alltäglichen Verhaltens, also auf der Mikroebene, zu unterschätzen, kann äußerst gefährlich sein. Zu unterschätzen, was das alltägliche mediale Betrachten von Morden und zwischenmenschlicher Quälerei und das virtuelle Mitwirken in diesem Geschehen im jungen Menschen anrichten kann, bedeutet die psychische Anfälligkeit und die begrenzte mentale Verarbeitungsfähigkeit der Menschen zu übersehen. Massenschießereien in Schulen und todbringende Anschläge, aber auch die Bereitschaft, im Krieg zu töten, sind u.a. Ausdruck dieser Ignoranz bzw. von profitorientierten Interessen der entsprechenden Medienkonzerne.
Klimazerstörung aus einer holistischen Perspektive
Der Zusammenhang wird ebenfalls deutlich, wenn wir uns die Verbrennung von Braun- oder Steinkohle zur Beheizung aber auch zur industriellen Energieproduktion in ihrer Verbindung zur Freisetzung weiterer Klimagase betrachten. Die u.a. durch die CO 2 -Emissionen entstehende Klimaaufheizung führt zu vielfältigen Auswirkungen von der Veränderung der Meeresströmungen, über die Entstehung von Wüsten, dem vermehrten Auftreten heftiger Stürme, dem Abschmelzen der Gletscher, dem Anstieg des Meeresspiegels bis hin zum Auftauen des Permafrostbodens und der entsprechenden Freisetzung wiederum Klima relevanten Methans. Die klimatischen und ökologischen Verschiebungen und Verwerfungen führen zu Klimatoten, Massenfluchten und Völkerwanderungen, die wiederum oftmals bereitwillig von den Einheimischen nicht hingenommen werden und zu gewalttätigen Auseinandersetzungen sowie zur Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse in eine rechtsextreme Richtung führen.
Wasser – ganzheitlich betrachtet
Wasser scheint im globalen Norden noch etwas Selbstverständliches zu sein. Im globalen Süden hingegen ist es ein zentrales Thema, das über Leben und Tod entscheidet. Im Februar 2026 versammelten sich die Regierungsvertreter von 55 afrikanischen Staaten in Addis Abeba zur 39. ordentlichen Versammlung der Afrikanischen Union. Das Hauptthema dieser Versammlung bestand in der Problematik um das Thema Wasser. Ein Bericht der chilenischen Journalistin Claudia Aranda (2026) macht den notwendigen holistischen Zugang zur Problematik der Wasserversorgung auf dem afrikanischen Kontinent deutlich: „Der Kontinent sieht sich mit anhaltenden Dürren am Horn von Afrika konfrontiert, mit Wassermangel in großen Teilen der Sahelzone und mit urbanem demografischem Druck, was die Sanitärversorgung und die Produktionssysteme belastet. Die Entscheidung, Wasser in den Mittelpunkt der Agenda 2026 zu stellen, ist keine bloß rhetorische Phrase: Es spiegelt eine grundlegende Einschätzung wider. Ohne Wassersicherheit gibt es keine resiliente Landwirtschaft; ohne Landwirtschaft gibt es keine Ernährungssicherheit; und ohne Ernährungssicherheit gibt es keine politische Stabilität. Aus afrikanischer Sicht steht der Ansatz im Einklang mit der Agenda 2063, die im Abschlusskommuniqué als gemeinsamer Fahrplan für eine inklusive und resiliente Entwicklung bestätigt wurde. Wassersicherheit ist nicht nur Umweltpolitik, sie ist ein wesentlicher Baustein für die Ausgestaltung des Staates.“
Ausbleibender Regen, Verschmutzung des Grundwassers und der Quellen, die Privatisierung und Vermarktung reiner Quellen, Fluchtbewegungen aus wasserlosen Gebieten sind Problemstellungen, mit denen sich eine komplexe Wasserpolitik auseinandersetzen muss. Die Lösung kann nicht in dem Verkauf der afrikanischen Quellen an Konzerne des globalen Nordens sein. Dann werden die vorher frei zugänglichen Quellen mit Schutzzäunen umgeben und von Sicherheitsfirmen bewacht. Die Einheimischen können sich dann nur noch das Wasser in Plastikflaschen zu teuren Preisen kaufen.
Die globale Plastikkrise kann nur ganzheitlich betrachtet und gelöst werden.
Der Grundstoff des Plastiks ist Öl. Die Plastikproduktion steigt jedes Jahr und mit ihr das Eindringen von Mikro- und Nano-Plastikartikel in die Umwelt und letztendlich über die Nahrungskette und die Einatmung der Feinstäube in den Körper und die inneren Organe des Menschen. Dies kann zu Krebs, Herzinfarkt und Schlaganfällen führen. Hier wird deutlich, wie das Profitinteresse von Unternehmen im Rahmen einer kapitalistischen Ökonomie – mit der Unterstützung von Regierungen – über Gesundheit/Krankheit der Menschen bestimmt. Entsprechend werden internationale Versuche, ein umfassendes Plastikabkommen, das sowohl die Plastikproduktion als auch die unverantwortliche Plastikentsorgung umfasst, durch Plastiklobbyisten und ölfördernde Staaten blockiert. Lösungsversuche müssten daher sowohl an einem z.B. auf dem Klageweg durchzusetzenden zivilgesellschaftlichen Widerstand, eigenem veränderten Konsumtions- und Entsorgungsverhalten als auch an einer Veränderung kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen ansetzen, die an ökonomischem Wachstumsdenken und einer gesteigerten Inwertsetzung der Natur orientiert sind.
Kriege als Ausdruck ökonomischer und geostrategischer Herrschaftsinteressen
Kriege entstehen einerseits, wenn politische Möglichkeiten der beteiligten Akteure, einen Konflikt zu lösen, versagt haben. Andererseits werden Kriege auch als berechtigte Durchsetzung ökonomischer und geostrategischer Interessen ausgegeben und durchgesetzt. Der russische Präsident Putin spricht von einer ideologisch konstruierten russischen Welt (Russkij Mir), die es auch in der Ukraine zu schützen gelte. Möglicherweise ist dies aber nur ein Vorwand, um an die umfangreichen Bodenschätze der Ukraine heranzukommen sowie den russischen Machtbereich auszuweiten. US-Präsident Trump legitimiert den militärischen Angriff auf Venezuela u.a. mit der Beseitigung eines Unrechtsregimes dieses Landes, gibt sich aber mit der völkerrechtswidrigen Entführung des Präsidenten-Ehepaars sowie umfangreichen Verträgen zur Öllieferung mit dem gleichen Machtapparat Venezuelas zufrieden. Er verhandelt Verträge mit Vertretern einer Regierung, die über die weltweit größten bekannten Ölreserven der Welt verfügt. Trump gibt des Weiteren vor, die Bevölkerung des Irans von einem repressiven Mullahregime zu befreien, lässt aber zivile Strukturen bombardieren und nimmt den tausendfachen Tod von Zivilisten in Kauf. Eine Änderung der Machstrukturen mit militärischen Mitteln erreicht er nicht, will sich aber an der gewinnbringenden Kontrolle an der Straße von Hormus im Zuge eines Mautsystems – nun auch gemeinsam mit dem iranischen Regime – beteiligen.
Eine ganzheitliche Sichtweise, die sowohl auf Komplexität als auch Mehrperspektivität basiert, versucht, die Interessen, die hinter Kriegen stehen, deutlich zu markieren. Selten sind es die vorgegebenen Gründe, meistens stehen dahinter weitgehend verdeckte Interessen, die von den davon Profitierenden nicht offen kommuniziert werden.
Die Kategorie der Ganzheitlichkeit kann einerseits den Zugang totalitärer Systeme zu den heranwachsenden Generationen bahnen, indem es in seinen Erziehungsinstitutionen am ‚ganzen Menschen‘ ansetzt. Ganzheitlichkeit als Erkenntniszugang kann aber auch eine Komplexität rekonstruierende und mehrperspektivische Gesellschaftsanalyse im Sinne eines kritischen Verständnisses bedeuten. Der Vorwurf des Missbrauchs der Kategorie der Ganzheitlichkeit kann also nicht grundsätzlich dem Begriff gelten, sondern dessen semantischer Füllung und gesellschaftlicher Verwendung.
Ein kritischer und holistischer Ansatz ist nicht immer erwünscht.
Ein Erkenntnisansatz, der Kritik mit dem Sehen der Zusammenhänge und auch der Berücksichtigung von abweichenden Sichtweisen in einem ganzheitlichen Sinne verbindet, wird von den Herrschenden häufig als Bedrohung ihrer Interessen angesehen. Gesellschaftswissenschaftler*innen und Journalisten*innen, die diesen Ansatz vertreten, werden dann stigmatisiert, medial ausgegrenzt und in äußerst repressiven Systemen auch verfolgt oder ermordet.
Macht- und Herrschaftsinteressen stehen dann einer freien journalistischen Tätigkeit und unabhängiger Forschung von kritischen Wissenschaftlern:innen entgegen.
So berichtet die Frankfurter Rundschau, dass bereits bis August 2025 über 200 Journalisten:innen im Krieg in Gaza durch israelischen Beschuss umgekommen sind:
„Viele der Getöteten waren deutlich sichtbar als Mitglieder der Presse markiert und wurden trotzdem angegriffen. Als Pressefahrzeuge gekennzeichnete Autos wurden beschossen. Selbst in ihren Redaktionsräumen waren sie nicht immer sicher, wie die Angriffe auf die Büros von Al-Dschasira und AP zeigten. In mehreren Fällen wurden Reporterteams sogar während der Liveübertragung beschossen.“
Sicherlich muss im Zusammenhang mit der Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza auch die schreckliche Terrortat der Hamas sowie der beständige Beschuss des Staates Israel genannt werden. Dennoch ist dies in keiner Weise die Legitimation für die Tötung von ca. 70.000 Palästinensern und auch nicht für die Ermordung der hierüber berichtenden Journalisten.
Die empirische Studie eines institutionellen Forschungsverbunds (KAPAZ) erforschte des Weiteren die aktuelle Bedrohung von Wissenschaftler*innen und führte Anfeindungen, wie Hassrede und sogar Morddrohungen, unter anderem auf die kognitive und emotionale Überforderung der Drohenden hinsichtlich der für die Politik wissenschaftlich bearbeiteten Problemlösungen zurück:
Die Studie verdeutlicht, „dass Anfeindungen, Abwertungen oder sogar Angriffe gegen Wissenschaftler*innen zunehmend auftreten, weil die Beziehung zwischen der Gesellschaft und der Wissenschaft immer komplexer wird. Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Expertise werden immer stärker in der öffentlichen Debatte ausgehandelt und kommuniziert, was vermehrt Spannungen erzeugt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn wissenschaftliche Ergebnisse als Grundlage für gesellschaftlich und politisch umstrittene Entscheidungen dienen.“
Die Konsequenz einer Anfeindung von Wissenschaftler:innen kann natürlich nicht sein, auf wissenschaftliche Expertisen in der Politik zu verzichten oder die Komplexität der zu bearbeitenden gesellschaftlichen Phänomene herabzustufen und diese damit unzulässig zu simplifizieren. Der Schlüssel kann nur in einer gesellschaftspolitischen und wissenschaftspropädeutischen Bildung bereits in den Schulen und den nachfolgenden Ausbildungszusammenhängen liegen, um Kompetenzen komplexer und mehrperspektivischer Weltwahrnehmung im Sinne kritischer Analyse- und Urteilsfähigkeit in der jungen Generation zu fördern. Ein derartiger Erkenntniszugang zur Welt ist u.a. eine Voraussetzung dafür, der aktuellen epistemischen Gewalt zur Unterdrückung wissenschaftlicher und journalistischer Kritik mit zivilgesellschaftlichen Mitteln begegnen zu können.
Politiker:innen hingegen, welche die Welt unterkomplex und simplifizierend wahrnehmen, hierbei auch noch eigene korrupte ökonomische Interessen verfolgen, sind angesichts der Komplexität und Vielschichtigkeit der politischen Prozesse in Zeiten hochtechnisierter Waffensysteme eine Gefahr für die Menschheit.
(Der Artikel ist auf der Grundlage des Kapitels 8 des im open Access zugänglichen Buches von Klaus Moegling verfasst: „Neuordnung. Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) möglich.“, frei lesbar unter: https://www.klaus-moegling.de/)
Klaus Moegling, habilitierter Politikwissenschaftler, er lehrte an verschiedenen Universitäten und Institutionen der Lehrerbildung, zuletzt an der Universität Kassel als apl. Professor im Fb Gesellschaftswissenschaften.










