Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Vor einer Generation formierte sich inmitten der um sich greifenden neoliberalen Globalisierung der Widerstand des internationalen Netzwerks »Peoples Global Action«.
von Friederike Habermann
Wer wart ihr und wie viele?
Unzählige
Wann gab es euch?
1998-2004
Wie wart ihr verfasst?
Bündnis von Basisbewegungen aus aller Welt
Wo seid ihr zu finden?
Eines unserer Motti lautete »We are everywhere«.
heute lebt das Netzwerk in vielfältigen Bewegungen für sozial-ökologische Gerechtigkeit weiter.
Dokumentation von Gesprächen mit weltweit Beteiligten: pgaoralhistory.net
Stöbern im Oya-Archiv?
Frederike Habermann, »Für das Leben streiten«, Gespräch mit Luisa Kleine, in: Oya 71/2022, S. 54-57.
Die 199oer, die der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama auch als »Das Ende der Geschichte« betitelte, waren von einer zunehmend neoliberalen Globalisierung geprägt, in welche das »iYa Basta! – Es reicht!« der Zapatistas (siehe auch Seite 188 im Almanach) erstmals 1994 laut in die Welt schallte. Ihr Ruf fand Widerhall. Angestoßen durch die zapatistischen interkontinentalen Treffen«, erst 1996 im lakandonischen Urwald von Chiapas, Mexiko, dann 1997 in Spanien, zu denen jeweils Tausende aus aller Welt zusammenkamen, entstand Peoples Global Action (PGA), eine Vernetzung von Basisbewegungen, die mit ihren koordinierten Protesten 1998 die Globalisierungsbewegung von unten anstieß.
Vom Protest zum Commoning
Soweit möglich, l(i)ebten wir bei diesen Treffen und Zusammenkünften unter uns eine Welt von Basisbewegungen, explizit gegen Kapitalismus und jedes Herrschaftsverhältnis, voraus. In diesem Zusammenhang habe ich das Wort »Commons« kennengelernt, damals allerdings noch eher im Sinn der Verteidigung natürlicher Commons, wie dem Land der Ogoni in Nigeria, dem Wald und den Bergen der Adivasi in Indien oder der städtischen Wasserversorgung im bolivianischen Cochabamba im Jahr 2000. Zunehmend ging es dann – und geht es noch – bei Menschen und Bewegungen, die damals Teil von PGA waren, um Commoning als aktiven Prozess.
Damals habe ich verstanden, dass viele der in PGA vernetzten Bewegungen seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten deshalb im radikalen Widerstand sein konnten, weil sie nicht völlig im kapitalistischen Alltag aufgingen, anders als wenn Menschen samstags zur Großdemo gehen, aber den Rest der Woche ungebrochen in der Marktlogik leben. Es braucht diese Räume anderer Selbstverständlichkeiten, um langfristig auf dem Weg hin zu einem guten Leben aller zu bleiben und sich den Weg dabei selbst zu bahnen. Dabei ist es kein Zufall, dass hiesige, damals bei PGA aktive Leute heute meist in kollektiven Zusammenhängen leben und sich organisieren.
Natürlich be- und entstehen immer auch Lücken zwischen der Vision und dem Alltag: doch in Erwerbsarbeit zu gehen, im Miteinander doch wieder Tauschlogik zu entdecken … Aber durch Commons und Commoning hat sich heute eine Alternative eröffnet, die wir bei PGA damals noch nicht erkannt hatten. Es geht nicht mehr nur um das »Dagegen!« oder das grundsätzliche »Wie anders?«, sondern einfach »nur noch« um das Ausgestalten der Commonslogiken und des Wegs dorthin, angesichts der globalen Misere sowie den Stürmen, die uns noch bevorstehen.
Erfolge und Niederlagen
Ich frage mich, was unser damaliger Erfolg zur heutigen Misere beigetragen hat. Wir haben damals nicht ganz unwesentlich die neoliberale Durchglobalisierung an einigen Punkten stoppen können, zum Beispiel das Multilaterale Abkommen über Investitionen, einen Vertrag, der im Prinzip Freihandel weltweit auf mindestens zwanzig Jahre festgeschrieben hätte. Auch die Welthandelsorganisation wurde durch die Proteste in Seattle 1999 entscheidend geschwächt. Doch zu all dem hatte auch das ungewollte Ineinandergreifen von kapitalinternen Widersprüchen beigetragen. Und heute befinden wir uns in einem Zeitalter, das von Protektionismus statt Freihandel und von »Deals« statt neoliberalen Runden Tischen geprägt ist – und damit keineswegs besser geworden ist. Einen Namen dafür werden uns erst künftige Geschichtsforschende im Rückblick verraten können: Nationalkapitalismus? Technofeudalismus? Trumpismus? Nichts davon stand auf unserer Wunschliste.
Und klar fühlten wir uns erst einmal gescheitert, als nach den Gewaltexzessen gegen Schlafende bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 ein großer Teil der Aktiven traumatisiert oder körperlich verletzt nicht mehr auf die Straße konnte. Doch damals löste das auch eine internationale Welle der Solidarität aus, durch die Attac erst groß werden konnte; und die Bewegungen selbst haben seitdem mehr Augenmerk auf Lösungen gelegt, und somit auch darauf, was wir in unserem Alltag (noch) tun können.
Beides hat Commoning sichtbarer werden lassen: der Blick auf die eigenen Praktiken und damit auch auf unsere Beziehungsweisen sowie die Einsicht, dass das gute Leben aller nicht durch marktwirtschaftliche Entwicklung, ganz gleich welchen Namens, kommen wird. Commoning hingegen gibt eine Perspektive, die durch die Stürme hindurch eine andere Welt möglich erscheinen lässt.
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: 










