Unter den wichtigsten „ Gemeingütern“, die für das Leben unentbehrlich sind, spielt Wasser eine entscheidende Rolle. Wasser ist eine unersetzliche Lebensquelle für das „nachhaltige“ Funktionieren des Erdklimas und somit für alle menschlichen Tätigkeiten und Lebensformen auf der Erde.

In jüngster Zeit ist uns das Wasser als öffentliches Gemeingut verloren gegangen. Es wurde uns gestohlen, und wir selbst haben es in etwas anderes, etwas Fremdes verwandelt. Franz, der Heilige von Assisi könnte es nicht mehr „Schwester“ nennen.

Die  erste nennenswerte Form des Verlusts von Wasser als „öffentliches Gemeingut“ begann, sobald wir Wasser als „blaues Gold“ behandelten, im  Vergleich zu Öl, das seit dem 19. Jahrhundert als „schwarzes Gold“ betrachtet wird. Bei Wasser an „Gold“ zu denken, bedeutet, die Vorstellung von Wasser als „Quelle des Lebens“ zu verwerfen. Gold steht für Materielles, für Reichtum, Gier, Eroberung Konflikt, Gewalt. Und je seltener Gold ist, desto mehr können es sich ausschließlich die Stärksten zu eigen machen. Die Heiligkeit des Wassers wird nicht mehr mit dem Leben in Verbindung gebracht.

Der Verlust von Wasser als öffentliches Gemeingut wurde vor etwa 50 Jahren auf internationaler Ebene durch  die Einführung von Strukturanpassungsrichtlinien durch den IWF und die Weltbank  im Anschluss an die Krise des internationalen Finanzsystems zwischen 1971 und 1973 besiegelt, welche an Bedingungen geknüpft sind, darunter die Anbindung der Kreditauszahlungen an die Privatisierung des öffentlichen Sektors, insbesondere im Bereich der Wasserwirtschaft. Die Länder des Globalen Südens dazu zu zwingen, die Verwaltung lebenswichtiger Gemeinschaftsgüter und Dienstleistungen „internationalen Marktkräften“ zu überlassen, hatte katastrophale Folgen, von denen die bedeutendste die Zunahme der Ungleichheiten zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden war. (1)

Die grundlegende Veränderung bezüglich der Wasserpolitik erfolgte jedoch in den Jahren 1992- 94 im Anschluss an den ersten  Weltgipfel, einberufen von der UNO in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Auf der Internationalen Wasser – und Umweltkonferenz der UNO, die in Dublin im März 1992 zur  Vorbereitung des Gipfels abgehalten wurde, stimmte  die internationale Gemeinschaft den vier Wasserregeln von Dublin zu, von denen die vierte Regel, die greifbarste und politisch einflussreichste, besagt: „Wasser, das für verschiedene Zwecke genutzt wird,  hat einen wirtschaftlichen Wert und sollte daher als Wirtschaftsgut anerkannt werden.“ (2)

In der Erklärung von Dublin heißt es: „ Aufgrund dieser Regel ist es unerlässlich, das grundlegende Menschenrecht auf sicheres Wasser und angemessene Sanitäreinrichtungen zu einem erschwinglichen Preis anzuerkennen.“ Das bedeutet, dass für den Zugang zu Wasser, selbst wenn er als Recht anerkannt ist, bezahlt werden muss! Die Zeiten kostenfreier Menschenrechte sind vorbei. (3) Weiter heißt es: „Der wirtschaftliche Wert von Wasser wurde lange Zeit übersehen (…) Wasser als Wirtschaftsgut zu behandeln und entsprechend mit ihm umzugehen, ebnet den Weg für eine effiziente Nutzung und gerechte Verteilung dieser Ressource, sowie für deren Erhaltung und Schutz.“ Deshalb muss gemäß dem vorherrschenden Wirtschaftsparadigma die Bewirtschaftung eines „Wirtschaftsguts“  in Übereinstimmung mit den Prinzipien und Mechanismen der kapitalistischen Marktwirtschaft realisiert werden. Daher die weltweite Ausbreitung von Prozessen der Kommerzialisierung, Deregulierung, Liberalisierung, Privatisierung….

Schließlich vollendet die Finanzialisierung der Natur den Umschwung. Das Prinzip der Monetarisierung der Natur wurde 2002 auf dem Zweiten Erdgipfel (Rio+10) in Johannesburg befürwortet. Zwanzig Jahre später, im Dezember 2022, verankerte die UN-COP15 für biologische Artenvielfalt in Montreal offiziell die Finanzialisierung der Natur auf der Grundlage des Prinzips, dass jedes Naturelement als „Naturkapital“ und deshalb als „Finanzanlage“ betrachtet werden muss, die nach den Prinzipien und der Logik der globalen Finanzmärkte verwaltet wird. (4)

Es war ein langer Weg, aber trotz des Widerstands von Millionen von Bürgern und ganzen Völkern – nicht nur indigener Gemeinschaften (ich denke dabei an Italien, wo im Juni 2011 97% der Wähler in einem nationalen Referendum gegen die Privatisierung der Wasserversorgung stimmten), (5) ist es den „Herren“ des Finanzwesens bisher gelungen, die Regeln des Wassers als öffentliches Gemeingut, eine der Säulen, auf denen „eine gute Gesellschaft“ errichtet wurde, zu ignorieren.

Ist es möglich, Wasser als ein globales öffentliches Gemeingut wieder neu zu beleben?

Entgegen dem was in der Dublin-Erklärung  verfasst wurde, muss man zugeben, dass die Platzierung der Wasserwirtschaft unter den Einfluss kapitalistischer Wirtschaftskonzepte und technokratischer Vorstellungen 34 Jahre später die Menschheit und die Erde tatsächlich in eine Wasserapokalypse geführt hat. (6) Ein aktueller Bericht der Universität der Vereinten Nationen spricht, in weniger scharfen Worten, von einem globalen Wasserbankrott. (7)

Die erdrückenden Zahlen sind uns vertraut, von denen eine einzige – die aussagekräftigste – genügt: 4,4 Milliarden Menschen haben keinen regelmäßigen, ausreichenden und sicheren Zugang zu Trinkwasser (wobei auch 4,5 Milliarden Menschen keine medizinische Grundversorgung haben)!

Soeben haben wir erfahren, dass es im Nahen Osten zu gegenseitigen Bombenangriffen auf Meerwasserentsalzungsanlagen durch den Iran, Israel und durch andere Länder in der Region gekommen ist. Aber alle diese Länder sind zu 60 – 80% auf Entsalzungsanlagen für ihre Frischwasserversorgung angewiesen.

Diese Situation ist nicht tragbar. Diese Apokalypse kann nicht die Zukunft der Menschheit und der Erde sein. Fast überall  tauchen Anzeichen von Widerstand und Auflehnung gegen diese Welt auf. Ja, die Welt wird sich verändern, während der Wunsch nach Gerechtigkeit und Gleichheit in Würde, und die Kraft der Solidarität und des Friedens wie Bakterien sind: sie sterben nie.

 

Anmerkungen

(1) Trotz einiger Änderungen bleiben die Auflagen weiterhin in Kraft. Siehe https://www.cetri.be/Economies-du-Sud-toujours-sous, 2022

(2)https://www.space4water.org/water/dublin-principles#:~:text=Die%20Dublin-Konferenz%20von%201992%20legte%20auf%20der%20Grundlage%20eines%20partizipativen%20Ansatzes%2C

(3) Unter „freiem Zugang“ zu Trinkwasser verstehen wir, dass die Kosten von der Gemeinschaft über öffentliche Mittel gedeckt werden, wie dies bei Militärausgaben der Fall ist

(4)https://www.pressenza.com/fr/2023/02/cop15-biodiversite-et-financiarisation-de-la-nature/

(5) https://altreconomia.it/inchiesta-acqua-pubblica/

(6) Vor siebzehn Jahren sprach ich bereits in einem in La Libre Belgique veröffentlichten Gastbeitrag von einer „Wasser-Apokalypse“. Siehe https://www.lalibre.be/debats/opinions/2009/04/22/comment-eviter-lapocalypse-hydrique-OSWDTBYUWZDH3GMLYC763DOFZM/

(7) https://unu.edu/inweh/collection/global-water-bankruptcy

Eine ausführlichere und detailliertere Fassung mit weiteren statistischen Daten und Quellenangaben ist auf der Website agora-humanite.org der Agora der Bewohner der Erde verfügbar

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!