Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Der Whanganui in Neuseeland, die Loisach in Bayern und der Rio Ulla in Galicien sollen endlich eine Stimme bekommen!
von Claus Bieqert
Wer seid ihr und wie viele?
Die drei Flüsse Whanganui, Loisach und Río Ulla und eine Schar von Menschen, die ihnen zuhören
Seit wann gibt es euch?
Die Flüsse sind im Quartär entstanden, die Idee wurde 2021 an den Loisachquellen geboren.
Wie seid ihr verfasst?
Wir sind als loses Flussbündnis organisiert.
Wo seid ihr zu finden?
Wir fließen in der Region Manawatü-Whanganui, im Oberland zwischen Tirol und Bayern und in der Region Galicien (Nordostspanien).
Stöbern im Oya-Archiv?
Claus Biegert, »Der Erde eine Stimme geben«, Gespräch mit Anja Marwege, – Oya 71/2022, S. 42-45.
Sind Flüsse Lebewesen? Für uns Heutige ist diese Frage neu. An ihr lässt sich der Wandel unserer Weltsicht gut darstellen. Im Morgengrauen der Menschheit gab es eine solche Frage höchstwahrscheinlich nicht, da war alles belebt. Die Trennung von Mensch und Natur begann, als die Interpreten des Christentums den Menschen auf das Podest der Überheblichkeit hoben. Von da an gab es zwei parallele Gesellschaftsmodelle: die indigenen animistischen) Kulturen, die sich mit allem Leben verwoben sahen – und die mechanistischen (anthropozentrischen) Zivilisationen, die Erstere kolonisierten und sich selbst über die Natur erhoben. »Natur« und »Naturvölker« waren über Jahrhunderte im Fokus der Ausbeutung, die Ausdehnung des industriellen Zeitalters führte zu ihrer Zerstörung.
Jetzt stehen auch wir, die »zivilisierten«, vor dem Abgrund – und vor der Frage: Ist ein Fluss ein Lebewesen? Der britische Autor Robert MacFarlane stellt diese in seinem gleichnamigen Buch (Originaltitel: Is a River Alive?) und berührt damit eine notwendige Erweiterung unserer Rechtssprechung, gleichermaßen empfindlich wie historisch: Ökosysteme sollen, ebenbürtig zu den Menschenrechten, eigene Rechte erhalten, die ihrem intrinsischen Wert gerecht werden. Die gegenwärtige Logik heißt hingegen: Ein Berg ist ein Berg ist ein Sachwert. Unser auf Ausbeutung und Verwertung programmiertes Denken und Handeln will den Fels als Persönlichkeit nicht sehen. Auch nicht den Fluss. Das alles könnte sich künftig ändern.
Ökosysteme sollen eigene Rechte erhalten, die ihrem intrinsischen Wert gerecht werden.
Seit der Philosoph und Rechtsgelehrte Christopher D. Stone (1937-2021) 1972 in den USA die Frage stellte Should Trees Have Standinq? (Sind Bäume klageberechtigt?) geht eine Bewegung um die Welt, die nicht mehr aufzuhalten ist, wie Wasser, das sich seinen Weg sucht. Ich hatte das Privileg und das Vergnügen, Stone öfters zu begegnen. Sein wegweisendes Werk wurde in über fünfzig Ländern verlegt, darunter auch in München, in dessen Umland ich lebe. Ethnologen in meinem Freundeskreis hatten dort in den 198oer Jahren den Trickster-Verlag gegründet, um einer neuen Völkerkunde den Weg zu eröffnen, raus aus dem kolonialistischen Gestrüpp. Wissenschaft im Austausch auf Augenhöhe, die Fremde nicht als Objekt, sondern als Subjekt betrachtet. Und Stone, der die Natur als Subjekt mit Rechtstitel sah, schuf mit seiner Frage eine Begegnungsebene zu indigenen Weltsichten. Inzwischen gibt es unter dem Titel Haben Bäume Rechte? eine Neuauflage seines Buchs bei thinkOya.
2010 veröffentlichte die Maori-Juristin Jacinta Ruru in Neuseeland zusammen mit ihrem Studenten James Morris den Aufsatz »Giving Voice to Rivers« (Flüssen eine Stimme geben). Beide sahen eine Verbindung zwischen ihrem indigenen und dem weißen, staatlichen Rechtssystem. Sieben Jahre später wurde der Te Awa Tupua Act verabschiedet, ein Gesetz, das dem Whanganui – als »unteilbarem und lebendigem Ganzen[…] von den Bergen bis zum Meer« – einen juristischen Rechtstitel verleiht. Der Fluss ist den Maori heilig, er verkörpert ihre Ahnen.
Am 8.August 2022 stand ich zusammen mit Klaus Bosselmann in Tirol im Quellgebiet der Loisach; eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten hatte sich um uns geschart. Bosselmann, Juraprofessor in Auckland und Anhänger Stone’scher Gedanken, kam gerade aus Neuseeland und erzählte von seiner Arbeit mit den Maori. Wir spürten das Wasser zwischen unseren Zehen, und versprachen der Loisach, in ihrem Namen aktiv zu werden. Zurück in Auckland nahm Bosselmann mit den am Whanganui ansässigen Maori Kontakt auf und brachte die Loisach ins Spiel: »Womöglich der erste Fluss Deutschlands mit Rechtstitel«. Es folgten Video-Konferenzen mit Gerrard Albert, Verhandlungsführer der Maori, und dann, ich weiß den Tag nicht mehr genau, war der Plan geboren: Loisach und Whanganui gehen ein Flussbündnis ein. Gerrard Albert ist überzeugt:
»Flusspartnerschaften könnten sich ausbreiten und ein globales Netz schaffen, das sowohl spirituelle Kräfte entwickeln, als auch ein Umdenken in der nicht-indigenen Bevölkerung befördern kann.« Im Sommer 2026 will eine Delegation der Maori nach Europa kommen und das Flussbündnis mit der Loisach besiegeln. Aus Galicien ließ der Rio Ulla vernehmen, er wolle sich dem Bündnis anschließen. Ihm droht eine riesige Zellulosefabrik an den Ufern.
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










