Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Seit fast drei Jahrzehnten ehrt der »Nuclear-Free Future Award« Menschen aus aller Welt, die sich gegen Uranabbau, Kernkraft und Atomwaffen einsetzen.
von Claus Biegert
Wer seid ihr und wie viele?
100 Ausgezeichnete von sechs Kontinenten
Seit wann gibt es euch?
1998 im Geist des World Uranium Hearing (1992) gegründet
Wie seid ihr verfasst?
Bis 2022 wurde der Award von der gemeinnützigen Nuclear Free Future Foundation« in München vergeben, seitdem gemeinsam von »Beyond Nuclear« und den »Internationalen Ärzten zur Verhütung des Atomkriegs« (IPPNW).
Wo seid ihr zu finden?
Die Trägerorganisationen sitzen in Washington, DC. und Berlin, die Preisverleihungen finden weltweit an wechselnden Orten statt.
Stöbern im Oya-Archiv?
Klaus Biegert, »Atomfreie Regionen«,
Der »Nuclear-Free Future Award« trägt als Logo eine prähistorische Felsgravur aus dem Nordwesten Australiens. Oft werde ich nach ihrer Bedeutung gefragt. Es ist eine Darstellung der Regenbogenschlange an einer Felswand auf dem Territorium der Njamal, südlich der Stadt Broome. Es zeigt die Schlange, durchbohrt von einem Speer, links daneben eine männliche, rechts eine weibliche Figur. Die Regenbogenschlange ist die Hüterin jener Kräfte in der Erde, die dort bleiben sollen, wo sie sind. Denn falls sie ans Tageslicht geholt und entfesselt werden, sind sie des Menschen Untergang. Die Regenbogenschlange, so die indigene Mythologie, ist die Hüterin des Urans.
Ich hatte diese Felsgravur in einem alten Bildband entdeckt. Doch durfte dieses Schlangenbild der Aboriginals (in der Literatur meist »Aborigines«) überhaupt von uns Europäern benutzt werden? Es war 1988, ein Jahr nach dem GAU von Tschernobyl, ich war dabei, das »World Uranium Hearing« zu planen, eine Weltkonferenz, die dann im September 1992 in Salzburg stattfand. Und ich suchte ein altes Bild als Motiv. Wen sollte ich fragen? Auf einer anderen Konferenz traf ich Ernie Dingo. Er war der indigene Schauspieler neben Paul Hogan in dem Film Crocodile Dundee. Er komme viel rum down under, sagte Ernie, und kenne viele Völker auf dem Kontinent. Ein Felsbild im öffentlichen Raum sei nicht mit einem Tabu behaftet, versicherte er. Wenn wir es nicht kommerziell nutzen würden, sei alles in Ordnung. Die Schlange wurde schließlich das Kennzeichen des World Uranium Hearing.
Am letzten Tag der Weltkonferenz war öfters die Frage zu hören, wann das nächste Hearing sei? Die Frage lautet übersetzt: Wann sehen wir uns wieder? So entstand die Idee einer Ehrung jener, die nicht aufgeben und beharrlich gegen die Isolation kämpfen, die ihre Situation mit sich bringt. Sechs Jahre darauf wurde der Nuclear-Free Future Award (NFFA) gegründet, mit der Felsenschlange »im Geist des World Uranium Hearing«. Die erste Verleihung fand in Salzburg statt, in den Kategorien »Widerstand«, »Aufklärung« und »Lösung«, mit jeweils 10000 Dollar dotiert. Das Geld verdankten wir dem Münchner Geschäftsmann Franz Moll, der es jedes Jahr aufs Neue in seiner Familie und seinem Freundeskreis einsammelte. So ging es zwanzig Jahre, wir hatten eine internationale Jury und die Rechtsform einer gemeinnützigen Stiftung, unser Team zählte um die acht Köpfe. Wir reisten um die Welt und sorgten dafür, dass unsere Festakte von Musik getragen waren: in Oslo, New York, Los Alamos, St. Petersburg, Jaipur, Window Rock, Johannesburg, München, Basel …für uns spielten Arlo Guthrie, Marie Boine, David Amram, Richie Havens, Paul Winter, Patti Smith, Laurie Anderson, Pete Seeger, Liam O’Maonlai, The Dubliners, Peter Gordon, Ulali, Buffy Sainte-Marie, Egschiglen, die Well-Kinder, Joanne Shenandoah, Mitch Walking Elk, Georg Ringsgwandl, Konstantin Wecker …
Ich möchte zwei Geschichten aus der Chronik des Awards teilen:
Zu Beginn der 2. Preisverleihung 1999 in der historischen Fuller’s Lodge in Los Alamos – wo sich einst Robert Oppenheimers Team abends auf einen Drink traf – bewegte. Sich der Saxophonist Peter L. Gordon, anklagend spielend, in Richtung des Atomlabors hinaus. Vielen habe das eine Gänsehaut eingejagt. Zu den Preisträgern gehörte auch der ehemalige US-Innenminister Steward Udall. Nie, so sagte er, sei er so belogen worden wie von der Nuklearindustrie. Nach der Preisverleihung kam ein Mann aus dem Publikum auf mich zu: Peter Oppenheimer, der Sohn des Physikers. Er streckte mir die Hand entgegen und bedankte sich.
2010 fand die 13. Verleihung in der Great Hall of Cooper Union in Manhattan statt. In dem historischen Saal hatte Abraham Lincoln 1860 jene Rede gehalten, die ihm als Präsidentschaftskandidat zum Durchbruch verhalf. Das Rednerpult steht noch am alten Platz, vielfach ausgebessert, aber immer noch repräsentativ mit goldenen Fransen. Einer der Preisträger war Henry Red Cloud, ein Lakota aus South Dakota, der sich erfolgreich der Gewinnung von Sonnenenergie auf dem Reservat Pine Ridge verschrieben hatte. Bei unserer Recherche hatten wir nicht nur von Lincoln erfahren, sondern auch von Chief Red Cloud, der 1870, umgeben von seiner Familie und Stammesmitgliedern der Oglala-Lakota, an ebenjenem Pult eine Klagerede vor den New Yorker Honoratioren gehalten hatte. Als Henry Red Cloud nun 140 Jahre später den Saal betrat, so erzählte er, habe er eindeutig den Geruch von Umhängen aus Bisonhaut wahrgenommen. Henry trug im Haar eine Feder seines Ur-Ur-Ur-Urgroßvaters.
2022 löste sich der NFFA von der Stiftung. ‚ Das Team dort war geschrumpft, der neue Fokus galt einem Uranatlas, der heute in fünf Sprachen vorliegt. Der Award wird seitdem auf zwei Schultern getragen: »Beyond Nuclear« aus den USA und die »Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs« (IPPNW) aus Deutschland. 2023 und 2025 wurden die Verleihungen in New York City ausgetragen – jeweils im Rahmen der Treffen jener bislang 94 Staaten, die den Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) unterzeichnet haben.
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










