Sudan’s Katastrophe, angefangen von den früheren Bürgerkriegen in Darfur bis hin zum gegenwärtigen Konflikt zwischen rivalisierenden Militärmächten, zeichnet sich nicht nur durch das Ausmaß des Leidens aus, sondern auch durch die Art und Weise, wie Gewalt strukturell geworden und in die Organisation politischer Macht eingebettet ist. Der Krieg ist nicht nur ein Zusammenbruch der Ordnung; er ist der Triumph eines bestimmten Ordnungskonzepts selbst.
Von Dr. Alon Ben-Meir
Im Kern steht eine düstere philosophische Erkenntnis: Wenn Macht von Rechenschaftspflicht abgetrennt wird, ist Gewalt nicht mehr instrumental, sondern wird expressiv. Im Sudan begehen bewaffnete Akteure – ob staatliche Truppen oder Milizen – nicht einfach Gräueltaten; sie tun dies in der Verfolgung klarer politischer Ziele.
Gewalt selbst wird zur Botschaft
Eines der zentralen Prinzipien der Theorie des gerechten Krieges ist Unterscheidung: Kämpfer dürfen ins Visier genommen werden, Zivilisten nicht. Im Sudan wurde diese Unterscheidung aufgelöst. Marktplätze, Bestattungsinstitute, Krankenhäuser, Schulen und Flüchtlingslager – alles zivile Räume – sind wiederholt angegriffen worden. Drohnenangriffe auf Versammlungen wie Beerdigungen und auf Kinder in Heimen stehen beispielhaft für eine wahllose Gewalt, die nicht zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten unterscheidet.
Dieses moralische und militärische Versagen deutet auf einen Krieg, der Menschen als austauschbare Hindernisse und nicht als Menschen mit ihnen innewohnender Würde behandelt. Das Abbrennen von Dörfern, die Angriffe auf Zivilisten und das Auslöschen ganzer Gemeinden sind keine versehentlichen Ausschreitungen. Sie sind Methoden, um die Dominanz in einem Bereich zu demonstrieren, in dem Legitimität keine Rolle mehr spielt.
Hunger und die Verweigerung des Zugangs von humanitärer Hilfe werden zu Waffen, um Gehorsam zu erzwingen. Das Vertreiben ganzer Bevölkerungsteile und die Opferzahlen dienen als Rechtfertigung für weitere Eskalation.
Der moralische Zusammenbruch
Diese instrumentelle Logik zermürbt moralische Handlungsfähigkeit. Die Opfer sind nicht mehr Personen, deren Rechte respektiert werden müssen, sondern strategische Variablen in einem unregelmäßigen Spiel von Gewinn und Verlust. Macht kündigt sich durch Terror an, denn Terror ist die einzige verbleibende Währung. Anstatt Zivilisten im Sudan zu schützen, werden wir Zeugen einer ethischen Umkehrung.
Gerade die Akteure, die behaupten, territoriale oder politische Ziele zu sichern, sind diejenigen, die die grundlegenden Lebensbedingungen schädigen, wie Sicherheit, Nahrung, Obdach, Gesundheit und Wachstum. Außergerichtliche Tötungen, Vergewaltigungen und Massenvertreibungen sind keine versehentlichen Begleiterscheinungen. Es handelt sich um wiederkehrende Handlungsmuster im Konflikt, ein Signal für den Verfall einer moralischen Abwehr.
Kollaps der Unterscheidung zwischen Mittel und Zweck
Aus diesem Grund widersetzt sich der sudanesische Bürgerkrieg tröstlichen Narrativen von Tragödie oder Missverständnissen. Was wir stattdessen sehen, ist das, was Hannah Arendt einst als den Zusammenbruch der Unterscheidung zwischen Mittel und Zweck beschrieb. Das Töten wird nicht mehr durch die Aussicht auf zukünftigen Frieden gerechtfertigt; es ist zu einer politischen Praxis geworden. Das Ergebnis ist eine Form von Nihilismus, die im akademischen Sinne nicht abstrakt, sondern brutal materiell ist – die Reduktion von Menschen auf Hindernisse, Ressourcen oder Bedrohungen, die eliminiert werden müssen.
Nirgends war dies deutlicher als in Darfur, wo ethnische Identität zum Todesurteil wurde, und ganze Bevölkerungsteile ermordet wurden. Dies markiert die Vernichtung der Vorstellung einer miteinander geteilten Welt, denn die Anerkennung eines anderen als Mensch bedeutet auch, anzuerkennen, dass dieser das Recht hat, denselben moralischen Raum wie man selbst einzunehmen – dass sein Leiden einen Anspruch an uns erhebt.
Genozidale Gewalt
Genozidale Gewalt hingegen ist ein Versuch, diesen Anspruch vollständig auszulöschen. Es handelt sich nicht einfach um Mord; es ist die Verleugnung, dass das Opfer jemals als Bedeutungs- oder Werteträger zählte. Die aktuelle Phase des Krieges, geprägt von Kämpfen zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF), vertieft diesen Horror, indem sie die Leere im Herzen der militarisierten Souveränität offenlegt.
Diese Splittergruppen stellen rivalisierende Monopole der Nötigung dar. Zivilisten werden vernichtet, nicht weil sie einem edlen Projekt im Weg stehen, sondern weil ihr Leben für das Kalkül der Macht bedeutungslos ist. Dies ist pure Dominanz, entblößt von jeglicher ideologischen Fassade.
Wie geht es von hier aus weiter
Der Sudan stellt eine erschreckende Frage: Was bleibt an Ethik übrig, wenn die politische Sphäre zu einer Arena völliger Verantwortungslosigkeit wird? Unter solchen Bedingungen wird Schuld entschärft, Verantwortlichkeit verdampft und Grausamkeit banal. Gewalt schockiert nicht mehr; sie wird zur Normalität.
Das ist vielleicht der heimtückischste Horror von allen – nicht, dass Menschen zu Grausamkeit fähig sind, sondern dass Grausamkeit und Gewalt zur Routine werden, und nach Identität, Fraktion oder Territorium ausgeübt und legitimiert werden können. Über Gräueltaten wird zwar berichtet, aber oft von Geopolitik überschattet. Die Unschuldigen werden zum Werkzeug, nicht zum Ziel. Diese Erosion stellt nicht nur ein politisches Versagen dar, sondern ein Versagen moralischer Verantwortung, die Unfähigkeit, „den Anderen“ als sich selbst zu sehen.
Mehrere Länder, die Kriegsparteien mit Tötungsapparten versorgen, machen sich mitschuldig an dem verhängnisvollen Krieg im Sudan. Die SAF erhalten Unterstützung aus Iran, Ägypten und Russland, während die RSF hauptsächlich von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) bewaffnet werden. Waffen, die in China, Russland, der Türkei und Serbien hergestellt worden sind, wurden im Land gefunden. Anstatt die beiden Parteien mit Waffen auszurüsten, sollten die Türkei und die VAE versuchen, zwischen den kriegführenden Parteien zu vermitteln und den Völkermord-Krieg, den keine der beiden Seiten gewinnen kann, zu stoppen.
Abgesehen davon ist es an der Zeit, dass der UN-Sicherheitsrat Strafmaßnahmen gegen diese Länder verhängt, unter anderem: die Ausweitung des UN-Waffenembargos mit Wirtschaftssanktionen gegen Staaten, Unternehmen und Einzelpersonen, die dagegen verstoßen; Verhängung von sekundären Sanktionen gegen Banken, Spediteure und Logistikunternehmen, die Waffen in den Sudan transportieren; gezieltes Einfrieren von Vermögen, Reiseverbote und ICC/UN-Untersuchungen, um Rechts- und Reputationskosten für Beamte, die Transfers autorisieren, zu erhöhen; Verhängen koordinierter Sanktionen gegen Unternehmen und staatliche Vermögensfonds, die an den Sudan betreffenden Waffengeschäften beteiligt sind. Den Sudan ehrlich zu konfrontieren bedeutet, die Illusion aufzugeben, dass die Geschichte sich automatisch für Gerechtigkeit entscheidet. Es geht darum zu erkennen, dass ohne Institutionen, die in der Lage sind, Rechenschaft abzulegen, Macht zur Vernichtung neigt. Der sudanesische Bürgerkrieg ist eine in Blut geschriebene Warnung.
Dr. Alon Ben-Meir ist pensionierter Professor für internationale Beziehungen, zuletzt am Center for Global Affairs der NYU. Er war Dozent für internationale Verhandlungen und Nahoststudien.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!









