Wenn man heute ernsthaft über Martin Luther King Jr. spricht, gerät man bereits mit der Art und Weise in Konflikt, wie man sich öffentlich an ihn erinnert. King lebt als eine moralische Ikone weiter, eben weil seine Gedanken von jeglicher Widersprüchlichkeit entblößt wurden. Man beruft sich auf ihn als einen Schutzpatron der Geduld und der Höflichkeit, eine Figur, mittels der Proteste diszipliniert werden und Unrecht mit Ordnung in Einklang gebracht werden soll. In dieser geschönten Form fungiert King als ideologisches Instrument: als Beweis dafür, dass Freiheit ohne das Aufbrechen von Strukturen, ohne Umverteilung oder Machtkonfrontation erlangt werden kann.

Von Sam Ben-Meir

Dieser King ist eine Erfindung. Die Frage ist daher nicht, wie King geehrt werden sollte, sondern warum seine fundamentalsten Bekenntnisse im liberalen Gedächtnis grundsätzlich nicht mehr vorhanden sind.

Der historische King – der King, der wichtig ist – tritt erst dadurch in Erscheinung, dass wir dem Entwicklungsverlauf seines Denkens über die Bürgerrechtsreform hinaus bis hin zur direkten Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, dem Imperialismus, und der sozialen Gesamtheit, die beide trägt, folgen. Am Ende seines Lebens entsprach King nicht mehr den Grundmustern des amerikanischen Liberalismus. Das ist der Grund, warum sein Vermächtnis entsorgt werden musste. King war nicht nur ein moralischer Kritiker der Ungerechtigkeit. Er wurde zu einem Theoretiker und Praktiker des systemischen Widerspruchs, zu einer Figur, deren Treue zur allgemeinen Gültigkeit sich ohne Verfälschung nicht mit dem liberalen Kapitalismus vereinbaren ließ.

King lehnte von Anfang an die liberale Illusion des allmählichen Fortschritts ab. Der Liberalismus erträgt Ungerechtigkeit, solange sie nur langsam, rechtskonform und respektvoll fortschreitet. King verwarf diese zeitliche Logik. Gewaltloses unmittelbares Handeln war keine Bitte um Anerkennung, sondern eine Strategie der Verstörung. Birmingham war keine Überzeugungsarbeit, sondern ein Wendepunkt; Selma war kein Dialog, sondern Entlarvung.

In seinem „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“ verlangt King nicht, einbezogen zu werden. Er verurteilt schon den Gedanken, dass Gerechtigkeit ohne Folgen aufgeschoben werden kann. „Gerechtigkeit, die man zu lange verschiebt, ist verleugnete Gerechtigkeit“, bezeichnet eine Struktur, kein Gefühl. Die Forderung nach Geduld ist selbst eine Methode der Herrschaft, die Leid in ein Verwaltungsproblem und Freiheit in ein endlos aufgeschobenes Versprechen verwandelt.

Slavoj Zizeks Unterscheidung zwischen subjektiver und objektiver Gewalt erläutert, was King intuitiv erfasst hat. Die dunkelste Gewalt der amerikanischen Gesellschaft war nicht die sichtbare Brutalität von Polizeihunden und Schlagstöcken, sondern die normalisierte Gewalt der Rassentrennung, Armut und Ausgrenzung – die Gewalt eines Systems, das von sich selbst behauptet, neutral zu sein. Kings Gewaltfreiheit war kein Pazifismus. Sie war eine Ablehnung, dieser Ordnung moralische Unschuld einzuräumen, indem sie deren Selbstbild widerspiegelte. Selbst hier überschreitet King bereits den liberalen Moralismus.

Der ausschlaggebende Bruch erfolgt später – nicht in Worten, sondern in Kings Verständnis des Systems. Nach den gesetzgebenden Erfolgen Mitte der 1960er Jahre zog King eine Schlussfolgerung, die das liberale Amerika nicht akzeptieren konnte: Rechtsgleichheit ohne wirtschaftliche Veränderung ist eine Lüge. Das Ende der Rassentrennung bedeutete nicht das Ende der Armut; es brachte sie nur umso krasser zum Vorschein. Die Integration deckte die Ausbeutung auf.

King benannte dies ausdrücklich. 1967 erklärte er, dass die Gesellschaft einer „radikalen Umverteilung der wirtschaftlichen und politischen Macht“ bedarf. Das ist keine reformorientierte Rhetorik. Es ist eine unmittelbare Herausforderung des Kapitalismus als einem auf Ungleichheit ausgerichteten System. Im selben Jahr bezeichnete King in der Riverside Kirche die Vereinigten Staaten als „den größten Anwender von Gewalt in der heutigen Welt“ und stellte eine Verknüpfung zwischen rassistischer Herrschaft im Inland und imperialistischen Kriegen im Ausland her. Mit diesem Ausspruch überschritt King eine Schwelle.  Er sprach nicht mehr als moralischer Kritiker innerhalb des Systems, sondern als Analytiker des Systems selbst.

An dieser Stelle kann Kings Haltung nicht mehr durch die Rede von Rechten und Anerkennung verstanden werden; sie macht eine Theorie der Allgemeingültigkeit erforderlich. King plädierte nicht für die Freiheit der Schwarzen als einen besonderen Identitätsanspruch. Er argumentierte, dass das Leid der Schwarzen die Falschheit der amerikanischen Universalität selbst aufdecke. Deshalb lehnte er sowohl den weißen liberalen Paternalismus als auch den schwarzen Nationalismus als endgültig anzustrebende Weltanschauungen ab. Ersterer schützte die Herrschaft; letzterer riskierte, sie in umgekehrter Form nachzubilden. Kings Anspruch war radikaler: Freiheit ist unteilbar oder sie existiert nicht.

In Memphis, wo er sich an die Seite streikender Müllwerker stellte, brachte King diese Universalität in ihrer schärfsten Form zum Ausdruck. Zwei Männer wurden in einem defekten Lastwagen zu Tode gedrückt. Die Arbeiter trugen Schilder mit der Aufschrift „ICH BIN EIN MENSCH“ – keine Forderung nach Anerkennung, sondern eine so offenkundige Erklärung, dass sie die Lüge aufdeckte, auf die die Stadt sich stützte. King sprach von Arbeit, Entbehrlichkeit und einer Nation, die Kriege finanzieren konnte, aber nicht in der Lage war, ihre Arbeiter am Leben zu erhalten. Die Polizei sperrte die Straßen ab. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Die Ordnung geriet ins Wanken. King war sich des Risikos bewusst. Er wusste, dass die Bewegung dabei war, zu zerbrechen. Er wusste, dass die „Poor People’s Campaign“ (Kampagne der armen Leute) eine Linie überschritten hatte, die für das Eintreten für die Bürgerrechte niemals überschritten werden sollte. Dennoch kehrte er zurück und verpflichtete sich zu einem Kampf, der nicht länger als moralischer Aufruf zu deuten war. In der Nacht vor seiner Ermordung sprach er vom Gelobten Land, ohne die Illusion zu haben, es jemals zu betreten. Das war keine Versöhnung. Es war Treue.

Das ist der Punkt wo die liberal behauptete Gegensätzlichkeit von King und Malcolm X zusammenbricht. Die bekannte Gegenüberstellung – King als der Verfechter der erklärten Gewaltfreiheit, Malcolm als der Vertreter des gefährlichen Extremismus – erfüllt eine ideologische Funktion. Er ermöglicht es der liberalen Gesellschaft, King nur heiligzusprechen, wenn er Malcolm gegenübergestellt wird, wodurch ersterer in ein harmloses moralisches Symbol und letzterer zu einem Alarmsignal verwandelt wird.

Sobald wir von taktischen Einschätzungen zu einer Gesamtschau übergehen, löst sich dieser Gegensatz auf. Malcolm erkannte schon früher, was King später erst klar wurde: dass die Integration in ein gewalttätiges System selbst eine Form von Gewalt ist. Malcolm beschrieb diesen Widerspruch als allumfassend; King pochte darauf, dass es nicht erlaubt sein dürfe, sich auf eine einzige Weltanschauung zu versteifen. Der Unterschied zwischen ihnen war nicht analytischer, sondern ethischer Natur – ob dieser Widerspruch die gesellschaftliche Realität in ihrer Gesamtheit darstellen würde, oder den Punkt, von dem aus Veränderung realisierbar wird.

Zizek arbeitet diese Annäherung in seinen Schriften über Gewalt und Bürgerrechte eindeutig aus. In Abgrenzung von den liberalen Lobeshymnen auf Gewaltlosigkeit behauptet Zizek, dass Personen wie King dafür notwendig sind, militante Gegensätzlichkeit in eine allgemeingültige Ausformung zu übertragen, die dazu geeignet ist, die symbolische Ordnung zu destabilisieren. Malcolm benennt die Wunde; King beharrt darauf, dass sie das Ganze anklagt. Das liberale Gedächtnis macht es erforderlich, sie als gegensätzlich darzustellen, weil ihre Übereinstimmung den Liberalismus selbst als unzureichend entlarven würde.

Dies erklärt auch die Bedeutung von Kings Gewaltfreiheit. Sie war der Militanz gegenüber nicht moralisch überlegen; sie war unter bestimmten historischen Bedingungen strategisch überlegen – und kann nicht als moralische Regel verallgemeinert werden. Gewaltfreiheit war die Disziplin der Allgemeingültigkeit, eine Weigerung, die Anstrengungen in wechselseitiger Beherrschung enden zu lassen. Sie trachtet nicht danach, die Ordnung aufrechtzuerhalten, sondern die Gewalt aufzudecken, auf der die Ordnung beruht.

Was die liberale Ideologie nicht aushalten kann, ist nicht Kings Zorn, sondern seine Feststellung: dass der Liberalismus selbst als ein System objektiver Gewalt funktioniert, indem er Ungerechtigkeit genau dadurch aufrechterhält, dass er menschlich, verfahrensorientiert und geduldig in Erscheinung tritt. Die Erfindung eines harmlosen King ist kein Erinnerungsversagen, sondern die Bedingung, unter der der Liberalismus seine eigenen Widersprüche überlebt.

Die Ermordung Kings war deshalb nicht nur ein historisches Verbrechen; sie diente – innerhalb der Logik der amerikanischen Macht – als Mittel zur Wiederherstellung einer Stabilität, die durch seine Universalität in Frage gestellt worden war. Um 1968 war er unzumutbar geworden. Er schuf eine rassenübergreifende Klassensolidarität. Er bezeichnete Kapitalismus und Imperium als nicht voneinander zu trennen. Er drohte damit, die Armen über Rassengrenzen hinweg zusammenzuführen – eine existenzielle Gefahr für die bestehende Gesellschaftsordnung.

Systeme fürchten keine Kritik; sie fürchten Allgemeingültigkeit. Kings Beharrlichkeit, dass Ausbeutung überall das Ganze anklagt, konnte nicht aufgefangen werden. Sie musste ausgelöscht und dann neu verpackt werden. Deshalb ist der King, der uns heute präsentiert wird, ungefährlich. Seine Kritik am Kapitalismus wird übergangen. Sein Widerspruch gegen das Imperium ist in Vergessenheit geraten. Seine Forderung nach Umverteilung wird ausgeklammert. An seiner Statt tritt eine moralische Ikone, die mit dem neoliberalen Pluralismus vereinbar ist.

King starb nicht für einen Traum der Integration. Er starb für eine Wahrheit, die der Liberalismus nicht ertragen kann: dass Freiheit unvereinbar ist mit einer Gesellschaftsordnung, die auf Ausbeutung, Hierarchie und anhaltendem Krieg errichtet ist. Sein Mut war nicht nur der Mut zu leiden, sondern der Mut, treu zu bleiben – der Universalität, der Gleichheit, der Vorstellung, dass Menschen keine Instrumente sind.

Wenn King heute ungefährlich ist, dann nicht, weil er missverstanden wurde, sondern weil seine Forderungen zurückgewiesen wurden – und wir leben weiter unter dieser Zurückweisung.


Sam Ben-Meir ist außerordentlicher Professor für Philosophie an der City University of New York, College of Technology.

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!