Petition der Bevölkerung von Siaya County, Kenia
Wir, die Bevölkerung des Siaya County in Kenia, erheben unsere Stimme in einem entscheidenden Moment. Ein Vorhaben zum Bau eines Kernkraftwerks in unserer Region droht, unser Land, unsere Lebensgrundlagen und unsere Zukunft auf eine Weise grundlegend zu verändern, die unumkehrbar, mit hohen Risiken verbunden und zutiefst ungerecht ist.
Hier geht es nicht nur um ein lokales Entwicklungsprojekt. Es ist eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen für Millionen von Menschen, deren Lebensgrundlage das Viktoriasee-Becken bildet. Auf dem Spiel steht nicht nur die Energiepolitik, sondern die Umweltsicherheit, die öffentliche Gesundheit, das kulturelle Erbe und die Generationengerechtigkeit.
Uns wurde gesagt, dass das Kernkraftwerk Arbeitsplätze und günstigen Strom bringen würde. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch eine weitaus beunruhigendere Realität. Nukleare Einrichtungen erfordern strenge Sicherheitszonen, die große Gebiete unbewohnbar machen. In einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern ist eine dauerhafte Besiedlung nicht erlaubt. Darüber hinaus kann sich eine Notfallplanungszone bis zu 30 Kilometer erstrecken. In einem dicht besiedelten Bezirk wie Siaya bedeutet dies, dass Zehntausende Menschen dauerhaft umgesiedelt werden müssten, während über eine Million Menschen in einem potenziellen Evakuierungsgebiet leben würden.
Für uns ist Land nicht nur Eigentum. Es ist Teil unseres Erbes. Es beherbergt unsere Häuser, unsere Höfe, unsere Geschichte und die Gräber unserer Vorfahren. Vertreibung ist nicht nur eine physische Umsiedlung – sie bedeutet den Verlust von Identität, Kontinuität und Zugehörigkeit. Das sind Verluste, die durch keine Entschädigung wieder gutgemacht werden können.
Die Umweltrisiken sind ebenso gravierend. Das geplante Kraftwerk wäre zur Kühlung auf den Viktoriasee angewiesen, würde erwärmtes Wasser zurück in das Ökosystem leiten und dessen empfindliches Gleichgewicht stören. Noch besorgniserregender ist die (wenn auch geringe) Gefahr einer radioaktiven Kontamination. Der Viktoriasee ist eine gemeinsame Ressource, von der Millionen Menschen in Kenia, Uganda und Tansania leben. Eine Verschmutzung würde nicht auf die betroffene Region beschränkt bleiben, sondern zu einer regionalen Krise führen, die sich grenzüberschreitend auf die Fischerei, das Trinkwasser und die Artenvielfalt auswirken würde.
Die Kernenergie erzeugt zudem hochradioaktiven Abfall, der über Jahrtausende hinweg gefährlich bleibt. In abgebrannten Brennelementen entsteht Plutonium, einer der giftigsten bekannten Stoffe, dessen sichere Entsorgung über Generationen hinweg gewährleistet sein muss. Kenia verfügt derzeit weder über eine Endlagerstätte noch über ein System zur langfristigen Lagerung. Das bedeutet, dass die Last dieses Projekts nicht bei uns enden würde – sie würde an künftige Generationen weitergegeben werden.
Zudem bestehen ernsthafte Bedenken hinsichtlich der öffentlichen Gesundheit. Selbst im Normalbetrieb setzen Kernkraftwerke die Bevölkerung in der Umgebung einer geringen Strahlenbelastung aus, die in weltweiten Studien mit einem erhöhten Krebsrisiko, insbesondere bei Kindern, in Verbindung gebracht wurde. Im Falle eines Unfalls können radioaktive Stoffe über Luft, Wasser und die Nahrungskette verbreitet werden, was langfristige und oft irreversible Folgen hat.
In der heutigen Welt sind kerntechnische Anlagen zudem hochrangige Sicherheitsziele. Durch die Fortschritte in der Drohnentechnologie und die Entwicklung der asymmetrischen Kriegsführung sind selbst streng bewachte Anlagen anfällig für Angriffe oder Sabotage. Kritische Systeme wie Kühlanlagen und Wasserentnahmestellen sind besonders gefährdet. Ein einziger erfolgreicher Angriff könnte katastrophale Folgen haben.
Auch das wirtschaftliche Argument für die Kernenergie ist fragwürdig. Kernkraftwerke gehören zu den teuersten Formen der Energieinfrastruktur und erfordern massive Vorabinvestitionen sowie langfristige Schuldenabzahlungen. Gleichzeitig verfügt Kenia bereits über reichhaltige geothermische Ressourcen sowie wachsende Solar- und Windkapazitäten – Energielösungen, die schneller umsetzbar, weniger risikobehaftet und in ihren wirtschaftlichen Vorteilen inklusiver sind.
Aus all diesen Gründen fordern wir, die Bevölkerung von Siaya, sofortige Maßnahmen. Wir drängen darauf, alle Pläne zum Bau eines Kernkraftwerks in unserem Bezirk auszusetzen. Wir fordern eine umfassende, unabhängige und international überprüfte Bewertung der damit verbundenen Risiken. Wir verlangen vollständige Transparenz, eine sinnvolle Beteiligung der Öffentlichkeit sowie die Achtung der Rechte und Lebensgrundlagen der betroffenen Gemeinden. Wir fordern zudem Investitionen in sicherere und nachhaltigere Energiealternativen, die den Stärken Kenias entsprechen und die Bevölkerung des Landes schützen.
Dies ist nicht nur eine Entscheidung über die Infrastruktur. Es ist eine Entscheidung, die das Land, das Leben der Menschen, die Ökosysteme und Generationen prägen wird. Die Risiken sind nicht theoretischer Natur, sondern real, strukturell und unumkehrbar.
Wir fordern die Weltgemeinschaft auf, an unserer Seite zu stehen. Mit Ihrer Unterschrift unter diese Petition unterstützen Sie nicht nur die Menschen in Siaya – Sie verteidigen Umweltgerechtigkeit, schützen gefährdete Gemeinschaften und helfen, eine Entscheidung zu verhindern, deren Folgen noch künftige Generationen zu spüren bekommen könnten.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Fred Schumacher vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










