In 21 Geschichten erzählen Menschen, wie sie etwas vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen.

von Luisa Kleine und Anja Marwege

Am Anfang waren da ein brachliegender Parkplatz, ein Pfarrhaus ohne Kirchengemeinde oder ein verwaistes Gasthaus. Mal gab es einen herausgehobenen Anfangsmoment, ein Knistern in der Luft, einen stechenden Schmerz, einen inneren Ruf oder das Rauschen zweier Flüsse, und dann: eine beherzte Entscheidung – von einem, von zwei, von einer Hand-voll Menschen. Mal liegt das Jahrzehnte, mal wenige Jahre zurück. Diese Menschen fragten wir: »Was liebt ihr voraus?« Daraus sind 21 Portraits entstanden, die zusammen ein Mosaik ergeben – vielfältig, persönlich und unendlich erweiterbar. Solche Geschichten haben eine lange Tradition in Oya, und so ist es nicht verwunderlich, dass hier auch wiederkehrende Beitragende anzutreffen sind. (1)

Mit den Funken, die beim Erzählen überspringen, entzünden wir ein Feuer, laden dazu ein, sich drumherum zu scharen und den Ge-schichten zu lauschen. Es sind keine glatten, geradlinigen Erzählungen. Stattdessen teilen Hütende von Orten, Projekten, Bewegungen darin auch Widersprüche: Auseinandersetzungen mit bürokratischen Strukturen und patriarchaler Sozialisierung, mit gescheiterten Gemeinschaftsprozessen und Nicht-Wissen, mit Abschieden und Neuanfängen. All das ist Teil des Vorausliebens.

Aus den über diesen Almanach verteilten Geschichten spricht eine Qualität des sich »Ver-aus-gabens«, wie Ursula Seghezzi (2) das nennt: nicht im Sinn des Ausbrennens, sondern des unermüdlichen Aus-sich-heraus-Gebens, wie beim Stillen, beim Jäten, beim Bewältigen von Herausforderungen. Zu wissen, wann es gut ist, dranzubleiben, und wann es gut ist, loszulassen und ein Vorhaben zu kompostieren, damit daraus anderes wachsen kann – das ist eine Kunst!

Beim Lauschen spürten wir den Mut und die Klarheit, die nötig sind, um Gegenwart zu gestalten. Ganz gleich, ob die Geschichten von reisenden Handwerksleuten, einer sozialen Bewegung, einer Kultur-, Gemeinschafts- oder Landwirtschaftsinitiative handeln – aus allen spricht das Bestreben, gemeinschaffend und oft tauschlogikfrei für die Bedürfnisse aller zu sorgen und sich dem phantasielosen Weiter-So kapitalistischer Verwertungslogik kreativ zu widersetzen. Auch wenn einzelne Projekte inzwischen gescheitert sind, lebt die darunterliegende Kraft des Vorausliebens in anderen Formen weiter. Das Bild, gemeinsam am Feuer zu sitzen, lädt auch dazu ein, über sich selbst und miteinander zu lachen und zu erkennen, dass wir mit unvermeidlichen Rückschlägen und Widersprüchen nicht allein sind.

Fast alle Erzählungen handeln von Weltmittelpunkten. Sich einzubetten und zu beheimaten scheinen uns eine Voraussetzung, um an einem Ort langfristig etwas zu bewirken. Das ist kein ausgrenzender, sondern ein einladender Impuls. »Ist Heimat ein Commons, eine Allmende?« (3), fragte Oya-Gründerin Lara Mallien einmal und fand eine klare Antwort: »Ja, denn sie entsteht aus der Beziehung eines Menschen zu einem anderen, einem Ort, einer Region oder einer kulturellen Tradition. Gelingende Beziehungen entfalten sich bekanntlich in einem wechselseitigen Geben, indem der Versuch, das jeweilige Gegenüber zu besitzen, unterbleibt.«

Die Geschichten handeln vom Nach-Hause-Kommen in all seiner Vielfalt- jenseits von Kleinfamilie, Lohnarbeit und Eigenheim. Auch Menschen, die Heimat verloren haben und anderswo neu schaffen, kommen zu Wort. Beim Aufschreiben dessen, was die Befragten erzählten, wurde uns immer wieder die gegenseitige Bedingtheit von Freiheit und Verbundenheit bewusst. Nur wer frei ist, zu bleiben, kann sich in der Tiefe mit Orten und Menschen verbinden. Und sich zu beheimaten hat auch immer etwas Vorausliebendes: Gemeinsam werden dabei Qualitäten oder Strukturen bereitet, genährt, eingeladen, die noch nicht da sind. Je mehr Geschichten wir hörten, desto stärker traten unsere eigenen in Hintergrund, und wir konnten eine weite (4), überpersönliche Sichtweise einnehmen.

Zugleich erkannten wir zusammenhänge, Verbindungen, Muster in Vergangenheit, Gegenwart und möglichen Zukünften, in denen alle Geschichten – einschließlich unserer eigenen – sich wie in einem kunstvoll gelegten Mosaik zueinander in Beziehung setzen.

Die Quelle, aus der Geschichten vom Vorauslieben hervorsprudeln, schien uns dabei schier unerschöpflich – wir hätten noch lange zuhören können. Dank sei allen, die ihre erlebte Erzählung mit uns geteilt haben!

 

Fußnoten:

(1) Siehe etwa die Geschichten in Lara Mallien, »Heimat ist Allmende«, in: Oya 45/2017, S. 36ff.; in Oya 57/2020 zum Thema »Weltmittelpunkte«; sowie im »Mosaik des guten Lebens«, in Oya 59/2020 zum Thema »Schöne neue Welt?«. Diese und viele weitere Portraits von Orten, Projekten und Initiativen sind auch zu finden unter: lesen.oya-online.de/ausgaben

(2) Ursula Seghezzi forscht zu europäischen Lebensrädern und bietet zusammen mit ihrem Mann David am uma Institut Naturcoachings an. umainstitut.net

(3) »Heimat ist Allmende«, in: Oya 45/2017, S. 36.

(4) Siehe die Jahreskreisgeschichte »Weit werden« auf S. 244 in diesem Almanach.

Der Originalartikel kann hier besucht werden