Ein Bericht des Komitees zum Schutz von Journalisten (Committee to Protect Journalists – CPJ), einer internationalen Organisation mit Sitz in New York, zeigt, dass 2025 das tödlichste Jahr für das Pressewesen seit mehr als drei Jahrzehnten war. Zwei Drittel der Todesfälle ereigneten sich in Gaza. Das sind nicht bloß abstrakte Zahlen: es handelt sich dabei um Kollegen, die inmitten des Krieges an der Wahrheit festgehalten haben und dabei zu Tode gekommen sind.

Im Jahr 2025 sind weltweit nicht einfach 129 Journalisten und Medienmitarbeiter gestorben. Einhundertneunundzwanzig Menschen, die sich entschieden hatten, dort auszuharren, wo andere geflohen waren, wurden getötet. Männer und Frauen, die keine Waffen trugen, nur Kameras, Mikrofone, Notizbücher und Handys. Sie starben, weil ihre Aufgabe darin bestand, direkt darauf zu schauen, von dem die Macht gerne hätte, dass es ungesehen bleibt.

Der Sonderbericht, der vom Komitee zum Schutz der Journalisten (CPJ) veröffentlicht wurde, bestätigt, dass es das tödlichste Jahr für die Presse war, seit die Organisation vor mehr als dreißig Jahren begann, diese Fälle zu dokumentieren. Diese Zahl ist keine statistische Schwankung.  Sie markiert eine Schwelle, die einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen Krieg und Journalismus darstellt.

Von diesen 129 Tötungsdelikten ereigneten sich 86 im Zusammenhang mit Israels Offensive in Gaza. Zwei von drei Todesfällen unter Journalisten weltweit ereigneten sich also in einem einzigen Gebiet. Noch nie zuvor hatte ein Konflikt ein solches Ausmaß der  Tötung von Pressemitarbeitenden erreicht. Der Bericht informiert weiterhin, dass die meisten Opfer palästinensische Journalisten waren, die innerhalb des Gazastreifens gearbeitet hatten, in einem Bereich, in dem der Zugang internationaler Medien stark eingeschränkt war. Diejenigen, die über den Krieg berichteten, erduldeten ihn auch.

CPJ dokumentiert, dass mehr als drei Viertel der im Jahr 2025 getöteten Journalisten in Gebieten von bewaffneten Konflikten starben. Es verzeichnet außerdem einen deutlichen Anstieg von Fällen, die als vorsätzliche Tötungen eingestuft wurden, und warnt, dass in den meisten Fällen hierzu weder transparenten Untersuchungen noch wirksame Ermittlung hinsichtlich der Verantwortlichkeiten stattgefunden hatten. Straflosigkeit erscheint nicht als Panne innerhalb des Systems, sondern als Voraussetzung dafür, Wiederholung zu gestatten.

In Gaza wurde journalistische Arbeit zu einer extremen Form von zivilem Widerstand. Hossam Shabat, ein junger palästinensischer Reporter, starb am 24. März 2025, als ein Luftangriff das Fahrzeug traf, mit dem er unterwegs war, um über Ereignisse im nördlichen Streifen zu berichten. Der CPJ-Bericht zählt ihn bei den Journalisten mit, die während der Berichterstattung im Feld getroffen wurden. Shabat hatte zuvor Drohungen erhalten. Er wusste, dass sein Name die Runde machte. Dennoch blieb er. Bleiben war in diesem Zusammenhang keine bloße Geste; es war eine bewusste Entscheidung, das Risiko auf sich zu nehmen, damit die Welt sehen konnte, was in den Trümmern geschah.

Der Bericht fügt ein Detail hinzu, das die Schwere der Lage unterstreicht: drei Todesfälle – darunter einer eingestuft als Mord – ereigneten sich nach dem Waffenstillstand im Oktober 2025. Der Schutz, den ein Einstellen von feindlichen Attacken hätte stärken sollen, führte nicht zu einer sofortigen Verringerung des Risikos für die Pressemitarbeitenden.

Die Schilderungen zu Gaza in dem Bericht lesen sich wie eine forensische Diagnose der Unmöglichkeit einer Aufdeckung von Geschehnissen: wenn es keinen freien Zugang gibt, wenn Kommunikation unterbrochen ist, wenn die Bevölkerung und die Presse vertrieben werden, wenn Beweise vernichtet werden, wird eine Nachvollziehbarkeit jedes Todesfalles absolut ausgeschlossen. Der Bericht beschreibt dies als ein Szenario, das zum Fehlen juristischer Verantwortlichkeit führt.

Über Gaza hinaus dokumentiert der Bericht Tötungen im Sudan, in der Ukraine, in Mexiko, auf Haiti, den Philippinen und in anderen Ländern. In einigen Fällen starben Journalisten im Kreuzfeuer. In anderen wurden sie dafür hingerichtet, dass sie Korruption, organisierte Verbrechen oder Machtmissbrauch untersuchten. Das übliche Schema ist die Fragilität echten Schutzes. Das internationale humanitäre Völkerrecht stuft Journalisten als Zivilisten ein. Die Praxis zeigt, dass diese juristische Einstufung nicht immer die Kugel aufhält.

Die moralische Einstufung des Berichts ist eindeutig: wenn Journalismus ein Maßstab für Freiheit ist, ist diese Dokumentation nicht lediglich eine Statistik, sondern ein Indikator für die Abwertung des Rechts auf Information, und, im weiteren Schritt, des Rechts auf allgemeines Wissen. „Wir sind alle in Gefahr, wenn Journalisten getötet werden, dafür, dass sie neue Nachrichten berichten“, erklärt CPJs CEO Jodie Ginsberg in diesem Bericht.

Die Organisation besteht grundsätzlich auf der regelgerechten Einhaltung des humanitären Völkerrechts: Journalisten sind Zivilisten und sollten niemals absichtlich zum Ziel werden. Die vorsätzliche Tötung eines Journalisten durch eine Armee stellt ein Kriegsverbrechen dar. Aus diesem Grund fordert der Bericht ausdrücklich, gezielte Tötungen von Journalisten unabhängig und unparteiisch als Kriegsverbrechen zu untersuchen.  Er weist weiterhin auf den anhaltenden Mangel an Bereitschaft Israels hin, von seiner Armee begangene Verbrechen zu untersuchen und die Täter zu belangen. Der Text beschreibt des Weiteren im Detail die Kette der Verantwortlichkeit, von den Einzelpersonen in Einheiten der israelischen Streitkräfte (IDF) bis hin zu den höchsten Kommandoebenen.

Das Dokument fordert außerdem eine radikale Reform der Art und Weise, wie Regierungen die Tötung von Journalisten untersuchen, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Zu den genannten Maßnahmen gehören die Einrichtung einer internationalen Ermittlungs-Taskforce und das Verhängen gezielter Sanktionen gegen die Verantwortlichen.

Diese Zahlen zu etwas Alltäglichem zu machen, beinhaltet etwas zutiefst Beunruhigendes. Einhundertneunundzwanzig Tote in einem einzigen Jahr könnten nur eine weitere Zeile in einem Jahresbericht werden, wenn keine genaue Untersuchung erfolgt. Doch hinter jeder Zahl steht ein Netzwerk von Beziehungen, eine Redaktion, eine Gemeinde, die jemanden verloren hat, einen, der fragte, aufzeichnete und niederschrieb. CPJ zählt nicht nur die Todesfälle auf ; es erfasst das wachsende Risiko, dem diejenigen ausgesetzt sind, die berichten.

Die in dem Bericht angedeutete weitreichendere Implikation ist systemischer Natur: liberale Demokratie basiert auf dem Zugang zu Informationen; wird Berichterstattung zum Verbrechen und macht die Dokumentation eines Krieges einen Journalisten zum Ziel, verlieren die Bürger die gemeinsame Basis, von der aus sie abwägen, urteilen und sich widersetzen können.

Die Frage, die der Bericht aufwirft, ist nicht nur, wie viele Journalisten im Jahr 2025 gestorben sind, sondern auch, was das über unsere Zeit aussagt. Wenn Berichterstattung in diesem Ausmaß zu einer todbringenden Handlung wird, reicht das Problem über den Beruf hinaus. Ohne Journalisten gibt es keine unabhängigen Zeugnisse. Ohne unabhängige Zeugnisse bleibt Gewalt unregistriert, und was nicht aufgezeichnet wird, kann geleugnet werden.

Diese 129 Namen sind keine Jahresstatistik. Sie sind eine Liste von Kollegen, die beim Ausüben des Rechts – und der Pflicht –, die Geschichte zu erzählen, gestorben sind. Ihr Andenken zu ehren erfordert mehr, als sie nur in einem Bericht aufzuführen. Es erfordert die Verteidigung des Prinzips, dass die Wahrheit nicht mit Leben bezahlt werden sollte.

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!