In nur zwei Wochen wurden laut Angaben von „Ärzte ohne Grenzen“ 167 Menschen wegen schwerer Verletzungen behandelt, die durch Drohnenangriffe in zivilen Bereichen des Sudan verursacht worden waren. Tiefgehende Brustwunden, Schädelbrüche, Amputationen bei Kindern. Was der medizinische Bericht in klinischen Begriffen beschreibt, offenbart etwas tiefer Gehendes: die Konsolidierung einer technologischen Form der Kriegsführung, die gegenüber zivilen Bevölkerungsgruppen in einem Konflikt eingesetzt wird, welche von der internationalen Agenda ausgeblendet wurde.
Im Sudan ist dies weder geringfügig noch vereinzelt vorkommend. „Ärzte ohne Grenzen“ dokumentierte, dass seine Teams innerhalb von zwei Wochen 167 schwerverletzte Patienten behandelten, deren Verletzungen mit denen durch Drohnen in zivilen Gebieten abgeworfenen Munitionen übereinstimmten. Die Beschreibungen lassen wenig Raum für Zweifel: tiefgehende Wunden an Brust und Bauch, traumatische Hirnverletzungen, multiple Frakturen, Amputationen. Unter den Fällen befand sich ein neunjähriges Kind mit Granatsplittern im Auge, ausgedehnten Gesichtsfrakturen und zwei amputierten Fingern, das für eine Spezialbehandlung nach N’Djamena (Tschad) verlegt wurde und mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft behindert bleiben wird.
Dieser offizielle Bericht ist keine politische Erklärung. Es handelt sich um einen ausführlichen klinischen Bericht. Gerade deshalb hat er umso mehr Gewicht.
Seit April 2023 herrscht im Sudan ein offener Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften und den Rapid Support Forces. Was als Kampf um die Kontrolle über den Staatsapparat begann, hat sich zu einem langwierigen innerstädtischen Konflikt, zu Massenvertreibungen und zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems entwickelt. In den letzten Monaten haben mehrere Organisationen auf eine Eskalation des Einsatzes bewaffneter Drohnen in dicht besiedelten Gebieten hingewiesen.
Human Rights Watch hat vor wahllosen Angriffen in Wohngebieten und dem Einsatz explosiver Waffen in städtischen Gebieten gewarnt. Amnesty International hat die Auswirkungen auf die zivile und medizinische Infrastruktur angeprangert. Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte hat erneut betont, dass die Grundsätze der Unterscheidung und Verhältnismäßigkeit verbindliche rechtliche Verpflichtungen gemäß den Genfer Konventionen sind. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat darauf bestanden, dass Krankenhäuser und medizinisches Personal jederzeit geschützt werden müssen.
Das von diesen Organisationen beschriebene Muster deckt sich mit diesem medizinischen Bericht: Explosionen in zivilen Bereichen, Opfer mit Splitterverletzungen und eine überlastete Gesundheitsinfrastruktur.
Der Einsatz von Drohnen eröffnet eine besondere Dimension. Diese Systeme ermöglichen Angriffe, ohne die eigenen Truppen zu gefährden, wodurch interne politische Kosten reduziert werden und Operationen aus der Ferne durchgeführt werden können. In der aktuellen militärischen Debatte werden sie als Präzisionsinstrumente dargestellt. Wenn jedoch immer wieder Kinder verletzt werden, Amputationen notwendig werden und es in Wohngebieten zu traumatischen Hirnverletzungen kommt, ist Präzision nicht mehr nur eine technische Eigenschaft, sondern wird zu einer rechtlichen Frage.
Das humanitäre Völkerrecht verlangt eine Unterscheidung zwischen militärischen Zielen und Zivilisten. Es verbietet auch Angriffe, die in keinem Verhältnis zu dem erwarteten konkreten und direkten militärischen Vorteil stehen. Wenn Auswirkungen in zivilen Bereichen registriert werden und innerhalb kurzer Zeit Dutzende von Verletzten zu beklagen sind, besteht nicht nur eine moralische, sondern auch eine investigative Verpflichtung. Es muss festgestellt werden, ob ein Muster, eine Absicht oder eine systematische Fahrlässigkeit vorliegt.
Der Sudan ist zu einem Raum geworden, in dem Militärtechnologie mit wenig internationaler Beachtung eingesetzt wird. Im Gegensatz zu anderen Konflikten ist die Berichterstattung in den Medien hierüber nur sporadisch. Die diplomatische Aufmerksamkeit ist fragmentiert. Der politische Druck ist begrenzt. Diese Kombination schafft einen fruchtbaren Boden für die Normalisierung von Praktiken, die in anderen geopolitisch bedeutsamen eingestuften Kontexten stärkere Reaktionen hervorrufen würden.
Der Fall des nach N’Djamena verlegten Kindes verdeutlicht die strukturelle Dimension des Konflikts. Das Kind wurde nicht nur durch Granatsplitter verletzt, sondern musste auch extreme Bedingungen ertragen, um außerhalb des Landes eine Spezialbehandlung zu erhalten. Das sudanesische Gesundheitssystem, das durch jahrelange Instabilität geschwächt und durch den Krieg zusätzlich belastet ist, kann das Ausmaß und die Schwere solcher Fälle nicht bewältigen.
Wenn ein dringender medizinischer Bericht zur Hauptinformationsquelle hinsichtlich der technologischen Eskalation eines Krieges wird, ist die Botschaft klar: Die humanitäre Bilanz tritt an die Stelle einer politischen Bilanz. Medizinische und Menschenrechtsorganisationen dokumentieren, was eigentlich Gegenstand solider internationaler Untersuchungsmechanismen sein sollte.
Die Aussage, dass „Zivilisten stets geschützt werden müssen“, ist keine rhetorische Floskel. Sie ist der Grundpfeiler der nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen internationalen Rechtsordnung. Wenn dieser Grundsatz in Randkonflikten ohne erkennbare diplomatische oder juristische Konsequenzen ausgehöhlt wird, schwächt dies das gesamte System.
Der Sudan ist nicht nur ein langandauernder interner Konflikt. Er ist auch ein Spiegelbild der modernen Kriegsführung: ausgelagert, technisiert, aus der Ferne durchgeführt und letztlich von der Zivilbevölkerung ertragen.
Der dringende Bericht von „Ärzte ohne Grenzen“ ist nicht nur ein weiterer Eintrag in der Chronologie des Konflikts. Es ist die klinische Diagnose eines Krieges, der mit Drohnen über Stadtvierteln voranschreitet, in denen die Unterscheidung zwischen Kämpfern und verwundeten Kindern in der Praxis aufgehoben zu sein scheint. Und solange die internationale Reaktion fragmentiert bleibt, wird der medizinische Bericht weiterhin das präziseste Dokument sein, das die Anatomie dieser Art von Gewalt beschreibt.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Anja Schlegel vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!









