Staaten in Südasien und weitere Entwicklungs- und Schwellenländer geraten in eine ernste Energiekrise, weil Europa ihnen im Machtkampf gegen Russland das Flüssiggas wegkauft.

Die europäische Jagd auf Flüssiggas droht die Energieversorgung in zahlreichen Ländern Südasiens sowie anderer Weltregionen kollabieren zu lassen. Das geht aus Berichten aus Pakistan, Bangladesch, Thailand und diversen weiteren Staaten hervor. Pakistan etwa ist nicht mehr in der Lage, Flüssiggas auf dem Spotmarkt zu erwerben, weil „jedes einzelne Molekül, das in unserer Region erhältlich war“, von den Staaten Europas gekauft worden sei, teilt der pakistanische Erdölminister Musadik Malik mit. Seine Regierung muss längst Strom rationieren, Geschäftszeiten reduzieren und zeitweise gar die Versorgung von Teilen der Industrie kappen. Die zuletzt im Wachstum befindliche Exportindustrie hat mit ernsten Rückschlägen zu rechnen. Dasselbe ist etwa in Bangladesch der Fall, wo die Bevölkerung – ebenfalls wegen Flüssiggasmangel – Strom-, die Industrie schmerzliche Produktionsausfälle hinnehmen muss. Aus Thailand und weiteren Ländern wird Ähnliches berichtet. Ursache dafür, dass die Staaten Europas ärmeren Ländern Flüssiggas wegkaufen, ist ihr Plan, Moskau die Einkünfte aus dem Gasverkauf zu nehmen.

Kein Flüssiggas mehr erhältlich

In Südasien droht die Versorgung mit Flüssiggas zu kollabieren, weil europäische Staaten, darunter Deutschland, um jeden Preis aus dem Bezug russischen Pipelinegases auszusteigen suchen und deshalb Flüssiggas aufkaufen, wo auch immer dies für welchen Preis auch immer möglich ist. In Pakistan etwa ist es der Regierung in der vergangenen Woche nicht gelungen, bei einer Ausschreibung für den Kauf von zehn großen Ladungen LNG (Liquefied Natural Gas, Flüssiggas) für gut eine Milliarde US-Dollar auch nur ein einziges Angebot einzuholen. Bereits auf Islamabads drei vorherige Ausschreibungen war lediglich ein einziges Angebot eingegangen; der Preis von 40 US-Dollar pro MMBtu (million British thermal units, die gängige Einheit beim Handel von Flüssiggas) lag weit über dem Preis von 12 US-Dollar pro MMBtu, den Pakistan bei langfristigen Lieferverträgen zahlt, und übersteigt die finanziellen Kapazitäten des Landes deutlich: Islamabad musste das Angebot ablehnen.[1] Sogar Importe, die eigentlich vertraglich fest zugesichert waren, fallen aus: LNG-Lieferanten können in Europa inzwischen so hohe Preise erzielen, dass es sich für sie lohnt, Pakistan zugesicherte Lieferungen nach Europa umzuleiten sowie Islamabad die fällige Vertragsstrafe in Höhe von 30 Prozent des Liefervolumens zu zahlen.

Strom wird gekürzt

Die Folgen für Pakistan wiegen schwer. Rund ein Viertel der Kraftwerkskapazitäten des Landes werden laut offiziellen Angaben mit Flüssiggas betrieben.[2] Zwei LNG-Kraftwerke mussten mangels Nachschub bereits außer Betrieb genommen werden. Die Ausfälle in der Stromversorgung nehmen zu; die pakistanische Regierung hat die Arbeitsstunden im Öffentlichen Dienst gekürzt und allerlei Einrichtungen von Fabriken bis zu Einkaufszentren zur früheren Beendigung ihrer täglichen Produktion bzw. ihrer täglichen Verkaufsstunden veranlasst.[3] In der ersten Juliwoche wurden weitreichende Betriebsstilllegungen in der pakistanischen Textilindustrie verhängt, um die von ihr benötigte Energie für den privaten Stromkonsum und die als vorrangig eingestufte Düngemittelproduktion zu reservieren.[4] Beobachter prognostizieren, dies werde den Ausstoß der pakistanischen Textilindustrie, der bereits zuvor um 30 Prozent gesunken war, um rund 50 Prozent reduzieren. Damit geraten nicht nur zahlreiche Arbeitsplätze in Gefahr, sondern auch die Exportziele der Branche, die sich für das laufende Haushaltsjahr ursprünglich auf ungefähr 26 Milliarden US-Dollar summierten – für ein Land wie Pakistan eine gewaltige Summe.

„Europa saugt die Welt aus“

Die Flüssiggasknappheit betrifft nicht nur Pakistan, sondern ganz Südasien sowie zahlreiche Länder Südostasiens, Afrikas und Lateinamerikas. „Jedes einzelne Molekül, das in unserer Region erhältlich war, ist von Europa gekauft worden, weil sie ihre Abhängigkeit von Russland verringern wollen“, wird der pakistanische Erdölminister Musadik Malik zitiert.[5] „Die europäische Gaskrise saugt die Welt bis aufs Blut aus“, erklärt ein Experte des auf Energie und Rohstoffe spezialisierten Beratungsunternehmens Wood Mackenzie. Laut dem Unternehmen haben die europäischen Staaten ihren Flüssiggasimport vom 1. Januar bis zum 19. Juni im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 49 Prozent gesteigert; dabei nutzen sie die Tatsache aus, dass sie erheblich höhere Preise zahlen können als die Entwicklungs- und Schwellenländer etwa Südasiens. Pakistan musste seinen LNG-Import im gleichen Zeitraum mangels Angebot um 15 Prozent reduzieren, Indien um 16 Prozent; sogar China konnte nur weniger Flüssiggas einführen: minus 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.[6]

Aufschwung bedroht

Betroffen ist etwa Sri Lanka, wo die Flüssiggasknappheit die zur Zeit eskalierende innere Krise und die Massenproteste gegen die Regierung von Präsident Gotabaya Rajapaksa weiter befeuert hat; Rajapaksa hat am Wochenende seinen Rücktritt angekündigt. Unter ernstem Mangel an LNG leidet auch Bangladesch. Das Land produziert rund die Hälfte seiner Elektrizität aus Gas, davon wiederum ein Fünftel aus Flüssiggas. LNG wird wichtiger, denn die Erdgasförderung im eigenen Land nimmt derzeit ab.[7] In Bangladesch schlägt sich, wie in Pakistan, der stark gestiegene LNG-Preis sehr negativ auf Lebenshaltungskosten und Industrie nieder; hinzu kommt ebenfalls, dass nicht genügend Flüssiggas importiert werden kann: Das LNG-Volumen, das zuletzt ins Netz eingespeist werden konnte, ist auf die Hälfte der notwendigen Menge gesunken. Auch in Bangladesch wird der Strom schon rationiert, werden Arbeitsstunden gekürzt, reduzierte Leistung für Klimaanlagen vorgegeben. Auch dort ist die Industrie betroffen, die gerade einen gewissen Aufschwung genommen und mit Erfolg die Exporte gesteigert hatte – im vergangenen Haushaltsjahr zum ersten Mal auf einen Wert von mehr als 50 Milliarden US-Dollar.[8] Die jüngste Aufwärtsentwicklung von Bangladeschs Industrie ist damit ernsthaft bedroht.

Zu Lasten des Klimaschutzes

Flüssiggasknappheit und -teuerung stürzen Länder auch in anderen Weltregionen in ernste Probleme – so etwa in Südostasien. Thailand zum Beispiel produziert fast zwei Drittel seines Stroms aus Erdgas, davon wiederum ein Fünftel aus LNG.[9] Auch dort ist wegen sinkender eigener Erdgasproduktion die Einfuhr von Flüssiggas strategisch wichtig, kann jedoch wegen der dramatisch gestiegenen Preise nicht mehr im nötigen Umfang finanziert werden. Dies wiegt umso schwerer, als gegenwärtig Tourismus und Industrie nach den Einbrüchen in der Covid-19-Pandemie wieder in Schwung kommen und der Erdgasverbrauch deshalb steigt. Die Regierung in Bangkok hat inzwischen beschlossen, die bereits geplante Schließung besonders klimaschädlicher Kohlekraftwerke aufzuschieben; darüber hinaus sind staatliche Importeure dazu übergegangen, die Flüssiggaslücke durch Kauf und Verfeuerung von Diesel und Erdöl zu stopfen. Dies geht, ähnlich wie entsprechende Maßnahmen in Pakistan, in Bangladesch und in zahlreichen anderen Ländern, zu Lasten des Klimaschutzes – auch dies eine Folge der westlichen Embargopolitik gegen Russland, die dem verbissenen Machtkampf gegen den großen Rivalen Vorrang vor der Versorgung ärmerer Länder mit Energie und mit Nahrungsmitteln einräumt (german-foreign-policy.com berichtete [10]).


[1], [2] Saeed Shah, Anna Hirtenstein: Europe Scoops Up LNG, Choking Off Power Supplies in Poorer Nations. wsj.com 07.07.2022.

[3] Haris Zamir: Pakistan blackouts widen as energy crisis deepens, fuel prices soar. spglobal.com 15.06.2022.

[4] Pakistan: Textile industrie to remain closed amid shortage of gas supply. aninews.in 01.07.2022.

[5], [6] Saeed Shah, Anna Hirtenstein: Europe Scoops Up LNG, Choking Off Power Supplies in Poorer Nations. wsj.com 07.07.2022.

[7] Faisal Mahmud: Frequent Power Cuts Hitting Bangladesh. voanews.com 09.07.2022.

[8] Nasrul: Use gas and electricity judiciously. dhakatribune.com 06.07.2022.

[9] Stephen Stapczynski, Ann Koh: Thailand at Risk of Fuel Crunch With Imported Gas Too Pricey. bloomberg.com 22.06.2022.

[10] S. dazu Die Hungerkrise (III).

Der Originalartikel kann hier besucht werden