{"id":984973,"date":"2019-11-30T13:11:19","date_gmt":"2019-11-30T13:11:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=984973"},"modified":"2020-06-11T13:41:46","modified_gmt":"2020-06-11T12:41:46","slug":"interview-mit-mimmo-domenico-lucano-in-riace-solidarisch-wirtschaften-in-riace","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/11\/interview-mit-mimmo-domenico-lucano-in-riace-solidarisch-wirtschaften-in-riace\/","title":{"rendered":"Interview mit Mimmo (Domenico) Lucano in Riace: Solidarisch wirtschaften in Riace"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 30.10.2019 hat Elisabeth Voss Domenico (Mimmo) Lucano zur solidarischen \u00d6konomie und zu den Perspektiven der Aufnahme von Menschen auf der Flucht in Riace interviewt.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das Interview wurde von Valentina Malli durchgef\u00fchrt, transkribiert und aus dem Italienischen von Carla Kirsten M\u00fcller-von der Heyden mit Betty Pusceddu \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Im Oktober begann Citt\u00e0 Futura mit der Olivenernte und der Produktion von Oliven\u00f6l. Elisabeth m\u00f6chte gerne wissen, wie lange die zwanzig Menschen arbeiten werden, wie lange und wie viel sie bezahlt bekommen und ob es nach der Olivenernte weitere Projekte geben wird.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano<\/strong>: Also gut. Die Zeit, die sie arbeiten werden, h\u00e4ngt davon ab, wie viele und wie lange es Oliven gibt. Dieses Jahr war eine ziemlich gute Saison, es gibt viele Oliven. Und ich denke, es geht darum, diese Saison so lange wie m\u00f6glich bis Dezember, Januar \u2013 ich wei\u00df nicht \u2013 aufrechtzuerhalten, und alle, die auf den Feldern bei der Ernte arbeiten, alle haben einen festen Arbeitsvertrag mit einem gewerkschaftlichen Lohn. Sie erhalten 45,00 bis 46,00 Euro pro Tag. Und viele von ihnen sind Zugereiste. Und sie sind alle aus Riace, sie blieben als ehemalige Empf\u00e4nger von Hilfen aus verschiedenen Aufnahmeprogrammen.<\/p>\n<p>Und die \u00d6lm\u00fchle, das muss man noch hinzuf\u00fcgen, um sie in der jetzigen Weise instand zu setzen, hat es viele Jahre gedauert \u2026 viele Jahre, und es ist wahr, dass jeder dazu beigetragen hat. Denn als wir das erste Mal diesen Ort betreten haben, das war bei der Landung der Kurden. Denn dieser Herbst damals war eine Saison wie jetzt, voller Oliven. Und der Herr, dem diese M\u00fchle geh\u00f6rte, hatte sie vor vielen Jahren geschlossen. Niemand hat sie mehr benutzt. Und dann fast instinktiv auf der Suche nach M\u00f6glichkeiten, nach L\u00f6sungen f\u00fcr viele. Die Idee war, die Ressourcen des Territoriums aufzuwerten. Und diese Olivenhaine sind eine der wichtigsten Ressourcen, die von unseren H\u00fcgeln stammt.<\/p>\n<p>Und so haben wir sofort angefangen, diese \u00d6lm\u00fchle wieder in Betrieb zu nehmen, indem wir versucht haben, eine Reinigung durchzuf\u00fchren. Aber sie entsprach nat\u00fcrlich nicht den Normen in Bezug auf die Erfordernisse der verschiedenen Stellen, die f\u00fcr den Betrieb einer \u00d6lm\u00fchle zust\u00e4ndig sind. Wir haben sehr schnell gehandelt, wir haben alles selbst gemacht. Und dann haben in diesem Jahr sehr viele Kurden in dieser M\u00fchle gearbeitet. Dann wurde uns jedenfalls dadurch bewusst, dass die Aufnahme von Menschen etwas ist, das die Menschen in die Lage versetzen muss, nicht passive Subjekte, damit sie nicht nur so abwarten&#8230; dass sie nichts zu tun haben. Sondern sie m\u00fcssen \u2013 auch in der Region \u2013 eine gewisse Staatsb\u00fcrgerschaft haben, teilhaben und aktiv sein und vor allem eine Pr\u00e4senz zeigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im folgenden Jahr haben wir sie wieder er\u00f6ffnet und hatten bereits einige \u00c4nderungen vorgenommen. Denn eine Dame, die von der C\u00f4te d\u2019Azur kam&#8230; sie kam urspr\u00fcnglich aus Neapel und unsere Initiative, dass wir Dinge in Riace tun wollten \u2013 an einem Ort, an dem ein Fl\u00fcchtlingsboot ankam, an dem es eine Geschichte von Auswanderung, von Aufgabe gab \u2013 um zu einer Idee von Wiedergeburt beizutragen. Wiedergeburt eines alten l\u00e4ndlichen Dorfes, in dem es die Erfahrung von weide- und landwirtschaftlichen Gemeinschaften gegeben hatte. Und wir hatten verstanden, dass es auch eine Idee von Kooperation geben musste, um in einem Netzwerk zu sein, das einen viel breiteren Blickwinkel hatte, viel weiter, das sich nicht nur auf Riace beschr\u00e4nkte. Diese Frau kam, weil diese Geschichte in einer Zeitung namens <em>Famiglia Cristiana<\/em> berichtet wurde. Sie kontaktierte uns und gab uns Geld, und einen guten Teil dieses Geldes haben wir daf\u00fcr verwendet, die Teile, die vom Rost zerfressen waren, durch Edelstahlteile zu ersetzen. Wir haben in diesem Jahr viel Geld daf\u00fcr ausgegeben. Und so, \u00fcber viele Jahre hat diese \u00d6lm\u00fchle jedes Mal, wenn Olivensaison war \u2026 Und mit den Kooperativen von Longo Mai haben wir eine Kooperation entwickelt, sie kamen mit dem LKW, mit den Maschinen und den Sch\u00fcttlern und vor allem mit den Menschen. Viele Menschen kamen und blieben \u00fcber die ganze Olivensaison.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-985026\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Mimmo_Domenico_Lucano_Riace_Elisbabet_Voss-720x960.jpg\" alt=\"\" width=\"595\" height=\"793\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Mimmo_Domenico_Lucano_Riace_Elisbabet_Voss-720x960.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Mimmo_Domenico_Lucano_Riace_Elisbabet_Voss-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Mimmo_Domenico_Lucano_Riace_Elisbabet_Voss-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Mimmo_Domenico_Lucano_Riace_Elisbabet_Voss.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 595px) 100vw, 595px\" \/><\/p>\n<p>Es war auch ein Weg, um sich zu vernetzen, auch eine Idee von einer Kooperation, die \u00fcber gewisse Aspekte hinausgeht, sowie auch eine menschliche Zusammenarbeit, die eines kulturellen Austausches, eines anderen Ortes in S\u00fcdfrankreich, wo sich die Kooperativen von Longo Mai befinden, um sehr viele Menschen zu kennen. Jeder von ihnen gibt uns immer einen Anreiz, da ja auch wir uns in einer Realit\u00e4t des tiefen S\u00fcdens Italiens befinden, wo wir oft diese Bedingungen von Marginalit\u00e4t erleben.<\/p>\n<p>Und dann, viele Jahre lang war diese \u00d6lm\u00fchle geschlossen, weil man sich in der Zwischenzeit st\u00e4ndig viel strengere Vorschriften ausgedacht hatte. Und was uns in den folgenden Jahren in ernsthafte Schwierigkeiten hinsichtlich des Betriebs der \u00d6lm\u00fchle brachte, war, dass ich B\u00fcrgermeister von Riace war. Ich war B\u00fcrgermeister geworden, und diese Rolle zwang mich praktisch, sehr vorsichtig zu sein hinsichtlich der Entsorgung von Abwasser, weil ich f\u00fcr Hygiene und \u00f6ffentliche Gesundheit verantwortlich war. Ich konnte keine Ausnahme machen. Und dort war das Problem die Entsorgung des Abwassers, das beim Pressen der Oliven entstand. Also haben wir den Betrieb eingestellt.<\/p>\n<p>Und dann an einem gewissen Punkt, als die Aktivit\u00e4ten hinsichtlich weiterer Aufnahmen, vor allem der Integration, vorangingen, und wiederum dieser Ort, haben wir versucht, ihn aufzuwerten. Es gab eine Investition des Geldes, das \u00fcbriggeblieben war, von der Aufnahme, vom System der Integration. Und so dachten wir an den Kauf einer \u00d6lm\u00fchle mit neuen Standards, die die Vorschriften, die Hygiene- und Gesundheitsvorschriften einh\u00e4lt, aber auch eine fortschrittlichere Technologie zur \u00d6lgewinnung und insbesondere zur Entsorgung des Abwassers in Tanks aufweist. Die Fertigstellung dieser \u00d6lm\u00fchle ist dann das Werk der Stiftung gewesen. Denn sie bezahlten das, was noch zu zahlen war, und glichen den gesamten Kaufpreis aus. Dann sorgten sie auch f\u00fcr die Tanks und daf\u00fcr, dieses Abwasser aufzufangen, um das zu \u00fcberwinden, was das gr\u00f6\u00dfte Hindernis gewesen war, n\u00e4mlich die Abwasserentsorgung. Und jetzt entspricht diese \u00d6lm\u00fchle den Kriterien einer Sozialwirtschaft, sie ist also eine solidarwirtschaftliche \u00d6lm\u00fchle.<\/p>\n<p>Denn die Menschen, die dort arbeiten, nur sie allein ziehen einen Nutzen daraus, also vor allem diejenigen, die dort arbeiten. Es gibt keinen Arbeitgeber. Denn das Ziel war es, daf\u00fcr zu sorgen, dass Bedingungen geschaffen werden, damit die Menschen, die arbeiten, integriert werden und die Menschen, die dort arbeiten, werten diese Ressourcen des Territoriums auf. Dann die Oliven kaufen, das Personal bezahlen, den Stromverbrauch zahlen und dann im Endeffekt die Entsorgung des Abwassers bezahlen \u2013 sie kommen mit den Tankwagen, um dieses Abwasser zu entnehmen. Und das, was sich durch den Verkauf von \u00d6l tr\u00e4gt, damit schaffen wir eine ausgeglichene Bilanz. Es gibt also keine&#8230; es war nie als eine unternehmerische T\u00e4tigkeit konzipiert, bei der man notwendigerweise einen maximalen Gewinn erzielen muss, wie ich erkl\u00e4rt habe. Dies ist die Geschichte der \u00d6lm\u00fchle.<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Wird es weitere Projekte nach der Olivenernte geben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano<\/strong>: Aber sicher \u2026 Ich denke, dass die Gemeinschaft der Zugereisten, die in Riace geblieben sind, aber auch jemand anderes, der ankommen m\u00f6chte, denn es gibt auch andere F\u00e4lle, zwangsl\u00e4ufig, dieses Konzept im Kopf haben muss, dass alles nur dann weitergehen kann, wenn es Gelegenheiten gibt, eine zuk\u00fcnftige M\u00f6glichkeit, die von der Arbeit ausgeht, aufzubauen. Denn anderenfalls wird es zu einer Gemeinschaft werden, die von Zuwendungen abh\u00e4ngig, passiv bleibt, die somit keine Bedeutung hat. Die Erfahrungen, auch soziale Erfahrungen in der Region, bauen sich auf diese Weise auf. Und darin liegt der Sinn einer Bev\u00f6lkerung. Um zu verstehen, um Gelegenheiten zu finden, eine Idee, um das aufzuwerten, wof\u00fcr das Territorium hier steht.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass ein solidarischer Tourismus das Wichtigste dabei sein kann, ein Motor. Denn wir haben hier ein g\u00fcnstiges Klima, das von April bis November anh\u00e4lt. Wir haben bereits Ende Oktober, und die Leute gehen an den Strand. Dann ist dieser Landstrich hier sch\u00f6n, sogar die Landschaft des Dorfes, auch mit gesunder Luft, und auch das Essen ist naturbelassen. Und dann wollen wir einige Initiativen ergreifen, um dieses kleine Dorf, das ein solidarisches Dorf ist, zu vervollst\u00e4ndigen, wo es Multiethnizit\u00e4t von Menschen gibt, die aus vielen Orten kommen. Dies ist eine Dimension, eine Mikrodimension, eine kleine. Es gibt eine Idee von einem globalen Dorf, in dem Menschen aus Somalia, Afghanistan, Pakistan, Pal\u00e4stina, \u00c4thiopien, Eritrea, Somalia leben. Es gibt viele Nationalit\u00e4ten. Am Nachmittag machen wir Schule, was ein sehr integrierender Moment ist, der allen Menschen geh\u00f6rt, den Kindern, die die Pflichtschule besuchen. Am Morgen gibt es einen Kindergarten. Habt ihr den Kindergarten f\u00fcr die Kinder gesehen? Haben Sie ihn gesehen?<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Hast Du ihn gesehen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Elisabeth Vo\u00df: Ja, ja.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Dann haben wir diese Werkst\u00e4tten. Und sicher wird es noch andere Ideen geben, wie wir hoffen, \u00fcber den Tourismus und die Werkst\u00e4tten hinaus \u2026 andere Ideen, die sicherstellen m\u00fcssen, dass diese Erfahrung, die beweist, wie das Miteinander in Multiethnizit\u00e4t in einer Gesellschaft \u2026 w\u00e4hrend auf globaler Ebene fast jeder versucht, uns zu sagen, dass wir Mauern, Stacheldraht, Internierungslager, Lager und eine Menschheit brauchen, die mit F\u00fc\u00dfen getreten, gedem\u00fctigt werden muss \u2026 Wir wollen, dass diese Botschaft, die von Riace ausgeht, weitergeht und wie eine kleine Flamme \u2013 eine kleine, die diesen St\u00fcrmen widersteht, die es dort gibt, wo eine Haltung von Unmenschlichkeit \u00fcberwiegt und wo Unmenschlichkeit oft Norm wird, Legalit\u00e4t wird, Regierung wird. Und das ist die tragische Realit\u00e4t der Welt.<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Kannst du uns etwas \u00fcber die Werkst\u00e4tten erz\u00e4hlen, die jetzt wieder ge\u00f6ffnet sind? Wer arbeitet dort? Es gibt immer zwei Personen, die f\u00fcr jede Werkstatt \u2026 wo jeweils ein Zugereister \u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>\u2026 ein Einheimischer \u2026<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: \u2026 und ein Riaceser sein sollte.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Ja, sieh mal, dar\u00fcber sind wir mit der Stiftung \u00fcbereingekommen, nicht wahr? 18 Menschen sind es genau, neun und neun. Neun sind Einheimische und neun sind Zugereiste, die in Riace geblieben sind. Und dann k\u00fcmmern wir uns nat\u00fcrlich um die Mieten, die H\u00e4user, um alles, um die Bezahlung von Strom und um die Versorgungsanbieter. Und dann sind ebenso instinktiv die Werkst\u00e4tten entstanden in diesem l\u00e4ndlichen Dorf, in diesen alten R\u00e4umen, die zu nichts mehr taugten. Oder handwerkliche T\u00e4tigkeiten wie die Schuhmacher, die die Schuhe reparierten und herstellten, zu diesem Weg der Werkst\u00e4tten geworden sind, die Weberei, das Glas, die Keramik, die Stickerei, die Schokolade, viele Werkst\u00e4tten. Und es gab Jahre, in denen&#8230; vielleicht h\u00e4ngt das von den Menschen ab, die ankommen.<\/p>\n<p>Ein Jahr lang lebte hier eine iranische Frau, die&#8230; dann mit Pine freundschaftlich verbunden war, die mit einer b\u00e4uerlichen Welt vertraut war, und was dabei herauskam, war etwas Wundersch\u00f6nes. Diese Verflechtung von Kulturen, die so weit entfernt sind, die sich jedoch in der Verflechtung der F\u00e4den beim Weben wieder ann\u00e4hern und die Qualit\u00e4t&#8230; Es h\u00e4ngt jedoch von den Menschen ab, die ankommen, ob sie hier erst lernen m\u00fcssen, ob sie etwas von sich mitbringen, die Farben ihrer Welt, ihre Kultur. Es war eine wichtige Sache, die Werkst\u00e4tten. Denn die Menschen, die ankommen, bringen diesen Rucksack mit sich, voller Leid und Traumata. Es sind Menschen, die auf der Flucht vor Kriegen und Opfer von Folter sind, Frauen, die auf der Stra\u00dfe sind&#8230; Und so waren die Werkst\u00e4tten auch eine M\u00f6glichkeit, diesen menschlichen Kontakt herzustellen, um das Vertrauen in andere Menschen wiederzugewinnen.<\/p>\n<p>Es gibt so viele Menschen, die hier angekommen sind und die kein Vertrauen mehr in die Menschen haben, weil sie Opfer einer derma\u00dfen grausamen Ausbeutung geworden sind, dass sie quasi immer auf der Hut sind, wirklich in der Angst, dass sie denken, dass alle Menschen instinktiv dazu bereit sind, ihnen Gewalt anzutun. Und so hatten die Werkst\u00e4tten auch eine Funktion, eine sehr rehabilitative Funktion f\u00fcr die Menschen und deren soziale Integration. Und dar\u00fcber hinaus gab es eine wirtschaftliche Komponente, weil sie den Verdienst nahmen und das Geld nach Afrika schickten. Also eine \u00dcberweisung nach Afrika, wie es unsere Auswanderer taten, als bei der Emigration des Ortes die Auswanderer aus Argentinien Geld f\u00fcr ihre Verwandten schickten, das im b\u00e4uerlichen Riace eine wichtige Bedeutung hatte \u2026<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Absolut. Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Die Werkst\u00e4tten waren so. Wir wollen diese Erfahrung fortsetzen und dann meiner Meinung nach auch die Geschichte erz\u00e4hlen. In jeder Werkstatt beschreiben, wie sie entstanden ist, wer dort gearbeitet hat. Dies ist meiner Meinung nach das Sch\u00f6nste. Denn die Werkst\u00e4tten erz\u00e4hlen eine Geschichte. Im Miteinander liegt ein Weg, ein ethno-anthropologischer Weg, der die Geschichte von Issa, dem T\u00f6pfer aus Kabul, erz\u00e4hlt. Oder es erz\u00e4hlt die Stickerin aus Erat, sie hei\u00dft Taira und kommt aus Afghanistan. Sie erz\u00e4hlte uns, wie sie auf den Markt ging, um das zu verkaufen, was sie zu Hause in Afghanistan hergestellt hatten. Das hei\u00dft, praktisch hat dieser Ort einen Synergie-Effekt zwischen sehr fernen Welten gehabt. Afghanistan, Kabul, Pakistan, Islamabad&#8230; Dann gibt es eine Frau, die Drachen gebaut hat, die aus Islamabad kommt. Dann gibt es Menschen aus Kaschmir, aus Pakistan, aus der Region Kaschmir, dann aus \u00c4thiopien, aus Subsahara-Afrika. Riace hatte diese Funktion, die Entfernungen zu verk\u00fcrzen, es wird zu einem Punkt, zu einer Mikrorealit\u00e4t, aber dass es diese gegenseitige Beeinflussung gibt. Dieser Ort in einem Dorf der Auswanderung in Kalabrien.<\/p>\n<p>Und so wollen wir diese Geschichten in den Werkst\u00e4tten erz\u00e4hlen, indem wir sie an die W\u00e4nde schreiben, diese Botschaften sichtbar machen, sie erz\u00e4hlen. Die Glaswerkstatt&#8230; es gab den Einfluss von einem Jungen aus Bulgarien, er hei\u00dft Dimitri. Dann kam ein anderer aus dem franz\u00f6sischsprachigen Afrika, der ein Gesch\u00e4ft in Venedig er\u00f6ffnet hatte und Muranero hei\u00dft. Muranero, das Murano-Glas. Dieser Junge kam, um einen Kurs f\u00fcr Glasblasen abzuhalten. Muranero. Dann hatten wir in der Stickerei-Werkstatt \u2013 ich erinnere mich nicht \u2013 eine unendliche Anzahl von Menschen ging hier ein und aus, viele, viele Menschen, sehr viele Menschen.<\/p>\n<p>Dann wollen wir auch mit dem Restaurant diesen Versuch machen, einmal in der Woche&#8230; diesen Ort zun\u00e4chst in einer multifunktionalen Weise zu nutzen: Er ist ein B\u00fcro und steht direkt mit der Stra\u00dfe in Kontakt, es scheint, dass es auf der Stra\u00dfe ist. Dieses Geb\u00e4ude war sch\u00f6n, weil&#8230; aber ich habe in letzter Zeit auch andere Geschichten erz\u00e4hlt&#8230; Und dass sie dann einmal die K\u00fcche \u00c4gyptens kochen \u2013 hier lebt ein Koch aus \u00c4gypten, der Khalil hei\u00dft, er will Brot backen \u2013 er gab uns die Idee: einmal die K\u00fcche Pakistans, einmal die K\u00fcche Eritreas, einmal Somalias.<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Eine multi-ethnische K\u00fcche anbieten \u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Es gibt einen gro\u00dfen Unterschied im Essen. Es scheint, dass die Produkte immer gleich sind, aber dann, wenn du sie unterschiedlich zubereitest&#8230; Und dann die solidarwirtschaftliche B\u00e4ckerei \u2013 es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn hier jeder kommen k\u00f6nnte und hier sein Brot backen kann. Und dann auch die W\u00e4scherei \u2026<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Also denkst du, dass zuk\u00fcnftig m\u00f6glich w\u00e4re, dass Riace weitere Migranten aufnimmt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Ja, ja!<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Und dass, zum Beispiel, die Schule wieder \u00f6ffnen k\u00f6nnte?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Das h\u00e4ngt nicht mehr von mir ab, denn vorher hatte ich eine Rolle in der Kommune. Also die Schule&#8230; in gewisser Weise geh\u00f6rt die Schule in der Tat zur Gemeinde, strukturell. Denn es liegt immer im Interesse der Gemeinschaft, dass es eine Schule gibt. Es ist eine Realit\u00e4t, eine Gemeinschaft, in der es keine Schule gibt, bedeutet, dass es keine Zukunft gibt. Und die Botschaft, die mir diese Kindergartenkinder vermitteln, ist genau das. Es ist, dass dieses Hoffnung weckt. Und ich glaube, dass das Interesse, eine Gemeinschaft zu sein, f\u00fcr eine Institution nicht von der Anwesenheit von Menschen absehen kann. Also wie w\u00e4re es, wenn du eine Kommune bist und es keine Menschen gibt, welchen Sinn macht es, zu verwalten? Wen solltest du verwalten? Das erscheint mir offensichtlich.<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Und bez\u00fcglich der Aufnahme? Siehst du das positiv? Dass es m\u00f6glich ist, weitere Migranten aufzunehmen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Ja, ja.<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Also denkst du, dass es m\u00f6glich ist, diese Offenheit zu haben, weitere Migranten und Freunde auf Reisen aufzunehmen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Ja, ja!<\/p>\n<p><strong><em>Valentina Malli: Du h\u00e4ltst es f\u00fcr m\u00f6glich?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Mimmo Lucano: <\/strong>Als B\u00fcrgermeister habe ich genauso argumentiert. Und guck\u2018 mal, selbstverst\u00e4ndlich gibt es einen Unterschied in den M\u00f6glichkeiten, in den Werkzeugen, die du in deinen H\u00e4nden h\u00e4ltst. Es ist jedoch f\u00fcr mich nicht so, dass ich erst B\u00fcrgermeister war, dass ich eine Person war, und nachdem ich B\u00fcrgermeister war&#8230; das ist gleich. Am Ende sind es die M\u00f6glichkeiten, die sich auch im Verlauf ergeben k\u00f6nnen. Aber wenn man diese Geschichte analysiert, begann sie lange, bevor ich B\u00fcrgermeister wurde. Dann hatte sie diese institutionelle Phase, aber jetzt kann es auf eine andere Weise weitergehen. Ich denke, dass es manchmal wichtig war, aber nicht f\u00fcr mich, f\u00fcr die Menschen \u2026 Denn B\u00fcrgermeister zu sein bedeutet, dass das, was es hervorrufen kann, einen anderen Wert haben kann, dass du ein Wort sagst \u2026 vielleicht, wenn du nicht B\u00fcrgermeister bist, kann dich niemand daf\u00fcr belangen.<\/p>\n<p>Es ist immer die Idee, dass du ein Vertreter einer Institution bist \u2013 ich mag dieses Wort nicht. Aber den gr\u00f6\u00dften Schwachsinn, den ich h\u00f6re, begr\u00fcnden sie dann mit \u201einstitutionellen Verpflichtungen\u201c. Und was bedeutet dieses Wort? Das ist schlechte Rhetorik. Wenn man mich in f\u00fcnfzehn Jahren fragen w\u00fcrde: Was ist die Rolle, die am wenigsten eine Funktion hat? Die des Pr\u00e4fekten. Die der F\u00fchrung. Respekt, weil es sogenannte Exzellenzen sind? Ich sage das nicht aus Rhetorik.<\/p>\n<p>Exzellenzen sind die Dorfgemeinschaft und die B\u00fcrger, bzw. der Teil der B\u00fcrger, der keine Vertretung in Bezug auf Rechte hat, der in den schw\u00e4chsten sozialen Gruppen positioniert ist. Dann ist es sinnvoll, der Garant oder Dolmetscher dessen zu sein&#8230; und eine andere Sache, wo ich stets sehr aufmerksam war, war die sogenannte Autorit\u00e4t. Aber diese Geschichte, auch in der Linken \u2013 es gibt keine Haltung von Bewusstsein. Wenn du B\u00fcrgermeister bist, gen\u00fcgt allein der blo\u00dfe Anblick, sogar die Linke&#8230;<\/p>\n<p>Das Interview bricht hier ab, weil Mimmo Lucano Besuch von zwei Freunden bekommt. So konnte er die letzte Frage leider nicht mehr beantworten. Sie lautete: \u201eWas braucht Riace am meisten von der transnationalen Solidarit\u00e4tsbewegung? \u201c<\/p>\n<p>Dieses Interview w\u00e4re nicht m\u00f6glich gewesen ohne die tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung von Valentina Malli, Carla Kirsten M\u00fcller-von der Heyden und Betty Pusceddu, bei denen ich mich herzlich bedanke!<\/p>\n<p>Valentina hat meine Fragen ins Italienische \u00fcbersetzt und das Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt. Sie lebt in Grange Neuve, das zur Kooperative Longo Mai geh\u00f6rt, und ist im Beirat der Stiftung \u00c8 Stato il Vento (Es war der Wind), die den Aufbau einer solidarischen \u00d6konomie in Riace erm\u00f6glichen m\u00f6chte. Zu Longo Mai sagte Domenico Lucano: &#8222;Sie haben dieselben Ansichten wie wir. Sie sind Gef\u00e4hrten, die ihr Leben damit verbringen, nicht wenig zu reden, sondern viel zu reden, lange Zeit. Um lange nachzudenken. Sie denken genau wie wir.<\/p>\n<p><em>Die deutsche \u00dcbersetzung des Interviews wurde von Elisabeth Vo\u00df sehr zur\u00fcckhaltend redigiert.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Weiter Infos zu Riace: <a href=\"http:\/\/www.riace.solioeko.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.riace.solioeko.de<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 30.10.2019 hat Elisabeth Voss Domenico (Mimmo) Lucano zur solidarischen \u00d6konomie und zu den Perspektiven der Aufnahme von Menschen auf der Flucht in Riace interviewt.\u00a0 Das Interview wurde von Valentina Malli durchgef\u00fchrt, transkribiert und aus dem Italienischen von Carla 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