{"id":98127,"date":"2014-03-30T20:02:43","date_gmt":"2014-03-30T19:02:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=98127"},"modified":"2014-03-30T20:04:56","modified_gmt":"2014-03-30T19:04:56","slug":"rufe-nach-einem-waffenstillstand-im-krieg-gegen-drogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2014\/03\/rufe-nach-einem-waffenstillstand-im-krieg-gegen-drogen\/","title":{"rendered":"Rufe nach einem Waffenstillstand im Krieg gegen Drogen"},"content":{"rendered":"<p><i>\u00a0\u201eDie Produktion von Opium ist um 102% angewachsen und von Kokain um 20% zwischen 1998 und 2007, trotz der Anstrengungen, weltweit die Drogenfelder zu zerst\u00f6ren; in den USA sind beinahe 500 000 Menschen wegen Drogendelikten im Gef\u00e4ngnis, verglichen mit 41 000 im Jahr 1980; die USA geben 93% ihrer Mittel zur Kokainbek\u00e4mpfung zur Strafverfolgung aus und nur 7% f\u00fcr Suchtbehandlungsprogramme; mehr als 30 L\u00e4nder verh\u00e4ngen die Todesstrafe f\u00fcr Verbrechen im Zusammenhang mit Drogen; \u00fcber 70% der HIV Infektionen in Russland stammen von Drogeninjektionen \u2026 Die Liste geht weiter und die Opferzahlen des Drogenkrieges steigen an.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Dies sind einige Daten, die vom Globalen Programm f\u00fcr Drogenpolitik der Open Society Foundation (OSF), welches eine Paneldiskussion in New York organisierte, zur Verf\u00fcgung gestellt wurden.<\/p>\n<p>Der Service f\u00fcr humanit\u00e4re Nachrichten und Analysen des UNO B\u00fcros zur Koordination humanit\u00e4rer Angelegenheiten, IRIN, berichtete am 28. M\u00e4rz 2014 aus New York, \u201eTrotz der wachsenden Erkenntnis, dass der \u201cKrieg gegen Drogen\u201d gescheitert ist, bleibt der globale Konsensus, wie es nun weitergehen soll, wage. Nichtsdestotrotz erkennen manche einen \u201eParadigmenwechsel\u201c bei vielen Mitspielern an der Front des Geschehens.\u201c<\/p>\n<p><b>Eine grundlegende Spaltung taucht auf zwischen L\u00e4ndern des \u201eKrieg gegen Drogen\u201c &#8211; Ansatzes<\/b><\/p>\n<p>Bei einer Paneldiskussion in New York am 25. M\u00e4rz, organisiert vom Globalen Programm f\u00fcr Drogenpolitik der OSF, boten Experten aus der Schweiz und der tschechischen Republik einige Ratschl\u00e4ge an, indem sie die Erfolge ihrer L\u00e4nder darstellten, welche Ans\u00e4tze zur Minderung des Leidens eingef\u00fchrt haben, die den Drogenmi\u00dfbrauch mehr als gesellschaftliches Gesundheitsproblem behandeln statt als Verbrechen.<\/p>\n<p>2016 soll die UNO Generalversammlung in einer au\u00dferordentlichen Sitzung einen Konsens zur Drogenkontrolle finden. W\u00e4hrend diese Deadline n\u00e4her r\u00fcckt, haben NGO`s und politische Gruppen die Absicht, die Debatte zu erweitern und neue Optionen f\u00fcr die Drogenpolitik zu untersuchen, sagt IRIN.<\/p>\n<p>\u201eNach Monaten der Verhandlungen in der UNO Kommission f\u00fcr Bet\u00e4ubungsmittel in Wien, dem Steuerungsorgan des UNO B\u00fcros f\u00fcr Drogen und Verbrechen, reflektieren die Resolutionen die inzwischen angenommen wurden, nicht die anwachsende Opposition zum Status Quo mehrerer Lateinamerikanischer und Europ\u00e4ischer L\u00e4nder\u201c, f\u00fcgt IRIN hinzu.<\/p>\n<p>\u201eMedienberichte lassen auf eine tiefe Spaltung der L\u00e4nder mit dem \u201eKrieg gegen Drogen\u201c &#8211; Ansatz schliessen, und ob er aufgegeben werden soll oder nicht. Sprecher bei der Paneldiskussion dr\u00fcckten ihre Hoffnung aus, dass die nachweisbaren Erfolge in ihren L\u00e4ndern (Schweiz und die Tschechische Republik) andere L\u00e4nder motivieren werden, mit \u00e4hnlichen Programmen zu experimentieren.\u201c<\/p>\n<p>IRIN`s Pressemitteilung f\u00fcgt hinzu, dass Experten eine grundlegende Ver\u00e4nderung in der Richtung der Diskussionen auf oberster Ebene wahrnehmen, mit vielen L\u00e4ndern, die darin \u00fcbereinstimmen, dass die bisherige Strategie gescheitert ist, und Lateinamerikanischen L\u00e4ndern \u2013 ausgebrannt durch den auf ihren Territorien ausgetragenen Drogenkrieg \u2013 die zunehmenden Druck auf die USA und andere L\u00e4nder aus\u00fcben, neue Ans\u00e4tze zu entwickeln. Aber die Experten f\u00fcrchten auch, dass diejenigen L\u00e4nder, die weiterhin Drogen mit Kriminalisierung und sogar der Todesstrafe verbinden \u2013 Russland, China, Malaysia und Iran, um nur einige zu nennen \u2013 versuchen werden, jede signifikante \u00c4nderung des UN Drogenprogrammes zu blockieren.<\/p>\n<p><b>Druck f\u00fcr Ver\u00e4nderung<\/b><\/p>\n<p>Bei einer \u00e4hnlichen Sondersitzung der UNO Generalversammlung im Jahr 2009 best\u00e4tigten die politischen F\u00fchrer die existierende Strategie der Drogenbek\u00e4mpfung mit dem Ziel, verbotenen Drogenkonsum zu eliminieren, so f\u00fcgt IRIN hinzu. \u201eSeit damals \u2013 und Milliarden von Dollar sp\u00e4ter \u2013 zeigt diese Strategie wenige, wenn \u00fcberhaupt, Erfolge: unerlaubte Drogen sind mehr verbreitet als jemals zuvor, als neue Designervarianten wieder auftauchend, welche wiederum nach neuen Kategorien des Verbotes verlangen; die Drogenkriege setzen sich fort; Gef\u00e4ngnisse sind \u00fcberf\u00fcllt mit S\u00fcchtigen, Dealern und H\u00e4ndlern; und das Gemeinwesen leidet weiterhin an den Zerst\u00f6rungen durch HIV, Hepatitis C, Bandenkriegen, Verbrechen und zerbrochenen Familien.\u201c<\/p>\n<p>Laut der OSF, \u201cJahrzehnte von \u201eLaw and Order\u201c \u2013 Ans\u00e4tzen zur Drogenkontrolle verschlangen Milliarden von Dollar \u00f6ffentlicher und privater Fonds, zerst\u00f6rte Leben und Kommunen und haben wenig geholfen, das Leiden hervorgerufen durch Drogen, abzuschw\u00e4chen.\u201c<\/p>\n<p><b>Ein Schweizer Experiment<\/b><\/p>\n<p>Ruth Dreifuss, ehemalige Pr\u00e4sidentin der Schweiz und Mitglied der Globalen Kommission f\u00fcr Drogenpolitik, sprach dar\u00fcber, wie \u00f6ffentlicher Druck, das Drogenproblem in den Griff zu bekommen, die Strategie beeinflusst habe. Die Unf\u00e4higkeit der Schweizer Beh\u00f6rden, mit der wachsenden Zahl der Drogenkonsumenten an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen umzugehen, endete damit, dass diese sich in einem \u00f6ffentlichen Park in Z\u00fcrich\u00a0 zusammendr\u00e4ngten, welcher als \u201eNadelpark\u201c in den sp\u00e4ten 80ern bekannt wurde. Als damals die ersten HIV Daten erhoben wurden, hatte die Schweiz die h\u00f6chste Infektionsrate von ganz West-Europa. 1988\/89 war die H\u00e4lfte der neuen F\u00e4lle ein Resultat von Drogeninjektionen, f\u00fcgt IRIN hinzu.<\/p>\n<p>Aber aus erfolgreichen \u201cexperimentellen Studien\u201c erwuchsen dann neue Regierungsprogramme, die den Schwerpunkt auf die Bek\u00e4mpfung des Leidens \u00fcber das gesamte Spektrum setzten \u2013 von der pr\u00e4ventiven Beratung bis hin zu der Bereitstellung von verschriebenem Heroin oder Heroin Ersatz Therapie in \u00f6ffentlichen, sicheren Injektions-Zentren. Die neuen Methoden zeigten, dass die Gesundheit der Patienten sich verbesserte, der Drogenkonsum nicht anstieg und Verbrechen der Drogenkonsumenten abnahmen.<\/p>\n<p>Ausserdem, entgegen der Erwartungen, stieg der Gebrauch von Methadon und anderen nicht-Heroin Behandlungen an. Die \u00d6ffentlichkeit wurde nicht l\u00e4nger bel\u00e4stigt durch S\u00fcchtige oder den Nadeln ausgesetzt, die herumlagen, sagte Dreifuss.<\/p>\n<p>Sie f\u00fcgte hinzu: \u201cDas Drogenproblem ist immer noch da, aber die Bev\u00f6lkerung ist generell zufrieden mit der Strategie und hat akzeptiert, dass sie gute Resultate erzielt hat.\u201d Sie gab aber auch zu, dass ihr Land am Ende der Kette sei verglichen mit Lateinamerika und Afrikanischen Staaten, die durch Drogenkriege und Handel geplagt werden, welche andere und bei weitem ernsthaftere Probleme hervorrufen.<\/p>\n<p><b>Einen mittleren Kurs ansteuern<\/b><\/p>\n<p>IRIN berichtet weiter, dass der Nationale Drogenkoordinator der Tschechischen Republik, Jindrich Voboril, einige nachdenkliche Punkte ansprach, wie man m\u00f6glicherweise vorangehen k\u00f6nne: \u201eAlle Extreme sind normalerweise sch\u00e4dlich. Ein Extrem ist ein total legalisierter Markt, wie das f\u00fcr Alkohol und Zigaretten der Fall ist, und das andere Extrem ist die Prohibition. Wir m\u00fcssen nach etwas in der Mitte gucken.\u201c Bei der Entwicklung einer neuen globalen Politik g\u00e4be es einen dringenden Bedarf, mit verschiedenen Optionen zu experimentieren, die eher von der Wissenschaft als von der Angst angetrieben werden, sagte er. W\u00e4hrend der sowjetischen Herrschaft standen traditionelle Drogen wie Heroin und Kokain nicht zur Verf\u00fcgung, daher entwickelten Tschechen ihr eigenes Produkt \u2013 Methamphetamin \u2013 dessen Gebrauch sich schnell im Land ausbreitete. Dies, so sagt Voboril, lasse den Mythos zum Einsturz bringen, dass die Einschr\u00e4nkung der Versorgung die Nachfrage reduzieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201cEine Gesellschaft zu erreichen, die frei von Drogen ist, ist Wunschdenken.\u201d, sagte er. \u201eEs ist eine extremistische Idee, die immer nur Leiden hervorrufen wird.\u201c Erkl\u00e4rend f\u00fcgte er hinzu, dass das Streben nach Gl\u00fccksgef\u00fchlen hinter dem Konsum von Drogen stehe. Es w\u00e4re effektiver, alle Suchtprobleme zusammen zu betrachten \u2013 so wie Alkohol, Tabak, Drogenmi\u00dfbrauch und Spielsucht, etc. \u2013 und gemeinsame L\u00f6sungen zu finden.<\/p>\n<p>\u201cStudien zeigen, dass 2\u20133% der Bev\u00f6lkerung in Gefahr sind, Suchtpers\u00f6nlichkeiten zu entwickeln\u201c, sagte er, und Forschungen zeigten auch, dass umso j\u00fcnger Menschen seien, wenn sie mit Drogen experimentieren, sie umso eher eine Sucht entwickelten. Die Tschechische Republik hat einen mittleren Weg gew\u00e4hlt, bei welchem Drogenbesitz (in kleinen Mengen) mit Geldbussen, nicht aber mit Gef\u00e4ngnis bestraft wird.<\/p>\n<p>\u201cWir haben festgestellt, dass nichts schreckliches passierte\u201d, sagte Voboril. Ausserdem, von Holland, der Schweiz und England den Ratschlag aufgreifend, f\u00fchrte das Land leidensreduzierende Dienstleistungen ein, welche den Fokus von der Bestrafung weg hin zur Gesundheitsversorgung verlagerte. Jetzt, anders als in Russland und anderen ehemaligen Sowjet-Republiken, ist die HIV Rate unter 1% gefallen und Hepatitis C Infektionen haben ebenfalls stark abgenommen.<\/p>\n<p><b>\u201cWir riechen einen Paradigmenwechsel\u201d<\/b><\/p>\n<p>Dreifuss sagte, Regierende haben die moralische Verantwortung die Gesundheit und Sicherheit ihrer B\u00fcrger zu sch\u00fctzen. Andere sagten, dass, w\u00e4hrend einige Regierende sich nicht von dem \u201emoralischen Argument\u201c des Schutzes ihrer B\u00fcrger vor Leiden \u2013 Drogenkonsumenten sind sehr stigmatisiert in vielen L\u00e4ndern, einschliesslich Russlands &#8211; \u00fcberzeugen lassen w\u00fcrden, sollten sie doch auf den klaren \u00f6konomischen Nutzen der Programme reagieren, welcher die \u00f6ffentliche Gesundheit gegen Sicherheitsaspekte abw\u00e4ge.<\/p>\n<p>Architekt der Drogenpolitik der Tschechischen Republik und Mitglied der Globalen Kommission, Pavel B\u00e9m, sagte, dass die neue Drogenpolitik mehr Nutzen als Schaden haben m\u00fcsse, und die derzeitige t\u00e4te das Gegenteil, laut des IRIN Berichtes. \u201eWenn man die Drogenpolitik \u00fcberall auf der Welt analysiert, sieht man viele unbeabsichtigte negative Konsequenzen\u201c, sagte er, hinzuf\u00fcgend, dass viele davon in Bezug auf Kosten seien.<\/p>\n<p>\u201cDiese Menschen, die Jahre nutzlos im Gef\u00e4ngnis verbringen, sind nicht die Dealer im organisierten Verbrechen, sondern die Konsumenten.\u201c<\/p>\n<p>Experten beobachten den Weg der Entkriminalisierung von Marihuana, den Uruguay und zwei US Staaten \u2013 Washington und Colorado \u2013 gehen. Der Direktor des Globalen Drogenprogrammes von OSF und Panelmoderator, Kasia Malinowska-Sempruch, sagte, w\u00e4hrend die USA resistent seien gegen\u00fcber Wandel auf der Bundesebene, heisse die Tatsache, dass zwei Staaten Marihuana legalisiert haben und andere wahrscheinlich folgen werden, dass \u201ees nicht ernsthaft die Verbote weiter anschieben kann, wenn es diese Staaten innerhalb seiner Grenzen hat.\u201c, laut IRIN Bericht.<\/p>\n<p>B\u00e9m f\u00fcgt hinzu: \u201cWir riechen einen Paradigmenwechsel. Wir sind am Beginn eines Wandels. Wir wissen nicht, wie lang es dauern wird und was es am Ende sein wird, aber wir k\u00f6nnen sehen, dass es sich ver\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<p>Originalartikel auf englisch bei <a title=\"human-wrongs-watch.net\" href=\"http:\/\/human-wrongs-watch.net\/2014\/03\/29\/24091\/\">Human Wrongs Watch<\/a>, \u00dcbersetzung Johanna Heuveling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u201eDie Produktion von Opium ist um 102% angewachsen und von Kokain um 20% zwischen 1998 und 2007, trotz der Anstrengungen, weltweit die Drogenfelder zu zerst\u00f6ren; in den USA sind beinahe 500 000 Menschen wegen Drogendelikten im Gef\u00e4ngnis, verglichen mit 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