{"id":975306,"date":"2019-11-18T18:05:07","date_gmt":"2019-11-18T18:05:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=975306"},"modified":"2019-11-18T20:27:25","modified_gmt":"2019-11-18T20:27:25","slug":"lektionen-die-wir-aus-der-krise-in-chile-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/11\/lektionen-die-wir-aus-der-krise-in-chile-lernen-koennen\/","title":{"rendered":"Lektionen, die wir aus der Krise in Chile lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was k\u00f6nnen Griechenland und der Rest der Welt aus der neoliberalen Politik und dem harschen Umgang mit Menschenrechten in Chile lernen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erstens<\/strong> erkennen, dass ein Volk nicht unbedingt schl\u00e4ft, nur weil es nicht sofort reagiert. In den letzten 30 Jahren war Chile ein \u201eLaboratorium f\u00fcr die Umsetzung neoliberaler Politik\u201c. Warum? Ganz einfach, weil es einige der in der Verfassung verankerten Gesetze so zulassen. Unter der Regierung von Pinochet wurde die Verfassung nach den Vorgaben der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chicago_Boys\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Chicago Boys<\/a> umgesetzt. Seitdem hat es keine nachfolgende Regierung gewagt, die Verfassung zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Leute gingen auf die Stra\u00dfe, als ein Tropfen das Fass zum \u00dcberlaufen brachte. Sie riefen: \u201eWir sind nicht \u00fcber die 30 Pesos mehr f\u00fcr ein U-Bahn-Ticket emp\u00f6rt \u2013 die vierte Preiserh\u00f6hung in diesem Jahr. Wir sind \u00fcber die letzten 30 Jahre emp\u00f6rt, die wir Eure Politik nun schon ertragen m\u00fcssen.\u201c Bei jedem Protest singen die Menschen nun im Takt: \u201eChile ist aufgewacht, aufgewacht, aufgewacht!\u201c<\/p>\n<p><strong>Zweitens<\/strong>, und das ist insbesondere f\u00fcr diejenigen wichtig, welche die junge Generation verunglimpfen und sie als gleichg\u00fcltig und ziellos betrachten: Die Menschen, die zuerst auf die Stra\u00dfen gingen und die heute immer noch auf den Stra\u00dfen von Chile sind, sind jung, sowohl Frauen als auch M\u00e4nner. An allen Protesten, sei es von Gewerkschaften oder von allen organisiert, bei denen nur die chilenischen und die Mapuche Flaggen getragen wird, beteiligen sich gr\u00f6\u00dftenteils junge Menschen und es kommen immer neue Teilnehmende dazu. Wer jetzt noch glaubt, die j\u00fcngere Generation sei gleichg\u00fcltig, ist wahrscheinlich kurzsichtig und braucht eine Brille.<\/p>\n<p>Der <strong>dritte<\/strong> Punkt betrifft die politischen Ma\u00dfnahmen, die wir in unseren L\u00e4ndern nicht zulassen d\u00fcrfen. Warum trieb dieses Ma\u00dfnahmenpaket, das in Chile eingef\u00fchrt wurde, die Menschen auf Kosten der positiven Wirtschaftsindikatoren auf die Stra\u00dfen?<\/p>\n<ul>\n<li>Die Privatisierung von Energiequellen f\u00fchrte nicht \u2013 wie versprochen \u2013 zu g\u00fcnstigeren Preisen f\u00fcr Wasser, Strom usw., sondern erh\u00f6hte die Preise und statt den Menschen zu helfen, n\u00fctzt sie vor allem den Betrieben.<\/li>\n<li>Das direkte Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeit und Rente hob den Wohlfahrtsstaat im Wesentlichen auf, insbesondere in der heutigen Zeit, in der Arbeit immer prek\u00e4rer wird oder durch den technischen Fortschritt abgeschafft wird.<\/li>\n<li>Das Steuersystem beg\u00fcnstigt die Elite und verurteilt den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung zu extremer Armut, da die (ohnehin schon niedrigen) L\u00f6hne unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoch besteuert werden.<\/li>\n<li>Die Privatisierung von Gesundheit und Bildung, die zwei wichtigen, sozialen Grundpfeiler eines Staates, schr\u00e4nkten staatliche Ma\u00dfnahmen schrittweise ein und ebneten so den Weg f\u00fcr private Unternehmen. Wer kann sich heute das Studium seiner Kinder an privaten Universit\u00e4ten leisten? Wer kann in private Gesundheitszentren gehen? Entweder die Finanzelite oder diejenigen, die bei den Banken hohe Kredite aufnehmen. Heutzutage kann in Chile ein Drittel der Kreditnehmenden die Schulden f\u00fcr Bildung oder Gesundheit nicht zur\u00fcckzahlen.<\/li>\n<li>Die Verfassung, die w\u00e4hrend der Pinochet-\u00c4ra ausgearbeitet wurde, verlieh dem Staat einen subsidi\u00e4ren Status. Dies bedeutet, dass ein Unternehmen das Recht hat, den Staat zu verklagen, wenn es Leistungen in einem Bereich anbieten m\u00f6chte, der bereits privatisiert wurde. Das macht es praktisch unm\u00f6glich, eine Sozialpolitik neben den privaten Monopolen zu betreiben. Auch beim Thema Wohnen ist es dem Staat beispielsweise verboten, \u00f6ffentlichen Wohnraum zu schaffen und g\u00fcnstigere Sozialwohnungen an die Menschen zu vermieten, die kein Gehalt beziehen oder langzeitarbeitslos sind.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der <strong>vierte<\/strong> Punkt betrifft die allumfassende Frage der Menschenrechte und der sozialen Rechte. Die Art und Weise, wie die Mapuche und alle weniger \u201eWei\u00dfen\u201c, wie Einwanderer aus Peru, Ecuador oder Venezuela, behandelt werden, versch\u00e4rft die sozialen Spannungen, schafft Menschen zweiter und dritter Klasse und ebnet den Weg f\u00fcr das Anschwellen rassistischer und faschistischer Stimmen. Gleiches geschieht bei der Verweigerung von Rechten wie dem Recht auf Abtreibung, der Freiheit, \u00fcber das eigene Geschlecht und den eigenen K\u00f6rper zu bestimmen, dem Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe und dem Recht auf Sterbehilfe.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnftens<\/strong> ist es interessant, wie schnell Menschen (unterschiedlichen Alters) aktiv werden k\u00f6nnen. Wir denken meist, dass es Jahre dauert, bis etwas ins Unbewusste von Menschen vordringt. Zwei typische Beispiele k\u00f6nnen das verdeutlichen. Vor dem Ausbruch der Proteste war im \u00f6ffentlichen Diskurs keine Rede von &#8222;verfassungsgebender Versammlung&#8220; und von &#8222;W\u00fcrde&#8220;. Fast auf magische Weise sind diese heute zu den Grundanforderungen in Chile geworden. Dies sind die ersten Begriffe im W\u00f6rterbuch der &#8222;neuen Sensibilit\u00e4t&#8220;: Diese scheint unkompliziert zu sein, sie basiert auf gesundem Menschenverstand und ist abgeleitet von etwas Tieferem, etwas Unerkl\u00e4rlichem und doch Anziehendem, wie einem gr\u00f6\u00dferen, gemeinsamen Ziel.<\/p>\n<p>Eine eingehendere \u00dcberpr\u00fcfung der chilenischen Verfassung und der derzeitigen Krise wird zu weiteren Schlussfolgerungen f\u00fchren, welche &#8222;neoliberalen&#8220; Rezepte wir definitiv vermeiden sollten und welche konservativen Stimmen aufh\u00f6ren sollten, uns zu verf\u00fchren. Mit all der Erfahrung, die wir als Menschheit in verschiedenen Systemen gesammelt haben, k\u00f6nnen wir intelligentere Strategien anwenden, die weder vom \u00fcberzentralisierten Staat noch von Wirtschaftsunternehmen beherrscht werden. Es gibt Vorschl\u00e4ge und Modelle f\u00fcr Markt- und Volkswirtschaften, die das Wohlergehen des Menschen als zentralen Wert betrachten und die vorschlagen, den freien Markt sowie Wirtschaftsunternehmen zu regulieren sowie Wissen und Innovation zum Wohle der Welt auszutauschen. Diese Modelle gewinnen im kollektiven Bewusstsein immer mehr an Boden.<\/p>\n<p><em><strong>Die \u00dcbersetzung aus dem Spanischen wurde von Laura Schlaphorst aus dem ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!\u00a0<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was k\u00f6nnen Griechenland und der Rest der Welt aus der neoliberalen Politik und dem harschen Umgang mit Menschenrechten in Chile lernen? Erstens erkennen, dass ein Volk nicht unbedingt schl\u00e4ft, nur weil es nicht sofort reagiert. 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