{"id":939185,"date":"2019-10-10T15:36:13","date_gmt":"2019-10-10T14:36:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=939185"},"modified":"2019-10-10T15:41:57","modified_gmt":"2019-10-10T14:41:57","slug":"veronika-krasheninnikova-der-kapitalismus-wird-in-der-krise-immer-gewalttaetiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/10\/veronika-krasheninnikova-der-kapitalismus-wird-in-der-krise-immer-gewalttaetiger\/","title":{"rendered":"Veronika Krasheninnikova: \u201eDer Kapitalismus wird in der Krise immer gewaltt\u00e4tiger.\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Gespr\u00e4ch mit Veronika Krasheninnikova, Mitglied der Gesellschaftskammer der Russischen F\u00f6deration, stellvertretende Vorsitzende der Kommission f\u00fcr Entwicklung der gesellschaftlichen Diplomatie und Beraterin der Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya, \u00fcber die Kunst der Diplomatie, Gewaltm\u00e4rkte und den Rechtsruck in Europa.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Gunther Sosna: Frau Krasheninnikova, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, meine Fragen zu beantworten. Ich w\u00fcrde mich mit Ihnen gerne ausschlie\u00dflich \u00fcber die russische Kultur, Land, Leute, Philosophie und Geschichte unterhalten, aber ein aktuelles Thema hat uns eingeholt. Der INF-Vertrag \u00fcber das Verbot landgest\u00fctzter atomarer Mittelstreckenwaffen wurde am 2. August au\u00dfer Kraft gesetzt. Hat sie das \u00fcberrascht?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Veronika Krasheninnikova: Ich gr\u00fc\u00dfe Sie und Ihre Leser. Das INF-Abkommen hat nat\u00fcrlich nicht von selbst aufgeh\u00f6rt zu existieren. Die Regierung von Donald Trump hat beschlossen, aus dem Abkommen auszutreten. In einem vor Kurzem mit der Zeitung \u00abKommersant\u00bb <sup>[1]<\/sup> gef\u00fchrten Interview sagte Au\u00dfenminister Lawrow <sup>[2]<\/sup>, dass John Bolton ihm bereits im Oktober des vergangenen Jahres in absolut ruhiger und unverminderter Weise mitteilte, dass die USA beabsichtigten, aus dem INF-Vertrag auszutreten: \u201eKeine Sorge, Trumps Erkl\u00e4rung ist keine Einladung zu Verhandlungen, sie ist eine endg\u00fcltige Entscheidung\u201c. Besprechen konnte man da also nichts mehr. Mich \u00fcberrascht die Politik Trumps vermutlich weniger als jemanden anderes in Russland, denn ich habe bereits seit seiner Pr\u00e4sidentschaftskandidatur im Jahr 2017 klar gemacht, dass dies eine sehr negative Option f\u00fcr Russland und die Welt w\u00e4re. St\u00e4ndig verspricht er, mit Russland \u201eklarzukommen\u201c. Aber er wird solch unm\u00f6gliche Forderungen f\u00fcr einen \u201eDeal\u201c stellen, dass das Gespr\u00e4ch noch nicht einmal beginnt. Es wird wie bei Nordkorea sein.<\/p>\n<p><em><strong>K\u00f6nnen Sie beschreiben, wie die Reaktion der russischen Bev\u00f6lkerung darauf gewesen ist? In westlichen Medien gab es dazu kaum etwas zu lesen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In Russland verstehen Fachleute nat\u00fcrlich, wie ernst diese Entscheidung ist. Die USA haben sich geweigert, russischen Experten die Startanlagen f\u00fcr die Raketenabwehrsysteme in Rum\u00e4nien und Polen zu zeigen, wo sie jetzt aufgebaut werden. Zugleich lehnten es die USA selbst ab \u2013 und verbaten es ihren europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten! \u2013 die Demonstration des russischen landgest\u00fctzten Marschflugk\u00f6rpers 9M729 zu besuchen, wegen dem ja Washington auch aus dem INF-Vertrag ausgestiegen war.<\/p>\n<p>Diese Entscheidung passt in die Gesamtstrategie der Trump-Administration: das System der internationalen Vertr\u00e4ge, das \u00fcber Jahrzehnte geschaffen wurde, zu zerst\u00f6ren, um sich selbst f\u00fcr individuelle und eigensinnige Aktionen zu befreien. Trump war nie gegen das Establishment. Er stellt vielmehr seinen radikalsten Teil dar, der aufgrund st\u00e4ndig sinkender Gewinne nun alle Beschr\u00e4nkungen aufheben will, die ihn noch daran hindern, mehr Geld aus dem Rest der Welt herauszuquetschen.<\/p>\n<p><em><strong>Wie haben sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Russland, den europ\u00e4ischen Nachbarn und den Vereinigten Staaten seit der Unterzeichnung des INF-Vertrags im Jahr 1987 eigentlich grunds\u00e4tzlich entwickelt? Welche wesentlichen Knackpunkte gab es vor der sogenannten Krimkrise, als die hohe Kunst der Diplomatie gefordert war?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten 1980er Jahren intensivierte sich der Prozess der Zerst\u00f6rung der Sowjetunion \u2013 sowohl von au\u00dfen als auch von innen. Nach der offiziellen Verk\u00fcndung im Dezember 1991 verlief in den 1990er Jahren ein konsequenter Prozess der Zerst\u00f6rung des Landes \u2013 es brauchte ja auch Zeit, alles in St\u00fccke zu zerlegen, was durch die riesigen Anstrengungen des gesamten Volkes im Laufe von 70 Jahren aufgebaut wurde!<\/p>\n<p>Der kollektive Westen nahm aktiv an diesem Prozess teil. Russland hatte damals noch keine souver\u00e4ne Au\u00dfenpolitik \u2013 \u00fcber vollwertige diplomatische Beziehungen brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. Der Prozess des Wiederaufbaus des Landes begann etwa 2003, als Pr\u00e4sident Putin erkannte, dass der Westen versuchte Russland zu t\u00e4uschen \u2013 die Inhaftierung von Oligarch Michail Chodorkowski war ein klares Signal. Im Jahr 2007 hielt Putin seine ber\u00fchmte M\u00fcnchner Rede \u00fcber die Inakzeptanz einer unipolaren Weltordnung und dass Russland eine unabh\u00e4ngige Au\u00dfenpolitik f\u00fchren werde. Und genau das begann er zu tun.<\/p>\n<p>Diese gesamte Zeit \u00fcber bewegte sich auf Russland wie ein Bulldozer der NATO-Block zu: 1991 hatte das B\u00fcndnis 16 Mitglieder, heute sind es 29. Im Jahr 2014 sollte die Ukraine zusammen mit der Krim durch das Assoziierungsabkommen mit der Europ\u00e4ischen Union <sup>[3]<\/sup> in den politischen und milit\u00e4rischen Einflussbereich der NATO eintreten. Der zweite Artikel des Abkommens spricht von der \u201eKonvergenz im Bereich der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik\u201c. Russland hatte keine andere Wahl, als diese unaufhaltsame Walze zu stoppen \u2013 und das wurde auch getan. NATO-Schiffe auf der Krim sind f\u00fcr das Bewusstsein der Russen etwas Unvorstellbares.<\/p>\n<p><em><strong>Ist da auf dem diplomatischen Weg noch etwas zu machen oder muss sich darauf eingestellt werden, dass neben der konventionellen auch eine atomare Aufr\u00fcstung beginnt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>\u201eSich damit abzufinden\u201c ist nicht unsere Art. Die derzeitige US-Regierung ist aber \u00fcberhaupt nicht bereit, multilaterale Verhandlungen aufzunehmen. Es findet eine wahre \u201eBarbarisierung\u201c der Politik statt. Macht ist leider das Einzige, was sie aufhalten kann.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte glauben, dass Europa in der Lage ist, seinen gr\u00f6\u00dferen Bruder zu beeinflussen und seine Aggression in der Welt \u2013 in milit\u00e4rischen Angelegenheiten, ebenso wie in Wirtschaft und Politik \u2013 zu mildern. Die Chancen daf\u00fcr werden steigen, wenn Europa dies gemeinsam mit Russland tut. Wir m\u00fcssen gemeinsam das Fundament verteidigen, auf dem sowohl Europa als auch Russland aufgebaut sind \u2013 die Werte der Renaissance, der Aufkl\u00e4rung und des Sozialstaates. Und in dieser Hinsicht bietet die j\u00fcngste Rede von Pr\u00e4sident Macron, die er vor Botschaftern gehalten hat, einen ausgezeichneten Aktionsplan <sup>[4]<\/sup>.<\/p>\n<p>Er schl\u00e4gt vor, eine neue Architektur von Vertrauen und Sicherheit in Europa aufzubauen \u2013 zusammen mit Russland. Europa soll keine Arena f\u00fcr strategische K\u00e4mpfe zwischen den USA und Russland sein, stattdessen sollten Europa und Russland enge Verb\u00fcndete werden. In Deutschland sollten konstruktive Kr\u00e4fte diesen franz\u00f6sischen Vorschlag unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><em><strong>Lassen Sie uns auch \u00fcber die Weltwirtschaft reden. Ich meine zu erkennen, dass es in einer begrenzten Welt f\u00fcr alle Staaten zunehmend schwieriger wird, ein Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten, dass auf unendliches Wachstum setzt. Auf der anderen Seite ist derartig viel Kapital im Umlauf, dass alles Privatisiert wird, was nicht niet- und nagelfest ist. Offenbar besteht ein erhebliches Verwertungsproblem. L\u00e4sst sich darin ein Zusammenhang ausmachen, warum subjektiv immer h\u00e4ufiger milit\u00e4rische Optionen in die Diskussion gebracht werden und immer weniger diplomatische Aspekte?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Diesen Gedanken haben Sie sehr h\u00f6flich formuliert. Wie die Klassiker sagten, gibt es kein Verbrechen, das das Kapital nicht f\u00fcr 300 % Gewinn riskieren w\u00fcrde. So war es vor 150 Jahren, und heute ist es genauso. Der Kapitalismus wird in der Krise immer w\u00fctender und gewaltt\u00e4tiger. Diplomatie ist f\u00fcr ihn irrelevant.<\/p>\n<p>Ich wiederhole: Trump repr\u00e4sentiert die radikalsten Kreise des amerikanischen Systems, und sie sind bereit, die r\u00fccksichtslosesten Mittel einzusetzen. Schauen Sie, jetzt droht er mit einer \u201eSpaltung wie zu Zeiten des B\u00fcrgerkriegs\u201c. Und unter seinen Anh\u00e4ngern gibt es gen\u00fcgend bewaffnete Radikale, die bereit sind, dem Ruf des Anf\u00fchrers Folge zu leisten.<\/p>\n<p><em><strong>Der Krieg ern\u00e4hrt den Krieg, hat Friedrich Schiller in seiner Wallenstein-Trilogie geschrieben <sup>[5]<\/sup>. Oder salopp formuliert: Wenn nichts mehr geht, Krieg geht immer. Ist die Weltwirtschaft derartig angeschlagen, dass die Kriegsindustrie zum wichtigsten Gesch\u00e4ftsfeld wird?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Schon Pr\u00e4sident Eisenhower warnte vor dem ungerechtfertigten Einfluss des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes auf die Regierung <sup>[6]<\/sup>, warnte vor seiner Umwandlung in eine Bedrohung f\u00fcr Freiheit und Demokratie. Leider ist es genau so gekommen. Eine neue Wachstumsrunde wurde von den sogenannten \u201eNeokonservativen\u201c in den Jahren der Regierung von George W. Bush eingeleitet. Unter Pr\u00e4sident Obama setzte sich dieser Trend fort, und unter Trump verzeichnen wir ein explosives Wachstum. Der Verkauf von Waffen im Wert von 300 Milliarden Dollar an Saudi-Arabien ist ein beispielloses Ausma\u00df <sup><a id=\"fnref-7\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/10\/06\/veronika-krasheninnikova-der-kapitalismus-wird-in-der-krise-immer-gewalttaetiger\/#fn-7\">[7]<\/a><\/sup>. Frage: Gegen wen wollen die Saudis mit all diesen Waffen k\u00e4mpfen? Nicht mehr nur im Jemen und in Syrien.<\/p>\n<p><em><strong>Krieg ist ja nicht nur Politik mit Waffen, sondern auch Gesch\u00e4ftsmodell. Der Soziologe Georg Elwert <sup>[8]<\/sup> hat den Begriff Gewaltmarkt genutzt, um soziale R\u00e4ume zu beschreiben, in denen Gewalt v\u00f6llig unreguliert und scheinbar ohne Sinn auftritt. Dennoch folgt diese Gewalt, die von Kriegsunternehmern und Warlords angefacht wird, einer Logik. Es geht dabei nicht um politische oder religi\u00f6se Ziele, die sind vorgeschoben, sondern um Gewinnmaximierung. Ist das ein Gedanke, dem die Atomm\u00e4chte folgen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ihre Frage ist mir etwas unklar \u2026<\/p>\n<p><em><strong>Die Regierungen von Russland, China, Frankreich, den USA, dem Iran, aber auch Deutschland und so weiter reden \u00fcber Frieden, sind allerdings direkt oder indirekt in Kriege involviert oder liefern zumindest Kriegsger\u00e4t, damit sich Menschen gegenseitig umzubringen. Das passt doch alles nicht zusammen. Wie empfinden Sie diesen Zustand als Mensch, der das Wort nutzt, aber nicht das Schwert?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Genau deshalb ist die Arbeit von Menschen, die das Wort nutzen, um zu \u00fcberzeugen \u2013 Experten, Journalisten, Diplomaten \u2013, heute so wichtig. Bismarck ist zwar nicht mein Held, aber er hatte Recht, als er sagte: \u201eWenn die Diplomaten verstummen, fangen die Waffen an zu reden\u201c.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Obama schlug vor, dass Staaten, die Atomwaffen besitzen, diese vollst\u00e4ndig abgeben. Es ist aber nicht klar, ob dieser Vorschlag die Vereinigten Staaten selbst ebenfalls betraf. Das Problem dabei ist, dass die USA au\u00dfer Atomwaffen eine so gewaltige \u00dcberlegenheit bei den konventionellen Waffen haben, dass dies ausreichen wird, um damit den Rest der Welt zu terrorisieren.<\/p>\n<p><em><strong>Lassen Sie uns bitte einen Sprung ins politische Tagesgesch\u00e4ft wagen. In der Europ\u00e4ischen Union vollzieht sich ein Rechtsruck. Die b\u00fcrgerliche Mitte schwenkt nach rechts ein und marschiert Richtung Autoritarismus und EU-kritische Rechtspopulisten, Nationalisten und Faschisten bekommen Aufwind. Die dominierenden Medien in Deutschland, aber auch in anderen L\u00e4ndern, machen die Regierung von Russland daf\u00fcr zumindest mitverantwortlich. Das politisch rechte Lager \u00e4u\u00dfert zudem offen seine Sympathien f\u00fcr Russland. Wie bewerten Sie den Schmeichelkurs und den Applaus von den Rechten und Ultrarechten? Ist der f\u00fcr Russland positiv?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben sich viele Experten, darunter auch ich, gegen die Beziehungen Russlands zu den rechtsextremen Parteien ausgesprochen. Der Schaden ist offensichtlich: ein Schlag gegen den Ruf, das Untergraben des historischen Sieges \u00fcber den Faschismus im Zweiten Weltkrieg und vor allem die St\u00e4rkung der rechtsextremen Ansichten in Russland selbst. F\u00fcr einen multiethnischen und multikonfessionellen Staat sind Nationalismus, Islamophobie und die Volksverhetzung der k\u00fcrzeste Weg zum Zusammenbruch des Landes. Nur die Gegner Russlands sind an solchen Beziehungen interessiert. Wenn es nicht gelungen ist, Russland zu isolieren, dann will man es marginalisieren, indem man das Land zu den Radikalen, Ausgesto\u00dfenen, Freaks und anderen Randgruppen der westlichen Gesellschaften st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Die heutige Welle der rechtsextremen Ideologien wurde in Europa geboren. Genau wie der Faschismus der 1920er Jahre. Russland daf\u00fcr die Schuld zu geben, ist heuchlerischer Zynismus. Und au\u00dferdem ist es eine M\u00f6glichkeit, sich nicht mit der L\u00f6sung des Problems besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen. Dieser Hass wuchs aber aus den Fehlern der regierenden Parteien in Europa.<\/p>\n<p>Langfristig k\u00f6nnte der Aufstieg der extremen Rechten Europa zu einem Haufen nationalistischer Staaten machen, die sich zuerst selber bek\u00e4mpfen und dann zwangsl\u00e4ufig im Osten nach neuem \u201eLebensraum\u201c suchen werden. Beide Weltkriege im 20. Jahrhundert begannen in Europa, Russland aber hat darin gr\u00f6\u00dferes Leiden erfahren als jeder andere europ\u00e4ische Staat. Deshalb \u2013 nein, der Aufstieg der extremen Rechten in Europa widerspricht kategorisch den Interessen Russlands. Gleichzeitig, ja, gibt es in Russland Anh\u00e4nger des europ\u00e4ischen Faschismus. Und sie sind die gleichen Feinde unseres Landes wie einst die Kollaborateure des Dritten Reiches w\u00e4hrend des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges.<\/p>\n<p><em><strong>Leute wie Heinz-Christian Strache, Matteo Salvini oder Marine le Pen <sup>[9, 10, 11]<\/sup> w\u00fcnschen die EU quasi zum Teufel und fachen mit ihrer Hetze gegen Fl\u00fcchtlinge und andere Minderheiten eine Art Kulturkampf an. F\u00e4rbt das nach Russland ab?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir in Russland wundern uns immer wieder, wie breit das legale Rechtsfeld f\u00fcr die extremen Rechten in Europa ist. So ist beispielsweise die NPD in Deutschland, die den Faschismus offen propagiert, bisher nicht verboten. Der Co-Vorsitzende der Alternative f\u00fcr Deutschland gibt regelm\u00e4\u00dfig Erkl\u00e4rungen ab, die das Dritte Reich rechtfertigen, und er kommt damit durch. Diejenigen, von denen Sie sprechen, schwadronieren gegen Muslime und Fl\u00fcchtlinge mit solchen Ausdr\u00fccken, f\u00fcr die sie in Russland gem\u00e4\u00df dem Artikel 282 des Strafgesetzbuches \u201eAnstiftung zu Hass oder Feindschaft sowie Erniedrigung der Menschenw\u00fcrde\u201c oder Artikel 280 \u201e\u00d6ffentliche Anstiftung zu extremistischen Aktivit\u00e4ten\u201c mit einer Haft rechnen m\u00fcssten. Daher ist hier der \u201eEinfluss\u201c oder die \u201eNachahmung\u201c Russlands ausgeschlossen. Aber der gegenteilige Effekt, wenn Nationalisten in Russland damit anfangen \u201ewie in Europa\u201c zu agieren, ist f\u00fcr uns sehr gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><em><strong>Keine Gesellschaft ist frei von Vorurteilen. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit finden sich \u00fcberall, und sicher auch in Russland. Sind islamfeindliche, fremdenfeindliche und antisemitische Positionen gesellschaftlich salonf\u00e4hig?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, es gibt auch diejenigen, die ihre Zugeh\u00f6rigkeit zur \u201eElite\u201c durch die Hautfarbe oder ihren Geburtsort bestimmen. Es scheint, dass auf individueller Ebene der Minderwertigkeitskomplex anspringt\u2026 Es ist jedoch erfreulich zu sehen, dass die Traditionen von Internationalismus, Multinationalit\u00e4t und Offenheit auch heute noch in Russland bestehen. J\u00fcngstes Beispiel: Bei den Moskauer Kommunalwahlen am 7. September gewann in einem der Wahllokale im Zentrum der Hauptstadt ein Kandidat namens Magomed Jandiev. Das ist ein kaukasischer Nachname, er ist ein Muslim. Und er gewann in einem erbitterten Wahlkampf. Er lehrt an einer Moskauer Universit\u00e4t, war Minister f\u00fcr wirtschaftliche Entwicklung in der Republik Inguschetien. Das ist eine Best\u00e4tigung des multinationalen Geistes der Russen.<\/p>\n<p><em><strong>Wie stark ist die politische Rechte in Russland \u00fcberhaupt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der rechte politische Sektor in Russland manifestiert sich durch Konservatismus, Klerikalismus und Propaganda der Monarchie. Ich gebe zu, dass die Politik einen Platz f\u00fcr solide konservative Ideen hat. Pr\u00e4sident Putin definierte gesunden Konservatismus als die Verwendung aller besten, neuen und vielversprechenden Dinge, die die Entwicklung des Landes, den sorgsamen Umgang mit Mutterschaft und Kindheit, mit seiner Geschichte, mit Traditionen und einheimischen Religionen sichern. Doch unter dem Vorwand des \u201eKonservatismus\u201c sind auch die obsz\u00f6nsten und reaktion\u00e4rsten Vorschl\u00e4ge aufgetaucht \u2013 wie aus dem Mittelalter.<\/p>\n<p>Die Wei\u00dfw\u00e4sche des zaristischen Regimes wird durchgef\u00fchrt. Der religi\u00f6se Fanatismus einzelner Abgeordneter erlaubt es Radikalen, fast terroristische Akte zu organisieren, so geschehen um den Film \u201eMathilda\u201c von Alexey Utschitel. Es geht bis hin zu Versuchen, die Ideen von Julius Evola <sup>[12]<\/sup>, einem der Hauptideologen des Faschismus des 20. Jahrhunderts, der sich als \u201eTraditionalist\u201c sah, in den \u00f6ffentlichen Diskurs zu tragen. Evola, ein Fan des SS-Reichsf\u00fchrers Himmler, leugnete w\u00e4hrend der Gerichtsverfahren 1951, ein Faschist zu sein: weil \u2013 er sei ein \u201eSuper-Faschist\u201c. All dies betrifft nur enge Kreise. Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Menschen ist entsetzt \u00fcber solche Erscheinungen.<\/p>\n<p><em><strong>Sehen Sie eine realistische M\u00f6glichkeit, wie ein weiterer Rechtsdrall in der EU verhindert werden kann?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Daran besteht kein Zweifel. In der Innenpolitik m\u00fcssen die herrschenden Kreise ihren B\u00fcrgern zuh\u00f6ren und die Politik so \u00e4ndern, dass sie den Erwartungen der Menschen entspricht. Man muss die Zerst\u00f6rung des Sozialstaates stoppen und f\u00fcr soziale Gerechtigkeit sorgen.<\/p>\n<p>Auf EU-Ebene sind systematische Reformen erforderlich, damit die Union effektiv wird und den W\u00fcnschen der Menschen sowie den Interessen der Demokratie gerecht wird. Auf der Ebene des Transatlantizismus ist es notwendig, die Priorit\u00e4t der nationalen \u2013 nicht zu verwechseln mit nationalistischen \u2013 Interessen zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Was das Problem des Zustroms von Migranten und Fl\u00fcchtlingen betrifft, so ist es notwendig, die Kriege im Nahen Osten und in Nordafrika mittels der NATO zu beenden.<\/p>\n<p><em><strong>Lassen Sie mich eine abschlie\u00dfende Frage stellen. Es gibt ja diverse Schwierigkeiten und handfeste Bedrohungen, die alle Staaten betreffen. Dazu geh\u00f6ren nicht nur die zahlreichen bewaffneten Konflikte, regionale Kriege oder Extremismus, sondern die Umweltverschmutzung, das Artensterben, die Ver\u00e4nderung des Klimas, aber auch die Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeitswelt. Millionen Jobs werden in recht kurzer Zeit wegfallen. Diese Entwicklung ist nicht r\u00e4umlich begrenzt, sondern findet praktisch \u00fcberall statt. Die Boston Consulting Group ging zum Beispiel 2017 schon davon aus, dass bis 2035 weltweit etwa 400 Millionen Jobs verschwinden. Darin lauert ein gewaltiges soziales Konfliktpotenzial. W\u00e4re es nicht an der Zeit, dass die Regierungen komplett umdenken und viel enger miteinander zusammenarbeiten, um diese Herausforderungen zu meistern?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das ist eine sehr tiefgehende Frage. Sie haben Recht, diese Zeit ist schon lange gekommen. Allerdings k\u00f6nnen wir angesichts der Politik Washingtons, die auf die Verh\u00e4rtung des Systems und eine egoistische Vorgehensweise ausgerichtet ist, nicht auf die Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit z\u00e4hlen. Ist denn Europa bereit, in Abwesenheit der USA die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen? Das m\u00f6chte man hoffen. In so einem Fall k\u00f6nnen wir auf die Beteiligung Russlands z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Es ist jedoch klar, dass im Rahmen des kapitalistischen Systems \u00c4nderungen nur in Form von kosmetischen Eingriffen stattfinden k\u00f6nnen. Das \u201emenschliche Antlitz\u201c kann man dem Kapitalismus in keiner Weise aufziehen. Deshalb ist es notwendig, \u00fcber ein solches soziales und politisches System nachzudenken, das im 21. Jahrhundert in der Lage w\u00e4re, die grundlegenden Probleme des Kapitalismus zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><em><strong>Ich danke Ihnen vielmals.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Vielen Dank.<\/p>\n<h4><strong>Quellen und Anmerkungen<\/strong><\/h4>\n<p><strong>[1]<\/strong> Kommersant ist eine russische Tageszeitung. Sie wurde erstmals 1909 gegr\u00fcndet, aber im Zuge der Machtergreifung der Bolschewiki im Jahre 1917 geschlossen. Im Dezember 1989 wurde sie in Moskau wiederbelebt. Zun\u00e4chst erschien Kommersant (Homepage: <a href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.kommersant.ru<\/a>) w\u00f6chentlich und ab 1992 t\u00e4glich. Im postsowjetischen Russland stieg sie zu einer der wichtigsten Tageszeitungen auf und erwarb sich den Ruf einer seri\u00f6sen und kritischen Informationsquelle. Chefredakteur ist Andrei Wassiljew.<br \/>\n<strong>[2]<\/strong> Sergei Wiktorowitsch Lawrow (Jahrgang 1950) ist ein russischer Diplomat und seit M\u00e4rz 2004 der Au\u00dfenminister der Russischen F\u00f6deration.<br \/>\n<strong>[3]<\/strong> EUR-Lex | Access to European Union law: Assoziierungsabkommen zwischen der Europ\u00e4ischen Union und ihren Mitgliedstaaten einerseits und der Ukraine andererseits (OJ L 161, 29.5.2014, p. 3\u20132137). Auf <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/?uri=CELEX:22014A0529(01)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/?uri=CELEX:22014A0529(01)<\/a> (abgerufen am 05.10.2019).<br \/>\n<strong>[4]<\/strong> Hellweger Anzeiger (19.08.2019): Macron will neues Vertrauen zwischen Europa und Russland. Auf <a href=\"https:\/\/www.hellwegeranzeiger.de\/Nachrichten\/Macron-will-neues-Vertrauen-zwischen-Europa-und-Russland-1439553.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.hellwegeranzeiger.de\/Nachrichten\/Macron-will-neues-Vertrauen-zwischen-Europa-und-Russland-1439553.html<\/a> (abgerufen am 05.10.2019).<br \/>\n<strong>[5]<\/strong> Albrecht von Waldstein (1583-1634), bekannt als Wallenstein, war ein b\u00f6hmischer Feldherr, Kriegsunternehmer und Politiker im <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/10\/04\/der-dreissigjaehrige-krieg-hegemonen-warlords-und-religioese-eiferer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg<\/a> (1618-1648). Wallenstein war Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee und k\u00e4mpfte gegen die protestantischen M\u00e4chte Deutschlands sowie gegen D\u00e4nemark und Schweden. 1634 wurde Wallenstein ermordet.<br \/>\n<strong>[6]<\/strong> Pressenza (02.09.2017): EU \u2013 Milit\u00e4risch-industrieller Komplex statt Industriepolitik. Auf <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/09\/eu-militaerisch-industrieller-komplex-statt-industriepolitik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/09\/eu-militaerisch-industrieller-komplex-statt-industriepolitik\/<\/a> (abgerufen am 05.10.2019).<br \/>\n<strong>[7]<\/strong> FOCUS (20.05.2017): USA und Saudis einigen sich auf gigantischen Waffendeal. Auf <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/110-milliarden-dollar-umfang-usa-und-saudis-einigen-sich-auf-gigantischen-waffendeal_id_7159111.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/110-milliarden-dollar-umfang-usa-und-saudis-einigen-sich-auf-gigantischen-waffendeal_id_7159111.html<\/a> (abgerufen am 05.10.2019).<br \/>\n<strong>[8]<\/strong> Georg Elwert (1947-2005) war ein deutscher Ethnologe und Soziologe. Er setzte sich mit der Korruption in postkolonialen Staaten auseinander und pr\u00e4gte im Rahmen seiner Analysen von gewaltt\u00e4tigen Konflikten den Begriff Gewaltm\u00e4rkte.<br \/>\n<strong>[9]<\/strong> Heinz-Christian Strache (Jahrgang 1969) ist Politiker der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei \u00d6sterreichs (FP\u00d6). Er war ab 2008 Oppositionsf\u00fchrer im Parlament, wurde Ende 2017 Vizekanzler und im Januar 2018 Bundesminister f\u00fcr \u00f6ffentlichen Dienst und Sport in der Regierung von Bundespr\u00e4sident Sebastian Kurz (\u00d6sterreichische Volkspartei). Strache war au\u00dferdem Bundesparteiobmann der FP\u00d6, Landesparteiobmann der FP\u00d6 Wien und Bezirksparteiobmann des 3. Wiener Gemeindebezirks. Nach der sogenannten Ibiza-Aff\u00e4re und den damit einhergehenden Vorw\u00fcrfen der Bereitschaft zur Korruption, erkl\u00e4rte Strache im Mai 2019 seinen R\u00fccktritt vom Amt des Vizekanzlers und vom Posten als Parteiobmann.<br \/>\n<strong>[10]<\/strong> Matteo Salvini (Jahrgang 1973) ist ein italienischer Politiker der Lega Nord. Von Juni 2018 bis September 2019 war Salvini Innenminister im Kabinett von Giuseppe Conte (MoVimento 5 Stelle; F\u00fcnf-Sterne-Bewegung). Au\u00dferdem war er stellvertretender Ministerpr\u00e4sident Italiens. Salvini war vor seiner politischen Laufbahn Journalist.<br \/>\n<strong>[11]<\/strong> Marine Le Pen (Jahrgang 1968) ist Politikerin des rechtsextremen Rassemblement National. Dieser trug bis Juni 2018 den Namen Front National (FN). Le Pen, im Zivilleben Juristin, wurde im Januar 2011 Vorsitzende des FN. Das Amt \u00fcbernahm sie von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen. 2012 und 2017 kandidierte sie bei den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Seit Juni 2017 ist sie Abgeordnete der franz\u00f6sischen Nationalversammlung. In der Vergangenheit war sie au\u00dferdem Abgeordnete im Europ\u00e4ischen Parlament.<br \/>\n<strong>[12]<\/strong> Julius Evola (1898-1974) war ein italienischer Kulturphilosoph, Esoteriker, Rassentheoretiker pro-faschistischer spiritueller Rassist und Antisemit. Etwa ab 1931 unterhielt er Beziehungen zu Exponenten der Konservativen Revolution und zur SS. Er gilt als Ideengeber f\u00fcr den rechtsextremen italienischen Untergrund und f\u00fcr die gesamteurop\u00e4ische Neue Rechte.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Zur Person: Veronika Krasheninnikova<\/strong> (Jahrgang 1971) ist Politikwissenschaftlerin und Historikerin. Sie ist Mitglied des politischen Rates der Regierungspartei \u201eEiniges Russland\u201c, Mitglied der Gesellschaftskammer der Russischen F\u00f6deration, Beraterin der Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya und stellvertretende Vorsitzende der Kommission f\u00fcr Entwicklung der gesellschaftlichen Diplomatie. Sie war von 2001 bis 2010 Pr\u00e4sidentin des \u201eRates f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit\u201c zwischen den USA und der \u201eGemeinschaft unabh\u00e4ngiger Staaten\u201c, einer Nachfolgeorganisation der <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/07\/07\/wie-der-kapitalismus-krisen-erzeugt-und-kriege-vorbereitet-teil-1\/\">Sowjetunion<\/a>. Gleichzeitig war sie Vertreterin von Sankt-Petersburg in den USA.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Redaktioneller Hinweis: Unser besonderer Dank geht an Dr. Andrej Solowjow in Moskau f\u00fcr seine Unterst\u00fctzung bei der Realisierung des Interviews mit Veronika Krasheninnikova und die \u00dcbersetzung.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Veronika Krasheninnikova, Mitglied der Gesellschaftskammer der Russischen F\u00f6deration, stellvertretende Vorsitzende der Kommission f\u00fcr Entwicklung der gesellschaftlichen Diplomatie und Beraterin der Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya, \u00fcber die Kunst der Diplomatie, Gewaltm\u00e4rkte und den Rechtsruck in Europa. 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