{"id":903309,"date":"2019-08-14T14:34:40","date_gmt":"2019-08-14T13:34:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=903309"},"modified":"2019-08-14T14:36:55","modified_gmt":"2019-08-14T13:36:55","slug":"was-mir-zu-kapitalismus-moral-und-system-einfaellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/08\/was-mir-zu-kapitalismus-moral-und-system-einfaellt\/","title":{"rendered":"Was mir zu Kapitalismus, Moral und System einf\u00e4llt?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit Polizeigewalt unterdr\u00fcckte Demonstrationen in Frankreich, Erlass von Gesetzen, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit massiv einschr\u00e4nken in Spanien, Vorst\u00f6\u00dfe zur Regulierung der freien <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/06\/23\/linksunten-presse-und-meinungsaeusserungsfreiheit-in-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meinungs\u00e4u\u00dferung vor Wahlen in Deutschland<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>Dies alles sind Anzeichen daf\u00fcr, dass das wirtschaftliche und politische System, in dem wir leben, ins Taumeln ger\u00e4t. Es wird totalit\u00e4r. Doch immer weniger Menschen lassen sich von dem kunterbunten Konsumtreiben blenden. Sie beginnen, laut und massiv gegen die Verh\u00e4ltnisse zu protestieren.<\/p>\n<h4><strong>Die kurze Angst vor dem Kapitalismus<\/strong><\/h4>\n<p>Verwertbarkeit, Gewinnerzielung und ewiges Wirtschaftswachstum, identisch mit einem ins Unendliche ansteigenden Ressourcenverbrauch, sind im Kapitalismus die Taktgeber. Alles andere ist nicht von Belang. Menschliche Werte wie Mitgef\u00fchl, Solidarit\u00e4t und Freiheit bleiben auf der Strecke. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Um so mehr verwundert, dass historische Erfahrungen zu keiner \u00c4nderung der Fahrtrichtung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs, der auch ein Resultat eines ausufernden, nahezu Welt umspannenden und von Krisen gesch\u00fcttelten kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftssystems war, zeigte sich die Politik in Deutschland antikapitalistisch. Einen Glockenschlag nach der Stunde Null bekundeten die Parteien ihre Bereitschaft, das angst\u00adein\u00adfl\u00f6\u00ad\u00dfende Monster \u201eKapitalismus\u201c an die Kette zu legen.<\/p>\n<p><strong>Das Ahlener Programm der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU), vorgestellt am 3. Februar 1947, ist ein beispielhafter Ausdruck der Bem\u00fchungen.<\/strong><\/p>\n<div>\n<div>\n<blockquote><p>(\u2026) Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.<\/p>\n<p>Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der W\u00fcrde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und \u00e4u\u00dferen Frieden sichert.<\/p>\n<p>(\u2026) St\u00e4rkung der wirtschaftlichen Stellung und Freiheit des einzelnen; Verhinderung der Zusammenballung wirtschaftlicher Kr\u00e4fte in der Hand von Einzelpersonen, von Gesellschaften, privaten oder \u00f6ffentlichen Organisationen, durch die die wirtschaftliche oder politische Freiheit gef\u00e4hrdet werden k\u00f6nnte. Auszug aus dem Ahlener Programm von 1947; Quelle: Konrad Adenauer Stiftung<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong>Noch 1959 formulierte die heute auf Talfahrt in die Bedeutungslosigkeit befindliche Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) im Godesberger Programm die Gefahren durch Konzerne und Kapitalkonzentration:<\/strong><\/p>\n<div>\n<div>\n<blockquote><p>(\u2026) Ein wesentliches Kennzeichen der modernen Wirtschaft ist der st\u00e4ndig sich verst\u00e4rkende Konzentrationsprozess. Die Gro\u00dfunternehmen bestimmen nicht nur entscheidend die Entwicklung der Wirtschaft und des Lebensstandards, sie ver\u00e4ndern auch die Struktur von Wirtschaft und Gesellschaft: Wer in den Gro\u00dforganisationen der Wirtschaft die Verf\u00fcgung \u00fcber Millionenwerte und \u00fcber Zehntausende von Arbeitnehmern hat, der wirtschaftet nicht nur, er \u00fcbt Herrschaftsmacht \u00fcber Menschen aus; die Abh\u00e4ngigkeit der Arbeiter und Angestellten geht weit \u00fcber das \u00d6konomisch-Materielle hinaus.<\/p>\n<p>Wo das Gro\u00dfunternehmen vorherrscht, gibt es keinen freien Wettbewerb. Wer nicht \u00fcber gleiche Macht verf\u00fcgt, hat nicht die gleiche Entfaltungsm\u00f6glichkeit, er ist mehr oder minder unfrei. Die schw\u00e4chste Stellung in der Wirtschaft hat der Mensch als Verbraucher. Mit ihrer durch Kartelle und Verb\u00e4nde noch gesteigerten Macht gewinnen die f\u00fchrenden M\u00e4nner der Gro\u00dfwirtschaft einen Einfluss auf Staat und Politik, der mit demokratischen Grunds\u00e4tzen nicht vereinbar ist. Sie usurpieren Staatsgewalt. Wirtschaftliche Macht wird zu politischer Macht.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung ist eine Herausforderung an alle, f\u00fcr die Freiheit und Menschenw\u00fcrde, Gerechtigkeit und soziale Sicherheit die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft sind. Die B\u00e4ndigung der Macht der Gro\u00dfwirtschaft ist darum zentrale Aufgabe einer freiheitlichen Wirtschaftspolitik. Staat und Gesellschaft d\u00fcrfen nicht zur Beute m\u00e4chtiger Interessengruppen werden.<\/p>\n<p>Auszug aus dem Godesberger Programm von 1959; Quelle: SPD.de<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Wie ist der aktuelle Stand? 72 Jahre nach dem Ahlener und 60 Jahre nach dem Godesberger Programm ist von den oben genannten Bedenken und Bef\u00fcrchtungen in der \u201eRealpolitik\u201c vor allem von CDU und SPD nichts mehr zu finden. Der Kapitalismus erbl\u00fcht, die Parteibosse sind erfreut.<\/p>\n<h4><strong>Schneller Sinneswandel<\/strong><\/h4>\n<p>Die alten Vors\u00e4tze waren l\u00f6blich, ohne Zweifel, es wurde jedoch schnell deutlich, wo die Macht im kapitalistischen System zu suchen ist: aufseiten der Wirtschaft und des Kapitals. Die Parteien, und in der Folge der Verwaltungs- und Beamtenapparat, letztlich die entscheidenden Komponenten f\u00fcr das Funktionieren eines Staates, setzen um, was f\u00fcr das Kapital gut ist. Mensch und Natur sind dabei nachrangig.<\/p>\n<p>Bei der CDU dauerte es kaum zwei Jahre, um wieder auf Kapitalkurs zu sein. 1949 stellte die Partei der \u00d6ffentlichkeit die sogenannten \u201eD\u00fcsseldorfer Leits\u00e4tze\u201c, das wirtschafts- und sozialpolitische Programm f\u00fcr die erste Bundestagswahl, vor [1]. Diese r\u00fcckten deutlich vom Ahlener Programm ab. Es war die Rede von einer \u201esozialen Marktwirtschaft\u201c in Kombination mit einer planvollen \u201eBeeinflussung der Wirtschaft mit den organischen Mitteln einer umfassenden Wirtschaftspolitik auf Grund einer elastischen Anpassung an die Marktbeobachtung\u201c. Bildlich gesprochen: Man wollte ein bisschen schwanger sein.<\/p>\n<p>Ein unm\u00f6gliches Unterfangen im Kapitalismus. Ein System, in dem besitzende Klassen von der Absch\u00f6pfung jener Menschen leben, die sich mangels Besitz durch \u201eLohnarbeit\u201c verwerten m\u00fcssen, ist nicht sozial. Dies \u00e4ndert sich auch nicht, wenn ihm das Adjektiv \u201esozial\u201c auf das Etikett geschrieben wird.<\/p>\n<h4><strong>Das Beispiel I.G. Farben<\/strong><\/h4>\n<p>Welche R\u00fccksichtslosigkeit sich im Kapitalismus entfalten kann, wenn beispielsweise Konzerne sich jeder moralischen und gesellschaftliche Verantwortung entledigen k\u00f6nnen, zeigt das historische Beispiel der I.G. Farben [2]. Etwa vier Jahre vor dem New Yorker B\u00f6rsencrash, der im Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise ausl\u00f6ste, bildete sich aus dem Zusammenschluss von acht deutschen Unternehmen die Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG. Die I.G. Farben stieg zum gr\u00f6\u00dften Pharma- und Chemiekonzern der Welt auf.<\/p>\n<p>Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass damit ein Zentrum der wirtschaftlichen und somit politischen Macht entstand. In anderen Bereichen sah es \u00e4hnlich aus.<\/p>\n<p>Unternehmen der Kohle- und Stahlindustrie und Gro\u00dfbanken stiegen zu Giganten auf. Gewinnmaximierung und Verwertbarkeit war damals wie heute oberste Direktive. Die Aufr\u00fcstung Deutschlands unter den Nationalsozialisten bot eine gl\u00e4nzende Gelegenheit, Gesch\u00e4fte zu machen und Profit einzufahren. Moralische Bedenken gab es nicht, kritische Stimmen blieben die Ausnahme. NS-Regime und Wirtschaftsbosse arbeiteten gut zusammen.<\/p>\n<h4><strong>Gesch\u00e4fte mit dem Tod<\/strong><\/h4>\n<p>Nach der totalen milit\u00e4rischen Niederlage des Dritten Reichs fanden sich die f\u00fchrenden K\u00f6pfe der I.G. Farben auf der Anklagebank wieder. Der Vorstand und leitende Angestellte wurden 1947 in N\u00fcrnberg vor ein US-amerikanisches Milit\u00e4rgericht gestellt. Anklage wurde erhoben unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verschw\u00f6rung zur Begehung von Verbrechen gegen den Frieden sowie Folter und Ermordung versklavter Kriegsgefangener, von KZ-H\u00e4ftlingen und Zivilisten aus den besetzen Gebieten.<\/p>\n<p>Dass die I.G. Farben nicht nur kriegswichtige G\u00fcter wie zum Beispiel synthetisches Benzin produzierte, sondern \u00fcber die Firma Degesch (Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfung m.b.H.) die SS mit Zyklon B beliefert hatte, war unstrittig. Das Mittel wurde in Konzentrationslagern zum Massenmord verwendet. Die \u201eWirtschaftsbosse\u201c hatten selbst aber nie gemordet, sondern lediglich gute Gesch\u00e4fte mit dem Tod gemacht.<\/p>\n<h4><strong>Die Nachfolger der I.G. Farben<\/strong><\/h4>\n<p>Der Prozess endete im Sommer 1948 mit zehn Freispr\u00fcchen und dreizehn Verurteilungen zu Haftstrafen. Keiner der Verurteilten musste seine Strafe absitzen. Alle wurden fr\u00fchzeitig entlassen und fanden wieder Verwendung in Wirtschaft oder Politik. So zum Beispiel auch Otto Ambros [3], federf\u00fchrend bei der Planung des Lagers Buna (sp\u00e4ter umbenannt in KZ Auschwitz III Monowitz), dessen Aufbau von der I.G. Farben finanziert wurde. Das Tausende Arbeitsunf\u00e4hige selektiert und\u00a0 ermordet wurden, st\u00f6rte offensichtlich weder Ambros noch sonst einen der beteiligten Schreibtischt\u00e4ter.<\/p>\n<p>Was passierte mit dem Konzern? Das Verm\u00f6gen der I.G. Farben war schon im September 1945 beschlagnahmt worden. Seit 1947 wurde das Unternehmen von der BIFCO (Bipartite IG Farben Control Office) kontrolliert. 1952 wurde die I.G. Farben in seine urspr\u00fcnglichen Bestandteile zerlegt. Zu den sogenannten Farbennachfolgern geh\u00f6rten unter anderem die Farbwerke Hoechst AG, BASF und die Bayer AG.<\/p>\n<h4><strong>Die DNA des B\u00f6sen<\/strong><\/h4>\n<p>Schon im Sommer 1945 begannen die Alliierten mit der Entnazifizierung. Der Nationalsozialismus und seine sch\u00e4ndlichen Einfl\u00fcsse sollten aus allen Bereichen der Gesellschaft entfernt und jeder NS-Verbrecher bestraft werden. Eine hehre Absicht. Die Hauptkriegsverbrecher wurden bei den N\u00fcrnberger Prozessen angeklagt und abgeurteilt. Die Organisationen der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei), SS (Schutzstaffel) und Geheime Staatspolizei (Gestapo) wurden zu kriminellen Vereinigungen erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Aber es kommt Sand ins Getriebe. Die mit rein administrativen Aufgaben befassten Mitglieder der Gestapo, des Sicherheitsdienst des Reichsf\u00fchrers SS und in niederen R\u00e4ngen angesiedelte Funktion\u00e4re der NSDAP sowie der Waffen-SS wurden nicht pauschal einbezogen.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen des Nationalsozialismus, die DNA des B\u00f6sen, steckte in jeder Ecke. Politik, Kultur, Medien, Justiz oder Wirtschaft; alles war befallen. Und auch der Verwaltungs- und Beamtenapparat, ohne den kein Staat funktioniert. Um Deutschland durch die erste Nachkriegsphase zu f\u00fchren, aufzubauen und eine marktwirtschaftlich orientierte Grundordnung \u00fcberhaupt umsetzen zu k\u00f6nnen, wurde das Know-how auch jener gebraucht, die als Mitl\u00e4ufer bezeichnet wurden oder, wie im Falle Otto Ambros, Kriegsverbrecher gewesen sind. Der schaffte den \u00dcbergang in die neue Demokratie. Selbst Bundeskanzler Konrad Adenauer soll sich Rat beim Planer von Auschwitz III Monowitz geholt haben [4].<\/p>\n<h4><strong>Experten f\u00fcr die Wirtschaft<\/strong><\/h4>\n<p>Ende der 40er Jahre, als der Kalte Krieg zwischen West und Ost einsetzte, erlahmte in Deutschland langsam der Elan bei der Verfolgung der NS-Verbrecher. Es entstand somit lediglich der Eindruck einer gro\u00dfen Entnazifizierung. Der Apparat und die kleinen R\u00e4der im gro\u00dfen Getriebe des Horrors, die es erm\u00f6glichten, eine menschenverachtende Ideologie in Praxis umzusetzen, sollten die neue Repr\u00e4sentative Demokratie und vor allem die Wirtschaft antreiben. Fachwissen wurde gebraucht.<\/p>\n<p>Laut den Wirtschaftshistorikern Werner Abelshauser und Albrecht Ritschl, die sich in der Dokumentation \u201eUnser Wirtschaftswunder \u2013 Die wahre Geschichte\u201c [5] zu dieser Thematik \u00e4u\u00dferten, nutzen die USA das Know-how und die freien Kapazit\u00e4ten der deutschen R\u00fcstungsindustrie, um milit\u00e4risches Material f\u00fcr den Krieg im fernen Osten herzustellen und langfristig ein \u00dcbergreifen des Kommunismus auf den Westen zu verhindern.<\/p>\n<p>Anders als es die Bilder der zerst\u00f6rten deutschen St\u00e4dte vermitteln, war die R\u00fcstungsindustrie nicht so stark von den Bombardierungen der Alliierten betroffen. Die Nazis hatten kriegswichtige Betriebe und R\u00fcstungsfabriken verlagert. Teilweise wurden sie unter der Erde angelegt oder befanden sich weit im Osten, au\u00dferhalb der Reichweite der alliierten Bomberstaffeln. Das verschaffte der jungen Bundesrepublik bei der Produktion einen Vorteil gegen\u00fcber anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, deren Fabriken in Tr\u00fcmmern lagen. Und dann waren da ja noch Experten wie Heinrich Nordhoff.<\/p>\n<p>Nordhoff wurde 1942 Vorstandsmitglied bei der Adam Opel AG. Im gleichen Jahr \u00fcbernahm er die Leitung des Opel LKW Werks in Brandenburg. Dort wurden auch Zwangsarbeiter in der Produktion eingesetzt. Am Ende des Krieges floh Nordhoff in die von den Westalliierten besetzte Zone. Im Zuge der Entnazifizierung musste er seinen Posten als Vorstandsmitglied bei der Adam Opel AG niederlegen. Bereits drei Jahre sp\u00e4ter, 1948, wurde er mit Unterst\u00fctzung der britischen Milit\u00e4rregierung zum Generaldirektor der Volkswagenwerk GmbH ernannt.<\/p>\n<p>Auch weitere Ingenieure, die im Dritten Reich zum Umfeld von Albert Speer, dem Reichsminister f\u00fcr Bewaffnung und Munition, geh\u00f6rten, \u00fcbernahmen in der Bundesrepublik Posten in Industrie und Wirtschaft.<\/p>\n<h4><strong>Ex-Nazis in der Politik<\/strong><\/h4>\n<p>Die Politik blieb ebenfalls nicht frei von vormaligen Unterst\u00fctzern und Bef\u00fcrwortern des Hitler-Regimes und seiner Vernichtungsideologie. Ehemalige Mitglieder der NSDAP, die im Oktober 1945 von den Alliierten auf Grundlage des Kontrollratsgesetz Nr. 2 zur Aufl\u00f6sung und Liquidierung der Naziorganisationen verboten wurde, fanden in nahezu allen im Bundestag vertretenen Parteien der jungen Republik eine neue politische Heimat [6]. Darunter zwei sp\u00e4tere Bundespr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich der Kern des \u00dcbels. Nach den Schrecken des Krieges und dem industriellen Massenmord, w\u00e4re es nur logisch gewesen, niemanden den Aufbau einer neuen Gesellschaft anzuvertrauen, der dem Nazi-Reich direkt oder indirekte gedient hatte. Aber in der Praxis ist dies unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Intention dieses Artikels ist, zu verdeutlichen, dass die Ideologie des Nationalsozialismus bis weit in die Zeit der Bundesrepublik erhalten blieb. Sie steckte in den Strukturen und den K\u00f6pfen. Egal, ob es sich dabei um einen Politiker, Postboten, Arzt, Lehrer, Polizisten oder Generaldirektor eines Automobilherstellers handelte.<\/p>\n<p>Das ideologische Erbgut wurde, gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst, weitergegeben. So ist es nicht verwunderlich, dass wir heute eine Situation vorfinden, die der vor der Macht\u00fcbernahme der Nazis \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>Menschen verachtender Extremismus wird in Teilen der Gesellschaft salonf\u00e4hig, auch in der sogenannten Mitte. Vor allem, f\u00fcr bestehende, aber eben selbstverursachte Missst\u00e4nde, Schuldige gesucht werden.<\/p>\n<h4><strong>Eine Frage<\/strong><\/h4>\n<p>Was hat das alles mit dem Raubtierkapitalismus zu tun? Diese Frage l\u00e4sst sich in meinen Augen relativ leicht beantworten. Der Kapitalismus als solches ist das Problem.<\/p>\n<p>Er ist frei von politischer Ideologie. Es spielt \u00fcberhaupt keine Rolle, welche Staatsform in einem Land vorliegt, sondern ob sich der Kapitalismus entfalten kann. Ist es eine repr\u00e4sentative Demokratie, wunderbar. Werden die besten Gesch\u00e4fte in einer grausamen Diktatur gemacht, auch gut. Die einzigen Dinge, die den Kapitalismus beseelen, sind Verwertbarkeit, Gewinnmaximierung, Wachstum und Profit. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Hautfarbe, Herkunft oder Religion, sondern zwischen verwertbar oder nicht verwertbar.<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sich zwei Wirtschaftsmodelle gegen\u00fcber, die auf den ersten Blick vollkommen verschieden waren. Das sozialistische Modell im Osten, getragen von der Idee sozialer Gleichheit und Freiheit aller Gesellschaftsmitglieder, aber durch seinen totalit\u00e4ren Ansatz von der Utopie himmelweit entfernt, \u00fcbte Faszination auf viele Menschen aus.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte ja vielleicht klappen k\u00f6nnen, mit der Gleichheit aller Menschen. Damit w\u00e4re der Kapitalismus am Ende.<\/p>\n<p>Der Westen suchte nach Wegen, um die Bev\u00f6lkerung an sich zu binden und ein milit\u00e4risches wie auch ideologisches Bollwerk gegen den Kommunismus aufzubauen. Mit sozialen Zugest\u00e4ndnissen, einem gewissen Wohlstand f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Bev\u00f6lkerung und mit der n\u00f6tigen Propaganda \u00fcber die Rote Gefahr, wurde dies in der Bundesrepublik erreicht. Es gab dabei wenig Skrupel, sich der Hilfe von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern und Kriegsverbrechern zu bedienen. Das war in der DDR nicht anders, selbst wenn dort mehr NS-T\u00e4ter verurteilt wurden als in der BRD. H\u00fcben wie dr\u00fcben blieb die Entnazifizierung also eine halbe Wahrheit [7].<\/p>\n<h4><strong>Die Entfesselung einer Krankheit<\/strong><\/h4>\n<p>Das kapitalistische System zeigte mehr als ein Mal, dass es mit harten Bandagen agiert: <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/04\/20\/die-regime-change-achse-und-der-grossinquisitor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regime change<\/a> und Installation totalit\u00e4rer Regime inbegriffen.<\/p>\n<p>Auf die Verstaatlichung der \u00d6lf\u00f6rder- und Raffinerieanlagen im Iran 1953 unter Premierminister Mohammad Mossadegh reagierte der Westen zum Beispiel mit einer Geheimdienstopertion, um die Regierung zu st\u00fcrzen. In Chile zeigte Salvador Allende seinen Willen, eine radikal soziale Politik umzusetzen. Dazu geh\u00f6rte eine Agrarreform, die Teilverstaatlichung von Industriebetrieben und Banken und die Verstaatlichung des gr\u00f6\u00dften Staatsschatzes, der <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/01\/02\/dokumentation-der-jahrhundertraub-der-preis-des-roten-goldes\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kupferminen<\/a>. 1973 putschte das Milit\u00e4r, der US-Auslandsgeheimdienst CIA war beteiligt.<\/p>\n<p>Mit dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er war der gesellschaftliche Gegenentwurf verschwunden. Das kapitalistische System explodierte und fra\u00df sich in die ehemaligen Sowjetrepubliken. Selbst das kommunistische China spielt heute streng genommen nach kapitalistischen Regeln.<\/p>\n<p>Jeder Winkel der Erde ist mittlerweile befallen mit Kapitalismus. Der Kapitalismus ist eine Krankheit, die seit 2008 in einer Verwertungskrise steckt. Wohin mit dem ganzen Kapital? Es wird aufgekauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Die Privatisierung von Gemeineigentum und die aberwitzigen Ausgaben f\u00fcr Kriegsger\u00e4t, sind Ausdruck dieser Krise.<\/p>\n<p>Und jetzt kommt die <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/02\/18\/die-automatisierung-und-ihre-auswirkungen-auf-die-gesellschaft-teil-1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Industrialisierung 4.0<\/a>. Die Ressource \u201eMensch\u201c wird immer unwichtiger im Produktionsprozess. Die Einnahme durch Lohnerwerb fehlt, die Preise steigen, die Menschen verlieren Haus und Hof und verarmen. Und es wird r\u00fccksichtslos weitergemacht im Kapitalismus.<\/p>\n<h4><strong>Eine radikale Erneuerung<\/strong><\/h4>\n<p>Es ist nicht verwunderlich, dass beispielsweise in den USA mittlerweile 43 % aller\u00a0Haushalte im Monat so wenig Geld zur Verf\u00fcgung haben, dass das Budget nicht mehr ausreicht f\u00fcr Unterkunft, Essen, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung, Transport und ein Handy.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu immer mehr Spannungen.\u00a0Nicht umsonst werden Stimmen lauter, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen fordern, um sich <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/02\/20\/warum-die-zeit-fuer-das-bedingungslose-grundeinkommen-reif-ist\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den sozialen Frieden zu erkaufen<\/a>. Kann das reichen? Nein, sagt Reverend Dr. William J. Barber II. Er ist einer der wichtigste K\u00f6pfe der wiedererstarkten \u201e<a href=\"https:\/\/www.poorpeoplescampaign.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Poor Peoples Campaign<\/a>\u201e, die eine moralische Neuausrichtung der USA fordert, wo Ausbeutung, der soziale Krieg gegen die Armen und der reale Krieg um Ressourcen und Macht zum \u201eBusiness\u201c geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Europa befindet sich auf dem Pfad der Vereinigten Staaten: Privatisierung, Abbau des Sozialstaats, Aufr\u00fcstung, Kriegsbeteiligung und freie Fahrt f\u00fcr das Kapital. Dieser <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2017\/11\/08\/die-regeln-bestimmt-der-marktfundamentalismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marktfundamentalismus<\/a> zerst\u00f6rt die Gesellschaften.<\/p>\n<p>Was ist zu tun? Deutschland, die EU und Europa brauchen eine radikale Ver\u00e4nderung, hin zu einer sozialen Wirtschaftsordnung mit einer moralischen, humanistischen und naturfreundlichen Ausrichtung. Dies ist bitter n\u00f6tig. Denn nur so besteht die M\u00f6glichkeit, dass die Spezies Mensch nicht als Fehlversuch der Natur in die Geschichte eingeht.<\/p>\n<h4><strong>Quellen und Anmerkungen<\/strong><\/h4>\n<p>[1] D\u00fcsseldorfer Leits\u00e4tze verf\u00fcgbar auf <a href=\"http:\/\/www.gesellschaft-und-visionen.de\/PDF\/Strategie\/Duesseldorfer%20Leitsaetze%20KAS.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.gesellschaft-und-visionen.de\/PDF\/Strategie\/Duesseldorfer%20Leitsaetze%20KAS.pdf<\/a> (abgerufen am 26.06.2019).<br \/>\n[2] Norbert Wollheim Memorial: I.G. Farben. Auf <a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/ig_farben\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/ig_farben<\/a> (abgerufen am 27.06.2019).<br \/>\n[3] Norbert Wollheim Memorial: Biografien von Otto Ambros (1901\u20131990). Auf <a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/otto_ambros_19011990\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/otto_ambros_19011990<\/a> (abgerufen am 27.06.2019).<br \/>\n[4] ZEIT Online (3. Mai 1991): Hochstimmung im Schatten der I.G. Auschwitz. Auf <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1991\/19\/hochstimmung-im-schatten-der-ig-auschwitz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.zeit.de\/1991\/19\/hochstimmung-im-schatten-der-ig-auschwitz<\/a> (abgerufen am 27.06.2019).<br \/>\n[5] Geschichte im Ersten: \u201eUnser Wirtschaftswunder \u2013 Die wahre Geschichte\u201c. Auf <a href=\"https:\/\/programm.ard.de\/TV\/daserste\/2013\/07\/15\/unser-wirtschaftswunder---die-wahre-geschichte\/eid_2810610240061314\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/programm.ard.de\/TV\/daserste\/2013\/07\/15\/unser-wirtschaftswunder\u2014die-wahre-geschichte\/eid_2810610240061314<\/a> (abgerufen am 28.06.2019); \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DV8DsMmS65I&amp;feature=youtu.be\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DV8DsMmS65I&amp;feature=youtu.be<\/a> auf YouTube verf\u00fcgbar.<br \/>\n[6] Wikipedia: Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die nach Mai 1945 politisch t\u00e4tig waren. Auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t\u00e4tig_waren\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t\u00e4tig_waren<\/a> (abgerufen am 28.06.2019).<br \/>\n[7] MDR.de: Nazi-Karrieren in der DDR. Auf <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/zeitreise\/nazis-in-der-ddr-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.mdr.de\/zeitreise\/nazis-in-der-ddr-100.html<\/a> (abgerufen am 29.06.2019).<br \/>\n[8] CNN: Almost half of US families can\u2019t afford basics like rent and food. Auf <a href=\"http:\/\/money.cnn.com\/2018\/05\/17\/news\/economy\/us-middle-class-basics-study\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">money.cnn.com\/2018\/05\/17\/news\/economy\/us-middle-class-basics-study\/index.html<\/a> (abgerufen am 29.06.2019).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Polizeigewalt unterdr\u00fcckte Demonstrationen in Frankreich, Erlass von Gesetzen, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit massiv einschr\u00e4nken in Spanien, Vorst\u00f6\u00dfe zur Regulierung der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung vor Wahlen in Deutschland. 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