{"id":892124,"date":"2019-07-24T10:55:28","date_gmt":"2019-07-24T09:55:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=892124"},"modified":"2019-07-24T10:55:28","modified_gmt":"2019-07-24T09:55:28","slug":"wikileaks-ausgenutzt-und-abgemolken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/07\/wikileaks-ausgenutzt-und-abgemolken\/","title":{"rendered":"Wikileaks &#8211; ausgenutzt und abgemolken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit mehr als drei Monaten sitzt Julian Assange nun schon im s\u00fcdenglischen Hochsicherheitstrakt Belmarsh. Zuvor hatte er mehr als sechs Jahre in der ecuadorianischen Botschaft in London aus Angst vor der Auslieferung in die USA wegen der Ver\u00f6ffentlichung belastender amerikanischer Staatsdokumente verbracht. W\u00e4hrend dieser Zeit haben die gro\u00dfen Medien des Westens den australischen Ausnahmejournalisten verspottet, seinen Verdacht der juristischen Verfolgung durch die US-Beh\u00f6rden als &#8222;Verschw\u00f6rungstheorie&#8220; abgetan und die Lage so verdreht, als wolle sich der Wikileaks-Gr\u00fcnder lediglich wegen des Vorwurfs der sexuellen Bel\u00e4stigung in Stockholm 2010 vor einer Auslieferung nach Schweden dr\u00fccken.<\/strong><\/p>\n<p>Seit das Justizministerium in Washington im Mai beim High Court in London einen Auslieferungsantrag eingereicht hat, in dem Assange Spionage in 18 F\u00e4llen angelastet wird, was ihm im Falle des zu erwartenden Schuldspruchs eine Freiheitsstrafe von rund 150 Jahren einbr\u00e4chte, steht fest, da\u00df die besserwisserischen Kommentatoren der Konzernmedien jahrelang &#8222;fake news&#8220; \u00fcber den Wikileaks-Chef verbreitet haben und der Australier ganz im Gegenteil derjenige gewesen ist, der mit der Einsch\u00e4tzung seiner vertrackten Lage vollkommen recht hatte.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es schlichtweg unverst\u00e4ndlich, da\u00df Assange in dem spektakul\u00e4ren Enth\u00fcllungsbericht der Madrider Vorzeigezeitung El Pa\u00eds vom 9. Juli \u00fcber sein jahrelanges Ausspionieren per Mikrophon und Kamera in der ecuadorianischen Botschaft durch die spanische &#8222;Sicherheitsfirma&#8220; Undercover Global, die f\u00fcr das diplomatische Geb\u00e4ude zust\u00e4ndig war, immer noch als Paranoiker hingestellt wird. Das umfangreiche UC-Global-Material ist nur deshalb ans Tageslicht gekommen, weil im Mai der Journalist Jos\u00e9 Mart\u00edn Santos und ein befreundeter Computerprogrammierer festgenommen wurden, nachdem sie versucht hatten, mittels der geklauten Daten von Wikileaks drei Millionen Euro zu erpressen. Aus den Unterlagen geht hervor, da\u00df Assange w\u00e4hrend der ganzen Zeit in der Botschaft Ecuadors unter einer Rundumbeobachtung \u00e0 la Big Brother stand. Jede Bewegung wurde per Video, jede \u00c4u\u00dferung per Mikrofon festgehalten und gespeichert. Jeden Tag mu\u00dften die UC-Global-Sp\u00e4her in London einen Bericht \u00fcber den Lauf der Operation an Firmenchef David Morales, ein ehemaliges Mitglied der Spezialstreitkr\u00e4fte der spanischen Marine, in Cadiz abliefern. Jeder Besucher wurde identifiziert und registriert, sogar Assanges Gespr\u00e4che mit seinen Anw\u00e4lten abgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Assange machte sich \u00fcber das Treiben seiner m\u00e4chtigen Feinde nichts vor. Er benutzte einen elektronischen Stimmenverzerrer, um vertrauliche Gespr\u00e4che, seien sie privat oder gesch\u00e4ftlich, auch vertraulich zu halten. Inwieweit UC-Global dennoch in der Lage war, die Gesp\u00e4chsinhalte mit technologischen Mitteln zu &#8222;entziffern&#8220; ist nicht bekannt. Wenn Assange Gedanken zu Papier brachte oder ins Laptop tippte, hielt er mit der zweiten Hand eine Mappe dar\u00fcber, um den Text vor ungebetenen Blicken zu sch\u00fctzen. Trotz alledem schreibt El Pa\u00eds, &#8222;Assange war wegen m\u00f6glichen Ausspionierens so paranoid, da\u00df er einige seiner Treffen auf der Damentoilette, die er f\u00fcr einen sicheren Ort hielt, f\u00fchrte&#8220;. Dabei handelt es sich um Treffen mit seinen Anw\u00e4lten Jennifer Robinson aus Australien und Baltasar Garz\u00f3n aus Spanien. UC-Global schreckte nicht einmal davor zur\u00fcck, eine Kotprobe aus der weggeworfenen Windel des Kindes einer von Assanges Besucherinnen zu nehmen, um herauszufinden, ob der Wikileaks-Chef nicht vielleicht der Vater sei. W\u00e4re die Frage positiv beantwortet worden, h\u00e4tte dies Assanges Gegner ein enormes Druckmittel in die Hand gegeben.<\/p>\n<p>Unterdessen laufen die Repressionen gegen Assange und seine Unterst\u00fctzer auf Hochtouren. Am 10. Juli hat Richterin Emma Arbutnot den Befangenheitsantrag der Verteidigung zur\u00fcckgewiesen, ungeachtet der Tatsache, da\u00df ihr Mann, James Norwich Arbutnot, ein hohes Tier im britischen Sicherheitsapparat ist. Der ehemalige Tory-Abgeordnete sitzt heute als konservativer Lord im britischen Oberhaus und geh\u00f6rt dem Beirat sowohl des R\u00fcstungsherstellers Thales als auch des staatlich finanzierten Royal United Services Institute for Defence and Security Studies (RUSI) an. Die Weigerung von Arbutnot, den Assange-Fall an einen Kollegen oder eine Kollegin abzugeben, stellt einen klaren Versto\u00df gegen den offiziellen &#8222;Guide to Judicial Conduct&#8220; dar, der in England und Wales die richterliche Unabh\u00e4ngigkeit von Exekutive und Legislative sichern soll, und spricht f\u00fcr die These der Wikileaks-Anh\u00e4nger, da\u00df es sich hier um einen politischen Schauproze\u00df handelt, dessen Ausgang &#8211; Auslieferung in die USA &#8211; l\u00e4ngst feststeht.<\/p>\n<p>Die Komplizenschaft der Medien wird durch den skandal\u00f6sen Umstand verdeutlicht, da\u00df keine namhafte Zeitung in Gro\u00dfbritannien oder den USA, weder Guardian, noch Daily Telegraph, New York Times oder Washington Post, den Leitartikel abzudrucken bereit war, den der UN-Sonderberichterstatter zum Thema Folter, Nils Melzer, nach seinem Besuch bei Assange in Belmarsh Mitte Mai verfa\u00dft und den betreffenden Redaktionen angeboten hatte. In dem Artikel beklagte der ehemalige Rechtsberater des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes den schlechten geistigen und physischen Zustand Assanges und f\u00fchrte ihn auf eine systematische Kampagne der Isolationsfolter und des Mobbings zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am 11. Juli hat Twitter ohne n\u00e4here Begr\u00fcndung das Konto des Assange-Solidarit\u00e4tskomitees @unity4j gesperrt. Diese Sperrung h\u00e4lt bis zur Stunde an. Am selben Tag wurde die Website Consortium News, die sich seit Jahren f\u00fcr Whistleblower im allgemeinen, Assange und dessen wichtigste Quelle, die in den USA derzeit ebenfalls inhaftierte Chelsea Manning, im besonderen stark macht, Opfer eines schweren Hackerangriffs, weswegen bis heute die meisten Artikel in deren Archiven nicht zug\u00e4nglich sind. Daf\u00fcr jedoch wartete am 15. Juli CNN mit einem durchsichtigen Propagandabericht auf, mit dem die Macher bei dem CIA-nahen Nachrichtensender die Informationen aus der UC-Global-Sammlung dahin verbogen, da\u00df daraus der &#8222;Beweis&#8220; f\u00fcr die lachhafte These wurde, Assange sei eine Marionette des Kreml, die im Auftrag Wladimir Putins 2016 mittels &#8222;gehackter&#8220; E-Mails die Wahlkampfkampagne Hillary Clintons gegen Donald Trump torpediert habe.<\/p>\n<p>Immer wieder hat Assange bestritten, besagte Emails von russischen Hackern erhalten zu haben, und statt dessen von einem Leck bei den Demokraten als eigentliche Quelle gesprochen. Bei seinen zweij\u00e4hrigen Ermittlungen hat Ex-FBI-Chef Robert Mueller, der im Auftrag des US-Justizministeriums die gesamte Russiagate-Aff\u00e4re aufkl\u00e4ren sollte, auf eine Befragung Assanges verzichtet. Die einzige plausible Erkl\u00e4rung f\u00fcr ein solches Verhalten ist, da\u00df der ehemalige Leiter der US-Bundespolizei die Antwort auf die Frage nach der Methode der \u00dcberf\u00fchrung der DNC-Daten von Washington zu Wikileaks l\u00e4ngst wu\u00dfte und sie nicht von Assange best\u00e4tigt haben wollte, damit in den USA die Hysterie gegen Ru\u00dfland und Putin uneingeschr\u00e4nkt ihren Lauf nehmen konnte.<\/p>\n<p><em>Ver\u00f6ffentlicht am 18. Juli 2019 auf Schattenblick: <a href=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/politik\/redakt\/mden-486.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MEDIEN\/486: Wikileaks &#8211; ausgenutzt und abgemolken &#8230; (SB)<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit mehr als drei Monaten sitzt Julian Assange nun schon im s\u00fcdenglischen Hochsicherheitstrakt Belmarsh. 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