{"id":884823,"date":"2019-07-09T18:18:56","date_gmt":"2019-07-09T17:18:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=884823"},"modified":"2019-07-09T18:18:56","modified_gmt":"2019-07-09T17:18:56","slug":"its-all-about-image-bob-dylan-und-sein-chief-commander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/07\/its-all-about-image-bob-dylan-und-sein-chief-commander\/","title":{"rendered":"It\u2019s all about Image: Bob Dylan und sein Chief Commander"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zwischen dem 5. und 10. Juli 2019 wird Bob Dylan, oder jemand, der ihm \u00e4hnlich sieht, noch f\u00fcnf deutsche St\u00e4dte mit einem sehr kompakten 20-Song-Set w\u00fcrdigen.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Blick zur\u00fcck nach Verona, wo am 27. April 2018 in jener poesieerf\u00fcllten Arena Dylan &amp; Band als Zugabe \u201eBlowing in the wind\u201c spielten; also jenen Song, der ihn 1962 ber\u00fchmt machte und den er seither 1259-Mal live spielte.<\/p>\n<p>Der damals 77-j\u00e4hrige spindeld\u00fcrre Wuschelkopf aus dem ukrainischen Milieu von Minnesota kr\u00e4hte und keuchte, hackte auf sein Klavier ein und stemmte sich gegen die Apokalypse als w\u00e4re die B\u00fchne ein Upperdeck bei Windst\u00e4rke 13. \u201eHow many years can a mountain exist, before it\u2019s washed to the sea?\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erinnerte er in diesen Momenten an eine andere mythische Gestalt, jenen als gl\u00fccklich verkl\u00e4rten Sisyphos, der seit Ewigkeiten schon den verfluchten Steinbrocken auf den Berg nahe Korinth hochhievt und gefragt, ob es nicht frustrierend sei, wenn der immer wieder ins Tal rollt, auf altgriechisch antwortet: \u201eIch habe keine Wahl, weil das ist eben mein Destiny Thing.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Tell me why!<\/strong><\/h4>\n<p>Wenn man mit einer Frau bei einem Dylan-Abend war, werden oft danach jene Fragen gestellt, die sich ein Mann nicht zu stellen traut. \u201eWarum lacht der nie? Wieso sagt er nicht mal Hallo oder Tsch\u00fcss? Warum kommt da nichts zu Bush oder <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/08\/02\/warum-wir-donald-trump-lieben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Trump<\/a>? Und wieso tritt der alte Sack \u00fcberhaupt noch auf, wenn es ihm offensichtlich null Spa\u00df macht? Geld genug hat er doch. Sag mir bitte, warum macht der das, Jahr f\u00fcr Jahr, Tag f\u00fcr Tag, quer \u00fcber den Globus, tell me why!\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eDarf ich mal wissen bitte, Bob, warum tun Sie sich das an?\u201c, fragte ihn im Jahre 2004 <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Ed_Bradley\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ed Bradley<\/a> in der CBS-Sendung \u201e60-Minutes.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eNun ja, es geht zur\u00fcck zu einem, sagen wir mal Destiny Thing. Ich machte einen Deal und es ist eine Ewigkeit her. Und an den halte ich mich. Und zwar bis an mein Ende.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eUm was ging es genau bei diesem Deal?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eUm dahin zu gelangen, zu sein, wo ich heute bin.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDarf ich fragen, mit wem Sie denn damals verhandelt haben?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eMit dem Chief Commander.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eAch nee. Und in welcher Welt ist der t\u00e4tig?<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIn dieser Welt, aber auch in jener, die wir nicht sehen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dylan sagte das ziemlich nachdenklich, ohne den \u00fcblichen Hochmut und die Verachtung f\u00fcr das journalistische Fu\u00dfvolk und man gewann den Eindruck, dass er sich mit jenem Deal oder Pakt eine Last aufgeb\u00fcrdet hatte, deren Gewicht gewaltig untersch\u00e4tzt wurde. Es ist an der Zeit, sich diese Sache mit etwas Andacht zu betrachten.<\/p>\n<h4><strong>Bob Dylan, Robert Johnson und der Chief Commander<\/strong><\/h4>\n<p>Ende 1961 trampte der Abiturient aus dem North Country Richtung New York und selbst diese bescheidene Ortsver\u00e4nderung kommt im sp\u00e4teren Schilderungen nicht ohne dylaneske Spiralen aus: \u201eIch hatte keine Ziele und keine Ambitionen. Ich machte mich auf, den Ort zu finden, den ich verlassen hatte. Ich wusste nicht, wo er war, aber ich war auf dem Weg dorthin.\u201c<\/p>\n<p>Auf diesem Weg aus Staub, Tankstellen und Spelunken kreuzen sich zwei m\u00e4chtige Adern:\u00a0die Highways 49 und 61, nahe Clarksdale, im Coahoma County mitten im Mississippi-Delta. Und genau hier, ein paar Minuten vor Mitternacht, setzte sich der 20-j\u00e4hrige Hobo mit seiner Wandergitarre auf eine Bank und erwartete das Erscheinen eines Botschafters.<\/p>\n<p><strong>Um das nachzuvollziehen, m\u00fcssen wir nochmals 40 Jahre zur\u00fcckreisen, also ins Jahr 1921, wo auf der derselben Bank ein Mann namens Robert Leroy Johnson im fahlen Mondlicht sa\u00df.<\/strong><\/p>\n<p>Schlag zw\u00f6lf, so betont die Legende, trat aus dem schw\u00fclen Nichts ein Fremder vor in einem langen schwarzen Mantel und den Hut tief in die Stirn gezogen. Er streichelte \u00fcber die Johnsons Gitarre, begann Saite f\u00fcr Saite zu stimmen, spielte mit flinken Fingern ein magisches Blues-Riff, \u00fcbergab dem Jungspund das frisch beseelte Instrument, verbeugte sich und sagte leise: \u201eIch habe viele Namen, aber du wei\u00dft, wer ich bin. Geh jetzt deiner Wege!\u201c<\/p>\n<p>Johnson stie\u00df einen langgezogenen klagenden Heulton aus uralten afrikanischen Voodoozeiten aus. Tage sp\u00e4ter frappierte der bis dahin talentlose Barmusikant die G\u00e4ste mit noch nie geh\u00f6rten Intros, wildem Speed, virtuoser Intensit\u00e4t, lakonischen wie brillanten Texten und all dem, was die Seele des Blues ausmacht. Als Keith Richards zum ersten Mal Johnsons Crossroads-Platte aufgelegt hatte, wollte er wissen, wer denn der zweite Gitarrist sei.<\/p>\n<p>In seinen Songs kam er immer wieder auf das Crossroads-Mysterium zur\u00fcck, auf jene Nacht, die ihm die Seele raubte und daf\u00fcr H\u00f6llenhunde auf den Hals hetzte, die ihn bis tief in die Tr\u00e4ume qu\u00e4lten. Sie jagten ihn durch St\u00e4dte, Betten und die Kneipen des S\u00fcdens, in den Hades aus Heroin und Schnaps, bis er \u2013 so sagt die Legende \u2013 von einem eifers\u00fcchtigen Ehemann vergiftet wurde und im Alter von 27 Jahren den Betrieb einstellte. 27, damit war er die Nummer 1 im Club der Fr\u00fchvollendeten. Zur\u00fcck zu Dylan.<\/p>\n<h4><strong>Die Hero\u2019s Journey des Jahrhunderts<\/strong><\/h4>\n<p>Gerade wir in Deutschland pflegen ein sonderbar-nostalgisches Dylan-Bild \u2013 reduziert auf die Sechziger und den Jungen mit der Mundharmonika und Lagerfeuergitarre. Martin Walser charakterisierte ihn als \u201eherumirrenden Israeliten\u201c. Man traut ihm zu, dass er die N\u00e4chte auf den Kuppeln rasender G\u00fcterz\u00fcge verbringt, die Tage in billigen Bars und den Rest in Kiffer-WG\u2019s mit hennaroten Landm\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Aus dieser Zeit r\u00fchrt sein Ruf her als Gallionsfigur der Gegenkultur, einsamer Barde des Friedens und K\u00e4mpfer gegen Imperialismus, Diktatur, Heuchelei. Er dient der \u201eWe shall Overcome\u201c-Bewegung, dem Love&amp;Peace-Hippietum und einem neupaulinischen Messianismus des Lichts. Und so glaubt man ihm das nat\u00fcrlich gerne, wenn er eines Morgens verkatert Richtung New York trampt mit einem Dollar in der Jacke und dem Wunsch, sich ganz alleine durchzuk\u00e4mpfen, bis man ihm endlich den Literaturnobelpreis zugesteht. Das ist der Stoff f\u00fcr die grandioseste Hero\u2019s Journey des Jahrhunderts.<\/p>\n<p><strong>Im Zuge dieser romantischen Story schlucken wir auch sein mystisch-mysteri\u00f6ses Destiny&amp;Crossroad-Happening mit jener Entit\u00e4t, die ihm die Saiten stimmte, die Leviten las und den weiteren Weg ebnete.<\/strong><\/p>\n<p>Die erste Station f\u00fchrte den Nobody in ein New Yorker Edelhospital, vorbei an der Rezeption, hoch im Lift, alle Fluraufsichten ignorierend und direkt ins Zimmer des Folksuperstars <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Woody_Guthrie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Woody Guthrie<\/a>, der dort im D\u00e4mmerlicht liegt, unheilbar an der Huntington-Krankheit leidend. Dylan singt Guthrie mit einer k\u00fcnstlichen Nasalstimme kurz mal dessen Lieder vor und erh\u00e4lt seinen Ritterschlag. So einfach kann das Leben sein, vor allem, wenn man M\u00e4rchen liebt.<\/p>\n<p>Am folgenden April gibt Dylan dem gro\u00dfen John Lee Hooker eine Art Privatkonzert. Ansonsten tritt er in den Folkbars im Village auf, wo es freien Eintritt gibt und manchmal kaum sieben G\u00e4ste herum sitzen.<\/p>\n<h4><strong>Das kommerzielle Potenzial der Folkszene<\/strong><\/h4>\n<p>P\u00e4chter dieser Bars ist Albert Bernard Grossmann, der 1962 Dylans Manager wird, ein gem\u00fctlich wirkender Barracuda, der sich als Freund der neuen Linken ausgibt und fr\u00fch erkannt hat, welches kommerzielle Potential in dieser Folkszene und ihrer Vernetzung in der B\u00fcrgerrechtsbewegung liegt.<\/p>\n<p>Grossmann ist bei Columbia ein wichtiger Mann. Er setzt seinen Edel-Streetworker <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_Hammond_(record_producer)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">John Henry Hammond<\/a> auf den seltsamen jungen Mann an, der nicht singen kann, elendiglich Gitarre spielt, aber das gewisse Etwas zu haben scheint. Im Jahre 1962 geht es eigentlich bei Columbia darum, Musiker wie Pete Seeger, Aretha Franklin, Leonard Cohen, Paul Simon und Janis Joplin langfristig an das Label zu binden.<\/p>\n<p><strong>Noch erstaunlicher ist es, dass Ende 1961 eine gro\u00dfe Besprechung Dylans in der New York Times abgedruckt wird, also \u00fcber einen \u201ecomplete unknown\u201c, einen College-Jungen aus Minnesota, der noch kein einziges eigenes Lied im Kasten hat.<\/strong><\/p>\n<p>Der Interviewer ist <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Shelton_(critic)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Robert Shelton alias Robert Shapiro<\/a>, Sohn einer wohlhabenden j\u00fcdischen Familie, zu diesem Zeitpunkt der f\u00fchrende Musikjournalist der USA und enger Vertrauter der Columbia-Krake, sprich ein nebenberuflicher PR-Autor. Die New York Times, bei der Shelton im Brot war, ist im Besitz des Sulzberger-Clans, nebenbei die Gr\u00fcnder der NY Stock Exchange. Es ist keine Verschw\u00f6rungstheorie, dass die NYT ab 1950 komplett vom CIA kontrolliert sind. Nebenbei: die Musikbars im Village, die von Grossmann gepachtet wurden, waren alle im Besitz von Charlie Rothschild. Vier im roten Kreis, sozusagen.<\/p>\n<h4><strong>Das Netzwerk<\/strong><\/h4>\n<p>Gegen alle Proteste und Zweifel im eigenen Haus h\u00e4lt Hammond Bob Dylan am 25. Oktober einen pr\u00e4chtig dotierten 5-Jahresvertrag unter die Nase, ein Vorgang, der vor allem Paul Simon und Lenny Cohen ersch\u00fctterte. Insider sind sich sicher, dass der Refrain im Lied \u201eThe Boxer\u201c, also das lay, lay, lay ein lie, lie, lie ist, ein dezenter Vorwurf der L\u00fcgerei und Heuchelei in der 7. Avenue, dem Sitz von Columbia.<\/p>\n<div id=\"attachment_884839\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-884839\" class=\"wp-image-884839 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/640px-Joan_Baez_Bob_Dylan.jpg\" alt=\"It\u2019s all about Image: Bob Dylan und sein Chief Commander\" width=\"754\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/640px-Joan_Baez_Bob_Dylan.jpg 640w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/640px-Joan_Baez_Bob_Dylan-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 754px) 100vw, 754px\" \/><p id=\"caption-attachment-884839\" class=\"wp-caption-text\">Bob Dylan mit Joan Baez beim \u201eMarch on Washington for Jobs and Freedom\u201c am 28. August 1963. (Foto: Rowland Scherman, US National Archives; Public Domain)<\/p><\/div>\n<figure id=\"attachment_91440\" class=\"wp-caption alignright\" aria-describedby=\"caption-attachment-91440\"><figcaption id=\"caption-attachment-91440\" class=\"wp-caption-text\"><\/figcaption><\/figure>\n<p>Hammond produzierte auf die Schnelle das Debutalbum \u201eBob Dylan\u201c, das zun\u00e4chst auf keinerlei Resonanz stie\u00df, au\u00dfer der Tatsache, dass sich das \u201eBlowing in the wind\u201c 1963 als Plagiat des Studenten Lorre Wyatt erwies (die Behauptung des Plagiats entpuppte sich erst sp\u00e4ter als unwahr <sup>[1]<\/sup>). Das erzeugte heftige Wogen, die aber dadurch gegl\u00e4ttet wurden, dass Grossmann dem armen Poeten ein sorgenfreies Leben zusagte.<\/p>\n<p>Kurz ein paar Worte zu Hammond, der sich das Image eines musikbegeisterten Freaks gab: locker, cool und voller Verachtung f\u00fcr Kapital und Profitgier. Sein Gro\u00dfvater war General im B\u00fcrgerkrieg und sein Vater US-Botschafter in Madrid. Seine Mutter hie\u00df Emily Vanderbilt Sloane und damit sind wir mitten in einem Netzwerk aus unermesslichem Reichtum, Politik, Milit\u00e4r, Hollywood, Entertainment und den Geheimdiensten angekommen.<\/p>\n<p>Die Vanderbilts sind nat\u00fcrlich eng mit den Rockefellers verbunden, bei denen Dylans Vater Abraham in Hibbing angestellt ist auf mittlerer Managementebene bei Standard Oil. Von wegen Hillbilly, Hobo, Halbwaise\u2026.<\/p>\n<p>Machen wir es kurz: Wer sich ein wenig auskennt in dieser gnadenlosen Verwertungsindustrie der USA, wei\u00df, dass Blitzkarrieren wie jene Dylans nur dank m\u00e4chtiger Kr\u00e4fte und eingeweihten Regisseuren m\u00f6glich sind. Aus dem sch\u00fcchternen und halbblinden Landei wurde in Rekordtempo ein egomanischer Genius gezaubert, der Rimbaud und <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/03\/25\/brecht-der-film\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brecht<\/a> zitierte, Dante und die Johannes-Apokalypse, ohne diese Stoffe bis dato gelesen zu haben, wie dies Suze Rotola, seine gro\u00dfe Lebensliebe erz\u00e4hlen sollte.<\/p>\n<p>Er selbst schilderte das im R\u00fcckblick auf sich selbst so: \u201eIch wei\u00df nicht, wie ich zu diesen Liedern kam, ich habe nicht die geringste Ahnung. Sie entstanden auf magische Art und Weise. Als ob sie schon da gewesen w\u00e4ren \u2026\u201c<\/p>\n<h4><strong>Die Monopolisierung des Bob Dylan<\/strong><\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Dylan an seinem zweiten Album arbeitete, k\u00fcmmerte sich Shelton um die Monopolisierung des Shooting Stars. F\u00fcr die kommenden 20 Jahre dirigierte er im Hintergrund die Presse- und PR-Arbeit und den systematischen Aufbau des Dylan-Image. Der Musiker wurde komplett abgeschottet von Fans, Medien und dem, was man \u00d6ffentlichkeit nennt. Nach Belieben streute man irref\u00fchrende Meldungen, kryptische Statements, richtige wie falsche F\u00e4hrten \u2013 ein Spiel, das Dylan virtuos beherrscht bis in die Jetztzeit.<\/p>\n<p>Ab 1963 sorgte die perfekte Publicity-Maschine daf\u00fcr, dass kein echt privates St\u00fcck nach au\u00dfen drang. Jedes Detail des Start-ups wurde zum Image und man generierte es cool, genial, geheimnisvoll. Jeder Satz, jedes Album, jedes Zitat diente der Imagepflege und dem Schaffen einer Kunstfigur \u2013 ein Modell, das Andy Warhol wenig sp\u00e4ter f\u00fcr sich und die Factory \u00fcbernahm.<\/p>\n<p><strong>Bob Dylan kam als Robert Allen Zimmerman zur Welt und \u00e4hnlich wie im Falle Schicklgruber erschien dies dem Chief Commander als etwas zu sperrig. Dazu \u00e4u\u00dfert sich der Betroffene angeheitert:<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAuch das hat mit dem Schicksal zu tun. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt meines Lebens als Robert Zimmerman gef\u00fchlt. Auch nicht vor meinem ersten Auftritt. Manche Leute werden nun mal mit dem falschen Namen geboren, mit den falschen Eltern, so was passiert eben. Deswegen nannte ich mich Bob Dylan.\u201c<\/p>\n<p>Ab da nutzte Dylan seine Masken und Abspaltungen unter den Flaggen der x-beliebigen Authentizit\u00e4t: \u201eIch bin nur Dylan, wenn ich es sein muss.\u201c<\/p>\n<p>Zum Thema seiner Neugeburt, H\u00e4utung oder Metamorphosen liegen stapelweise Essays, Analysen und Doktorarbeiten vor. Der sinnvollste Hinweis d\u00fcrfte zum walisischen Poeten Dylan Thomas f\u00fchren. Und von Dylan Thomas f\u00fchrt ein Weg zu dessen Verleger <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Victor_Benjamin_Neuburg#Die_Weinpresse_und_The_Poet\u2019s_Corner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Victor Benjamin Neuberg<\/a>, der seinerseits ein intimer Buddy von Aleister Crowley war. Bei diesem strotzt es von Bez\u00fcgen zur Musikindustrie, diversen Geheimdiensten, sonstigen Schattengewalten und okkulten Logen, deren Magie zum zentralen Energiefeld von Hollywood &amp; Babylon geh\u00f6rt.<\/p>\n<h4><strong>Das abgefuckte Business<\/strong><\/h4>\n<p>Grossmann, der Wirtschaft sowie ein paar Semester Kinderpsychologie studiert hatte, nahm Dylan bald v\u00f6llig unter seine Fittiche, ob als v\u00e4terlicher Freund, Berater auf Augenh\u00f6he wie am Ende auch als Kuppler der erotischen Belange. Er respektierte seine K\u00fcnstler als K\u00fcnstler und bildete eine Ausnahme im sonst eher abgefuckten Musikbusiness. Vor allem aber erkannte er den Wert dieser Folkszene und ihre Echtheit und Wahrhaftigkeit. Und er wusste, dass diese Szene f\u00fcr den sensiblen und widerspr\u00fcchlichen Dylan die optimale und vermutlich einzige Chance bot.<\/p>\n<p>Mit den Idealen des Folk lie\u00df sich dessen Reputation, Profil, Menschlichkeit und Seriosit\u00e4t definieren. In diesem Hafen lie\u00df sich solide ankern, auch weil die Anti-Haltung Dylan und seinem charmanten Minimalismus entgegenkam. Ohne Verrenkungen lie\u00df sich auf dem Boot der Gegenbewegung segeln. Es brauchte dazu zerrissene Jeans, ein T-Shirt mit Rotweinflecken und ein naives Hippie-Image mit Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit. Die Folkies hatten nichts am Hut mit Hitparaden und Plattenums\u00e4tzen. Man inszenierte sich als Working Class Heros, Stimmen des Untergrunds, neomarxistische K\u00e4mpfer gegen alles Unrecht und opferte sich auf f\u00fcr die gute wahre Sache.<\/p>\n<p><strong>Was der Mischpoke im Hintergrund noch fehlte, war die \u00fcberragende Stimme dieser Generation, einen neuen Anti-Weltstar, einen Frontochsen f\u00fcr die bevorstehende und milliardenschwere Corrida des globalen Change. Und den hatte man nun unter Vertrag.<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fch schon hatte Dylan das Spiel durchschaut und dies zwischen den Zeilen seiner grandiosen Songs zwischen 1963 und 65 mitgeteilt, aber jetzt gab es kein Zur\u00fcck. Wenn man dem Chief Commander zugesagt hat, dann gibt es keine Umtauschoptionen mehr und keine Reklamationen nach reiflicher \u00dcberlegung. Das erste Gesetz beim Eintritt in die Logen der Illuminierten lautet: \u201eLiebe ab jetzt niemals etwas oder jemand, dessen Sterben du nicht mitansehen kannst.\u201c<\/p>\n<p>Die bereits erw\u00e4hnte Suze Rotola, seine Muse und wichtigste Liebe verlie\u00df Ende 1964 die gemeinsame Bude und setzte sich nach Italien ab. Sie rettete damit ihre Seele und verhalf der Welt zu einigen der ergreifensten Liebesliedern seit der Zeit des Minnegesangs. Sie meinte r\u00fcckblickend: \u201eDer Erfolg verwandelte meinen Freund mehr und mehr in einen Egozentriker. Und bei solchen Menschen ist es so, dass sich die Pers\u00f6nlichkeit ver\u00e4ndert, sobald sie allen anderen, also den Fans, ein Begriff geworden sind. Sie entwickeln dann eine unkontrollierbare Egomanie. Und so war es auch bei meinem Freund. Es macht Klick und pl\u00f6tzlich konnte er nichts mehr wahrnehmen au\u00dfer sich selbst und das wurde jeden Tag schlimmer.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Der Megastar und die CIA<\/strong><\/h4>\n<p>Immer gro\u00dfartiger wurde seine Kunst und Songs mit ungemeiner Sch\u00f6nheit und Tiefe, lyrischer Z\u00e4rtlichkeit wie Machoh\u00e4rte, mit biblischen Referenzen und <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/11\/25\/ueber-die-kunst-mit-trauer-und-tod-zu-leben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Shakespeare<\/a> hier und Verlaine dort sprudelten wie Wasser aus einer Quelle. Er mischte den Folk mit Blues und Country und \u00f6ffnete ihm zum Entsetzen der Pietisten den Weg zum Elektrorock. Daneben musste er auch noch leben, Eindr\u00fccke sammeln, ins Kino und Theater gehen, Freundinnen und Geliebte gl\u00fccklich machen, mit Kumpels zechen und halbwegs heile aus der Acid&amp;Speedball-M\u00fchle herauskommen.<\/p>\n<p>Wer anders als die New York Times deklarierte Dylan 1965 zu der markantesten Pers\u00f6nlichkeit unserer Zeit nach John F. Kennedy, worauf Newsweek umgehend titelte: \u201eBob Dylan ist f\u00fcr die Popmusik das Gleiche ist wie Einstein f\u00fcr die Physik.\u201c<\/p>\n<p><strong>Obwohl Dylan alles tat, um die Welt da drau\u00dfen zu provozieren, zu konfrontieren oder einfach rund um die Uhr zu verarschen, kam er mit allem davon. Die Medien lagen ihm mit masochistischer Ergebenheit zu F\u00fc\u00dfen, verspottete Kollegen verzichteten auf Kraftproben und die weltweiten Kritiker entdeckten selbst in leicht banalen Zeilen wie \u201eLay Lady Lay\u201c metaphysische Magie. Der Megastar genoss Artenschutz.<\/strong><\/p>\n<p>Der Deal mit dem Chief Commander garantierte Mister Supercool die absolute Unverwundbarkeit. Und dazu kam die Liason mit der Zauberfl\u00f6te Joan Baez, der Mona Lisa-Ikone der Counterculture. Sie lagen im Bett und standen auf der B\u00fchne, marschierten in der ersten Reihe bei den gro\u00dfen Demos und mit einem einzigen Befehl h\u00e4tten die beiden eine weltweit erwachende Generation in die gro\u00dfe Schlacht gegen das B\u00f6se schicken k\u00f6nnen<\/p>\n<p>Womit wir bei der Macht w\u00e4ren und ihrem treusten Diener, dem CIA. Ab 1960 liefen verschiedene Operationen an, um diese umtriebige Generation, die w\u00fctenden Schwarzen, die neuen linken Intellektuellen und den Sumpf der Kennedys ins Visier zu nehmen. Man kann all das bei Wikipedia nachlesen: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Operation_Mockingbird\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Operation Mockingbird<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Operation_Artischocke\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Operation Bluebird<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Operation_CHAOS\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Operation Chaos<\/a> und den grausamen Spuk der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/MKULTRA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">MKULTRA-Programme<\/a>.<\/p>\n<h4><strong>Freiheit und Change als Teil des Mainstream<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eThe Times are a\u2019 changing\u201c wurde der Song zum Jahrzehnt und er besang mit genialer Ambivalenz sowohl den Husarenritt der B\u00fcrgerrechtsbewegung wie auch das staatlich gef\u00f6rderte Kontrollprojekt. Leuten wie Grossmann war sehr schnell klar, dass man mit Begriffen wie Freiheit oder Change, die alles und nichts bedeuten, die M\u00e4rkte der Zukunft zun\u00e4chst schaffen und wenig sp\u00e4ter auspressen w\u00fcrde. Change, das versprach aus dem Nichts heraus neue Produkte, neuen Absatz, neues Zielpublikum. Je mehr Wechsel auf allen gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen bewirkt werden konnte, desto mehr Milliarden w\u00fcrden flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ironischerweise wurde der Begriff der permanenten Kulturevolution von Mao gepr\u00e4gt. Aber das war v\u00f6llig egal, denn selbst kommunistische, buddhistische oder offen anarchistische Tools lie\u00dfen sich l\u00e4ssig in die Pop-Rock-Revolution integrieren. Es wurde eine weltumspannende Maschinerie angefeuert, die als Subkultur gebrandet von Beginn an reinster kommerzieller Mainstream war.<\/p>\n<p>Das Axiom daf\u00fcr: die industrielle Erzeugung des Produktes Change auf allen Ebenen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Lucy in the sky, Let\u2019s spend the night together, California Dreaming \u2013 das war sexy, erregend, inspirierend, jung, frisch. Es entstand rund um Monterrey und <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/01\/10\/im-wendekreis-von-liebe-und-hass-ueber-das-elend-der-pornografie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Woodstock<\/a> und wurde mit den Hells Angels in Altamont, der staatlichen Heroinschwemme, den schrittweise programmierten <a href=\"https:\/\/libcom.org\/history\/black-panther-newspaper-black-panther-party\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Black Panthern<\/a> und dem Charles Manson-False-Flag zu Grabe getragen.<\/p>\n<p>Parallel zum kurzen Sommer der Liebe und Anarchie entstand in den USA der sp\u00e4ten Sechziger das Fundament dessen, was heute weitgehend abgeschlossen ist: Staaten im W\u00fcrgegriff der Geheimdienste, die hemmungslose \u00dcberwachung und Unterwanderung von allem und jeden, die mediale Konzentration auf eine Handvoll Propagandaverlage, die globale Kapitalisierung und die Machtkonzentration in jener \u201eDeep-State-NWO\u201c.<\/p>\n<p>Dylan spricht das durchaus in seinem Change-Lied an, wenn er ein paar anonyme Figuren hinter dem gro\u00dfen Spinnrad erw\u00e4hnt. Es ist ein \u00fcberaus kluges Gedicht, welches, wie so oft bei ihm, verschiedene Lesarten erlaubt. So wie er den Wechsel begr\u00fc\u00dft und mittr\u00e4gt, so warnt er vor der sch\u00f6nen neuen Welt. Die alte Ordnung bricht in sich zusammen, gut, sch\u00f6n und dann? Leere Kirchen, brennende Pal\u00e4ste, gek\u00f6pfte K\u00f6nige. Der neue Gott erweist sich als goldenes Kalb, Banken, das gro\u00dfe Geld, die freien M\u00e4rkte, sinistre Orden, gekaufte Politik und die Zeitgeistphrasen der Leitartikler.<\/p>\n<h4><strong>Sympathy for the devil<\/strong><\/h4>\n<p>Innerhalb von 14 Monaten erschienen drei neue Dylan-Platten, roh und juvenil, witzig und genial und jede einzelne bildet einen Meilenstein der westlichen Musikgeschichte. Dylan ist sp\u00e4testens 1966 mit \u201eBlonde on Blonde\u201c der K\u00f6nig des Folk, des Rock, der Poesie und der gesungenen Menschenrechte.<\/p>\n<p>Songs wie \u201eHard Rain\u201c oder \u201eMasters of War\u201c zeigen klare Positionen zu Vietnam, zu Rassismus und der Paranoia nach den Morden an Kennedy und <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2017\/10\/08\/uncle-sam-ist-wieder-da\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Luther King<\/a>. Nicht zu vergessen, das Zirkus&amp;Milit\u00e4rmarsch-Lied \u201eEverybody must get stoned\u201c; was bedeuten mag, dass man sich nur noch vollaufen lassen kann oder zum anderen, dass jeder eines Tages gesteinigt wird, ob Pr\u00e4sident oder Poet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er durch die Welt tourte, versanken die USA im Chaos: Aufst\u00e4nde, Demos, Schlachten, brennende St\u00e4dte, Explosionen, Napalm und andere Gifte, Gewalt, Amok, Hass. Mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_F._Kennedy#Ermordung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ermordung von Robert F. Kennedy<\/a> wurde die Traumatisierung des nordamerikanischen Kontinents erfolgreich abgeschlossen. Der Teppich wurde ausgerollt f\u00fcr <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/03\/08\/der-tiefe-staat-schlaegt-zu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nixon, Reagan, Rumsfeld, Kissinger, Bush, Cheney<\/a> und ihre anonymen Hinterm\u00e4nner.<\/p>\n<p>Der Chief Commander, Abteilung Musik, hatte jetzt eine Menge zu tun. Hunderte von K\u00fcnstlern schwammen in Ruhm und Geld und durften sogar noch vom Street Fighting und Revolution Nr. 9 schw\u00e4rmen. Doch nun war Schluss mit dem Anheizen. Die Vorstellung war beendet. Die Stones erkl\u00e4rten mit \u201eSympathy for the devil\u201c ihre Kompromissbereitschaft und residierten in britischen Landschl\u00f6ssern, fuhren Jaguar und Rolls Royce, hielten sich sultanische Harems und bestellten ihren Stoff direkt bei den Schweizer Pharmafirmen. Viele andere Bands gaben klug nach und widmeten sich Heavy Metal, Schnulzenmusik, Satanismus oder l\u00f6sten sich auf.<\/p>\n<p>Wer nicht mitspielte im Zirkus, bekam Steine in den Weg gelegt. Die Etappe der seriellen Flurbereinigung begann in etwa mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brian_Epstein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Brian Epstein<\/a> und endete 1980 mit <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/01\/11\/war-is-over-if-you-want-it\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">John Lennon<\/a>. Der 27er-\u201eJ\u201c-Loge traten nach Robert Johnson dann Brian Jones, Janis Joplin, Jimmy Hendrix und Jim Morrison bei, sowie Michael Jeffrey, der Manager von Hendrix.<\/p>\n<p>Es mag dabei erstaunen, dass ausgerechnet Rockmusiker, die mehr von Alchemie verstehen als alle Medizinprofessoren der Welt, derart h\u00e4ufig an \u00dcberdosen strauchelten. Die Redakteure beim Rolling Stone kamen gar nicht nach mit all den Nachrufen und und vor allem fallen einem Tim Buckley, Jim Croce, Lenny Bruce, vier Jungs von den Grateful Dead, Mama Cass Elliot, Marc Bolan, Gram Parsons, Duane Allmann, Phil Ochs, Bob Marley oder Keith Moon ein \u2013 urpl\u00f6tzlich mitten aus dem Leben gerissen, das Herz, die Leber, der Stress oder Crossroads eben, wie ganz konkret im Falle James Dean.<\/p>\n<h4><strong>\u201eIch kam zu nahe ans Licht \u2026\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Dylan hatte zur gro\u00dfen Entt\u00e4uschung von Joan Baez und auf Empfehlung Grossmann eine sehr h\u00fcbsche Frau, das Ex- Model Sara Lownds geheiratet, laut Dylan ein Familienmensch, der nicht dauernd Fragen stellt. Parallel brockte ihm Grossmann f\u00fcr 1965 ohne irgendeine Absprache eine Mammut-Tournee ein. Nun ging es ans Eingemachte, also darum eine scheinselbstst\u00e4ndige Fabrik zu werden oder ein kreativer Kopf zu bleiben und seine Menschlichkeit zu bewahren. Das Entweder-oder baute sich in gro\u00dfen schwarzen Lettern auf am Horizont und er begriff: Wer einmal eingecheckt hat in Maggies Farm braucht ein schnelles Pferd.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen des 29. Juli 1966 holte er seine reparaturbed\u00fcrftige 500 CC Triumph Tiger 100 aus der Garage seines Nachbarn Albert Grossmann ab. Hinter dem verkaterten Biker fuhr die sch\u00f6ne Sara. Dann kam noch die Sonne als Zeuge dazu und blendete den Lenker. Es kam zu einem pr\u00e4chtigen Sturz. Sara half ihrem Ehemann in das Auto und fuhr ihn fast zwei Stunden lang \u00fcber zu dem 50 Meilen entfernten Hausarzt, Dr. Thaler. Danach war er wochenlang verschwunden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Musikwelt trauerte, betete und r\u00e4tselte, Fragen stellte und Mutma\u00dfungen formulierte, f\u00fctterte sie Dylan mit einer symbolistischen Erkl\u00e4rung: \u201eIch kam zu nahe ans Licht. Ich war geblendet. Und ich kann mich an nichts erinnern.\u201c Ein paar Monate sp\u00e4ter erlitt Vater Abe mit 58 Jahren einen Herzinfarkt. God said to Abraham, give me your son \u2026<\/p>\n<h4><strong>Kein Kaiser der Ketzer, kein Erzbischof der Anarchie<\/strong><\/h4>\n<p>Es war eine gef\u00e4hrliche und m\u00f6rderische Zeit, f\u00fcr Amerika, f\u00fcr die einst so fr\u00f6hliche Bewegung, f\u00fcr mutige Menschen, f\u00fcr Bob Dylan. Was immer vorfiel an jenem Morgen: Er war dem Tod von der Schippe gesprungen. Sp\u00e4tere Bonmots, wie jenes aus dem Jahre 2006, lassen unklar, wer wen auf die Schippe nimmt: \u201eWissen Sie, man kann eine Menge lernen aus den gro\u00dfen alten B\u00fcchern des Mystizismus. Wenn Sie mich also gerade etwas fragen, dann reden Sie mit einer Person, die schon lange tot ist. Sie befragen einen Menschen, der \u00fcberhaupt nicht existiert.\u201c<\/p>\n<p>De facto machte er nach 1966 f\u00fcr acht Jahre keine Tournee mehr. Er zog sich zur\u00fcck, mimte den biblischen Stammesvater, zeugte vier Kinder, lebte kerngesund, f\u00fchrte extrem h\u00e4ssliche Hunde aus, jodelte glockenhell-fr\u00f6hliche Country-Songs und provozierte seine \u201elinke\u201c Gefolgschaft mit der M\u00e4nnerfreundschaft zum \u201erechten\u201c Country Boy Johnny Cash.<\/p>\n<p>Nie wieder vernahm man von Dylan seither ein politisches Statement, einen Kommentar zu Bush oder Clinton, ein paar Worte zu 9\/11 und den amerikanischen Folgekriegen. Er kehrte den Freunden aus der Folk-Szene den R\u00fccken zu und erschien Joan Baez mehr ein Geist denn ein Mensch zu sein. Mit grimmiger Miene lie\u00df er sich von <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/01\/08\/nachwuchs-aus-dem-hause-clinton\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bill Clinton<\/a> und <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/06\/18\/gesucht-wird-jesus-christus-realitaet-politik-und-der-flirt-mit-gott\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Obama<\/a> Ehren-Medaillen ans Revers heften und lie\u00df sich in Stockholm beim Nobelpreis von Patti Smith vertreten. Ansonsten reist er mit seiner kleinen Band um die Welt, Jahr f\u00fcr Jahr, Tag f\u00fcr Tag, wortlos, stoisch und p\u00fcnktlich wie ein Schweizer Uhrzeiger. Muss man sich Dylan als gl\u00fccklichen Menschen vorstellen?<\/p>\n<p><strong>Im R\u00fcckblick auf jenen Vorfall, als ihn im Verlauf des \u201eDestiny Things\u201c die Sonne zu sehr blendete, hei\u00dft es in seiner Autobiographie:<\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eIch musste es erleben, dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war, zum Hohepriester des Protests, zum Zaren der Anders-denkenden, zum Herzog der Befehlsverweigerung, zum Chef der Schnorrer, zum Kaiser der Ketzer, zum Erzbischof der Anarchie, zum gro\u00dfen Zampano. Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte und ich wusste auch nichts \u00fcber diese Generation. Ich hatte nie die Absicht gehabt, anderer Leute Meinung ins Mikro zu schreien.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Quellen und Anmerkungen<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>[1] Bob Dylan spielte den Song \u201eBlowing in the wind\u201c zum ersten Mal im Januar 1963 im britischen Fernsehen. Er spielte den Song auch w\u00e4hrend seines ersten nationalen US-Fernsehauftritts, der im M\u00e4rz 1963 gefilmt wurde. Es war eine Performance, die 2005 auf der DVD-Ver\u00f6ffentlichung von Martin Scorseses Fernsehdokumentation \u00fcber Dylan \u201eNo Direction Home\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde. Eine Behauptung, dass das Lied von dem High School Sch\u00fcler Lorre Wyatt geschrieben und anschlie\u00dfend von Bob Dylan gekauft oder plagiiert wurde, bevor er ber\u00fchmt wurde, wurde in einem Artikel in der Zeitschrift Newsweek im November 1963 berichtet. Die Behauptung des Plagiats erwies sich sp\u00e4ter als unwahr. Mehr zum Thema auf Snopes: <strong>Blowin\u2019 in the Wind: Was the Bob Dylan song \u201aBlowin\u2018 in the Wind\u2018 actually written by a New Jersey high school student?<\/strong> Auf <a href=\"https:\/\/www.snopes.com\/fact-check\/blowin-in-the-wind\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.snopes.com\/fact-check\/blowin-in-the-wind<\/a> (abgerufen am 04.07.2019).<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Wolf Reiser<\/strong> ist Reporter und Essayist und pendelt zwischen M\u00fcnchen und Athen. Er schreibt f\u00fcr alle nennenswerten Bl\u00e4tter im deutschsprachigen Raum und ist Autor mehrerer B\u00fccher, H\u00f6rspiele und Filmskripte. Weitere Informationen unter <a href=\"http:\/\/www.wolf-reiser.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.wolf-reiser.de<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen dem 5. und 10. 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