{"id":864409,"date":"2019-06-01T10:25:35","date_gmt":"2019-06-01T09:25:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=864409"},"modified":"2019-06-01T10:25:35","modified_gmt":"2019-06-01T09:25:35","slug":"chaplins-moderne-zeiten-ein-noch-immer-moderner-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/06\/chaplins-moderne-zeiten-ein-noch-immer-moderner-film\/","title":{"rendered":"Chaplins &#8222;Moderne Zeiten&#8220; &#8211; ein noch immer moderner Film"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eModerne Zeiten\u201d ist sicherlich auch und vor allem eine Liebesgeschichte \u2013wie fast alle Chaplin-Filme, insbesondere aber \u201eLichter der Grossstadt\u201d. <\/strong><strong>Eine Love-Story, die sich so ganz von den postmodernen Romanzen unterscheidet. Aber Chaplin w\u00e4re nicht Chaplin, wenn er es dabei belassen h\u00e4tte.<\/strong><\/p>\n<p>Die vorsichtige, und dennoch intensive Liebesgeschichte zwischen den erfolglosen Fabrikarbeiter und dem armen M\u00e4dchen Paulette Goddard, dessen Vater bei einem Konflikt zwischen demonstrierenden Arbeitslosen und Polizisten w\u00e4hrend der Weltwirtschaftskrise erschossen wird und deren beide kleine Geschwister ins staatliche Waisenhaus transportiert werden, ist eingebettet in eine der wohl sch\u00e4rfsten und zugleich mit der typischen Chaplinschen Komik versehenen Kritiken des (damals) modernen Kapitalismus, die man sich vorstellen kann.<\/p>\n<p>Chaplin ist einmal mehr der \u201eLooser\u201d, der Ausgestossene, aber nicht irgendein Verlierer, nicht einer, der vor Selbstmitleid zerfliesst, sondern einer, der das beste aus seinem ihm auferlegten Schicksal zu machen versucht, einer, der nicht aufgibt, ein Stehaufm\u00e4nnchen, der seine ganz besondere Art hat, gegen die Umst\u00e4nde der Zeit zu rebellieren. Die Figur des Tramps katapultiert Chaplin hier aus der Zeit des Kapitalismus, wie er seit dem 19. Jahrhundert herrschte, in den fordistischen Kapitalismus der sp\u00e4ten 20er Jahre. Der Tramp ist kein Aufsteiger, keiner, der aufsteigen will, aber er ist einer, der letztlich siegt.<\/p>\n<p>Schon in der Anfangssequenz in der modernen Fabrik, in der (fast) alles automatisiert erscheint, macht Chaplin \u00fcberdeutlich, wen er im Visier hat: Henry Ford, den Erfinder der Fliessbandarbeit, und den Taylorismus, zusammen sp\u00e4ter als Fordismus bezeichnet, ein System der Industriearbeit, in der der einzelne zum wirklichen R\u00e4dchen im Getriebe des Maschinensystems und deren Besitzer verkommt oder verkommen soll. Menschenmassen dr\u00e4ngen in die Fabrik wie eine Schafherde. Wenn man aufmerksam hinsieht, erkennt man unter lauter weissen Schafen ein schwarzes, das Chaplins Tramp symbolisiert.<\/p>\n<p>Die Fabrik wird zur modernen Schlachtbank. Ein \u00fcber allem thronender Direktor \u00fcberwacht, per Kamera, den gesamten Ablauf \u2013 und doch zeichnet Chaplin selbst diesen Herrn als Menschen: Der Direktor versucht sich an einem Puzzle, bevor er wieder zum Antreiber wird. Der Tramp, der hier zum R\u00e4dchen zu verkommen droht, steht am Fliessband, um je zwei Muttern festzuziehen, und in der Pause bewegt sich unser Tramp noch immer im Rhythmus des Arbeitsgangs am Fliessband \u2013 bis er schliesslich \u00fcber das Band in die Maschine hineingezogen wird.<\/p>\n<p>Auch die sich unter dem Deckmantel des Fortschritts verbergende Technikgl\u00e4ubigkeit erf\u00e4hrt bei Chaplin harsche Kritik \u2013 am Beispiel einer Essmaschine, die dem Direktor von einer Fa. Bellows angeboten wird und f\u00fcr deren Test unser Tramp als Versuchskaninchen herhalten muss. Die Maschine soll Zeit sparen und w\u00fcrde die Fabrikarbeiter selbst in den Zeiten, in denen sie ihren nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnissen nachgehen wollen \u2013 also in Zeiten der Freiheit vom Fordismus \u2013 zu Anh\u00e4ngseln der Maschine degradieren. Das Experiment geht schief, die Maschine f\u00e4ngt an zu \u201espinnen\u201d und das Versuchskaninchen muss fast Metallmuttern schlucken, die ein Techniker beim Versuche, die Maschine zu reparieren, auf dem Teller deponiert hat.<\/p>\n<p>Doch es w\u00e4re verfehlt zu meinen, der Tramp w\u00fcrde sich alldem bedingungslos unterwerfen. Er wird \u201eirre\u201d. Er schraubt an den Kn\u00f6pfen am Kleid einer Sekret\u00e4rin herum, bringt alles durcheinander. Er zaubert aus der eint\u00f6nigen Mechanik, die das Fabriksystem beherrscht, ein Ballett, mit der \u00d6lkanne in der Hand \u2013 und wird schliesslich in die Irrenanstalt \u00fcberwiesen. Nicht die Maschinen und das System des Fordismus sind irre, sondern derjenige, der sich ihnen nicht unterwerfen kann und will.<\/p>\n<p>Chaplins Weg aus dem Fordismus ist eine Art individuelle Rebellion, aber keine individualistische. Wieder arbeitslos geworden, wird er durch einen der vielen \u201edummen\u201d, pr\u00e4chtig und komisch inszenierten Zuf\u00e4lle zum Anf\u00fchrer einer kommunistischen Demonstration, und ein ebensolcher \u201edummer Zufall\u201d \u2013 der unabsichtliche \u201eGenuss\u201d von Rauschgift im Gef\u00e4ngnis \u2013 verschafft ihm die Gelegenheit, ein paar Ausbrecher zu \u00fcberwinden, wof\u00fcr er vom Sheriff zur Belohnung wieder freigelassen wird.<\/p>\n<p>Auch hier verdeutlicht Chaplin unverbl\u00fcmt ein Markenzeichen des Systems: Nur wer sich, und sei es zuf\u00e4llig, \u201everdient\u201d macht, wird belohnt. Chaplin \u201egarniert\u201d dieses Strukturmerkmal mit einer guten Portion Komik, die allein es \u2013 wie die ganze Geschichte des Films \u2013 ertr\u00e4glich machen kann. Der Tramp rebelliert \u2013 in einer Mischung aus inszeniertem Zufall und individuellem Trotz gegen die Vereinnahmung von Millionen.<\/p>\n<p>Doch der zum Fabrikarbeiter respektive Arbeitslosen degradierte Tramp ist, wie gesagt, nicht einer jener individualistischen \u201eHelden\u201d, die sich in blindem Egoismus ergehen. Als ihn das wundersch\u00f6ne M\u00e4dchen, die gerade ein Brot gestohlen hat (garniert mit der Zeitungsmeldung \u201eP\u00f6bel stiehlt Brot\u201d), bei der Flucht in die Arme f\u00e4llt, bekennt er sich statt ihrer des Diebstahls. Gerade in dieser Szene verdeutlicht Chaplin seinen Helden als einen durchaus nicht nur menschenfreundlichen Zeitgenossen. Denn auch wenn er von der jungen Frau sofort begeistert ist, hat er auch im Sinn, wieder ins Gef\u00e4ngnis zu kommen \u2013 denn dort geht es ihm immer noch besser, als wenn er als Arbeitsloser durch die Strassen ziehen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>\u201eWir werden ein Zuhause haben, selbst wenn ich daf\u00fcr arbeiten muss\u201d, sagt er nach der Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis zu Paulette Goddard \u2013 und fortan k\u00e4mpfen beide gemeinsame um ihre Position in einer fast aussichtslosen Lage. Auch die Szene im Kaufhaus, in der der Tramp mit dem Empfehlungsschreiben des Sheriffs als Nachtw\u00e4chter einen Job bekommt, verdeutlicht dies. Endlich kann man sich einmal den Bauch vollschlagen, Rollschuhfahren, das Leben, wenn auch nur eine Nacht lang, geniessen. Man lebt von einem Tag zum anderen.<\/p>\n<p>Als Gegenbild zur Essmaschine zeichnet Chaplin eine Szene, in der er als Assistent eines Mechanikers wieder eingestellt wird, dieser durch die Zahnr\u00e4der der Maschine getrieben wird und stecken bleibt und der Tramp ihn f\u00fcttert \u2013 zwar nicht unbedingt erfolgreich, aber zutiefst solidarisch und menschlich.<\/p>\n<p>Als die junge Frau \u2013 die sich mit Tanzen auf der Strasse ein paar Cent verdient \u2013 von einem Caf\u00e9besitzer als T\u00e4nzerin eingestellt wird, bekommt auch unser Tramp eine Chance, zun\u00e4chst als Bedienung \u2013 das geht schief \u2013, dann als S\u00e4nger, der, weil er die Manschette beim Tanz verliert, auf den seine Liebste den Text des Liedes geschrieben hatte, einen dem Italienischen \u00e4hnlichen Text erfindet, ein Kauderwelsch, mit dem der Tramp zum ersten Mal Erfolg hat. Und in diesem Moment, in der die Chance f\u00fcr beide, sich auf eigene F\u00fcsse zu stellen, so gross erscheint, will die Polizei die junge Frau, die als Landstreicherin gesucht wird, verhaften.<\/p>\n<p>Der Tramp wird wieder zum Tramp \u2013 und die Schlussszene zeigt beide (im Unterschied zu anderen Chaplin-Filmen, in denen der Tramp allein wieder loszieht), wie sie die Landstrasse entlang gehen.<\/p>\n<p>Gerade in diesen Szenen des Traums vom Gl\u00fcck, des Immer-wieder-auf-die-Beine-Kommens, des Nicht-Aufgebens entpuppt sich Chaplin in seinen Filmen als jemand, der von einer tiefen, ja man k\u00f6nnte sagen \u201eabgrundtiefen\u201d Menschlichkeit gepr\u00e4gt ist \u2013 nicht etwa von jener Sorte Gutmenschentums, das die Postmoderne oftmals pr\u00e4gt, nein. Bei Chaplin verbindet sich Solidarit\u00e4t gegen\u00fcber anderen (hier der jungen Frau) mit dem individuellen Widerstand gegen etwas Entfremdetes, Millionen Menschen Oktroyiertes \u2013 und mit einer fast schon als nat\u00fcrlich erscheinenden Respektlosigkeit vor dem spezifischen privaten Eigentum, das den Kapitalismus pr\u00e4gt (besonders deutlich zu sehen in der Kaufhausszene), aber auch mit einer zwar nicht frontalen Kritik, aber dennoch distanzierten Sicht auf den Kollektivismus (er ger\u00e4t nur zuf\u00e4llig in eine kommunistische Demonstration).<\/p>\n<p>Dass f\u00fcr Chaplin einzig die Kunst, der Film, das Kino die spezifische Rebellion gegen die Entfremdung und das Elend seiner Zeit darstellen, wird nicht nur in \u201eModerne Zeiten\u201d sichtbar. Auch Kirche und Polizei bekommen klar zu sp\u00fcren, was Chaplin von ihnen h\u00e4lt (etwa in der Szene, als er der Frau des Kaplans im B\u00fcro des Sheriffs gegen\u00fcbersitzt).<\/p>\n<p>Dass \u201eModerne Zeiten\u201d zu jenen wenigen Filmen geh\u00f6rt, die alle Zeiten zu \u00fcberdauern scheinen, liegt an seiner Grundaussage, die bis heute als aktuell gelten kann, wenn auch unter ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden modifiziert werden m\u00fcsste. Es sind jene Prozesse der Sozialdisziplinierung in der Moderne, die der Historiker Gerhard Oestreich vor etlichen Jahren beschrieben hat, die seit Beginn des Kapitalismus wirken und in modifizierter Form noch immer wirken, die den Grundton von \u201eModerne Zeiten\u201d angeben. \u201eModerne Zeiten\u201d ist daher im wahrsten Sinn des Wortes ein moderner und anti-modernistischer Film zugleich.<\/p>\n<p>Und der letzte grosse Stummfilm, der gedreht wurde. Chaplins jahrelange Abneigung gegen den Tonfilm hinderte ihn allerdings nicht darin, selbst in diesem Film gezielt Ton an einigen Stellen einzusetzen \u2013 etwa in der Szene mit der Frau des Kaplans, als man w\u00e4hrend des Teetrinkens die Ger\u00e4usche des Magens zu h\u00f6ren bekommt. Oder in der Caf\u00e9hausszene, als Chaplin singt \u2013 damals eine faustdicke \u00dcberraschung. Pr\u00e4gend f\u00fcr den Film ist auch die eindr\u00fcckliche Verzahnung von Tragik und Komik, vor allem wenn es Chaplin gelingt, die extreme Traurigkeit der Geschichte in Komik aufzul\u00f6sen, ohne dass die Tragik dabei verloren ginge. Und last but not least pr\u00e4gt Chaplins Spiel selbst ein guter Schuss Selbstironie, etwa bez\u00fcglich der zuweilen zu Tage tretenden Unbeholfenheit des Tramps. Chaplins Tramp ist ein Held, aber kein postmoderner Held ohne Fehl und Tadel (und ohne wirkliches Leben), sondern ein Held des Alltags \u2013 mit allen Schw\u00e4chen und Fehlern.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sagen: \u201eModerne Zeiten\u201d ist f\u00fcr das fordistische Zeitalter, was <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/08\/2001-odyssee-im-weltraum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kubricks \u201e2001: A Space Odyssee\u201d<\/a> f\u00fcr die Postmoderne ist. So unterschiedlich beide Filme in ihrer Konzeption, ihrer Inszenierung, ihrer Darstellung auch sein m\u00f6gen, so \u00e4hnlich sind sie doch in ihrer tiefgehenden und prinzipiellen zivilisationskritischen Grundaussage. Dass \u201eTry it again\u201d, das am Schluss von Kubricks Meisterwerk durchscheint, stellt sich bei Chaplin dar als unverbr\u00fcchlicher Optimismus des Tramps, der zum Fabrikarbeiter wurde, und wieder zum Tramp werden musste, dem nur die Kunst, das Variet\u00e9, das Spielerische bleiben, um zu leben und zu \u00fcberleben. Try it again. Das Verlorensein, der Verlust, das Defizit bekommen den Tramp nicht klein.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich hatte Chaplin ein anderes Ende des Films im Auge. Die junge Frau sollte als Nonne im Kloster \u201eenden\u201c, der Tramp allein wieder fortziehen. Diese Szene wurde auch gedreht \u2013 doch zum Gl\u00fcck entschied sich Chaplin f\u00fcr das Ende zu zweit: Zwei Tramps ziehen, mit allem Mut, den sie haben, die Landstrasse entlang. Und vielleicht ist es auch der Liebe Chaplins zu Paulette Goddard (die er, im Alter von 43 Jahren, mit 20 kennen und lieben lernte und mit der er zehn Jahre zusammenlebte) zu verdanken, dass er diesen Schluss w\u00e4hlte \u2013 der \u00fcbrigens weder kitschig, noch romantizistisch daher kommt.<br \/>\n<strong><em>Ulrich Behrens<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eModerne Zeiten\u201d ist sicherlich auch und vor allem eine Liebesgeschichte \u2013wie fast alle Chaplin-Filme, insbesondere aber \u201eLichter der Grossstadt\u201d. Eine Love-Story, die sich so ganz von den postmodernen Romanzen unterscheidet. 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