{"id":847313,"date":"2019-04-28T15:18:30","date_gmt":"2019-04-28T14:18:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=847313"},"modified":"2019-04-28T15:18:45","modified_gmt":"2019-04-28T14:18:45","slug":"skizzen-zum-wirtschaftserbe-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/04\/skizzen-zum-wirtschaftserbe-der-ddr\/","title":{"rendered":"Skizzen zum Wirtschaftserbe der DDR"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von den 40-j\u00e4hrigen M\u00fchen zur Entwicklung eines sozialistischen Wirtschaftssystems, als Alternative zum alten System der kapitalistischen Ordnung, die historisch mit Krisen, Ungerechtigkeiten und Kriegen verbunden ist, blieben f\u00fcr die Gegenwart nur einige wenige verwertbare Ergebnisse \u00fcbrig. Ein gr\u00f6\u00dferer Teil ist k\u00fcnftigen sozialen und naturschonenden Alternativen vorbehalten. Die Erfahrungen des DDR Sozialismus sind f\u00fcr ein Wirtschaftssystem mit Profitlogik als Kernelement nicht oder kaum verwertbar.<\/strong><\/p>\n<p>Die negativen Wahrnehmungen in den alten und neuen Bundesl\u00e4ndern zur Leistungsst\u00e4rke der DDR Wirtschaft beruhen haupts\u00e4chlich auf zwei Faktenbereiche:<\/p>\n<p><strong>Erstens:<\/strong> Die Wirtschaft hat in jedem Ordnungssystem die prim\u00e4re Aufgabe, den Bedarf der Bev\u00f6lkerung zu befriedigen. In der DDR geschah das nur unzureichend. Nicht in der Deckung der Grundbed\u00fcrfnisse (Wohnen und Einrichtungen, Ern\u00e4hrung, Kleidung, Bildung, Gesundheit, Kultur), aber in der Bereitstellung von modernen technischen Konsumg\u00fctern und Luxusartikeln, sowie in den Tourismusangeboten. Die Vielfalt der Angebote war im Vergleich zur Bundesrepublik mit einer konkurrierenden Wirtschaft bescheiden. Oft war die zeitliche Bereitstellung problembehaftet, wie beispielsweise der Kauf von PKW. Der Wille der F\u00fchrungskr\u00e4fte, in allen Jahren ein gutes Ergebnis abzuliefern, war stets vorhanden, wie auch die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter. Die Ursachen der M\u00e4ngel sind nicht aus dem sozialistischen System per se herleitbar. Sie ergaben sich aus den jeweiligen realen Umst\u00e4nden, wie die Ausgangslage 1949, Lasten zur der Zahlung der Kriegskosten gem\u00e4\u00df Abkommen der Alliierten, Kredit- und Lieferboykotte der westliche L\u00e4nder bis 1989 (<a href=\"http:\/\/www.ddr-wissen.de\/wiki\/ddr.pl?CoCom-Liste\">CoCom-Liste<\/a> mit 6 Tausend Positionen). W\u00e4hrend der Dauer des Kalten Krieges gab es keine Idealzust\u00e4nde zur Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR.<\/p>\n<p><strong>Zweitens:<\/strong> Das sozialistische System unterliegt seit seinen Anf\u00e4ngen der ideologischen Diskreditierung und einer vielseitigen politischen und medialer Bek\u00e4mpfung. Intensiv seit 30 Jahren wird in Deutschland das Bild des sozialistischen Systems ausschlie\u00dflich in dunklen Farben gemalt. Halbwahrheiten und L\u00fcgen werden nicht gescheut. Ursachen, die Entwicklungen hemmen, wurden ausgeblendet, ebenso Problemvergleiche zum eigenen System.<\/p>\n<p>Das Erbe l\u00e4sst sich nicht mit wenigen Worten zusammenfassen. Es geht auch nicht um betriebswirtschaftliche Vergleiche (Kostenrechnung, Kalkulation, Buchhaltung oder Planung betrieblicher Daten u.\u00e4.), die in beiden Systemen bis auf die Preisgestaltung \u00e4hnlich waren. Es geht um Fragen der Zielstellungen der Wirtschaften in West und Ost (Geldgewinne \u00fcber die Kostendeckung hinaus mit einem Wertzuwachs zur Sicherung der Reproduktionskreisl\u00e4ufe gem\u00e4\u00df Profitlogik versus materielle Sicherstellung der Bedarfsdeckung der Bev\u00f6lkerung ebenfalls mit der Gew\u00e4hrleistung des Reproduktionskreislaufes aber mit sozialen Komponenten). Es geht um den jeweiligen Einfluss der Regierungen auf die Wirtschaft und um die Rationalit\u00e4t der Methoden der Wirtschaftsleitung. In Anbetracht der noch nicht beendeten letzten Finanzkrise von 2010 ist ein letztes Urteil eines Vergleiches noch offen.<\/p>\n<p>Mit ihrem Projekt \u201eGeneraldirektoren Erz\u00e4hlen\u201c ist es der Firma Rohnstock Biografien zu danken, dass seit 2012 viele Facetten der Wirtschaftsgeschichte der DDR zusammengetragen werden konnten (\u201eJetzt reden wir weiter\u201c, neue Beitr\u00e4ge zur DDR-Wirtschaft und was daraus zu lernen ist, 2 Bd. Edition Berolina). In 50 Veranstaltungen mit durchschnittlich 40 Teilnehmern, darunter auch westliche Konzernvertreter und wissenschaftliche Institute, wurden Wertungen \u00fcber Leistungen der Kombinate und in der Landwirtschaft vorgenommen.<\/p>\n<p>Eine ann\u00e4hernd realistische Aussage, ob Teile des Erbes f\u00fcr die Jetztzeit anwendbar sind, kann nur ohne ideologische Brille und unter Beachtung l\u00e4ngerer Zeitr\u00e4ume zur Wahrheit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Als gesichert gilt: Ein Gleichheitszeichen zwischen Planwirtschaft und Mangel ist wirtschaftswissenschaftlicher Unsinn. Richtig ist, dass die inneren und \u00e4u\u00dferen Entwicklungsst\u00e4nde zur strikten Sparsamkeit zwangen. Ein einmal erreichter Versorgungsstand durfte nicht unterschritten werden. Reine Kennziffervergleiche zwischen den Systemen f\u00fchren ebenfalls nicht zum Ziel. Die Inhalte aggregierter Kennziffern (z.B. BIP, Bilanzen etc.), sind nicht kompatibel. \u00dcbereinstimmung besteht auch darin, dass Strukturentscheidungen f\u00fcr gro\u00dfe Bereiche, wie Energieerzeugung, Kohle- und Atomausstieg, Verkehrsinfrastrukturen Bildung und Gesundheitswesen u.\u00e4. eine staatliche Planung ben\u00f6tigen. Der chinesische Erfolg kann als Nachweis dienen.<\/p>\n<p><strong>Erinnernswerte Teile des Wirtschaftserbes der DDR:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Beide Systeme wenden Planungen per Gesetz an (G.G. Art. 110 ff und Art. 104 b), mit dem Unterschied, dass das \u00f6stliche gleichzeitig eine <strong>Bilanzierung der finanziellen und materiellen und personellen Voraussetzungen vornahm.<\/strong> Der Grad der Verbindlichkeit war im Osten h\u00f6her, da die Planzahlen nach einer l\u00e4ngeren Beratungsphase auf allen Ebenen und nach der Verabschiedung in der Volkskammer Gesetz wurden. Auch Bundesorgane unterliegen Planungsprozessen, beispielsweise die 2-j\u00e4hrigen Haushaltspl\u00e4ne.<\/li>\n<li>Den Leistungen der Landwirtschaftlichen Genossenschaften geb\u00fchrt Hochachtung. Die Versorgung der Bev\u00f6lkerung wurde ann\u00e4hernd aus eigener Kraft bew\u00e4ltigt. Importe (Kaffee, Kakao, S\u00fcdfr\u00fcchte) konnten aus Exporten von Braumalz, Fleisch, Zucker, etc. finanziert werden. (Stat. Jahrbuch 1989) Mit wenigen Strukturanpassungen landwirtschaftlicher Betriebe wurden gro\u00dffl\u00e4chige Eigentumsver\u00e4nderungen nach der Wende vermieden.<\/li>\n<li>Ein auf das Wesentliche konzentriertes Baurecht erm\u00f6glichte die z\u00fcgige Realisierung der Vorhaben des Bauplanes. Standards erleichterten den Wohnungsbau, die Errichtung von Schulen und Kitas in kurzen Fristen wurden m\u00f6glich. \u00c4hnliche Rationalisierungs-Effekte hatte die Erzeugnisgruppenarbeit in der Industrie.<\/li>\n<li>F\u00fcr die Jetztzeit erweist sich das Clearingverfahren oder Verrechnungsverfahren der DDR im internationalen Handel als n\u00fctzlich. Der Kanzleramtsminister m\u00f6chte es f\u00fcr den Handel mit dem IRAN anwenden, um den Sanktionen der USA zu begegnen.<\/li>\n<li>Der Handel der DDR mit den RGW Staaten und der westlichen Welt war strikt regelbestimmt. Die Bundesregierung bef\u00fcrwortet prinzipiell die Einhaltung der im Rahmen der UNO oder bilateral vereinbarten Regeln, als Antwort an die USA zur Aufk\u00fcndigung der WTO u.a. Vertr\u00e4ge<\/li>\n<li>Welche Seite der Waagschale sich st\u00e4rker zu Lasten der Natur neigt, ist noch nicht entschieden. Auch wenn die Natur zur DDR Zeiten partiell durch die Braunkohle gelitten hatte. Eine sachliche Abw\u00e4gung kann eine Entscheidung herbeif\u00fchren. Die kapitalistische Marktwirtschaft sch\u00e4digt mit ihrer Profitlogik die Natur auf breiter Front (CO2-Ausstoss im Massenverkehr, M\u00fcllberge, hoher Einsatz von Insektiziden, Herbiziden, Antibiotika in der Tiermast, Kunstd\u00fcngereinsatz je Hektar, Umweltsch\u00e4den beim Rohstoffabbau in Entwicklungsl\u00e4ndern, der Konsum- und Wachstumswahn)<\/li>\n<li>Gleiche Zahlung der L\u00f6hne zwischen Mann und Frau bei gleicher Leistung als Faktor der Gerechtigkeit war Gesetz. Regionale Unterschiede in den Lohnh\u00f6hen bestanden nicht (GBL. I, Nr.18 v. 16.6.1977).<\/li>\n<li>Schulden \u00fcber normale Kreditverh\u00e4ltnisse hinaus, waren als Instrumente des Wirtschaftskreislaufen nicht vorgesehen. Die 1990 kursierenden unterschiedlichen Zahlen kamen aus der Schublade der Ideologie.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine breite Palette an praktischen Erfahrungen der DDR Wirtschaft steht k\u00fcnftigen gesellschaftlichen Alternativen mit sozialen und naturschonenden Zielstellungen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Seit 1990 haben das DM-Bilanzgesetz und marktwirtschaftliche Regeln daf\u00fcr gesorgt, dass das Wirtschaftsger\u00fcst der DDR in nur 3 Jahren zusammengebrochen ist. Brandbeschleuniger waren die Treuhandanstalt (Privatisierung vielfach zum \u201e0\u201c Wert vor Sanierung und mit anschlie\u00dfendem Ausverkauf des Maschinenbestandes), der Vertrag \u00fcber die W\u00e4hrungsunion (ein Todesschuss f\u00fcr die kostendeckenden Preiskalkulationen der volkseigenen Betriebe) und der Einigungsvertrag zwischen den friedlich gestimmten David und dem machtvollen Goliath.<\/p>\n<p>Dank der Besonnenheit der F\u00fchrungskr\u00e4fte der DDR Regierung und der Sicherheitsorgane, sowie der Vernunft der Bev\u00f6lkerung, die den Versprechen der Westpolitiker glaubten, verliefen 3 Chaosjahre nach der Wende ohne Blutvergie\u00dfen. Der volkseigene Besitz des 16 Millionenvolkes wurde ohne Entsch\u00e4digung enteignet und Millionen Menschen im arbeitsf\u00e4higen Alter in die Arbeitslosigkeit geschickt.<\/p>\n<p>Westliche regierungstreue Wissenschaftler stellten die Transferkosten der Vereinigung in den Vordergrund, ohne alle Einnahmen bzw. den Wertzuwachs f\u00fcr die BRD zu ber\u00fccksichtigen (z.B. Patente, Museumssch\u00e4tze, Verkehrsinfrastrukturen, Staatsw\u00e4lder und Seen u.v.m.). Wissenschaftler des Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung Halle errechneten 2010, dass die Kosten der Einheit in etwa vom Osten geschultert wurden (z.B. siedelten 1,8 Millionen gutausgebildeter DDR-B\u00fcrger in Richtung West. Sie sorgten dort f\u00fcr Lohn- und Mehrwertsteuer Einnahmen, alle steuerzahlenden DDR-B\u00fcrger, auch Rentner, zahlen Soli-Beitr\u00e4ge, bestimmte im Osten erarbeitete Steuern wurden am Firmensitz f\u00e4llig, der in der Regel im Westen liegt).<\/p>\n<p><strong>Klagen \u00fcber alte Ungerechtigkeiten helfen wenig. Im Wirtschaftserbe sind n\u00fctzliche Regeln enthalten und es zeigt Wege, weg vom Egoismus, hin zu praxiserprobten Formen, der Gemeinschaft zu dienen. Die Diffamierungen des Ostens und sozialer Alternativen sollten 30 Jahre nach der Wende aufh\u00f6ren.<\/strong><\/p>\n<p>Von der Leistungskraft der Ingenieure und Wirtschaftsf\u00fchrer und Mitarbeiter zeugen hin und wieder noch heute nach 30 Jahren PKW und Motorroller aus der DDR Produktion auf den Stra\u00dfen Deutschlands und osteurop\u00e4ischer L\u00e4nder. In Lateinamerika, Afrika und Asien erf\u00fcllen Hafenkr\u00e4ne, LKW, Zementfabriken, Maschinen und Ger\u00e4te aller Art ihre Dienste, entgegen medialer Berichte \u00fcber eine unf\u00e4hige Planwirtschaft.<\/p>\n<p>Utopien sind menschlich wichtig. Sie beschreiben die Ziele, nicht aber die Wege, um dahin zu gelangen. Die Wegstrecke bestimmen nach Hegel die jeweiligen Verh\u00e4ltnisse. Den Erfolg und das Tempo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den 40-j\u00e4hrigen M\u00fchen zur Entwicklung eines sozialistischen Wirtschaftssystems, als Alternative zum alten System der kapitalistischen Ordnung, die historisch mit Krisen, Ungerechtigkeiten und Kriegen verbunden ist, blieben f\u00fcr die Gegenwart nur einige wenige verwertbare Ergebnisse \u00fcbrig. 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