{"id":845472,"date":"2019-04-28T10:51:00","date_gmt":"2019-04-28T09:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=845472"},"modified":"2019-04-28T10:51:00","modified_gmt":"2019-04-28T09:51:00","slug":"metropolis-wegweisend-in-vielerlei-hinsicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/04\/metropolis-wegweisend-in-vielerlei-hinsicht\/","title":{"rendered":"Metropolis &#8211; wegweisend in vielerlei Hinsicht"},"content":{"rendered":"<div id=\"content_lead\">\n<p class=\"text_lead_in\"><strong>Die Geschichte von \u201eMetropolis\u201d \u2013 des wohl bekanntesten deutschen Films \u2013 ist auch eine Geschichte des Verlusts.<\/strong><\/p>\n<p>Der von der UNESCO 2001 als erster Film \u00fcberhaupt in das \u201eMemory of the World\u201d aufgenommene Klassiker ist aufgrund einer seit 1998 begonnenen Restaurierung heute in einer 118 Minuten langen Fassung zu sehen. Urspr\u00fcnglich hatte der Film in der Fassung, in der er zuerst ins Kino kam, 153 Minuten \u2013 und keinen Erfolg beim Publikum. Ein Viertel des Films ist verloren, und zwar wahrscheinlich f\u00fcr immer \u2013 falls nicht, was nach der intensiven Suche nach Negativen und Kopien unwahrscheinlich ist, doch noch irgendwann Reste gefunden werden sollten.<\/p>\n<p>Die von der Friedrich-Murnau-Stiftung restaurierte Fassung arbeitet daher notgedrungen mit neuen Zwischentexten, die die verloren gegangenen Teile, soweit notwendig, durch entsprechende Informationen nat\u00fcrlich nur schwer ersetzen k\u00f6nnen. (Leider wurde der Film schon kurz nach seinem Erscheinen und dem Misserfolg beim Publikum sowohl in Deutschland, als auch z.B. in den USA stark geschnitten \u2013 bis auf eine L\u00e4nge von 80 Minuten, wodurch die Homogenit\u00e4t der Geschichte verloren ging.)<\/p>\n<p>Trotz dieser Einschr\u00e4nkungen liefert der seit 2003 auf einer DVD in dieser Form erh\u00e4ltliche Film im ganzen gesehen einen homogenen Eindruck, sowohl was die Geschichte, als auch was die f\u00fcr die damaligen Verh\u00e4ltnisse revolution\u00e4ren technischen Mittel betrifft. Was insbesondere verloren ging, sind ausgerechnet etliche Szenen mit Fritz Rasp, der den Schmalen, einen Handlanger Johann Fredersens, spielt. Fritz Rasp geh\u00f6rte zu jenen deutschen Schauspielern, die in unverwechselbarer Weise den B\u00f6sen, den Hinterh\u00e4ltigen, den Schuft spielen konnten (man vgl. seine Rollen in Filmen wie: \u201eEmil und die Detektive\u201c, 1931, wo er den Dieb Grundeis spielte, oder seine Rollen in verschiedenen Edgar-Wallace-Verfilmungen der 50er und 60er Jahre).<\/p>\n<p>Hervorgehoben wird durchweg, dass Langs \u201eMetropolis\u201d, was Produktionsdesign, Montage, Bilder usw. angeht, eine Art Urgestein f\u00fcr den Film des 20. Jahrhunderts geworden sei. Das ist ohne Zweifel richtig. Kaum ein Sciencefiction, ja, selbst kaum ein mit modernen digitalen Techniken arbeitender Film der Gegenwart l\u00e4sst keine R\u00fcckschl\u00fcsse und R\u00fcckbeziehungen zu Langs Film erkennen. So wie Kurosawas \u201eDie sieben Samurai\u201d, sozusagen der Ur-Film des \u201eMission\u201d-Films, in dem nicht ein Held die Geschichte beherrscht, sondern eine Gruppe von Helden einen Auftrag, eine Mission erf\u00fcllt, ist \u201eMetropolis\u201d f\u00fcr Designer, Regisseure, aber auch Musiker und Dramaturgen ein fast unersch\u00f6pflicher Fundus f\u00fcr kreatives Gestalten.<\/p>\n<p>Er geh\u00f6rt zu jenen Filmen, die sich in das filmische Bewusstsein tief eingegraben haben. \u201eMetropolis\u201d ist der schlagende Beweis gegen das Vorurteil, je \u00e4lter ein Film sei, desto uninteressanter sei er heute. Weder \u201eMinority Report\u201d von Spielberg, noch Scotts \u201eAlien\u201d oder \u201eBlade Runner\u201d \u2013 um nur einige Beispiele zu nennen \u2013 w\u00e4ren ohne Langs Film m\u00f6glich geworden. Der Massstab daf\u00fcr kann nie sein, dass gemessen an den heutigen technischen M\u00f6glichkeiten \u201eMetropolis\u201d die Waffen strecken m\u00fcsse. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Ohne \u201eMetropolis\u201d m\u00fcssten heutige Sciencefiction-Filmer die Waffen strecken \u2013 oder einen \u00e4hnlichen Film \u201eerfinden\u201d.<\/p>\n<p>Doch \u201eMetropolis\u201d ist nicht nur in dieser Hinsicht eine Art Durchbruch, ein Film, der den Expressionismus fast hinter sich liess und zur \u201eNeuen Sachlichkeit\u201d (in der Malerei etwa Dix, Grosz oder Kanoldt) durchstiess. Die Geschichte, die auf einem Roman Thea von Harbous fusste, ist auch ein St\u00fcck wichtiger Zeitgeschichte. Obwohl Lang immer wieder betont hatte, er sei kein politischer Mensch und habe keine politischen Filme inszeniert, strotzt \u201eMetropolis\u201d nur so vor zeitgeschichtlichen Aussagen in Bezug auf die Situation der Weimarer Zeit und ihren Gefahren. Trotz des vermeintlich sozialromantischen Schlusses des Films ist \u201eMetropolis\u201d auch eine Art politischer Warnung und darin Chaplins \u201eModerne Zeiten\u201d sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn er\u00f6ffnet Lang die Schreckensvision einer nahen Zukunft: eine scheinbar aus dem Nichts geschaffene, sozialer Hinsicht wie bez\u00fcglich der Architektur zweigeteilte Metropole mit Wolkenkratzern, zwischen denen auf hoch gelegten Fahrbahnen Z\u00fcge und Autos fahren, zwischen denen sogar Flugzeuge kreisen. Unter der Stadt er\u00f6ffnet sich eine triste, kalte Welt, die Welt der Arbeiter, die mit gesenkten H\u00e4uptern und in uniformer Kleidung in Kolonnen ihre Schichten antreten, in Fahrst\u00fchlen in die Maschinenstadt fahren oder in ihre ebenso tristen Wohnsilos.<\/p>\n<p>Ganz anders das Bild des Teils der Stadt unter dem Himmel, wo sich die S\u00f6hne der Reichen im \u201eKlub der S\u00f6hne\u201d oder in den \u201eEwigen G\u00e4rten\u201d dem Nichtstun hingeben und Freder (GustavFr\u00f6hlich), der Sohn des Herrschers \u00fcber Metropolis, Joh Fredersen (Alfred Abel), mit Damen in (an absolutistische Zeiten erinnernden) Kost\u00fcmen Fangen spielt. Zu dieser Welt der Reichen geh\u00f6rt auch das Vergn\u00fcgungsviertel Yoshiwara. In diese von Joh und seinen Adlaten streng bewachte Welt kommt Unruhe, als eine junge Frau in die \u201eEwigen G\u00e4rten\u201d einbricht \u2013 mit einer Schar von Kindern in zerlumpten Kleidern, und verk\u00fcndet: \u201eDas sind eure Br\u00fcder.\u201d Freder, der sich auf Anhieb in die junge Frau verliebt, verliert seine bisherige Unbek\u00fcmmertheit, folgt der jungen Frau, die Maria (Brigitte Helm) heisst, und ger\u00e4t so in die Maschinenwelt der Arbeit, sieht, wie eine Explosion mehrere Arbeiter t\u00f6tet, phantasiert einen Moloch, der die Arbeiter verschluckt. Entsetzt geht er zu seinem Vater, der ihn jedoch abweist.<\/p>\n<p>Grot (Heinrich George), der Maschinenf\u00fchrer, bringt Joh zwei Pl\u00e4ne, die man bei verungl\u00fcckten Arbeitern gefunden hat. Doch Joh kann mit diesen Zeichnungen nichts anfangen. Er entl\u00e4sst seinen Angestellten Josaphat (Theodor Loos), dem er Unf\u00e4higkeit vorwirft. Freder aber verhindert, dass Josaphat sich erschiesst, freundet sich mit ihm an, weil er ihm leid tut. Und Freder will wissen, was in der Maschinenstadt den Arbeitern zugemutet wird, wie sie leben, die, den ganzen Reichtum und die ganze Armut erschaffen haben. Er tauscht seine Kleider mit einem Arbeiter an einer Maschine, an der man Zeiger zehn Stunden lang bewegen muss, schickt den Arbeiter namens Georgy (Erwin Biswanger) zu Josaphat und \u00fcbernimmt dessen Schicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen begibt sich Joh zu dem Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge), nicht bevor er seinen Angestellten, den Schmalen (Fritz Rasp), beauftragt hat, seinen Sohn zu observieren. Von Rotwang erf\u00e4hrt Joh, dass auf den Zeichnungen die Katakomben abgebildet seien, die tief unter der Erde vor langer Zeit erbaut worden waren. Als er sich mit Rotwang dorthin begibt, sieht er, wie Maria den dort versammelten Arbeitern die Geschichte vom Turmbau zu Babel erz\u00e4hlt und die Geschichte mit dem Satz schliesst:<\/p>\n<blockquote><p><strong><em>\u201eEinen Mittler brauchen Hirn und H\u00e4nde.<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em>Mittler zwischen Hirn und H\u00e4nden<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em>muss das Herz sein.\u201d<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch Freder ist dorthin gelangt, unerkannt von seinem Vater. Und Maria glaubt, er sei der Mittler, auf den sie und die Arbeiter schon lange gewartet haben. Rotwang und Joh beobachten das alles durch ein Loch in einer Mauer. Und f\u00fcr Joh steht fest: Er muss handeln. Rotwang hat einen Roboter erfunden. Und er behauptet, dieser Roboter w\u00fcrde bald so aussehen, dass man ihn von einem Menschen nicht unterscheiden k\u00f6nne. Joh und Rotwang sind sich nicht gr\u00fcn, denn beide liebten dieselbe Frau, Hel, die tot ist. Freder ist Johs und Hels Sohn. Und Rotwang denkt noch immer an Rache an Joh, weil der ihm die Geliebte weggenommen hat. Deshalb geht er auf das Ansinnen Johs ein, dem Roboter das Gesicht Marias zu geben. W\u00e4hrend Joh plant, durch diese Roboter-Kopie die Arbeiter aufzuwiegeln, um sie dann besser bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen, sinnt Rotwang auf Rache an Joh. Der Roboter mit dem Aussehen Marias soll Joh und Freder vernichten &#8230;<\/p>\n<p>Lang entwirft mit dieser Geschichte eben auch das Bild einer m\u00f6glichen, diktatorischen Zukunft vor einem futuristischen Hintergrund (bei dem \u00fcbrigens kleine Modelle von H\u00e4usern und anderen Gegenst\u00e4nden der Stadt verwendet wurden, um ein durchaus realistisches Bild dieses Molochs Metropolis zu zeichnen). Ein Diktator, der sowohl die \u00d6konomie, als auch die politische Macht usurpiert hat, herrscht mit seinen Adlaten \u00fcber eine v\u00f6llig unterjochte Arbeiterschaft. Die (futuristische) Grossstadt ist nicht umsonst der Ort, an dem sich diese Diktatur verwirklicht hat.<\/p>\n<p>Ohne die moderne Grossstadt und ihre krassen sozialen Gegens\u00e4tze w\u00e4re eine solche Diktatur nicht denkbar. Das (schon anfangs des Films eingeblendete) Motto des Films \u201eMittler zwischen Hirn und H\u00e4nden muss das Herz sein\u201d steht im Zentrum der Handlung, die tats\u00e4chlich mit einem vordergr\u00fcndig sozialromantischen, ich w\u00fcrde eher sagen: sozialdemokratischem Schluss endet \u2013 der Vers\u00f6hnung zwischen Joh und den Arbeitern, dem sozialen Kompromiss zwischen Arbeitern und Unternehmern.<\/p>\n<p>Aber dieser Schluss kann \u00fcber die im Film ansonsten angesprochenen, h\u00f6chst aktuellen Fragen kaum hinwegt\u00e4uschen: den zum spannungsgeladenen sozialen Gegensatz ausgewachsenen Widerspruch zwischen Hand- und Kopfarbeit zum Beispiel, der in eine krasse Spaltung von Befehl und Gehorsam, Befehlenden und Gehorchenden gef\u00fchrt hat. Zwischen diesen Polen existieren nur wenige, die Anweisungen nach unten weitergeben (wie Grot, der Vorarbeiter, und Josaphat, der Angestellte).<\/p>\n<p>Doch noch anderes schwingt hier mit, etwa wenn die Arbeiter dem Roboter, dem Rotwang das Aussehen Marias gegeben hat, folgen, als dieser sie zum Sturm auf die Maschinen auffordert, weil kein Mittler mehr kommen werde. Als sie die Herzmaschine, die Grot steuert und bewacht, zerst\u00f6ren, wird die Stadt unter der Erde \u00fcberflutet. An alles scheinen die Arbeiter gedacht zu haben \u2013 nur nicht an ihre Kinder. Und sie wissen nicht, dass die wirkliche Maria, die sich aus den Klauen Rotwangs befreit hat, und Freder die Kinder inzwischen gerettet haben.<\/p>\n<p>Als Grot die Arbeiter an ihre Kinder erinnert und die Arbeiter merken, dass die Zerst\u00f6rung der Herzmaschine, des Energiezentrums Metropolis, ihnen nichts gebracht hat, wendet sich ihre ganze Wut gegen Maria, f\u00fcr die sie den Roboter halten. Sie wollen Maria auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Dazu l\u00e4sst Lang die sp\u00e4tere Nationalhymne Frankreichs in Erinnerung an die Franz\u00f6sische Revolution spielen.<\/p>\n<p>Auch in diesen Szenen ist Lang durchaus aktuell. Er fragt nach dem Weg aus der Unterdr\u00fcckung. Er fragt nach den Fehlern und Verbrechen der Revolution. Dass die Arbeiter dann nur den Roboter auf dem Scheiterhaufen verbrennen und nicht Maria, ist nur dem Gl\u00fcck der Umst\u00e4nde zu verdanken. Auch hier schwingt aber keine Verurteilung mit. Denn es ist der Inszenierung deutlich anzumerken, dass Lang die Ursache f\u00fcr die rein gef\u00fchlsm\u00e4ssigen Reaktionen der Arbeiter und Arbeiterinnen (unter denen sich \u00fcbrigens Helene Weigel als Schauspielerin befindet) eben auch darin sieht, dass ihnen jegliche Bildung verwehrt worden ist, dass sie zu Arbeitstieren degradiert wurden, so dass ihre Reaktionen \u2013 sowohl das blinde Hinterherlaufen hinter einer scheinbar v\u00f6llig ver\u00e4nderten Maria, die bislang den Frieden gepredigt hat, w\u00e4hrend sie (in Wirklichkeit der Roboter) jetzt zum Aufstand aufruft, als auch ihre blinde Wut, die den Roboter auf den Scheiterhaufen bringt \u2013 auch hierin ihre Ursache finden.<\/p>\n<p>Der Mittler, Freder, der nicht nur die Liebe, sondern auch die Menschenliebe entdeckt hat, Maria selbst, der Arbeiter Georgy und Josaphat, der die Politik Johs nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann, stehen nicht nur zwischen den Fronten. Sie sind es, die versuchen, zu einer tats\u00e4chlichen Vermittlung zu gelangen. Dass diese Vermittlung dann in einer Art social contract endet, die stark an die sozialdemokratische Variante des sozialen Ausgleichs der Interessen erinnert, muss vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Weimarer Republik gesehen werden.<\/p>\n<p>Es ist kaum anzunehmen, dass Lang Sympathien f\u00fcr die stark stalinistisch gepr\u00e4gte KPD hatte, ebensowenig f\u00fcr die blechernen, aber nichtsdestotrotz lebensgef\u00e4hrlichen Nationalsozialisten. Insofern aber erscheint dieser Schluss weniger sozialromantisch. Was sich in dem Motto des Films und in der Schlussszene (H\u00e4ndedruck zwischen Joh und Grot) eher vermittelt, ist ein Appell an die Notwendigkeit des sozialen Ausgleichs.<\/p>\n<p>Dieser Appell wird durch eine unverbl\u00fcmt (fr\u00fch)christliche, aber eben nicht kirchliche Metaphorik erg\u00e4nzt. Die Kreuze, vor denen Maria in den Katakomben in einer Art Altarraum predigt, sind Kreuze ohne Jesusfigur. Dass Maria Maria heisst, ist sicherlich kein Zufall. Dass sie in den Katakomben den Arbeitern nicht nur die Geschichte des Turmbaus zu Babel erz\u00e4hlt, sondern auch einen \u201eMittler\u201c ank\u00fcndigt, ist ein klares Heilsversprechen, ein Erl\u00f6sungsversprechen. Im Unterschied allerdings zur christlichen Mythologie wird es sich bei diesem Erl\u00f6ser nicht um eine Person handeln, die halb Mensch, halb Gott ist, sondern um einen Menschen.<\/p>\n<p>Die R\u00e4ume, die Lang im Film bildet, deuten immer wieder die Widerspr\u00fcchlichkeit des Geschehens an. Er zeigt Gesichter von der Seite, der eine schaut von rechts, der andere von links. Der gerade Sprechende wird frontal gezeigt, der Zuh\u00f6rende seitlich von hinten. Oder er zeigt bis fast an den Schluss des Films jeweils zwei geschlossene R\u00e4ume mit Akteuren, die gegeneinander streiten: etwa Joh und Rotwang in einem dunklen Raum, durch ein Loch Maria beobachtend, Maria und die Arbeiter w\u00e4hrend der Predigt. Dieses Gegeneinander-Setzen der R\u00e4ume korreliert mit dem widerspr\u00fcchlichen Geschehen und den widerspr\u00fcchlichen Interessen der Akteure. In der Schlussszenen setzt er gar f\u00fcnf solcher Handlungsr\u00e4ume gegeneinander.<\/p>\n<p>Auch die Personen in sich sind doppel- oder mehrdeutig. Maria ist Arbeiterin, sie steht aber auch f\u00fcr die Verk\u00fcndung der Erl\u00f6sung. Sie \u201egebiert\u201d sozusagen den Erl\u00f6ser aus ihren Armen (die Szene in den Katakomben, in der sich Maria und Freder in die Arme fallen, die Geburtsstunde des Mittlers, des Erl\u00f6sers). Gleichzeitig verdoppelt sich Maria in Maria und den Roboter, in die Gute und die B\u00f6se. W\u00e4hrend bei Maria das Gute aus dem Herzen, aus der Anschauung und dem Verstand resultiert, ergibt sich das B\u00f6se bei dem Klon nicht direkt, sondern aus dem Willen Rotwangs respektive Johs.<\/p>\n<p>Auch die \u201eandere Seite\u201d, Joh und die reichen S\u00f6hne und T\u00f6chter, sind in sich gespalten. Joh vereinigt in sich die Macht \u00fcber \u00d6konomie und Politik, von der die reichen S\u00f6hne und T\u00f6chter leben. Als die Arbeiter die Maschinenstadt unter Wasser setzen, f\u00fchrt der Roboter sie auf die Strassen, um den Untergang zu feiern \u2013 auch den eigenen. Die absolute Macht korreliert mit dem absoluten Untergang (man erinnere sich an die Worte Hitlers: Wenn das deutsche Volk nicht f\u00e4hig sei, sich als Herrenrasse zu etablieren, habe es nichts anderes als den Untergang verdient). Die herrschende Klasse l\u00e4sst den Karren lieber vollst\u00e4ndig gegen die Wand fahren, als ihn aus dem Dreck zu ziehen.<\/p>\n<p>Jenseits dieser Geschichte muss man aber eben auch auf die technischen und schauspielerischen Leistungen in Fritz Langs Film verweisen. Die im Film monumental erscheinenden Modelle vermitteln nicht nur filmgeschichtlich eine Neuerung; sie repr\u00e4sentieren auch den Gr\u00f6ssenwahn Fredersens, etwa in einer Szene anfangs des Films, in der die reichen S\u00f6hne vor einer m\u00e4chtigen Kulisse aus Mauern und Treppen Sport treiben. Auch in dieser filmischen Architektur k\u00fcndigen sich schon \u2013 sicherlich unbewusst \u2013 die wenig realisierten, aber durch Albert Speer in Modellen umfassend dargestellten Pl\u00e4ne einer nationalsozialistischen Architektur der absoluten Macht(demonstration) an. Lang muss ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Komponenten einer \u201emodernen\u201d Diktatur gehabt haben.<\/p>\n<p>Beeindruckend ist auch Rotwangs Laboratorium, in dem durch wundersame Maschinen und durch Elektrizit\u00e4t dem Roboter das Aussehen Marias gegeben wird. Gerade diese Bildfolgen sind auch Ursprung vieler \u00e4hnlicher Szenen in sp\u00e4teren Sciencefiction-Filmen.<\/p>\n<p>In der Schauspielercrew besonders hervorstechend sind Gustav Fr\u00f6hlich, der Freder als einen durch die Entdeckung der Verh\u00e4ltnisse in Metropolis und seine Liebe zu Maria zun\u00e4chst zerrissenen, verzweifelten Menschen spielt, der dann jedoch die Zeichen der Zeit erkennt und entsprechend handelt.<\/p>\n<p>Heinrich George als eine Art Vorarbeiter, der schwankt zwischen der Vasallentreue zu Fredersen und der Solidarit\u00e4t mit den Arbeitern, nat\u00fcrlich Fritz Rasp, der den verschlagenen Schmalen exzellent zu spielen weiss, und vor allem nat\u00fcrlich Rudolf Klein-Rogge als psychopathischer Erfinder Rotwang, in dem sich der Wahnsinn eines pers\u00f6nlichen Zerw\u00fcrfnisses (die Liebe zu der verstorbenen Hel, von der er nicht loslassen kann, und der Hass auf Fredersen wegen Hel) mit dem Wahnsinn einer entfesselten, keine Grenzen kennenden Wissenschaft manifestiert. Auch hier ist Langs Film weit vorausschauend.<\/p>\n<p>Er erkennt, personifiziert in Rotwang, die Risiken einer Wissenschaft, die nach dem Motto handelt: Was ich machen kann, das darf ich auch machen. Rotwang konstruiert den Maschinenmenschen, der nur auf seinen Befehl h\u00f6rt, einen Sklaven, der nicht mehr rebellieren wird. Dieses Motiv hat Lang ja auch in seinen Mabuse-Filmen aufgegriffen.<\/p>\n<p class=\"text_lizenz\"><em>Dieser Artikel von Ulrich Behrens steht unter einer <a class=\"text_lizenz_link\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/3.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"> Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0)<\/a> Lizenz.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte von \u201eMetropolis\u201d \u2013 des wohl bekanntesten deutschen Films \u2013 ist auch eine Geschichte des Verlusts. 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