{"id":826332,"date":"2019-03-20T10:17:19","date_gmt":"2019-03-20T10:17:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=826332"},"modified":"2019-03-19T13:25:02","modified_gmt":"2019-03-19T13:25:02","slug":"die-verleumdungs-kampagne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/03\/die-verleumdungs-kampagne\/","title":{"rendered":"Die Verleumdungs-Kampagne"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit allen Mitteln versuchen die Profiteure der Klimakatastrophe die positiven Impulse Greta Thunbergs zu diskreditieren.<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber Jahrzehnte hie\u00df es, \u201edie Jugend\u201c sei passiv, nur technikverliebt und politisch uninteressiert. So n\u00f6rgelten vor allem die \u00c4lteren. Und wenn sich mal eine junge, ein mutige und kreative Bewegung bildet, die die Verh\u00e4ltnisse aufmischt? Dann n\u00f6rgeln \u00c4ltere ebenfalls an ihr herum. Greta Thunberg, die erst 16-j\u00e4hrige schwedische Umwelt-Aktivistin, hat schon jetzt Gro\u00dfes bewirkt \u2014 nicht nur gemessen an ihrem Alter. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen die Beharrungskr\u00e4fte, die unsere Umwelt an den Rand des Abgrunds getrieben und die Interessen k\u00fcnftiger Generationen nach dem Motto \u201eNach uns die Sintflut\u201c mit F\u00fc\u00dfen getreten haben, das nicht auf sich sitzen lassen. Schon laufen boshafte Kampagnen mit dem Ziel, Greta l\u00e4cherlich zu machen, sie als unprofessionell und als Marionette diverser PR-Interessen abzukanzeln. Verhindern wir, dass auch dieser wertvolle Impuls wieder kaputt gemacht wird! Reihen wir uns ein \u2014 auch als nicht mehr ganz so Junge \u2014 in eine gro\u00dfe Protestbewegung f\u00fcr das \u00dcberleben unseres Planeten!<\/p>\n<p>Aus der Halle drangen Schreie, der Boden bebte unter dem Getrampel der Eindringlinge. Baro nahm den \u00dcberfall der jugendlichen Horde wie im Traum war. Ein junger Mann, nein, ein Kind steckte seinen Kopf durch die T\u00fcr des Salons und befahl ihn heraus. Er stellte sich zu den anderen Heiminsassen auf den Gang. Es war eine gespenstische Situation: dort die grimmig dreinblickenden Jugendlichen, hier die festlich herausgeputzte, vor Angst schlotternde Abendgesellschaft der Alten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich l\u00f6ste sich eine junge Frau aus den Reihen der Jugendlichen. Provozierend langsam schritt sie die Front der Alten ab, inspizierte sie so absch\u00e4tzig, wie ein Arzt die Kandidaten bei der Musterung. \u201eL\u00e4cherlich\u201c, sagte sie schlie\u00dflich und gab das Zeichen zum Abmarsch. L\u00e4cherlich. Mehr nicht. Baro h\u00e4tte sich kein vernichtenderes Urteil \u00fcber seine Generation vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies sind S\u00e4tze aus meinem Roman \u201eGO! \u2014 Die \u00d6kodiktatur\u201c, der bereits vor 26 Jahren erschienen ist. In dem besagten Kapitel st\u00fcrmen Jugendliche eine \u201eAltensiedlung\u201c, in der Politiker, Wirtschaftsf\u00fchrer, Journalisten, Werber und andere Vertreter der ehemaligen Eliten konzentriert sind, f\u00fcr die es in der Gesellschaft keine Verwendung mehr gibt.<\/p>\n<p>Ich erinnerte mich an diese Passage, nachdem ich am 1. M\u00e4rz in Hamburg auf einer Fridays-for-Future-Demo Zeuge wurde, wie die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg vor mehr als dreitausend Sch\u00fclern den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft die Leviten las. Sie versprach, dass man den Schulstreik so lange aufrechterhalten werde, bis ernsthaft erkennbar wird, dass der Klimaschutz ganz oben auf der politischen Agenda steht.<\/p>\n<p>Da dies vermutlich nicht oder nicht rechtzeitig genug geschehen wird, werden eben jene als \u201edie gr\u00f6\u00dften Schurken der Geschichte\u201c \u2014 Originalton Greta Thunberg \u2014 in Erinnerung bleiben, die es in verantwortlicher Position haben geschehen lassen. Sie haben zugelassen, dass die kommenden Generationen nichts anderes zu tun haben werden, als das schreckliche Erbe auszul\u00f6ffeln, das wir, die T\u00e4tergeneration, ihnen hinterlassen.<\/p>\n<p>\u201eL\u00e4cherlich. Baro h\u00e4tte sich kein vernichtenderes Urteil \u00fcber seine Generation vorstellen k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p>Dass die Bewertung der jungen Revoluzzerin aus meinem Roman den Nagel auf den Kopf trifft, zeigt sich \u00fcberdeutlich an den Reaktionen auf die von Greta Thunberg losgetretene Klimaschutzbewegung, die vor allem durch ihre radikalen Forderungen besticht.<\/p>\n<blockquote><p>In zuvor nie da gewesener Offenheit schleuderte die junge Schwedin den versammelten Staatschefs auf der 24. (!) Weltklimakonferenz folgenden Satz entgegen: \u201eSie alle hier haben ja nicht einmal den Mut, die Tatsachen zu benennen. Selbst diese Last laden Sie uns Kindern auf!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Art von Klartext ist man in den abgehobenen Kreisen unserer politischen Entscheidungstr\u00e4ger nicht gewohnt. Schon gar nicht von Kindern, deren Demos man ja schlecht mit Wasserwerfern, Gummigeschossen und Tr\u00e4nengas aufl\u00f6sen kann. Deren Zulauf man z\u00e4hneknirschend, aber l\u00e4chelnd zur Kenntnis nehmen muss.<\/p>\n<p>Wie etwa EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, der bei einem Treffen mit Greta Thunberg in Br\u00fcssel die neue Sch\u00fclerbewegung ausdr\u00fccklich lobte:<\/p>\n<p><em>\u201eIch begr\u00fc\u00dfe sehr, was junge Menschen zur Zeit in Europa bewirken, ich habe die letzten Jahre oft bedauert, dass junge Menschen sich eigentlich nicht ins Zeug werfen, wenn es darum geht, wichtige Dinge von der Stelle zu bewegen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wie verlogen kann man sein? Was zum Teufel hat seine Kaste, deren Aufgabe es w\u00e4re, wichtige Dinge wie den Klimaschutz von der Stelle zu bewegen, denn bisher geleistet? Erinnert sich jemand an das Foto, auf dem er sich hinabbeugt und der kleinen Greta die Hand k\u00fcsst? Brrrr. G\u00e4nsehaut, die auch nach dem Betrachten des Bildes noch eine Weile anh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wie unvorbereitet das jugendliche Erwachen die im eigenen Saft schmorenden \u201eVolksvertreter\u201c getroffen hat und wie st\u00fcmperhaft damit umgegangen wird, l\u00e4sst sich auch an den Personen Merkel und Lindner festmachen. Unsere Kanzlerin f\u00fchlte sich zun\u00e4chst v\u00f6llig \u00fcberfahren. Auf der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz sprach sie von \u201ehybrider Kriegsf\u00fchrung\u201c, mit der vor allem Russland gezielt Propaganda und Desinformation verbreite. W\u00f6rtlich sagte sie:<\/p>\n<p><em>\u201eDass pl\u00f6tzlich alle deutschen Kinder nach Jahren ohne jeden \u00e4u\u00dferen Einfluss auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Schon kurz nach ihrer Rede stellte Regierungssprecher Seibert auf Nachfrage jedoch klar, Merkel finde das Engagement der Sch\u00fcler \u201eausdr\u00fccklich gut\u201c, es habe sich blo\u00df um ein \u201eBeispiel f\u00fcr die Mobilisierung durch Kampagnen im Netz\u201c gehandelt. Der Rauten-Salto r\u00fcckw\u00e4rts war wieder perfekt gelungen. Greta Thunberg konterte Merkels Worte vom \u00e4u\u00dferlichen Einfluss \u00fcbrigens erstaunlich souver\u00e4n: Sie erkenne in der Aussage der Kanzlerin ein problematisches, immer wiederkehrendes Muster, in dem es um alles M\u00f6gliche geht, aber eben nicht um den Klimawandel.<\/p>\n<p>Und jetzt zu Christian Lindner, einer der herausragenden Witzfiguren, mit der unsere Parteienlandschaft aufzuwarten wei\u00df. Vor ein paar Monaten \u00fcberraschte der FDP-Vorsitzende mit der Aussage, dass man beim B\u00e4cker nie wissen k\u00f6nne, ob der vor einem in der Reihe stehende Ausl\u00e4nder ein Akademiker oder ein Terrorist sei. Jetzt mischte er sich auf seine unnachahmliche Art in die Fridays-for-Future-Debatte ein. Der Welt am Sonntag sagte er:<\/p>\n<p><em>\u201eIch bin f\u00fcr Realit\u00e4tssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenh\u00e4nge, das technisch Sinnvolle und das \u00f6konomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache f\u00fcr Profis\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Bitte?! Profis? Profit trifft es wohl eher. Um diesen auch in Zukunft nicht zu gef\u00e4hrden, jedenfalls nicht f\u00fcr seine Klasse, mobilisiert er erneut den Stammtisch als Brecheisen gegen das \u201ekindliche Aufbegehren\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eStatt zu demonstrieren und Stunden zu verpassen, sollten die Sch\u00fcler lieber in den Unterricht gehen und sich \u00fcber physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenh\u00e4nge informieren!\u201c<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Klar, Schule schw\u00e4nzen geht in Deutschland genauso wenig, wie unbefugt den Rasen zu betreten. Auf dieses Argument setzt Lindner, das wird schon funktionieren. Daneben muss jedes \u00fcbergeordnete Ziel verblassen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und schon w\u00e4chst die Fraktion derer sprunghaft an, die den Eltern von Schulschw\u00e4nzern eine heftige Geldstrafe aufbrummen wollen. Neben der \u201eStrafgeld-Keule\u201c werden in der \u00f6ffentlichen Debatte nat\u00fcrlich noch andere Kaliber aufgefahren, um die junge Protestbewegung zu diskreditieren und zu spalten.<\/p>\n<p>Der schwedische Wirtschaftsjournalist Andreas Henriksson, dessen Spezialgebiet die PR-Branche ist, \u00e4u\u00dferte sich dazu auf seiner Facebookseite: Bei Greta Thunberg handele es sich lediglich um eine Marionette, die erfunden wurde, um das neue Buch von Gretas Mutter, der Operns\u00e4ngerin Malena Ernman, zu promoten. Seitdem machen Kimawandelleugner weltweit mobil. Die Diffamierungskampagne gegen die \u201eselbsternannte Jeanne D\u2018Arc der \u00d6kologie\u201c l\u00e4uft auf vollen Touren. Das eigentliche Anliegen der demonstrierenden Sch\u00fcler droht aus dem Blickwinkel einer breiten \u00d6ffentlichkeit zu geraten und im \u00fcblichen R\u00e4nkespiel verschiedenster Interessen zermalmt zu werden, bis wieder alles in ranziger Butter ist.<\/p>\n<blockquote><p>Und genau dies, liebe Freunde, gilt es zu verhindern!<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gilt zu verhindern, dass ein \u00fcberlebenswichtiger Impuls, der zudem aus der Jugend kommt, nicht daran gehindert wird, in unser aller Bewusstsein zu dringen, damit unsere Kinder und Enkelkinder \u00fcberhaupt noch eine Zukunft haben. So weit ist es gekommen.<\/p>\n<p>Was mich an der Klimadiskussion, wie sie nach Greta Thunberg gef\u00fchrt wird, st\u00f6rt, ist die Tatsache, dass zu viele Leute sich zu schnell Absolution erteilen wollen. Es ist viel die Rede von der \u201eKlimaindustrie\u201c und davon, dass man doch der Spur des Geldes folgen solle, um die \u201eKlimahysterie\u201c zu verstehen. Das mit dem CO2 sei eine gigantische L\u00fcge et cetera.<\/p>\n<p>Vergesst die CO2-Debatte. Der Wissenschaftsstreit ist so alt wie die Wissenschaft selbst, die au\u00dferdem noch korrumpierbar ist, wie so ziemlich alles und jeder auf dieser Welt. Es m\u00fcsste eigentlich bekannt sein, dass zum Beispiel einer der gr\u00f6\u00dften Global Player, Koch Industries, wissenschaftliche Studien mit der Vorgabe in Auftrag gegeben hat, den Klimawandel vehement zu leugnen. Die Spur des Geldes f\u00fchrt eben mal da hin, mal dort hin.<\/p>\n<p>Das sagt aber doch nichts dar\u00fcber aus, in welch verheerendem Ma\u00dfe unsere Spezies auf diesem Planeten w\u00fctet.<\/p>\n<blockquote><p>Und wer angesichts der katastrophalen Verh\u00e4ltnisse, die wir bereits hergestellt haben \u2014 und die ja nicht besser, sondern immer schlimmer werden, \u2014 so tut, als sei unser gigantisches Vernichtungswerk, auch an uns selber \u00fcbrigens, noch in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, wer nicht in seinem tiefsten Herzen betroffen ist von dem erbarmungslosen Krieg, den die Menschheit gegen ihre Mitwesen auf diesem Planeten, ja gegen die gesamte Erde f\u00fchrt, kann mir nur herzlich leid tun. Er lebt nicht mehr, er ist erkaltet \u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>PS: Gestern schrieb mir \u00fcbrigens ein Freund aus Sachsen. Er ist Lehrer und arbeitet angesichts der Freitagsdemos auch mit meinem Roman \u201eGO! \u2014 Die \u00d6kodiktatur\u201c im Unterricht. \u201eAber so richtig kann ich aus den Freitagsaktionen keine Hoffnung sch\u00f6pfen\u201c, bemerkt er abschlie\u00dfend, \u201edenn ich glaube nicht, dass die lieben Kinder nach der Demo auch zum notwendigen Handeln inklusive des zwingenden Verzichtes vieler lieb gewordener Gewohnheiten bereit sind \u2026\u201c<\/p>\n<p>Diese Bef\u00fcrchtung, zu der ich leider auch tendiere, sollte uns aber nicht daran hindern, unseren kritischen und engagierten Kindern mit aller Kraft zur Seite zu stehen. Und wenn wir ihnen nur erkl\u00e4ren, mit welchen Tricks man sie auszubremsen versucht.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmalig bei <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/die-verleumdungs-kampagne\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon \u2013 Magazin f\u00fcr die kritische Masse<\/a> unter CC BY 4.0.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dirk C. Fleck<\/strong>, Jahrgang 1943, studierte an der Deutschen Journalistenschule in M\u00fcnchen, volontierte beim <em>Spandauer Volksblatt<\/em> in Berlin, kreierte dort mit dem \u201eMagazin\u201c die erste Wochenendbeilage einer deutschen Tageszeitung, war Lokalchef der <em>Hamburger Morgenpost<\/em>, sowie Redakteur bei <em>Tempo<\/em>, <em>Merian<\/em> und <em>Die Woche<\/em>. Er arbeitete als regelm\u00e4\u00dfiger Kolumnist f\u00fcr <em>Die Welt<\/em> und die <em>Berliner Morgenpost<\/em> und war f\u00fcr den <em>Stern<\/em>, den <em>Spiegel<\/em> und <em>Geo<\/em> als Autor t\u00e4tig. Sei dem Jahr 2000 widmet sich Fleck ausschlie\u00dflich seiner schriftstellerischen T\u00e4tigkeit. F\u00fcr seine Romane \u201eGO! \u2014 Die \u00d6kodiktatur \u201c und \u201eDas Tahiti Projekt\u201c erhielt er den renommierten Deutschen Science Fiction Preis. Flecks Hauptthema ist der drohende \u00f6kologische Kollaps und die Neuordnung der globalen Zivilgesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit allen Mitteln versuchen die Profiteure der Klimakatastrophe die positiven Impulse Greta Thunbergs zu diskreditieren. \u00dcber Jahrzehnte hie\u00df es, \u201edie Jugend\u201c sei passiv, nur technikverliebt und politisch uninteressiert. So n\u00f6rgelten vor allem die \u00c4lteren. 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