{"id":825497,"date":"2019-03-17T20:28:14","date_gmt":"2019-03-17T20:28:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=825497"},"modified":"2023-06-11T15:41:01","modified_gmt":"2023-06-11T14:41:01","slug":"neues-vom-finanzmarkt-hoechste-zeit-fuer-einen-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/03\/neues-vom-finanzmarkt-hoechste-zeit-fuer-einen-wandel\/","title":{"rendered":"Neues vom Finanzmarkt &#8211; H\u00f6chste Zeit f\u00fcr einen Wandel"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Von G\u00fcnter Grzega\u00a0\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wenn man die Wirtschaftsnachrichten der letzten Wochen verfolgt, dann k\u00f6nnte man annehmen, dass doch in Deutschland alles ganz gut l\u00e4uft. Die Arbeitslosenzahlen sinken und die Wirtschaftsdaten zeigen immer noch ein beachtlich hohes Niveau. Auch die aktuellen Bilanz-Pressekonferenzen der Finanzinstitute lassen, zumindest im Bereich der Genossenschaftsbanken und Sparkassen, keine akut krisenhafte Entwicklung erkennen.<\/p>\n<p>Wenn man dann aber die Gesamtsituation im Finanzmarktbereich analysiert, dann wird deutlich, dass die seit der gro\u00dfen Finanzkrise 2008 aufgedeckten Risiken keineswegs im erforderlichen Umfang abgebaut wurden, sondern dass sogar entgegen der politischen Versprechungen nach dem Crash eine Ausweitung von sog. \u201eKlumpen-Risiken\u201c pl\u00f6tzlich wieder als \u201esinnvoll\u201c betrachtet werden. Oder wie ist es zu verstehen, wenn 2009 nach der Rettung einiger vor der Pleite stehender Finanzkonzernen mit Steuergeldern, die dann automatisch zu einer h\u00f6heren Staatsverschuldung f\u00fchrten, versprochen wurde, nie mehr Banken zuzulassen, die \u201etoo big to fail\u201c, also zu gro\u00df, um sie scheitern zu lassen, aber nun politisch von einer Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank debattiert wird?<\/p>\n<h4>Nichts gelernt aus der Finanzkrise von 2008?<\/h4>\n<p>Wieder einmal versucht man offensichtlich den schon in der Natur gescheiterten Weg der Dinosaurier, die vergebliche Hoffnung der Rettung durch Gr\u00f6\u00dfe. Ebenso forsch forderten nach 2008 die Entscheider in der Politik, die Finanzm\u00e4rkte streng zu regulieren und eine Finanztransaktionssteuer nicht nur zur Verhinderung von unsinnigen Wettgesch\u00e4ften, sondern auch zur Transparenz von diesen Finanzwetten einzuf\u00fchren. Aber nichts dergleichen wurde umgesetzt, au\u00dfer eine kaum mehr zu \u00fcberblickende Zahl von oftmals unsinnigen neuen Regulatorien f\u00fcr kleine und mittlere Banken und Sparkassen \u00a0einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Diese \u00fcberbordende und offensichtlich als Beweis f\u00fcr politische Aktivit\u00e4t durchgef\u00fchrte Regulatorik, f\u00fchrt inzwischen dazu, dass immer mehr kleine kerngesunde Kreditgenossenschaften oder Sparkassen fusionieren m\u00fcssen, um die Kosten dieser unangemessenen B\u00fcrokratie zu schultern.\u00a0 F\u00fcr die gro\u00dfen Bankkonzerne mit ihren eigenen Rechtsabteilungen bedeuten diese neuen Vorschriften keinerlei \u00dcberbelastung, und man kann davon ausgehen, dass sie mit gro\u00dfer Genugtuung feststellen, dass auf Grund dieser \u201eNeben-Kriegsschaupl\u00e4tze\u201c kaum jemand bemerkt, dass in ihre Finanzwettgesch\u00e4fte nicht nachhaltig\u00a0 eingegriffen und keine Finanztransaktionssteuer eingef\u00fchrt oder gar ein Trennbanken-System mit einer Zerschlagung der Konzerne in Gesch\u00e4ftsbanken und Investmentbanken ernsthaft politisch angegangen wurde.<\/p>\n<h4>Cum-ex, Cum-cum und die Verwahrlosung der Eliten<\/h4>\n<p>Ebenso wenig gab es eine umfassende R\u00fcckkehr zu den Normen von Ethik und Moral in einigen Bereichen der Finanzm\u00e4rkte. Oder wie ist es mit Ethik und Moral zu vereinbaren, wenn durch die R\u00fcckerstattung nicht bezahlter Steuern mittels der sog. Cum-ex- und Cum-cum-Gesch\u00e4fte allein in Deutschland ein finanzieller Schaden f\u00fcr den staatlichen Haushalt, also f\u00fcr alle Steuerzahler, \u00a0von rund 31,8 Milliarden Euro entstanden ist und\u00a0 schon wieder neue Erstattungsstrategien f\u00fcr nicht bezahlte Steuern entdeckt wurden?<\/p>\n<p>Die neu entdeckte Masche wird als \u201eCum-Fake\u201c bezeichnet. Dabei geht es um von Banken ausgestellte Papiere, die in den USA stellvertretend f\u00fcr ausl\u00e4ndische Aktien, also z. B. auch deutsche Aktien, gehandelt werden. Grunds\u00e4tzlich m\u00fcssten f\u00fcr solche ADR-Papiere (American Depositary Receipts) echte Aktien hinterlegt werden. Gro\u00dfbanken und Aktienh\u00e4ndlern wird nun aber vorgeworfen, in den USA mehrere Millionen von ADR-Papieren herausgegeben zu haben, die nicht mit einer echten Aktie hinterlegt waren, also daf\u00fcr auch keine Steuern gezahlt, aber dann eine Steuererstattung verlangt wurde. Gabor Steingart, ehemaliger Mitherausgeber des \u201eHandelsblatt\u201c, scheint doch nicht \u00fcbertrieben zu haben, als er die Machenschaften in manchen Chefetagen der Wirtschaft als \u201eElitenverwahrlosung\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, allein mit den ungerechtfertigten Steuererstattungen aus Cum-ex- und Cum-cum-Gesch\u00e4ften h\u00e4tte unser Staat jeder Schule in Deutschland 1 Million Euro zus\u00e4tzlich zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnen. Und stellen wir uns einfach vor, dass die Aufdeckung dieser extrem gesellschaftssch\u00e4digenden Praktiken endlich eine grunds\u00e4tzliche \u00c4nderung der aktuellen, auf Profit und Gier ausgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik, einen Wandel hin zu einer am Gemeinwohl ausgerichteten Wirtschaftsordnung angesto\u00dfen h\u00e4tte. Aber noch sp\u00fcrt man keinen Aufbruch bei den Eliten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.<\/p>\n<h4>Sch\u00fcler*Innen, Unternehmen und Zivilgesellschaft sind bereit f\u00fcr den Wandel<\/h4>\n<p>Dass dieser Wandel \u00fcberlebenswichtig ist, wird jedoch von Tag zu Tag deutlicher und auch die wunderbaren \u201eFridays-for-Future-Demonstrationen\u201c der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zeigen es unmissverst\u00e4ndlich auf: Die zerst\u00f6rerische Ideologie des Neoliberalismus muss endlich \u00fcberwunden werden oder wir fahren letztlich Klima und Umwelt und damit unser aller Zukunft, aber zuerst den Euro, Europa und damit unausweichlich auch Deutschland gegen die Wand. Und daf\u00fcr gibt es ein bereits in der Praxis erfolgreich umgesetztes Konzept, n\u00e4mlich das im Jahr 2011 von f\u00fcnfzehn UnternehmerInnen als \u00e4hnliche \u201eGraswurzel-Bewegung\u201c wie \u201eFridays-for-Future\u201c begonnene Konzept der Gemeinwohl-\u00d6konomie (www.ecogood.org).<\/p>\n<p>Inzwischen wird die Gemeinwohl-\u00d6konomie nicht nur von tausenden von UnternehmerInnen, Gemeinden, Universit\u00e4ten, Privatpersonen etc. in Deutschland, \u00d6sterreich und Europa unterst\u00fctzt, sondern verbreitet sich auch in sog. \u201eEnergie-Feldern\u201c auch in Nord-, Mittel- und S\u00fcd-Amerika. Selbst der Nachweis der \u201egelebten\u201c Gemeinwohl-\u00d6konomie, n\u00e4mlich die Erstellung einer auditierten und mit Punkten bewerteten \u201eGemeinwohl-Bilanz\u201c, und zwar neben der Finanzbilanz, wird inzwischen von mehr als 500 Unternehmen und auch einigen Gemeinden in Deutschland und Europa praktiziert.<\/p>\n<h4>Die Gemeinwohl-\u00d6konomie wirtschaftet zum Wohl aller!<\/h4>\n<p>In der Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens, einer Gemeinde etc. werden entsprechend der sich st\u00e4ndig in demokratischer Abstimmung weiter entwickelten Gemeinwohl-Bilanz-Matrix die festgelegten Werte \u201eMenschenw\u00fcrde \u2013 Solidarit\u00e4t und Gerechtigkeit \u2013 \u00d6kologische Nachhaltigkeit \u2013 Transparenz und Mitentscheidung\u201c mit den Ber\u00fchrungsgruppen des Unternehmens, der Gemeinde etc., wie beispielsweise Lieferanten, Gesellschaftliche Umfeld, MitarbeiterInnen, \u00a0verkn\u00fcpft\u00a0 und bewertet. In dem 5-Minuten-Video der Gemeinwohl-\u00d6konomie-Bewegung kann man sich das Grundverst\u00e4ndnis der Gemeinwohl-\u00d6konomie schnell und unkompliziert aneignen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/cVFvyd7SmxU\" width=\"700\" height=\"400\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Erste Schritte f\u00fcr ein neues Wirtschaftssystem<\/h4>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann eine ideologisch verfestigte Wirtschaftsstrategie nicht von heute auf morgen umgestellt werden. Der Weg ist das Ziel! Und wir haben es doch geschafft, mit \u00dcbergangsfristen den Ausstieg aus der &#8211; \u00e4hnlich wie der Neoliberalismus &#8211;\u00a0 so zerst\u00f6rerischen Atomenergie zu gestalten. Wie w\u00e4re es, wenn wir als ersten, wichtigsten und besonders dynamische Entwicklungen ausl\u00f6senden Schritt die Vergabe von \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4gen gesetzlich an die Voraussetzung koppeln, dass sich nur Unternehmen mit einer auditierten Gemeinwohl-Bilanz f\u00fcr \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge bewerben k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich muss es hier wie beim Atomausstieg eine \u00dcbergangsfrist geben. Eine faire Geschichte w\u00e4re beispielsweise eine Frist f\u00fcr diese Bilanzerstellung bis sp\u00e4testens zum 31.12.2024. Dabei d\u00fcrfen wir sicher sein, dass nur die wenigsten Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt auf eine Gemeinwohl-Bilanz verzichten w\u00fcrden. \u00dcbrigens ben\u00f6tigt es auch keine Vorgabe von Mindest-Pluspunkten. Die Erfahrungen der inzwischen \u00fcber 500 Unternehmen mit solchen Bilanzen zeigen, dass sich mit der erstmaligen Aufstellung eine unternehmensinterne Dynamik hin zu Gemeinwohlthemen insgesamt entwickelt, die automatisch zu immer besseren Ergebnissen f\u00fchrt.<\/p>\n<h4>Drei Kernfragen weisen den Weg<\/h4>\n<p>Nicht zu vergessen ist, dass das Thema Gemeinwohl-\u00d6konomie inzwischen auch in wichtigen Gremien der EU als zu unterst\u00fctzende Wirtschaftsform angekommen ist. Erg\u00e4nzen wir also die Forderung der \u201eFridays-for-Future-Bewegung\u201c mit dem Hauptziel der Rettung von Klima und Umwelt mit der pers\u00f6nlichen t\u00e4glichen Forderung an jedes Mitglied in einem Kommunal-, Landes- und Bundes- oder Europa-Parlament zur verpflichtenden Einf\u00fchrung der \u201eGemeinwohl-Bilanz\u201c als \u201eDaily-for-Future-Bewegung\u201c. Die Gemeinwohl-\u00d6konomie stellt n\u00e4mlich die grunds\u00e4tzlich entscheidenden Fragen f\u00fcr alles Handeln von Unternehmen, Gemeinden, Institutionen und an jeden von uns:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Dient es den Menschen? \u2013 Dient es der Umwelt? \u2013 Dient es dem Frieden?<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeit ist reif f\u00fcr einen Wandel!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-825516\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/www.campuscolleg.de_g\u00fcnter_grzega-1-240x300.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/www.campuscolleg.de_g\u00fcnter_grzega-1-240x300.jpg 240w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/www.campuscolleg.de_g\u00fcnter_grzega-1.jpg 281w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/p>\n<p><em>G\u00fcnter Grzega ist Diplom-Bankbetriebswirt und Diplom-Verwaltungsbetriebswirt. Er ist emeritierter Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank M\u00fcnchen eG, Vorsitzender des Ethik-Beirats der Bank sowie Botschafter der Gemeinwohl-\u00d6konomie. In seiner Amtszeit hat Grzega die Sparda-Bank M\u00fcnchen mit zur gr\u00f6\u00dften Genossenschaftsbank Bayerns gef\u00fchrt. Von 2010 bis 2015 war er Vorstandsvorsitzender des Senatsinstituts f\u00fcr gemeinwohlorientierte Politik (IGP). Zuletzt erschien von ihm das Buch <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/DIE-VORSTUFE-ZUM-PARADIES-alle\/dp\/3981534735\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDie Vorstufe zum Paradies f\u00fcr uns alle &#8211; Warum wir sie erreichen k\u00f6nnen und wie sie finanzierbar w\u00e4re\u201c<\/a>, geschrieben zusammen mit Sarah Benecke und Gunther Moll (erschienen im Papeto-Verlag, 2018).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/tag\/gemeinwohl-oekonomie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>Weitere Artikel zur Gemeinwohl-\u00d6konomie<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von G\u00fcnter Grzega\u00a0\u00a0 Wenn man die Wirtschaftsnachrichten der letzten Wochen verfolgt, dann k\u00f6nnte man annehmen, dass doch in Deutschland alles ganz gut l\u00e4uft. Die Arbeitslosenzahlen sinken und die Wirtschaftsdaten zeigen immer noch ein beachtlich hohes Niveau. 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