{"id":801618,"date":"2019-02-04T11:16:50","date_gmt":"2019-02-04T11:16:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=801618"},"modified":"2019-02-04T11:26:38","modified_gmt":"2019-02-04T11:26:38","slug":"der-feminismus-ist-nicht-nur-eine-bewegung-der-frauen-sondern-eine-bewegung-von-allen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/02\/der-feminismus-ist-nicht-nur-eine-bewegung-der-frauen-sondern-eine-bewegung-von-allen\/","title":{"rendered":"\u201eDer Feminismus ist nicht nur eine Bewegung der Frauen, sondern eine Bewegung von allen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Maria Graciela Tellechea ist eine argentinische \u00dcbersetzerin f\u00fcr deutsche Literatur, sie kam nach Berlin, um an verschiedenen \u00dcbersetzungsprojekten zu arbeiten. In diesem Interview haben wir uns \u00fcber die feministische Bewegung in ihrem Land, den Feminismus im Allgemeinen und \u00fcber ihre Erfahrungen in Deutschland unterhalten.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Wie begann dein feministischer Aktivismus?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Was in Argentinien geschah, war nicht geplant, sondern es passierte einfach. Im Jahr 2015 gab es eine soziale Explosion, bei der viele Menschen wegen des konkreten Falles eines M\u00e4dchens \u2013 Chiara \u2013 unter dem Motto \u201eNicht eine weniger\u201c auf die Stra\u00dfe gingen, um zu zeigen, dass sie die Schnauze voll hatten von den Femiziden, den toten Teenagerinnen, deren K\u00f6rper in Gr\u00e4bern, in M\u00fclls\u00e4cken, etc. aufgefunden wurden. Das war 2015, aber in Argentinien gibt es schon seit 33 Jahren nationale Frauentreffen, die jetzt als plurinational bezeichnet werden, damit der Name auch Indigene und Migrantinnen miteinbezieht. Es sind j\u00e4hrliche Bundestreffen, die in verschiedenen Teilen Argentiniens stattfinden.<\/p>\n<p>Seit vielen Jahren setzte ich mich f\u00fcr die legale Abtreibung ein, seit 2009. Schon immer habe ich mich f\u00fcr das Thema interessiert. Damals konnte man in Argentinien noch nicht laut dar\u00fcber sprechen, so wie heute. Ich war 14 Jahre alt, als eine meiner Freundinnen abtreiben musste. Pers\u00f6nlich habe ich diese Erfahrung nicht gemacht, aber viele junge Frauen in meinem n\u00e4chsten Umfeld mussten eine Abtreibung durchf\u00fchren lassen, nat\u00fcrlich in der Illegalit\u00e4t. Mein Interesse wuchs und ich begann den Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens im Kongress zu verfolgen, das seit 2007 wiederholt durchgef\u00fchrt wurde. Ich erinnere mich, dass im Jahr 2011 die Gesetzesvorlage es fast ins Parlament zur Debatte geschafft hatte. Aus dieser Zeit, von dieser Demonstration habe ich mein erstes gr\u00fcnes Halstuch. Dort wurde ich zum ersten Mal mit dem Hass auf die errungenen Frauenrechte, mit dem absoluten Extremismus, mit dem Konservativismus und mit der totalen Verschlossenheit auf der anderen Seite der Absperrung konfrontiert. Wir waren sehr wenige an diesem Tag.<\/p>\n<p>So begann meine Militanz, die im Grunde genommen darin bestand, auf jeden Artikel zu diesem Thema zu achten oder mit Leuten in meiner Umgebung dar\u00fcber zu sprechen. Es handelte sich immer um Berichte, die anprangerten, dass legal begr\u00fcndete Abtreibungen schlicht und einfach nicht durchgef\u00fchrt wurden. Ich kann mich zum Beispiel an den Fall eines 12-j\u00e4hrigen behinderten M\u00e4dchens erinnern, die wiederholt von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden war und es nicht geschafft hat, die Abtreibung durchf\u00fchren zu lassen, weil der Richter seinen Beschluss vertagte und vertagte und vertagte\u2026 Solche F\u00e4lle erschienen immer wieder, fast ausschlie\u00dflich durch eine Journalistin ver\u00f6ffentlicht, die ich sehr bewundere, Mariana Carbajal. Wie ich sagte, wurde dar\u00fcber kaum gesprochen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wollte ich an den Frauentreffen teilnehmen und wenn ich das sagte, war bei allen die erste Reaktion: \u201eWarum ein Frauentreffen?\u201c, \u201eUnd was ist mit den M\u00e4nnern?\u201c. Dann musste ich mit den Rechtfertigungen anfangen. Sobald ich \u00fcber Abtreibung und Gewalt sprach, dann \u201ewar es in Ordnung\u201c, \u201ewenn das der Grund ist\u2026 einverstanden, ja, wir lassen zu, dass sie sich alleine treffen, ohne die Anwesenheit eines Mannes, der dar\u00fcber wacht, ob sie alles richtig machen, und ohne, dass sie die Zustimmung dazu haben, was sie sagen, wie sie Politik machen oder zu ihre Art sich zu treffen.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Treffens im Jahr 2015 (Wahljahr in Argentinien) in Mar de Plata kandidierte ein gewisser Arroyo (der derzeitige B\u00fcrgermeister), ein Typ im Stil von Bolsonaro. Etwas Schreckliches geschah damals. Normalerweise m\u00fcnden die Frauentreffen in eine Demonstration, die vor der Kathedrale endet, um dort laut gegen die Kirche zu protestieren. Immer fand sich irgendeine Gruppe ein, die uns mit Sachen bewarf, die st\u00f6rte und die Polizei z\u00e4unte alles ab. Aber dieses Mal machte die Polizei gemeinsame Sache mit diesen Typen, es waren die gleichen. Es war eine Parapolizei, die mit der Polizei gemeinsam agierte. Sie haben es sogar geschafft, einige junge Frauen in die Kirche zu schleppen, um sie dort zu foltern. Da war der Moment, als ich zu mir sagte: \u201eN\u00e4chstes Jahr werde ich zum Treffen gehen, egal was passiert\u201c. Au\u00dferdem war das Treffen in Rosario, einer Stadt drei Stunden von Buenos Aires entfernt, also hatte ich keine Ausrede mehr.<\/p>\n<div id=\"attachment_789719\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-789719\" class=\"wp-image-789719 size-large\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Martes-verde-en-el-Congreso-nacional-Abril-2018-720x493.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"493\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Martes-verde-en-el-Congreso-nacional-Abril-2018-720x493.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Martes-verde-en-el-Congreso-nacional-Abril-2018-300x205.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Martes-verde-en-el-Congreso-nacional-Abril-2018-768x526.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Martes-verde-en-el-Congreso-nacional-Abril-2018.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-789719\" class=\"wp-caption-text\"><em>Gr\u00fcner Dienstag auf dem Nationalkongress, April 2018 (Bild von Roc\u00edo Escobar)<\/em><\/p><\/div>\n<p>Ich bin mit einer Freundin, die bis dahin nichts damit zu tun hatte, hingefahren. Und ich erinnere mich an den ersten Tag, als wir nach einer zweist\u00fcndigen Gespr\u00e4chsrunde den ersten Workshop verlie\u00dfen, begann sie zu weinen. Was in den Frauentreffen geschieht, ist sehr ergreifend, bewegend und sehr mobilisierend. Sie bedankte sich bei mir, dass ich sie mitgenommen hatte. Wir haben uns zum ersten Mal geh\u00f6rt, getragen und gefeiert gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>In diesem Moment reiste ich mit einigen Frauen aus einem Kulturzentrum aus meiner Nachbarschaft. Nicht alle bildeten einen Teil dieser Organisation, wir taten uns jedoch zusammen, um als Gruppe hinzufahren. Es war wundersch\u00f6n, wir nahmen an Workshops teil und dann kamen wir zusammen, um miteinander zu reden. Meistens trafen wir uns auf dem Schulhof, weil wir meisten in Schulen untergebracht waren. Einige \u00f6ffentliche Institutionen \u00f6ffneten ihre T\u00fcren f\u00fcr die Teilnehmerinnen und so wurde die Stadt voll. Stellt euch vor, eine Fraueninvasion; wir haben in den Schulen geschlafen, wir haben uns getroffen, um uns auszutauschen und die Erfahrungen, die wir in den verschiedenen Workshops machten, miteinander zu teilen, wir waren auf den Pl\u00e4tzen, in den Bars, auf den Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass es von da an eine Frage von Tagen, h\u00f6chstens eines Monats war, um mich als Feministin zu bezeichnen. Es fiel mir \u00fcberhaupt nicht schwer. Es war sehr nat\u00fcrlich und es ist uns allen passiert. Von da an haben wir uns als Gruppe formiert.<\/p>\n<p><strong>Warst du davor politisch schon aktiv oder war es das Thema Feminismus\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Nun\u2026, da gab es einen Widerspruch. Ich bin schon immer politisch engagiert gewesen, ideologisch zumindest. Ich ging auf eine \u00f6ffentliche Mittelschule, die eher rechts orientiert war. Ich nahm an der Sch\u00fclervereinigung teil und als wir auf die Idee kamen, ein Plakat mit dem Wort \u201eRevolution\u201c aufzuh\u00e4ngen, wurde es runtergenommen. Das war in den 90er Jahren, einem Jahrzehnt, das in Argentinien gepr\u00e4gt war von einem brutalen Neoliberalismus, von Ausverkauf, von der Privatisierung von allem, auch der Bildung. Ich war bei sehr vielen Demonstrationen. Ich ging zu allen Demos zum 24. M\u00e4rz \u2013 gegen die Straffreiheit f\u00fcr die Massenm\u00f6rder der Milit\u00e4rdiktatur \u2013 und zu den Demos gegen das Bildungsbundesgesetz, das sehr gro\u00dfe Reformen zum Nachteil einer kostenlosen und qualitativ hochwertigen \u00f6ffentlichen Bildung anstrebte.<\/p>\n<p>Im Jahr 2001 studierte ich Kunst an der Universit\u00e4t und nach ein paar Jahren begann ich mit Deutschland in Verbindung zu treten und Deutsch zu lernen. In dieser Zeit studierte ich moderne Sprachen an einer Institution, die kein Studentenzentrum besa\u00df, und in der von der Stadtverwaltung interveniert wurde. Ich kritisiere die studentischen Organisationen sehr stark, weil ich mit ihrer Art und Weise, Politik zu machen, nicht einverstanden bin. Ich kann das jetzt als Feministin sagen, weil ich jetzt die Art und Weise kenne, in der wir Politik machen, und wie wir den Feminismus aufbauen.<\/p>\n<p><strong>Willst du damit sagen, dass auch in fortschrittlichen politischen Organisationen die patriarchalische Form dominiert?<\/strong><\/p>\n<p>Genau, wir k\u00f6nnen es in der Praxis sehen. Ich f\u00fchlte mich unwohl, weil ich mich nicht verbindlich politisch engagierte, was f\u00fcr mich bedeuten w\u00fcrde, einer Partei beizutreten, mit der ich zu mindestens 80% \u00fcbereinstimme. Es gab jedoch immer dieses St\u00f6rger\u00e4usch, die Art und Weise sich zu geben, immer patriarchal, hierarchisch, aus \u201edem, der mehr wei\u00df\u201c, \u201edem, der mehr zu sagen hat\u201c, immer von M\u00e4nnern dominiert. Feminismus bedeutet f\u00fcr mich, dass ich mich gleichzeitig aus einem ideologischen, politischen und kulturellen Standpunk heraus in Form und Inhalt vertreten f\u00fchle. Was ich f\u00fchle ist, dass wir gekommen sind, um alles, absolut alles, zu ver\u00e4ndern. Es geht nicht darum, dass \u201ewir Frauen jetzt das Kommando \u00fcbernehmen\u201c, das w\u00fcrde bedeuten, dasselbe zu tun, aus derselben patriarchalen Logik heraus. Zu sagen: \u201ewir kommen jetzt, um zu belehren und zu sagen, was zu tun ist\u201c. Wenn mich diese Form zu handeln, diese Art den Feminismus aufzubauen etwas gelehrt hat, dann dass der Weg durchs Vorw\u00e4rtsgehen zur\u00fcckgelegt wird, und dass es kein Handbuch gibt, in dem man nachschlagen und sagen kann: \u201eLass uns sehen, wie wir das jetzt machen\u201c.<\/p>\n<p>Wir sagen: \u201eUns bewegt das Verlangen\u201c, es bewegt uns, dass wir die Schnauze voll haben und sich das in dem verzweifelten Schrei ausdr\u00fcckt: \u201eH\u00f6rt auf, uns umzubringen\u201c, \u201eWir wollen leben\u201c, \u201eNicht noch eine weniger\u201c. Wir wollen frei sein, wollen genie\u00dfen, wir wollen unsere Lebensprojekte haben, wir wollen selbst entscheiden. Das ist so, obwohl es im 21. Jahrhundert absolut l\u00e4cherlich klingt und irgendwer k\u00f6nnte dir sagen \u201eDu bist berufst\u00e4tig, du hast einen Universit\u00e4tsabschluss, wo mangelt es dir an Freiheit?\u201c<\/p>\n<p>Der Feminismus ist nicht individualistisch und wenn ich ger\u00fchrt bin, wenn mir Tr\u00e4nen kommen, weil wir das Gesetz f\u00fcr die Legalisierung der Abtreibung durch das Abgeordnetenhaus, aber nicht durch den Senat bekommen haben, mit allem, was uns das gekostet hat, dann weine ich f\u00fcr meine Oma, f\u00fcr meine Uroma, f\u00fcr alle, die uns vorausgegangen sind, und weil ich m\u00f6chte, dass meine Nichte und die T\u00f6chter meiner Nichte und alle Generationen, die kommen werden, es bekommen.<\/p>\n<p>In der Gruppe, in der ich mich einsetzte, geschieht auch etwas Heilendes mit uns. Wir haben ein monatliches Treffen, das wir \u201eranchana\u201c nennen. Es ist ein zusammengesetztes Wort aus \u201erancho\u201c \u2013 was bei uns ein bescheidenes Landhaus bedeutet \u2013 und \u201echana\u201c \u2013 so nennen wir uns selbst \u2013 das bedeutet in Quechua Schwester, Gef\u00e4hrtin und Freundin. Wir treffen uns unter uns, wir machen \u201eranchana\u201c. Das hei\u00dft, wir f\u00fchren eine Aktivit\u00e4t durch, wir antworten oder reagieren auf etwas, was gerade passiert, was auch immer zu besprechen oder wor\u00fcber sich auszutauschen ist. Danach essen wir gut, trinken etwas und fangen an, miteinander \u00fcber alles M\u00f6gliche zu plaudern\u2026 vor allem f\u00fchlen wir uns frei, wir k\u00f6nnen \u00fcber die kleinsten Dinge sprechen, auch wenn sie sich komplett nebens\u00e4chlich anh\u00f6ren, bis zu Sachen wie \u201eals ich klein war, wurde ich missbraucht\u201c. Es bedeutet, einen Raum zu haben, in dem wir f\u00fchlen, dass wir alles sagen k\u00f6nnen und uns dabei getragen f\u00fchlen: genau zu wissen, dass es die gute oder schlechte Feministin nicht gibt, sie existiert nicht, wir k\u00f6nnen deshalb so sein, wie wir wollen. Es gibt kein \u201eFeministometer\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_789710\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-789710\" class=\"wp-image-789710 size-large\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-Pressenza-720x478.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"478\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-Pressenza-720x478.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-Pressenza-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-Pressenza-768x510.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-Pressenza.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-789710\" class=\"wp-caption-text\"><em>\u00a0Bild von Reto Thumiger\/Pressenza<\/em><\/p><\/div>\n<p><strong>Ist es f\u00fcr dich ein argentinisches Thema oder f\u00fchlst du dich als Teil von etwas Gr\u00f6\u00dferem?<\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich als Teil einer breiteren Bewegung. Die feministischen Bewegungen haben keine Nationalit\u00e4t. Auf jeden Fall gibt es kulturelle Aspekte, glaube ich, und deshalb spreche ich immer \u00fcber Lateinamerika. Ich glaube, innerhalb Lateinamerikas gibt es sehr viele Unterschiede, aber es gibt Fragen im Zusammenhang mit dem Status von Frauen, die uns lateinamerikanische Frauen einander n\u00e4herbringen, uns stark verschwestern. Es gibt spezifische und genau determinierte historische und gewaltt\u00e4tige Unterdr\u00fcckungsformen, und ich sage nicht, dass diese in anderen Gegenden der Welt nicht existieren. Was ich sage ist, dass die Form, in der wir sie kennen, die Bel\u00e4stigung auf der Stra\u00dfe, der Missbrauch, im Grunde der allt\u00e4gliche Ausdruck des Machismos, etwas ist, dass f\u00fcr uns vom Tag Null an sehr klar ist, vom Zeitpunkt an, in dem du als \u201eM\u00e4dchen\u201c geboren wirst. Damit m\u00f6chte ich sagen, dass von Geburt an die Welt bestimmt, dass du eine Frau bist. Eine Kette von Ereignissen wird ausgel\u00f6st, dir werden Verhaltensweisen uns Stereotypen auferlegt aufgrund der Tatsache, dass du \u201eeine Frau bist\u201c. Deshalb verstehen Feministinnen in der Regel sofort den Satz von Simone de Beauvoir: \u201eAls Frau wird man nicht geboren, man wird zu einer\u201c.<\/p>\n<p>\u00dcber diese Art Frau zu sein und zu f\u00fchlen spreche ich im Allgemeinen, weil ich auch \u00fcber feminisierte K\u00f6rper sprechen kann, weil es auch &#8211; offensichtlich &#8211; nicht-bin\u00e4re Geschlechtsidentit\u00e4ten, die transgender Frauen gibt. Sowohl der Frauenk\u00f6rper, als auch die Frau als Person haben in Lateinamerika ein ganz besonderes Merkmal. Ich wei\u00df nicht, ob es sich einfach z.B. auf die USA \u00fcbertragen l\u00e4sst (ich war nie dort) oder auf Europa. Als Feministin, die gerade in Deutschland ist, kann ich eine Einsch\u00e4tzung versuchen. Ich k\u00f6nnte dir \u00fcber allt\u00e4gliche Erfahrung aus meiner ersten Zeit in Deutschland erz\u00e4hlen. Ich war 23 Jahre alt und ich verliebte mich in Berlin in einen jungen Mann. Als ich zur\u00fcckging, nach 5 Monaten, merkte ich, dass es bestimmte Sachen gibt, wie zum Beispiel die Bel\u00e4stigung auf der Stra\u00dfe, die ich in Deutschland nicht erlebt hatte. Ich bemerkte den Unterschied erst, als ich zur\u00fcck in Buenos Aires war. Es gibt eine Menge Unterdr\u00fcckung. Ich sage nicht, dass Deutschland ein Paradies sei, aber in diesem Punkt ist die Situation eine andere.<\/p>\n<p><strong>Der Rechtspopulismus schreitet weltweit voran, irrational, regressiv, sehr menschen- und frauenfeindlich. Wir k\u00f6nnen dies in vielen amerikanischen und europ\u00e4ischen L\u00e4nder beobachten. Glaubst du, dass die feministischen Bewegungen ein Gegengewicht zu all dem sein k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich bin \u00fcberzeugt davon. Es ist die einzige sichtbare und wirkliche Option. Den ersten nationalen Streik, dem Macri entgegentreten musste, haben wir Frauen organisiert. Der Typ trat sein Amt im Dezember 2015 an und bis dahin \u2013 Oktober 2016 \u2013 hatte die CGT, der gr\u00f6\u00dfte Gewerkschaftsbund, der alle Einzelgewerkschaften zusammenfasst, keinen einzigen Streik durchgef\u00fchrt, nur die eine oder andere Mobilisierung organisiert. Und es gab schon Massenentlassungen! Der erste Streik war ein Frauenstreik und wir haben es gemacht. Die erste Demonstration, an die ich mich erinnere \u2013 und das ist das Einzige, woran ich mich erinnere \u2013 als Trump sein Amt antrat, war eine Massendemonstration gegen ihn, sag was du willst, aber die Protagonistinnen und diejenigen, die es organisiert hatten, waren die Frauen. Die Demonstrationen gegen Bolsonaro, die Bewegung \u201cEle N\u00e3o\u201c, die gro\u00dfen Mobilisierungen werden von den Frauen durchgef\u00fchrt. Ich meine es passiert bereits jetzt. Wir bleiben nicht bei der Frage stehen \u201ewie wollen wir es tun\u201c, berechnend und spekulierend, wir machen keine Kompromisse. Ich meine, dass der Feminismus in seiner Essenz etwas hat, n\u00e4mlich die Aktion anstatt stehen zu bleiben und sich zuerst den Kopf zu zerbrechen, wie der Feind besiegt werden kann. Wir haben es satt und es gibt kein Zur\u00fcck mehr. Wir haben das Gef\u00fchl, dass keine Feministin zu sein ein Ding der Unm\u00f6glichkeit ist, der Feminismus ist unvermeidlich. In Zeiten wie diesen verstehe ich nicht, warum nicht alle Menschen, die ideologisch in diese Richtung denken, aus der linken, progressiven Richtung, sich nicht sofort als Feminist*innen bezeichnen. Ich glaube, dass ist so, weil das Patriarchat \u00fcberall verwurzelt ist. Es ist nicht nur bei den faschistischen Rechten zu finden, sondern auch bei den linkesten aller Linken auf eine sehr uneinsichtige Art und Weise. Weder wei\u00df ich, wie lange dieser Weg sein wird, noch wie viele Kameradinnen bereit sind, ihn zu beschreiten, denn es ist ein schmerzhafter, schwieriger, harter Weg. Und die M\u00e4nner \u2013 ich spreche ebenfalls im Allgemeinen, wenn ich von M\u00e4nnern rede \u2013 haben auch einen Weg zu gehen innerhalb des Feminismus. Der Feminismus ist eine Bewegung von allen, es ist keine Frauenbewegung, weil wir mehr sind, die Opfer sind oder, weil wir so lange unterdr\u00fcckt worden sind, dass wir jetzt den Platz der M\u00e4nner einnehmen wollen. Wir wollen die Macht erobern, weil wir glauben, dass aus einer Machtposition Sachen in Gang gesetzt werden k\u00f6nnen, aber wir m\u00f6chten auch alles in die Luft sprengen, symbolisch gesprochen. Aber wir werden es nicht in der gleichen Art und Weise tun, weil wir wissen, dass diese Art und Weise repressiv ist, gewaltt\u00e4tig ist. Wir haben kein Interesse an dieser Form der Machtaus\u00fcbung. Es handelt sich um verschieden Arten der Machtaus\u00fcbung, falls wir das gleiche Wort benutzen wollen und wir keine neue Kategorie gebrauchen. Es hat nicht mit der Vagina oder dem Penis zu tun.<\/p>\n<p><strong>Wo liegt denn der Unterschied?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Nun, es ist diese Form, die wir kennen, die gewaltt\u00e4tig, unterdr\u00fcckend, frauenfeindlich, erniedrigend, im Grunde hierarchisch ist. Es ist militaristisch im Sinne von milit\u00e4rischer Struktur, etwa in Form von politischen Organisationen, die dieses Schema normalerweise wiederholen. Es gibt den Anf\u00fchrer, der sagt, was getan werden muss, und der Rest gehorcht. Vom Feminismus her haben wir eine horizontale Art des Handelns und der Kommunikation untereinander. Zum Beispiel, wie gehen wir in unserem feministischen Raum vor? Wir haben Arbeitsgruppen. Es gibt einige Entscheidungen, bei denen nicht jedes Mal alle konsultiert werden. Andere Entscheidungen werden in der Vollversammlung oder in monatlichen Treffen getroffen. Wir haben uns immer so verhalten.<\/p>\n<p>Feminismus zu praktizieren bedeutet auch, Liebe zu den Kameradinnen zu empfinden, den Frauen wurde nur beigebracht, unter einander zu konkurrieren. Um die M\u00e4nner zu k\u00e4mpfen, um zu zeigen, wer die Beste ist, wer das beste Leben f\u00fchrt, die beste Karriere hat, die beste Mutter ist, wer am besten kocht, wer die beste bei allem ist! Und wer ist die Wunderfrau? Diejenige, die alles gleichzeitig tun kann. Was jetzt mit uns passiert, ist, dass wir erkennen, was wir sein k\u00f6nnen, dass wir einen Ort haben, an dem wir verletzlich sein k\u00f6nnen, dass wir so sein k\u00f6nnen, wenn wir es wollen. Wir haben den Raum und den Feminismus, der uns vereint und uns verschwestert. Das bedeutet, es gibt keine Vermittlung. In diesem Sinne muss niemand ein politisches Grundlagenpapier lesen, kein parteipolitisches Programm. So sind wir Feministinnen, wenn wir bei einem Marsch sind, k\u00fcmmern wir uns um einander, wenn eine von uns es braucht, sind wir auch ein Netzwerk. Ein weiterer der h\u00e4ufigsten S\u00e4tze ist &#8222;Nie wieder allein&#8220;. So einfach, wie es klingt. Du bist nicht allein, was auch immer passiert, auch wenn du denkst, dass es Bl\u00f6dsinn ist, wenn du Lust dazu hast, komm und schrei es, kotz es raus, sag es, komm und sag es. Ich bin hier, um dir zuzuh\u00f6ren, genauso wie ich wei\u00df, dass du hier bist, um mir zuzuh\u00f6ren. So funktioniert es, aus Verlangen, aus Liebe, aus Schwesterlichkeit. Schwesterlichkeit, das ist unser Wort.<\/p>\n<div id=\"attachment_789737\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-789737\" class=\"wp-image-789737 size-large\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-2-Pressenza-720x478.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"478\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-2-Pressenza-720x478.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-2-Pressenza-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-2-Pressenza-768x510.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Reto-Thumiger-2-Pressenza.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-789737\" class=\"wp-caption-text\"><em>Bild von Reto Thumiger\/Pressenza<\/em><\/p><\/div>\n<p><strong><em>Horizontal ist schwieriger, Vertikalit\u00e4t ist einfacher, es gibt einen Chef und Befehle.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich, es braucht mehr Zeit, mehr Arbeit. Aber wei\u00dft du was? Wir bereichern uns durch diese Art, ich bestehe darauf. Es gibt niemanden, der sagt: &#8222;Ich habe die Wahrheit, wie man es machen muss&#8220;. Offensichtlich ist dieser ganze Prozess nicht ohne Konflikte. Das ist meine feministische Position; wenn wir Konflikte haben, k\u00f6nnen wir nicht sagen, dass wir uns untereinander diskriminieren, dass die eine feministischer ist als die andere, dass die eine mehr leidet als die andere. Wenn wir von einer gewissen Unterdr\u00fcckung sprechen, sprechen wir von derselben Unterdr\u00fcckung. Wir wissen, dass es dar\u00fcber hinaus noch andere Bedingungen gibt, wie Armut, die Tatsache, schwarz zu sein, die Tatsache, indigen zu sein, die Tatsache, lesbisch zu sein, es gibt viele Aspekte, die auch dazu beitragen, diese Unterdr\u00fcckung noch zu verschlimmern. Das wissen wir, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht alle auf der gleichen Seite stehen.<\/p>\n<p><strong><em>Eine letzte Frage: Woher beziehst du deine Motivation, deine Energie, wie inspirierst du dich pers\u00f6nlich?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich bin inspiriert von meiner pers\u00f6nlichen Geschichte, aber mehr als alles andere bin ich inspiriert von Frauen, ich bin inspiriert von Kameradinnen, ich bin inspiriert von dem, was passiert, ich bin bewegt, ich bin zutiefst bewegt. Ich habe Beispiele aus meinem pers\u00f6nlichen Leben, aber ich glaube nicht, dass pers\u00f6nliche Beispiele wichtig sind. Wir sind alle durch das Gleiche vereint. Ich sage dir eins: Feminismus nimmt dir keine Energie, im Gegenteil. Wenn du mich fragst woher ich meine Energie beziehe, die feministische Militanz gibt mir Energie, sie l\u00e4dt mich auf und motiviert mich, weiter zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Interview: Reto Thumiger \/ Transkription: M\u00f3nica Lavin \/ Redaktion: Alicia Blanco<\/em><br \/>\n<em>\u00dcbersetzung aus dem Spanischen von M\u00f3nica Lavin und Reto Thumiger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maria Graciela Tellechea ist eine argentinische \u00dcbersetzerin f\u00fcr deutsche Literatur, sie kam nach Berlin, um an verschiedenen \u00dcbersetzungsprojekten zu arbeiten. 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