{"id":795006,"date":"2019-01-24T14:25:43","date_gmt":"2019-01-24T14:25:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=795006"},"modified":"2019-01-24T14:28:25","modified_gmt":"2019-01-24T14:28:25","slug":"die-diffamierungsbegriffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/01\/die-diffamierungsbegriffe\/","title":{"rendered":"Die Diffamierungsbegriffe"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eLinks\u201c und \u201erechts\u201c werden als politische Kampfvokabeln eingesetzt \u2014 aber nur selten richtig verstanden.<\/strong><\/p>\n<p>Es w\u00e4re wichtig, sorgf\u00e4ltig mit diesen traditionellen politischen Zuordnungen umzugehen \u2014 vor allem wenn es um die Frage geht, mit welchen Gruppen man politisch kooperieren m\u00f6chte. Wo h\u00f6rt politische Offenheit auf, und wo beginnt gef\u00e4hrliche \u201eQuerfront-Strategie\u201c? Eine eher linke Tour ist es, wenn missliebige Gegner durch die Etikettierung als \u201erechts\u201c in der politischen Diskussion diskreditiert werden sollen. Gelegentlich gewinnt man durch inflation\u00e4ren Gebrauch des Begriffs den Eindruck, es liefen in Deutschland mehr Rechte herum als 1940. Andererseits bezeichnet man eine Koalition der Ex-PDS mit Hartz-IV- und Kriegsparteien als \u201eLinksb\u00fcndnis\u201c. Zeit, mit der babylonischen Sprachverwirrung aufzur\u00e4umen.<\/p>\n<div class=\"article-content\">\n<p>Darf man mit Rechten zusammen demonstrieren gehen? Vor allem in der abgeebbten Diskussion um die \u201eMontags-Mahnwachen\u201c wurde diese Frage hei\u00df diskutiert. Leider macht sie keinerlei Sinn, ohne dass zuvor gekl\u00e4rt ist, was man \u00fcberhaupt unter \u201erechts\u201c versteht.<\/p>\n<blockquote><p>W\u00fcrde ich zusammen mit Leuten demonstrieren wollen, die eine Hakenkreuzfahne tragen? Nein.<br \/>\nW\u00fcrde ich mit jemandem demonstrieren, der einen Trachtenjanker tr\u00e4gt? Sicher.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gerade in meinem Heimatland Bayern hat sich gezeigt, dass Bauern zum Beispiel ausgezeichnete Verb\u00fcndete sind, wenn es um den Widerstand gegen Gentechnik geht.<\/p>\n<p>Ich war einmal auf einer Veranstaltung der Aktion \u201eUmFairTeilen\u201c zusammen mit dem Sozialverband VdK und dem Christlichen Arbeitnehmerverband \u2014 eher als bieder geltende \u201eSchlachtschiffe\u201c der sozialen Lobbyarbeit. Ehrlich gesagt ging es mir gut in diesem Kreis von Mitstreitern, war ich doch von anderen Demonstrationen eher Leute mit Lenin-Bildern gew\u00f6hnt. Auch Stalin und Mao habe ich schon gesichtet \u2014 wohl gemerkt in \u201emeinem\u201c Lager, dem der \u201eGuten\u201c.<\/p>\n<p>Die Begriffe \u201elinks\u201c und \u201erechts\u201c in ihrer politischen Verwendung gehen zur\u00fcck auf die Sitzordnung innerhalb der franz\u00f6sischen Verfassungsgebenden Nationalversammlung von 1789, stehen also in einem Zusammenhang mit der Franz\u00f6sischen Revolution.<\/p>\n<p><em>\u201eDie linke Seite \u201ale c\u00f4t\u00e9 gauche\u2018 kennzeichnete eine revolution\u00e4re, republikanische Sto\u00dfrichtung, w\u00e4hrend \u201ale c\u00f4t\u00e9 droit\u2018 mehr zur\u00fcckhaltende, der Monarchie freundlich gesinnte Vorstellungen vertrat.\u201c<\/em> (1).<\/p>\n<p>Im franz\u00f6sischen Parlament etablierten sich seit der Julirevolution 1830 die Begriffe endg\u00fcltig zur Kennzeichnung von \u201eRepublikanern\u201c, rechts, und \u201eMonarchisten\u201c, links. Die Frankfurter Nationalversammlung \u2013 Paulskirchenparlament, 1848\/1849 \u2013 \u00fcbertrug diese Sitzordnung und Begriffsverwendung auch auf deutsche Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Interessant ist in einem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Politisches_Spektrum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia-Artikel<\/a> die Zuordnung der wichtigsten inhaltlichen Begriffe zu \u201eRechts\u201c und \u201eLinks\u201c; der jeweils erste Begriff ist \u201erechts\u201c: Elit\u00e4r \u2013 Egalit\u00e4r, Konservativ \u2013 Progressiv, Nationalistisch \u2013 Internationalistisch. Diese Zuordnung entspricht sicher unserer heutigen \u201eintuitiven\u201c Einsch\u00e4tzung bez\u00fcglich Links und Rechts. Vor allem, was das Gleichheitsprinzip anbelangt, d\u00fcrfte es wenig Zweifel an der Verwendung der Begriffe geben. Was die anderen Polarit\u00e4ten anbelangt, so sind jedoch mit Blick auf heutige Verh\u00e4ltnisse Zweifel am Platz. Was kann in einer Epoche des politischen Rollbacks progressiv genannt werden: die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten \u201eReformen\u201c oder eher der Widerstand dagegen? Und hat nicht eine \u201eMitte-Rechts-Regierung\u201c, Union und FDP, den nationalen Selbstschutz gegen internationale Konzernmacht massiv aufgeweicht?<\/p>\n<p>Wichtig sind am Begriff \u201elinks\u201c, mit dem sich viele von uns sicher zu Recht noch immer identifizieren, vor allem drei Werte, die ihn auch in seinen Urspr\u00fcngen konstituieren: Gleichheit, die Abwesenheit angeblicher Rangordnungen, m\u00f6gen diese nun st\u00e4ndisch, durch Geburt, Rasse, Religion oder Besitz begr\u00fcndet sein. Freiheit von Unterdr\u00fcckung und Bevormundung durch weltliche und geistliche Obrigkeiten. Menschenrechte, verstanden als Naturrecht, das sich nicht an wechselnden Machtverh\u00e4ltnissen und den sie widerspiegelnden Gesetzen orientiert, sondern dem Menschen \u201evon Natur aus\u201c zukommt.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist der Naturrechtsgedanke \u00e4lter als die Aufkl\u00e4rung und war in seinen fr\u00fchen Erscheinungsformen religi\u00f6s begr\u00fcndet, zum Beispiel als \u201eGotteskindschaft\u201c. Bekannt ist etwa der Spruch des englischen Priesters und Unterst\u00fctzers der damaligen Bauernaufst\u00e4nde, John Ball (1335 bis 1381): \u201eAls Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?\u201c So naiv der Verweis auf Adam und Eva auch heute wirken mag, der Satz relativierte jegliche st\u00e4ndische \u00dcberheblichkeit mit Blick auf einen idealen Ursprungszustand des Menschen, dessen Wesen Gleichheit ist.<\/p>\n<p>Ball zeigt sich somit als Re-Volution\u00e4r im eigentlichen Wortsinn, denn die Vorsilbe \u201eRe\u201c signalisiert \u2013 was h\u00e4ufig \u00fcbersehen wird \u2013 ein Zur\u00fcckgehen zu einem, oft nur idealisierend so vorgestellten, Urzustand. Somit k\u00f6nnen sich bez\u00fcglich der Definition der Begriffe \u201eprogressiv\u201c, \u201ereaktion\u00e4r\u201c, \u201ekonservativ\u201c, \u201erevolution\u00e4r\u201c und so weiter zus\u00e4tzliche Verwirrungen auftun, weil es immer die Frage ist, was jemand erhalten oder umst\u00fcrzen will, zu welchen Werten er zur\u00fcck oder fortschreiten will.<\/p>\n<blockquote><p>Eine Re-Form kann neoliberaler Klassenkampf von oben sein, konservativ der Widerstand dagegen \u2014 von Neoliberalen wird das Bewahren sozialer Errungenschaften gern als \u201eBesitzstandsdenken\u201c diffamiert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Revolution kann hinter die Bl\u00fctezeit des Neoliberalismus der 80er und 90er Jahre zur\u00fcckwollen in die Helmut-Schmidt-\u00c4ra. Oder zum Leninismus. Oder zu Adam und Eva. Oder vorw\u00e4rts zum Noch-nie-Dagewesenen, wobei dann freilich die Vorsilbe \u201eRe\u201c nicht passen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wichtig ist aber die Feststellung, dass \u201eLinks\u201c in seinen Anf\u00e4ngen eng mit dem Wertetrio \u201eGleichheit\u201c, \u201eFreiheit\u201c, \u201eMenschenrechte\u201c verbunden war \u2014 wobei die \u201eBr\u00fcderlichkeit\u201c durchaus eingeschlossen war. So gesehen ist die Vokabel \u201elinks\u201c, wie sie von der Partei \u201eDie Linke\u201c verwendet wird, noch immer als Identifikationsbegriff bestens geeignet.<\/p>\n<p>Der Historiker Holdger Platta nannte in einem Vorgespr\u00e4ch, das wir \u00fcber diesen Artikel f\u00fchrten, zwei S\u00e4ulen der linken Weltanschauung: den Kampf gegen Ausbeutung und den Kampf gegen Unmenschlichkeit. Wird der zweite Aspekt fallengelassen, etwa im \u201eroten Terror\u201c des Ostblock-Kommunismus, so nimmt das betreffende Regime den Begriff \u201elinks\u201c eigentlich zu Unrecht f\u00fcr sich in Anspruch. Zumindest handelt es sich dann um ein halbiertes Linkssein, \u00e4hnlich einem Vogel, der mit nur einem Fl\u00fcgel abheben will. Der zweite, der Menschlichkeitsfl\u00fcgel w\u00e4re dann ja amputiert.<\/p>\n<p>Es ist also, wenn es um die Bezeichnung einer politischen Richtung als \u201elinks\u201c geht, die Frage, wonach man seine Definition ausrichten m\u00f6chte. Geht man von den Urspr\u00fcngen des Begriffs \u201elinks\u201c und von seiner idealen Gestalt aus, so ist er \u201emakellos\u201c und steht tats\u00e4chlich f\u00fcr eine politische Kraft des Guten. Ein Stalin w\u00e4re demgem\u00e4\u00df kein Linker und w\u00fcrde sich diese Bezeichnung nur anma\u00dfen. \u201eRechts\u201c w\u00e4ren umgekehrt jene Kr\u00e4fte, die den humanen Fortschritt aufhalten und an Ungleichheit, Ausbeutung, Autoritarismus, Elitenherrschaft, der Verachtung der Menschenrechte festhalten wollen.<\/p>\n<p>Definiert man den Begriff \u201elinks\u201c dagegen \u00fcber eine antikapitalistische Wirtschaftsideologie und \u00fcber seine Verwendung durch die betreffenden politischen Kr\u00e4fte in der Praxis, so kann er auch Unmenschlichkeit beinhalten, w\u00e4ren Stalin und Mielke mit im Boot.<\/p>\n<p>Sicher ist, dass die Begriffe \u201elinks\u201c und \u201erechts\u201c starken historischen Ver\u00e4nderungen unterliegen. Eine republikanische Gesinnung, getragen von der Bourgeoisie, konnte zur Zeit der Franz\u00f6sischen Revolution als \u201elinks\u201c gelten. Mit der Etablierung des B\u00fcrgertums als staatstragender Schicht und der Entstehung einer Arbeiterklasse w\u00e4hrend der Industrialisierung r\u00fcckte ersteres quasi nach \u201erechts\u201c, wurde von sozialistischen Revolution\u00e4ren wie Lenin als die Ausbeuterklasse schlechthin angesehen, die es zu entmachten galt.<\/p>\n<p>Im Sinne der Marxschen Dialektik \u2014 also These, Antithese und Synthese \u2014 kann sich eine zuvor fortschrittliche Kraft in Folge eines historischen Prozesses in eine konservative beziehungsweise r\u00fcckschrittliche verwandeln. Entscheidend daf\u00fcr ist immer der Faktor \u201eMacht\u201c, der f\u00fcr die Klasse, die sie errungen hat, mit dem Wunsch nach Privilegienerhalt, also mit dem \u201eTreten nach unten\u201c, verbunden sein. \u201eLinks\u201c kann somit \u00fcber einen l\u00e4ngeren Entwicklungszeitraum nach \u201erechts\u201c r\u00fccken.<\/p>\n<p>Das B\u00fcrgertum akzeptierte 1914 noch \u00fcberall weitgehend die Monarchie, den Kaiser oder Zaren, wenn auch erg\u00e4nzt durch demokratische Strukturen. Das Frauenwahlrecht gab es damals in Deutschland und \u00d6sterreich noch nicht. Heute werden schon Kr\u00e4fte als \u201erechts\u201c bezeichnet, f\u00fcr die eine demokratische Verfassung selbstverst\u00e4ndlich ist, wie etwa die Unionsparteien \u2014 auch wenn sich die Demokratie leider schleichend in eine Fassadendemokratie gewandelt hat.<\/p>\n<blockquote><p>Links und Rechts: Die Zuordnung von politischen Ph\u00e4nomenen zu den Begriffen ist derart schwierig, dass ich mich immer ein wenig wundere, wenn mit Begriffen wie \u201erechts\u201c aus der H\u00fcfte geschossen wird \u2014 wohlgemerkt in einem Tonfall unersch\u00fctterlicher Selbstgewissheit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Behauptet wird ein Kontinuum zwischen zwei Polen, innerhalb dessen sich politische Weltanschauungen klar positionieren lassen.<\/p>\n<p>Ist das so? Auch auf die Gefahr hin, dass sich manche provoziert f\u00fchlen werden, behaupte ich, dass \u201eRechts\u201c und \u201eLinks\u201c als Begriffe zur Beschreibung politischer Inhalte nur noch teilweise tauglich sind. In manchen F\u00e4llen tr\u00fcben sie die klare Wahrnehmung eines Ph\u00e4nomens. Ich sage gleich vorab, was ich mit dieser Debatte nicht bewirken m\u00f6chte:<\/p>\n<ul>\n<li>Ich m\u00f6chte nicht leugnen, dass es \u201eRechts\u201c und \u201eLinks\u201c in Reinform auch heutzutage noch gibt. So sind Rassismus und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, \u00fcberhaupt die Behauptung einer nat\u00fcrlichen Rangordnung zwischen Menschengruppen, \u201erechts\u201c; das Eintreten f\u00fcr Arbeitnehmerrechte ungeachtet der Herkunft, Religion oder Volkszugeh\u00f6rigkeit ist dagegen \u201elinks\u201c.<\/li>\n<li>Das Rechts-Links-Schema zumindest in Teilbereichen zu relativieren, bedeutet f\u00fcr mich nicht, dass ich mich mit eindeutig rechtem Gedankengut verbr\u00fcdern will. Ich nenne ein Beispiel aus pers\u00f6nlicher Erfahrung: Eine \u00e4ltere Dame, f\u00fcr die ich vor Jahren einen privaten Lektorats-Auftrag erledigte, \u00fcberraschte mich beim Kaffee mit der Aussage: \u201eSie haben ja eigentlich noch zu wenige Juden vergast\u201c. Ich bin abgereist, mit dieser Dame war keine Zusammenarbeit mehr m\u00f6glich. Wie h\u00e4tte ein Kompromiss auch aussehen sollen? H\u00e4tten wir dar\u00fcber streiten sollen, welche Anzahl an Get\u00f6teten noch hinnehmbar gewesen w\u00e4re, um uns dann irgendwo in der Mitte zu einigen? Skepsis gegen\u00fcber der universellen G\u00fcltigkeit des Links-Rechts-Schemas ist nicht gleichzusetzen mit Kumpanei mit der Unmenschlichkeit.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Kein Entgegenkommen ist dort angezeigt, wo rechte Gruppen Feindschaft gegen eine ganze Kultur oder eine Religion \u2014 heute meist den Islam \u2014 verbreiten, ohne den Einzelmenschen zu beachten und ohne zwischen humanen und inhumanen Spielarten dieser Kultur zu unterscheiden. Kein Entgegenkommen auch dort, wo ohne R\u00fccksicht auf die oft entsetzlichen und ber\u00fchrenden pers\u00f6nlichen Schicksale behauptet wird, es k\u00e4men \u201ezu viele\u201c Fl\u00fcchtlinge ins Land. Dies impliziert ja, dass man Migranten, ohne die Folgen in den Blick zu nehmen, einfach wieder \u00fcber die Landesgrenzen dorthin zur\u00fccktreiben m\u00fcsste, wo sie herkommen.<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin nicht bereit, jeden \u201eeinzugemeinden\u201c, der von sich behauptet: \u201eWas schert mich Rechts und Links, wir sind doch alle f\u00fcr den Frieden!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dies vorausgeschickt, meine ich aber, dass es Weltanschauungen gibt, die<\/p>\n<ol>\n<li>sowohl rechts als auch links sind<\/li>\n<li>weder rechts noch links sind<\/li>\n<li>naturgem\u00e4\u00df eher links sind, von den Linken aber nicht als zu ihnen geh\u00f6rig anerkannt werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wichtig ist zun\u00e4chst, sich klar zu machen, welche sehr unterschiedlichen politischen Str\u00f6mungen als \u201erechts\u201c beziehungsweise \u201elinks\u201c bezeichnet werden. Was \u201erechts\u201c betrifft, so sind es in er Gegenwart mindestens deren drei:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Rechtsradikalismus<\/strong> mit meist rassistischem und ausl\u00e4nderfeindlichem Einschlag. Nazis und Neonazis geh\u00f6ren klar in diese Kategorie, aber auch \u201emildere\u201c Formen von Patriotismus, Autoritarismus und Xenophobie.<\/li>\n<li><strong>Konservativismus<\/strong> mit Einstellungen wie Recht-und-Ordnung-Mentalit\u00e4t, Traditionalismus, Heimatliebe und Misstrauen gegen\u00fcber allem Ungewohnten. Der Begriff ist heute besonders schillernd. Bezeichnete er vor 100 Jahren noch ein unangenehm reaktion\u00e4res Weltbild, basierend zum Beispiel auf Kaisertreue, Militarismus und Junker-Arroganz, so kann \u201ekonservativ\u201c heute auch berechtigten Widerstand signalisieren: gegen die fortw\u00e4hrende, profitgetriebene Zerst\u00f6rung eines lieb gewonnenen Lebensumfelds.<\/li>\n<li><strong>Neoliberalismus<\/strong>: Parteinahme f\u00fcr die Umverteilungsgewinner, Arbeitgeberfreundlichkeit und Betonung der unternehmerischen Eigenverantwortung, die Ideologie einer Welt als Ware. Alle vier \u201eAltparteien\u201c \u2014 Union, FDP, SPD und Gr\u00fcne \u2014 geh\u00f6ren, mit nur geringf\u00fcgig verschiedenen Schattierungen, hierher. Besonders die beiden letztgenannten Parteien w\u00fcrden sich aber gegen die Bezeichnung \u201erechts\u201c vehement zur Wehr setzen, obwohl sie einer globalen Ungleichheit den Boden bereiten, die von Jean Ziegler zu Recht als \u201eneuer Feudalismus\u201c gebrandmarkt wurde. Ungleichheit wird in diesem Milieu \u00fcberwiegend durch einen idealisierten Leistungsbegriff legitimiert. Jeder ist eigenverantwortlich \u201eseines Gl\u00fcckes Schmied\u201c, wobei der Kapitalismus diesen Grundsatz durch die M\u00f6glichkeit leistungsloser Eink\u00fcnfte aus Bodenrenten, Mieten und Zinsen sowie der Vererbung von Reichtum wiederum selbst ad absurdum f\u00fchrt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir haben also ein sehr un\u00fcbersichtliches und heterogenes Feld vor uns. Konservativismus und Neoliberalismus geben sich gern gesetzestreu und systemkonform, w\u00e4hrend Rechtsradikalismus den \u201eMut\u201c zur Illegalit\u00e4t und einen Nonkonformismus der Unmenschlichkeit betont. Als \u201erechts\u201c bezeichnet werden gleicherma\u00dfen CDU und NPD, technokratischer Internationalismus und r\u00fcckschrittlicher, fremdenfeindlicher Nationalismus \u2013 eine Gleichsetzung, \u00fcber die sich Unionsanh\u00e4nger nicht ohne Grund beschweren. Ein m\u00f6gliches CDU\/AfD-B\u00fcndnis w\u00fcrde \u201eRechtsb\u00fcndnis\u201c genannt werden.<\/p>\n<p>Als \u201elinks\u201c k\u00f6nnen mindestens drei Gruppen bezeichnet werden:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Gem\u00e4\u00dfigt Neoliberale<\/strong>, dies betrifft vor allem SPD und Gr\u00fcne. Wohlgemerkt: Sie werden als links bezeichnet \u2013 ob sie es sind, ist eine ganz andere Fragen. Gerade die SPD hat sich durch ihren dreifachen Verrat am Antinationalismus, Antimilitarismus und Antikapitalismus in der \u00c4ra Friedrich Eberts nicht nur von den Wurzeln des \u201eLinksseins\u201c abgeschnitten, sondern auch von s\u00e4mtlichen Verzweigungen.<\/li>\n<li><strong>Die Partei \u201eDie Linke\u201c<\/strong>, die den Kapitalismus kritisiert und ihn sp\u00fcrbar umgestalten will, jedoch im Wesentlichen sozialdemokratisch (im traditionellen Sinn) argumentiert.<\/li>\n<li><strong>Kommunisten<\/strong>, die den Kapitalismus von Grund auf abschaffen wollen. Kein Privateigentum an Boden, Gemeing\u00fctern und Produktionsmitteln \u2013 solche Forderungen sind heute nicht gerade g\u00e4ngig in der politischen Diskussion. Hilfreich war die Tabuisierung kommunistischer Ideen w\u00e4hrend des Kalten Kriegs und der Wende-Euphorie nicht. \u201eRoter Terror\u201c, Gulag, Geheimpolizei, Mauer und Schie\u00dfbefehl geh\u00f6ren entgegen dem Klischee nicht zum Wesen des Kommunismus; dass sie \u00fcber lange Wegstrecken in der Geschichte seine Begleiter waren, ist allerdings nicht gerade ermutigend.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Was bedeutet also \u201elinks\u201c in unserer Zeit? Ein \u201eLinksb\u00fcndnis\u201c in der Realpolitik w\u00e4re ein B\u00fcndnis zwischen St\u00fctzen des Neoliberalismus und seinen gem\u00e4\u00dfigten Kritikern (den heutigen \u201eLinken\u201c). Auch hier also ein reichlich heterogenes Feld. Verwirrung \u00fcber die Begriffe ist zun\u00e4chst einmal der Beginn eines notwendigen Kl\u00e4rungsprozesses. Wenn wir von \u201eRechts\u201c und \u201eLinks\u201c sprechen, ist es also entscheidend wichtig, deutlich zu machen, welches Rechts und Links wir eigentlich meinen.<\/p>\n<p>Das Reden von \u201eRechts und Links\u201c erschafft die Illusion einer Bipolarit\u00e4t auf nur einer Koordinatenachse, auf der sich alle konkreten Weltanschauungen verorten lassen. Es gibt aber unz\u00e4hlige Gegensatzpaare, unz\u00e4hlige \u201eSkalen\u201c, auf denen man politische Aussagen einordnen kann. Man denke etwa an die Pole \u201eFreiheit\u201c und \u201eAutoritarismus\u201c.<\/p>\n<p>Hier gibt es mitunter eine echte \u201eQuerfront\u201c zwischen rechter und linker Staatsgl\u00e4ubigkeit, gegen die sich Libert\u00e4re zur Wehr setzen. Oder man denke an das Gegensatzpaar \u201eAtheismus\u201c und \u201ereligi\u00f6ser Fundamentalismus\u201c. Hier k\u00f6nnen CSU und Salafisten nahe beieinander sein in ihrer Forderung nach einem strafbewehrten Gottesl\u00e4sterungsparagrafen. Atheistische Linke k\u00f6nnen dagegen zusammen mit toleranten Anh\u00e4ngern einer freiheitlich-mystischen Spiritualit\u00e4t dagegenhalten.<\/p>\n<blockquote><p>Neoliberale sehen sich selbst im \u00dcbrigen gern als eine Kraft der Mitte zwischen den Extremen des Rechts- und Linksextremismus. Der Kapitalismus ist jedoch keine \u201egem\u00e4\u00dfigte\u201c Ideologie, sondern lediglich diejenige Form des Extremismus, die derzeit an der Macht ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da er die kulturelle Hegemonie errungen hat, vermag er die meisten B\u00fcrger auch dazu zu \u00fcberreden, in ihm das \u201eNormale\u201c zu sehen. Wer wirklich an Humanit\u00e4t, Freiheit und Gerechtigkeit interessiert ist, wird im aktuellen politischen Spannungsfeld gegen mindestens vier extremistische Gegner k\u00e4mpfen m\u00fcssen: Faschisten, Linksautorit\u00e4re, Turbokapitalisten und religi\u00f6se Fundamentalisten.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegungen sind wichtig, wenn es beispielsweise um gemeinsames Demonstrieren oder um Aktionsb\u00fcndnisse geht. Wichtig vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der etikettierende Begriff \u201erechts\u201c h\u00e4ufig undifferenziert verwendet wird, um Andersdenkenden in der Debatte einen rhetorischen Vernichtungsschlag zu versetzen. Ich bin durchaus f\u00fcr eine wehrhafte Humanit\u00e4t, die inakzeptable rechte Weltanschauungen klar benennt. Allerdings kommt es entscheidend darauf an, welches \u201erechts\u201c ich meine. Damit sind wir wieder am Beginn dieser Debatte: Was ist rechts, was links?<\/p>\n<p>Jutta Ditfurth postete auf ihrer Facebook-Seite folgende interessante und schl\u00fcssige Definition:<\/p>\n<p><em>\u201eLinks sein hei\u00dft auf der Seite der Ausgebeuteten, Gedem\u00fctigten und Versklavten zu stehen und Werte wie soziale Gleichheit als Grundlage wirklicher Freiheit zu verteidigen. Diese Position radikaler Humanit\u00e4t schlie\u00dft jede Form der Entwertung von Menschen aus. Rechts zu sein, bedeutet sich auf die Seite der Inhumanit\u00e4t zu stellen, und z.B. Hierarchien und Herrschaftssysteme nur anzugreifen, um sie durch solche zu ersetzen, von denen man selbst einen Vorteil hat. Rechts zu sein, bedeutet Menschen und Menschengruppen zu entwerten (Rassismus, Antisemitismus, Sexismus usw.).\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese Unterscheidung Ditfurths leuchtet auf den ersten Blick ein. Zutreffend ist sie vor allem wenn man \u201elinks\u201c von seinen ideellen Wurzeln her \u2013 quasi als von der Realit\u00e4t ungetr\u00fcbte Maximalforderung \u2013 definiert. Wenn \u201eLinks\u201c an der Macht war, hat es schwer gegen urspr\u00fcngliche Grunds\u00e4tze versto\u00dfen \u2013 vor allem indem Menschen unter \u201elinken\u201c Regimen drangsaliert und gedem\u00fctigt wurden. Richtig ist die Unterscheidung Ditfurths auch, wenn man Rechts nicht mit \u201egem\u00fctlichem\u201c Wertkonservativismus, sondern mit dem gef\u00e4hrlichen Wahn faschistischer und anderer stark hierarchisierender Ideologien gleichsetzt.<\/p>\n<p>Problematisch wird es jedoch, wenn Ditfurth schlussfolgert: \u201eWer behauptet, wie das die Neue Rechte tut, es gebe weder links noch rechts, verschleiert nur dass er rechts steht!\u201c Nat\u00fcrlich: wenn gl\u00fchende Rechte behaupten, es gebe weder links noch rechts, ist das Verschleierungstaktik; f\u00fcr Menschen, die sich mit gutem Grund weder dem einen noch dem anderen Lager zurechnen, ist Ditfurths Satz jedoch diskriminierend. Er bedeutet nichts anderes als \u201eWer nicht f\u00fcr mich ist, ist gegen mich\u201c.<\/p>\n<p>Um hier einen Politiker zu zitieren, der normalerweise links eingeordnet wird: \u00cd\u00f1igo Errej\u00f3n vom spanischen B\u00fcndnis Podemos h\u00e4lt Links und Rechts, wie in der \u201etaz\u201c zu lesen war, f\u00fcr \u00fcberholte Kategorien. Denn \u201eob Mitte-Links oder Mitte-Rechts, die Politik ist die gleiche: Austerit\u00e4t, Sozialk\u00fcrzungen\u201c. Damit behauptet Errej\u00f3n nicht, es sei egal, ob in Spanien Neofaschisten an die Macht k\u00e4men. Er konstatiert nur, dass sich die Unterschiede zwischen Links und Rechts nahe der Mitte schon jetzt eingeebnet haben.<\/p>\n<p>Wichtig f\u00fcr k\u00fcnftige Diskussionen wird also sein, zwar nicht g\u00e4nzlich auf die Begriffe \u201elinks\u201c und \u201erechts\u201c zu verzichten, sie jedoch sorgf\u00e4ltig und geschichtsbewusst anzuwenden und im Zweifelsfall einfach zu definieren, was man im konkreten Fall darunter versteht.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag von Roland Rottenfu\u00dfer erschien bei <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/die-diffamierungsbegriffe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon \u2013 Magazin f\u00fcr die kritische Masse<\/a> unter CC BY 4.0.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Roland Rottenfu\u00dfer<\/strong>, Jahrgang 1963, war nach dem Germanistikstudium als Buchlektor und Journalist f\u00fcr verschiedene Verlage t\u00e4tig. Von 2001 bis 2005 Redakteur beim spirituellen Magazin connection, sp\u00e4ter f\u00fcr den Zeitpunkt\u201c. Aktuell arbeitet er als Lektor, Buch-Werbetexter und Autorenscout f\u00fcr den Goldmann Verlag. Seit 2006 ist er Chefredakteur von <a href=\"http:\/\/hinter-den-schlagzeilen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hinter den Schlagzeilen<\/a>.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLinks\u201c und \u201erechts\u201c werden als politische Kampfvokabeln eingesetzt \u2014 aber nur selten richtig verstanden. 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