{"id":772638,"date":"2018-12-08T15:13:59","date_gmt":"2018-12-08T15:13:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=772638"},"modified":"2018-12-08T15:16:28","modified_gmt":"2018-12-08T15:16:28","slug":"interview-mit-david-webb-krieg-findet-nicht-nur-auf-dem-schlachtfeld-statt-sondern-bereits-im-vorfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/12\/interview-mit-david-webb-krieg-findet-nicht-nur-auf-dem-schlachtfeld-statt-sondern-bereits-im-vorfeld\/","title":{"rendered":"Interview mit David Webb: &#8222;Krieg findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt, sondern bereits im Vorfeld&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dave Webb ist langj\u00e4hriges Mitglied der britischen Campaign for Nuclear Disarmament (CND) und seit 2010 Vorsitzender der 1957 vom ber\u00fchmten Philosophen Bertrand Russell mitgegr\u00fcndeten Friedensorganisation. Auf der &#8222;International Conference Against US\/NATO Military Bases&#8220; Mitte November in Dublin hielt Webb nicht nur eine der Begr\u00fc\u00dfungsreden am ersten Abend, sondern trat auch als Referent bei der Diskussionsrunde &#8222;Militarism, Nuclear Weapons and Military Bases&#8220; auf.<\/strong><\/p>\n<p>In seinem Vortrag erl\u00e4uterte der emeritierte Professor f\u00fcr Ingenieurswesen an der nordenglischen Beckett University in Leeds die besondere Gefahr f\u00fcr die Menschheit, die vom Raketenabwehrsystem der USA ausgeht, das es den Kriegsstrategen im Pentagon erm\u00f6glichen soll, einen nuklearen Erstschlag gegen Ru\u00dfland und\/oder China f\u00fchren und den zu erwartenden Zweitschlag der gegnerischen Seite auf ein angeblich akzeptables Minimum begrenzen zu k\u00f6nnen. Im Anschlu\u00df an die Diskussionsrunde hatte der Schattenblick die Gelegenheit, Webb einige Fragen zu stellen.<\/p>\n<p><strong><em>Schattenblick: Herr Webb, Sie sind schon l\u00e4nger CND-Mitglied. Womit ist Ihre Organisation gerade in den letzten Jahren haupts\u00e4chlich befa\u00dft gewesen?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Dave Webb: Unsere laufende Strategie ergibt sich aus der CND Jahreskonferenz, an der jedes Mitglied teilnehmen und Antr\u00e4ge einbringen kann und sich an allen Abstimmungen beteiligen darf. Bei der Jahreskonferenz diskutiert man die Arbeit der vergangenen zw\u00f6lf Monate und beschlie\u00dft den Kurs und die Schwerpunkte f\u00fcr das kommende Jahr. Zwar kann der Vorstand Vorschl\u00e4ge einbringen, was er auch tut, doch es sind haupts\u00e4chlich die Mitglieder und die einzelnen Regionalverb\u00e4nde, die Ideen beisteuern und das Ganze st\u00e4ndig vorantreiben.<\/p>\n<div class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Dave Webb am Stehpult - Foto: \u00a9 2018 by Schattenblick\" src=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/politik\/report\/prin0421\/p1160636.jpg\" alt=\"Dave Webb am Stehpult - Foto: \u00a9 2018 by Schattenblick\" width=\"752\" height=\"564\" border=\"0\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><em>Dave Webb am Stehpult (Foto: \u00a9 2018 by Schattenblick) <\/em><\/p><\/div>\n<p>Ein Hauptanliegen von CND gerade in den letzten Jahren ist der Kampf gegen die Modernisierung des U-boot-gest\u00fctzten britischen Atomwaffensystems gewesen, das den Namen Trident tr\u00e4gt. Das System besteht aus vier Atom-U-Booten vom Typ Vanguard, die eines nach dem anderen zwischen 2028 und 2032 durch neue U-Boote der Klasse Dreadnought ersetzt werden sollen. Das hat 2016 das britische Parlament beschlossen. Trident ist eigentlich die Bezeichnung f\u00fcr die ballistische Rakete des Systems samt Atomsprengkopf, die vom US-R\u00fcstungsunternehmen Lockheed Martin geliefert wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Modernisierung des Trident-Systems hat damals eine gro\u00dfe Mehrheit der Abgeordneten im Unterhaus gestimmt. Das hat uns von CND schwer entt\u00e4uscht. Wir haben damit gerechnet, da\u00df die konservative Regierung, die damals \u00fcber eine absolute Mehrheit verf\u00fcgte, die Ma\u00dfnahme zwar durchs Parlament bringen w\u00fcrde, jedoch auf Widerstand seitens der oppositionellen Labour Party gehofft. Es war jedoch eine Minderheit der sozialdemokratischen Abgeordneten, die gegen die Trident-Modernisierung votiert hat. Die meisten von ihnen stimmten daf\u00fcr. Offenbar haben viele Labour-Abgeordnete Angst, in einer solch strategisch-milit\u00e4rischen Frage gegen den Strom zu schwimmen. Sie wollen nicht unpatriotisch erscheinen oder da\u00df ihnen der Vorwurf gemacht wird, in Sachen nationaler Sicherheit Weichlinge zu sein. Wenn man bedenkt, da\u00df in den achtziger Jahren die unilaterale Nuklearabr\u00fcstung zum Parteiprogramm Labours geh\u00f6rte, sind die britischen Sozialdemokraten seitdem von ihrem einstigen Friedenskurs weit abgekommen.<\/p>\n<p><strong><em>Und das ungeachtet der Tatsache, da\u00df der amtierende Vorsitzende der Labour Party, Jeremy Corbyn, langj\u00e4hriges CND-Mitglied und erkl\u00e4rter Kriegsgegner ist.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Corbyn ist kein einfaches Mitglied, sondern Vizepr\u00e4sident von CND. Als er 2016 \u00fcberraschend Labour-Chef wurde, war das eine gute Werbung f\u00fcr uns. Es traten viele neue Mitglieder der CND bei. Trotz oder vielleicht gerade wegen der erkl\u00e4rten Position Corbyns, als Premierminister werde er keinen Befehl zum Einsatz von Atomwaffen erteilen, haben einfache Labour-Mitglieder bei den Parteikonferenzen der letzten Jahren gro\u00dfe Probleme gehabt, das Thema Atomwaffen zur Sprache zu bringen. Entweder werden sie \u00fcbergangen oder ihre Antr\u00e4ge schlicht ignoriert. Die konservativen Kr\u00e4fte innerhalb der Parteif\u00fchrung meiden die Abr\u00fcstungsdebatte wie der Teufel das Weihwasser.<\/p>\n<p>Das zweite gro\u00dfe Thema von CND nach Trident und dem britischen Atomwaffenarsenal ist die Raketenabwehr. Bei mir in der Gegend, hoch oben auf den Yorkshire-Mooren, befindet sich eine gigantische Radarstation namens RAF Fylingdales. Die Anlage sollte im Kalten Krieg als Fr\u00fchwarnsystem f\u00fcr sowjetische Interkontinentalraketen, die im Worst Case Scenario \u00fcber den Nordpol Richtung USA unterwegs w\u00e4ren, dienen. Seit einigen Jahren geh\u00f6rt die Station in Absprache mit London zum ballistischen Raketenabwehrsystem der USA, das w\u00e4hrend der \u00c4ra George W. Bushs unter dem Vorwand des Schutzes des NATO-Gebiets vor iranischen Raketen in Europa aufgebaut wurde, jedoch inzwischen als Instrument einer nuklearen Erstschlagsstrategie gegen Ru\u00dfland gedacht ist. Wegen dieser Funktion werden s\u00e4mtliche Radardaten von Fylingdales in Echtzeit an das US-Canadian North America Aerospace Defense Command in Peterson Airforce Base in Colorado Springs \u00fcbermittelt. Fylingdales funktioniert auch als Bodenstation f\u00fcr die vielen weltraumgest\u00fctzten Komponenten des Ballistic Missile Defense (BMD) Systems der Amerikaner wie Beobachtungs- und Kommunikationssatelliten sowie Abfangraketen.<\/p>\n<div>\n<p>Vor einiger Zeit haben die USA ihre Nuklearstreitkr\u00e4fte neu ausgerichtet. Im Kalten Krieg bestanden diese aus einem sogenannten Triad aus bodengest\u00fctzten Interkontinentalraketen, U-boot-gest\u00fctzten ballistischen Raketen und atomar bewaffneten Langstreckenbombern. Diese drei Komponenten hat das Pentagon inzwischen quasi zusammengelegt und sie um das Raketenabwehrsystem mit seinen vielen Komponenten wie Abfangraketensilos, Radarstationen, Lenkwaffenzerst\u00f6rern und Leitstellen in Japan, S\u00fcdkorea, Australien, Kanada sowie in den NATO-Staaten Europas erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p><em><strong>Also sind die beiden Hauptschwerpunkte der Arbeit von CND der Kampf gegen die Modernisierung des britischen Atomwaffenarsenals sowie gegen das Raketenabwehrsystem der USA. Gibt es noch weitere wichtige Themen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir fordern die Abschaffung der NATO und sind auch gegen Atomkraft, weil sie die Entwicklung und den Bau von Atomwaffen unweigerlich in sich tr\u00e4gt. In Gro\u00dfbritannien kommt aktuell der geplante Bau neuer Kernkraftwerke offenbar nicht so richtig voran. Mitte Oktober hat das japanische Gro\u00dfunternehmen Toshiba die geplante Errichtung eines Atommeilers in Moorside im nordenglischen Cumbria aus Kostengr\u00fcnden aufgegeben. Medienberichten zufolge gilt die geplante Errichtung und der Betrieb eines weiteren Kernkraftwerks in Wylfa Newydd auf der walisischen Insel Anglesea durch den japanischen Konzern Hitachi ebenfalls wegen der fehlenden Rentabilit\u00e4tsaussicht als stark gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p><strong><em>Ende Oktober hat Pr\u00e4sident Donald Trump den Austritt der USA aus dem 1988 mit der Sowjetunion geschlossenen Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty verk\u00fcndet und den Schritt mit dem Argument begr\u00fcndet, Ru\u00dfland versto\u00dfe seit l\u00e4ngerem durch das Testen einer bestimmten bodengest\u00fctzten Mittelstreckenrakete gegen das Abkommen. Ru\u00dfland seinerseits wirft den USA vor, durch die Inbetriebnahme von Silos in Polen und Rum\u00e4nien, die f\u00fcr Abfangraketen im Rahmen von BMD gedacht sind, jedoch angeblich zum Abschu\u00df bodengest\u00fctzter Mittelstreckenraketen verwendet werden k\u00f6nnen, selbst die Regeln des INF-Vertrags gebrochen zu haben. Was halten Sie von der russischen These? Handelt es sich lediglich um eine Gegenbehauptung des Kremls oder ist die Beschwerde der Russen stichhaltig?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, die Vorw\u00fcrfe beider Seiten sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Und dennoch rechtfertigt das in keiner Weise den Austritt aus einem Grundsatzvertrag der strategischen R\u00fcstungskontrolle. Beide Seiten m\u00fcssen sich zusammensetzen und \u00fcber ihre Probleme mit der angeblich fehlenden Einhaltung des Vertrags durch die Gegenpartei sprechen, um sie zu beseitigen, und das Abkommen erg\u00e4nzen, sollte sich das als notwendig erweisen.<\/p>\n<p>Die Amerikaner behaupten, die Abfangraketen in Osteuropa verstie\u00dfen deshalb nicht gegen den INF-Vertrag, weil sie erstens gegen feindliche Raketen in gro\u00dfer H\u00f6he und nicht gegen Ziele auf dem Territorium Ru\u00dflands gerichtet seien und zweitens mit konventionellen und nicht mit atomaren Sprengk\u00f6pfen best\u00fcckt w\u00fcrden. F\u00fcr Moskau gibt es jedoch keine Garantie, da\u00df diese Systeme im Krisenfall nicht doch atomar umger\u00fcstet und gegen russische Ziele neu ausgerichtet werden k\u00f6nnen. Soweit ich informiert bin, w\u00e4re eine solche Umstellung relativ leicht und in kurzer Zeit zu bewerkstelligen. Also sind die Sorgen der Russen berechtigt und sollten von der NATO ernster als bisher genommen werden. Wegen des Raketenabwehrsystems der USA sind S\u00fcdkorea und Japan als potentielle Ziele Nordkoreas oder auch Chinas ebenfalls akut gef\u00e4hrdet. In S\u00fcdkorea und Japan sind X-Band-Radarstationen und Abfangraketen des BMD-Systems installiert.<\/p>\n<div>\n<p><strong><em>Wie sehr interessiert sich die CND f\u00fcr britische R\u00fcstungsexporte an L\u00e4nder in Krisengebieten? Ich denke in erster Linie an Saudi-Arabien, das seit 2015 einen m\u00f6rderischen Krieg im Jemen mit Waffen Made in the UK sowie mit Hilfe britischer Milit\u00e4rlogistiker und Verbindungsoffiziere f\u00fchrt. Private britische Sicherheitsunternehmen sind auch in die Unterdr\u00fcckung oppositioneller Kr\u00e4fte in den sunnitischen Petromonarchien am Persischen Golf sehr stark involviert. Sind das Themen f\u00fcr die CND? Machen Sie auch dagegen Stimmung in der britischen \u00d6ffentlichkeit?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, auf jeden Fall. Letztes Jahr nahmen wir mit zahlreichen anderen Antikriegs- und Menschenrechtsgruppen an den Protesten in London gegen die gro\u00dfe R\u00fcstungsmesse namens Defence and Security Equipment International (DSEI) teil. Die Proteste gingen wie die Messe selbst mehrere Tage. An einem Tag haben wir den Schwerpunkt der Demonstration auf den Protest gegen jene Firmen gelegt, die auf der DSEI Aussteller waren und gleichzeitig in die Entwicklung und Produktion von Atomwaffen verwickelt sind. Einer der Konzerne, die wir dabei an den Pranger stellten, ist Jacobs Engineering, ein kalifornisches Anlagenbauunternehmen, das 2017 einen Auftrag zur Betreuung des Raketenabwehrsystems im Wert von 4,6 Milliarden Dollar vom US-Verteidigungsministerium erhalten hatte.<\/p>\n<p><strong><em>Sind es dieselben britischen Unternehmen, die an der Modernisierung des k\u00f6niglichen Trident-Systems beteiligt sind und zugleich Waffen an Saudi-Arabien verkaufen und damit am V\u00f6lkermord im Jemen mitverdienen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nur zum Teil. Die Produzenten kleinerer Waffen wie Gewehre sind nicht zwingend auch in den Bau von U-Booten oder Atomsprengk\u00f6pfen verwickelt. Soweit ich wei\u00df, werden die Dreadnought-U-Boote in Gro\u00dfbritannien lediglich f\u00fcr den Gebrauch durch die eigene Marine entwickelt und hergestellt. Der Branchenprimus Lockheed Martin stellt nat\u00fcrlich alle Arten von Waffen her und ist in s\u00e4mtliche Aspekte der amerikanischen Milit\u00e4rmaschinerie involviert, sei es Raketenabwehr, Atomsprengk\u00f6pfe, Kampfjets, Luft-Boden-Raketen, et cetera. Wie dem auch sei, alle wichtigen R\u00fcstungsunternehmen waren bei dieser monstr\u00f6sen Waffenschau in London anwesend, stellten ihre Produkte aus und versuchten in Verhandlungen mit den verschiedenen Regierungsvertretern daf\u00fcr dicke Bestellungen an Land zu ziehen.<\/p>\n<p><em><strong>Sind die US-R\u00fcstungsunternehmen in Gro\u00dfbritannien stark engagiert?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Durchaus. Verschiedene amerikanische Waffenhersteller haben Produktionsst\u00e4tten bei uns, besch\u00e4ftigen viele Menschen und betreiben aktiv Lobbyarbeit bei der Regierung in London. Neben den einheimischen Firmen geh\u00f6ren sie zu den wichtigsten Ausr\u00fcstungslieferanten und Dienstleistern des britischen Ministry of Defence (MoD). Zwar f\u00fchren sie \u00e4hnlich anderen gro\u00dfen amerikanischen Unternehmen wie Amazon oder Apple nicht viel Steuern an den britischen Fiskus ab, doch aufgrund der diversen Arbeitspl\u00e4tze reklamieren sie f\u00fcr sich, die Volkswirtschaft des Vereinigten K\u00f6nigreichs zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><em><strong>Veranstaltet die CND gelegentlich auch Protestaktionen vor den Werkstoren der R\u00fcstungsbetriebe in Gro\u00dfbritannien?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, das machen wir gar nicht so selten. In letzter Zeit haben wir vor allem vor den B\u00fcros oder Werkshallen von Unternehmen demonstriert, die am &#8222;Drohnenkrieg&#8220; der CIA gegen mutma\u00dfliche &#8222;Terroristen&#8220; im Jemen, im Irak, in Syrien, Libyen, Somalia und Afghanistan beteiligt sind. Die meisten Opfer solcher Drohnenangriffe sind bekanntlich Zivilisten, denn das Pentagon stuft alle M\u00e4nner im wehrf\u00e4higen Alter in solchen Regionen als &#8222;verd\u00e4chtige Personen&#8220; bzw. &#8222;Kombattanten&#8220; ein.<\/p>\n<p><strong><em>Wenn ich mich richtig erinnere, haben Kriegsgegner 2006 die Fabrik des US-R\u00fcstungsproduzenten Raytheons in der nordirischen Stadt Derry besetzt, Fenster eingeschlagen und Computer aus den Fenstern geworfen. Beim Proze\u00df wegen Hausfriedensbruchs und schwerer Sachbesch\u00e4digung wurden 2009 die sogenannten &#8222;Raytheon 9&#8220; freigesprochen, weil sie ihr Handeln als gerechtfertigt im Sinne der Kriegsverhinderung plausibel darlegen konnten. Wegen der anhaltenden Proteste und der Niederlage vor Gericht hat Raytheon 2010 seine Dependence in Derry geschlossen.<\/em><\/strong><\/p>\n<div>\n<p>Gerade der Fall Raytheon in Derry zeigt, wie sehr solche Unternehmen das Licht der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit scheuen. Sie haben es \u00fcberhaupt nicht gern, wenn Kriegsgegner die Folgen ihres Handelns, die Zerst\u00f6rung und das Leid, welche die Produkte solcher Unternehmen verursachen, publik machen.<\/p>\n<p><strong><em>In Gro\u00dfbritannien gedeiht st\u00e4rker als irgendwo anders in Europa die private Sicherheitsindustrie, seien es S\u00f6ldnerfirmen oder Milit\u00e4rdienstleister. In Bahrain zum Beispiel bringen ehemalige Mitglieder des Special Branch der Royal Ulster Constabulary (RUC) Nordirlands, die w\u00e4hrend der &#8222;Troubles&#8220; im Verdacht der Zusammenarbeit mit loyalistischen Paramilit\u00e4rs im Kampf gegen die &#8222;terroristische&#8220; IRA standen, der Polizei des Emirats bei, wie sie am besten die schiitische Bev\u00f6lkerungsmehrheit unterdr\u00fccken kann. Hat die CND auch zu solchen Ausw\u00fcchsen des sogenannten &#8222;Antiterrorkriegs&#8220; Stellung genommen?<\/em><\/strong><\/p>\n<div class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Radar-Radome auf Menwith Hill inmitten der Yorkshire Moors - Foto: \u00a9 2018 by Matt Crypto und von ihm zu jedem Zweck freigegeben\" src=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/politik\/report\/prin0421\/menwith-hill-radomes.jpg\" alt=\"Radar-Radome auf Menwith Hill inmitten der Yorkshire Moors - Foto: \u00a9 2018 by Matt Crypto und von ihm zu jedem Zweck freigegeben\" width=\"922\" height=\"692\" border=\"0\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><em>Radar-Radome auf Menwith Hill inmitten der Yorkshire Moors (Foto: \u00a9 2018 by Matt Crypto und von ihm zu jedem Zweck freigegeben)<\/em><\/p><\/div>\n<p>Das ist f\u00fcr uns bisher kein Schwerpunkt gewesen. Dennoch haben wir in den letzten Jahren mehrere Mitglieder der Opposition Bahrains zu uns eingeladen, die dann Vortr\u00e4ge gehalten und \u00fcber ihre eigenen Foltererfahrungen in den Gef\u00e4ngnissen der Polizei berichtet haben. Generell kann man sagen, da\u00df sich die CND und ihre Mitglieder f\u00fcr jede Art der Verwicklung Gro\u00dfbritanniens in Unterdr\u00fcckung und Menschenrechtsverletzungen im Ausland interessieren. Es ist eine Frage der Ressourcen. Wir haben nur rund 3000 aktive Mitglieder und m\u00fcssen bei der \u00d6ffentlichkeitsarbeit unsere Energien auf bestimmte Themen konzentrieren.<\/p>\n<p><strong><em>Seit einigen Jahren sorgt in Gro\u00dfbritannien und dar\u00fcber hinaus ein gr\u00f6\u00dferer Skandal um die Unterwanderung zivilgesellschaftlicher Gruppen wie Tierrechtler und Atomkraft- und Frackinggegner durch Undercover-Polizisten f\u00fcr Schlagzeilen. Hat die CND oder haben Sie pers\u00f6nlich irgendwelche negativen Erfahrungen dieser Art gemacht? Haben Sie das Gef\u00fchl, der britische Sicherheitsapparat in Form des MI5 habe Sie auf seinem Radar?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Phase, in der CND unter starker polizeilicher Beobachtung stand, scheint einiger Zeit zur\u00fcckzuliegen. In den siebziger, achtziger Jahren, als die Proteste gegen den Milit\u00e4rflughafen Greenham Common und die nukleare Aufr\u00fcstung der NATO in Westeuropa tobten, arbeitete eine Polizeiagentin bei uns in der Zentrale, ohne da\u00df wir es wu\u00dften. Angeblich suchte sie nach Beweisen f\u00fcr die These, da\u00df die Friedensbewegung f\u00fcr den Kreml arbeitete und da\u00df CND mit Geldern aus der Sowjetunion finanziert wurde. Das war nat\u00fcrlich Humbug, weshalb nichts dergleichen gefunden wurde.<\/p>\n<p>Doch auch wenn wir nicht mehr unter die Lupe genommen werden, bemerkt man die polizeiliche Observation und Einsch\u00fcchterung, wenn man an Protestaktionen gegen Menwith Hill oder Fylingdales teilnimmt. Das sind strenggeheime Spionageanlagen und damit starke Machtmittel, auf die der britischen Staat und die USA partout nicht verzichten wollen. Jede Infragestellung der Existenz und der Notwendigkeit solcher Anlangen empfinden staatliche Stellen als Frontalangriff. Also wird man bei Demonstrationen von der Polizei ruppig behandelt. Die Festnetzleitung meines Telefons zu Hause wurde fr\u00fcher, da bin ich mir ziemlich sicher, abgeh\u00f6rt. So etwas bekommt man heute wegen der Fortschritte in der Digitaltechnologie nicht mehr mit. Ich gehe davon aus, da\u00df alle Mobiltelefongespr\u00e4che und alle E-Mail-Korrespondenzen von den Geheimdiensten abgespeichert und bei Bedarf ausgewertet werden.<\/p>\n<div>\n<p>Vor einiger Zeit diskutierten wir \u00fcber Wochen intern bei CND \u00fcber eine geplante Protestaktion. Wir hatten uns noch nicht einmal \u00fcber Ort und Datum der Demonstration verst\u00e4ndigt, da rief schon die Polizei bei uns an und wollte wissen, wann und wo die Aktion steigt.<\/p>\n<p><strong><em>Sie wollten nur behilflich sein, vielleicht den Entscheidungsproze\u00df beschleunigen. (lacht)<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, klar. Sie wollten nicht, da\u00df wir allein auf der Stra\u00dfe stehen, sondern uns Gesellschaft leisten. (lacht ebenfalls)<\/p>\n<p>Jedenfalls sind wir von der CND in den letzten Jahren zu dem Schlu\u00df gekommen, da\u00df wir die Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Gruppen verst\u00e4rken m\u00fcssen. Allein auf das Thema Atomkrieg und seine Verhinderung zu pochen ist wenig zielf\u00fchrend. Der Krieg findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt, sondern bereits im Vorfeld, wenn zum Beispiel staatliche Ressourcen statt f\u00fcr Bildung, Gesundheit und Soziales f\u00fcr R\u00fcstung und den Aufbau einer \u00fcberdimensionierten Armee ausgegeben werden. Damit werden soziale Mi\u00dfst\u00e4nde geschaffen und versch\u00e4rft. Deshalb sind wir dazu \u00fcbergegangen, andere Gruppen in Bereichen wie Umwelt, Tierrechte oder Obdachlosigkeit zu unterst\u00fctzen und sei es nur symbolisch. Wir begreifen uns als Teil einer gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Bewegung. Nur durch die Zusammenarbeit all dieser Gruppen k\u00f6nnen die notwendigen Ver\u00e4nderungen erzielt werden.<\/p>\n<p><strong><em>Herzlichen Dank, David Webb, f\u00fcr dieses Interview.<\/em><\/strong><\/p>\n<div>\n<p><em>Das Interview wurde am 2. Dezember 2018 unter dem Titel &#8218;<a href=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/politik\/report\/prin0421.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gegen Atomwaffen und Kapitalismus &#8230; Dave Webb im Gespr\u00e4ch<\/a>&#8218; auf Schattenblick ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dave Webb ist langj\u00e4hriges Mitglied der britischen Campaign for Nuclear Disarmament (CND) und seit 2010 Vorsitzender der 1957 vom ber\u00fchmten Philosophen Bertrand Russell mitgegr\u00fcndeten Friedensorganisation. 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